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Frühlingstradition auf dem Wasser

Über Ostern im Kajak, nächtliche Missverständnisse und die Erkenntnis, dass sich Rituale verändern dürfen – solange sie bleiben. Eine Kolumne von NORR-Chefredakteurin Karen Hensel

Seit ich denken kann, ist Ostern einer der festlichsten Höhepunkte des Jahres. Für mich, die in einer schleswig-holsteinischen Kleinstadt am Rande Hamburgs groß geworden ist, gehörte das Osterfeuer am Ostersamstag von Kindesbeinen an stets zum Ritual eines gelungenen Festes. Am Ostersonntag saßen meine Eltern, meine beiden Schwestern und ich dann immer gemeinsam in der Küche und bemalten uns gegenseitig die Frühstückseier mit bunten Farben – mit wechselndem künstlerischen Anspruch – bevor es auf die stundenlange Suche nach unzähligen kleinen Schokoeiern in den Garten ging. Heute leben wir alle quer verstreut, doch diese Traditionen sind tief in uns verankert geblieben, und wir versuchen sie – auch mit eigenen Kindern – mehr oder weniger weiterzuführen.

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Vor zwölf Jahren zog ich jedoch nach Schweden und es kam die Ernüchterung: Als ich mich in meinem ersten Jahr im Norden nach einem Osterfeuer erkundigte, wurde ich verständnislos gemustert (diese Tradition kennt man in Schweden nicht). Der nächste Schock folgte: Der Höhepunkt des schwedischen Osterfestes wird bereits am påskafton, am Ostersamstag (meinem geliebten Osterfeuertag), zelebriert – und nicht einmal mit einem leckeren Frühstück inklusive kreativem Eierbemalen, sondern mit einem üppigen Osterbuffet. Dieses sorgt zuverlässig dafür, dass man für die ganzen nächsten Tage nicht einmal mehr Appetit auf ein einziges profanes, mit Tuschfarbe bemaltes Ei hat. Und als wäre das nicht schon genug, werden hier nicht zahlreiche kleine Schokoleckereien versteckt, die es auf stundenlanger, lustiger Suche im Garten zu erjagen gilt, sondern ein einziger aufklappbarer Behälter in Eiform, in dessen Inneren sich Süßigkeiten verbergen. Ist das Kartonei gefunden, ist die Suche beendet. Effizient, könnte man sagen.

Auf einen Nenner kommen

Bei einem Punkt kamen Schweden und ich immerhin wieder auf einen Nenner: Ostern läutet die wärmere und hellere Outdoor-Saison ein. Die Gewässer sind wieder frei von Eis, die Tage länger und Naturliebhaber packen ihre Rucksäcke für längere Wandertouren, machen ihre Räder startklar und lassen ihre Kanus und Kajaks wieder aufs Wasser.

Ich beschloss, in meiner neuen Heimat Stockholm meinen eigenen Osterweg einzuschlagen, indem ich ein Mindestmaß an meinen so geliebten Ritualen behalte, mich aber gleichzeitig den schwedischen Traditionen öffnen konnte. Und so habe ich mir eine ganz eigene Tradition zusammengebastel: Jedes Jahr zu Ostern lockte ich irgendwen mit mir im Kajak mit Schlafsack und Isomatte hinaus auf die frühlingshaften Gewässer: meine Mitbewohner aus meiner WG in einem Stockholmer Vorort, meine beste Freundin Elliott oder meinen Freund Mats.

Einmal paddelten Mats und ich am påskafton, fasziniert vom stillen Gleiten unserer Kajaks und im hellen Schein des Mondes, auf dem See Båven in Sörmland bis spät in die Nacht hinein. Als uns die Müdigkeit übermannte, gingen wir an einem sandigen Ufer an Land und stellten unser Zelt auf. Wir entzündeten traditionell mein kleines Osterlagerfeuer und fielen eine Stunde später in den Schlaf. Mitten in der Nacht wurden wir jedoch von Schnauf- und Klopfgeräuschen geweckt. Als wir vorsichtig die Zelttür öffneten, mussten wir feststellen, dass wir von einer neugierigen Kuhherde umzingelt waren. Jeweils eines der Tiere wagte sich immer noch einen Schritt weiter an unsere Behausung heran, bis schließlich eine raue Kuhzunge begann, das Zelttuch zu erkunden. Mats entdeckte zuerst den unwirsch hereinschauenden Bullen. Etwas hektisch – da hier offensichtlich nicht willkommen – packten wir unsere sieben Sachen und stiegen schlaftrunken in die Kajaks.

Wir hatten Verständnis für die Kühe, schließlich waren wir unwissentlich in ihr Revier eingedrungen und wollten ihre Geduld nicht weiter strapazieren. In der Morgendämmerung legten wir ein paar Paddelminuten entfernt erneut an und schliefen uns, nur in unseren Schlafsäcken auf Felsen, in den Ostersonntag, begleitet vom fröhlichen morgendlichen Vogelgezwitscher.

Ein ungewollter Überfall

Einen anderen påskafton waren Mats und ich wieder bis nach Einbruch der Dunkelheit unterwegs, dieses Mal auf dem unter Kajak- und Kanufahrern beliebten Kinda Kanal in Östergötland. Wir hatten kein Zelt dabei und waren auf der Suche nach einem schönen Windschutz. Auf der Karte hatten wir in unmittelbarer Nähe eine diese Behausungen entdeckt. Doch als wir an diesen heranpaddelten, erspähten wir ein Lagerfeuer und hörten angeregt plaudernde Stimmen. Da sich viele Schweden Ostern auf den Weg in ihre ersten größeren Outdoor-Abenteuer des Jahres machen, kann es in den Windschutzhütten schon einmal voll werden.

Wir paddelten eine halbe Stunde weiter, um schließlich an einem weiteren Windschutz an Land zu gehen. Um diesen herum war es mucksmäuschenstill, und wir witterten unsere Chance, bald friedlich schlummern zu können – doch als wir an seine Vorderseite traten, baumelte hier eine romantisch leuchtende Lichterkette vor unserer Nase und drinnen schnarchte es friedlich. Notgedrungen paddelten wir erneut weiter.

Nach 45 Minuten, in denen wir mit der Müdigkeit und einigen Schwielen an den Händen zu kämpfen hatten, erreichten wir die letzte Option im Naturreservat Viggeby– einen überdachten Schlafplatz am äußersten Ende der Felsnase. Auch hier war nichts zu hören, der Windschutz sollte etwas abseits vom Wasser liegen, und so ging Mats an Land, um die Lage zu checken. Erst Stille, dann hörte ich einen panischen Männerschrei, der mir Gänsehaut über den ganzen Körper jagte.

Zu meiner Erleichterung kam Mats kurz darauf zurück und erzählte mir, dass ein einsamer Wanderer in der Nähe des Windschutzes sein Zelt aufgebaut hatte. Als Mats lautlos mit seinem Paddel in der Hand an seiner Behausung vorbeischlich, um die Windschuzthütte zu inspizieren, hatte dieser sein Zelt geöffnet und war davon überzeugt, mitten in der Nacht überfallen und erschlagen zu werden (Die Silhouette eines großen Mannes mit einem langen Gegenstand in der Hand muss sehr angsteinflößend auf ihn gewirkt haben).

Nach ein paar erklärenden Sätzen hatte sich die Situation entspannt. Am Ende war er sogar erleichtert und hatte Mats berichtet, dass er bislang kein Auge zugetan hatte, da es ihn so alleine im Zelt in der Wildnis gegruselt hatte. Glücklich über unsere Gesellschaft hörten wir ihn in seinem 10 Meter entfernten Zelt wenige Minuten später laut schnarchen.

Wir entzündeten unser Osterfeuer und holten den von uns mitgebrachten Påskmust, ein brauseartiges Kultgetränk, das in Schweden am påskafton nicht fehlen darf, heraus. Das Osterbuffet wurde in Pasta vom Kocher mit Pesto umfunktioniert, inklusive einem Stück traditioneller schwedischer Princesstårta (dt. Prinzessinnentorte – einer feisten grünen Marzipantorte). Morgens verschönerten wir unsere gekochten Eier mit der Asche des Feuers und gesammeltem Moos und Zweigen. Nach einem zünftigen Osterbad im See versteckten wir uns jeweils einen großen eiförmigen Behälter irgendwo am Ufer und fielen über die Süßigkeiten her, während wir zurückpaddelten.

Früher war Ostern anders. In Deutschland liebte ich die geselligen Osterfeuer mit Familie und Freunden und suchte jede Menge Schokoeier in Gärten. Heute sitze ich am Wasser in Schweden, mit meinem Kajak neben mir, und verschönere die Eier mit den Resten des Lagerfeuers. Es ist nicht besser oder schlechter. Es ist einfach nur anders. Und vielleicht ist genau das der Punkt: Traditionen müssen sich nicht festhalten lassen. Sie dürfen sich bewegen. Mit einem selbst. Mit dem Ort. Mit dem Leben. Hauptsache ist, dass sie im Herzen bleibe.

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