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Von Clubs, Kanälen und kalten Winterläufen

Ein Winterlauf am Mälaren, ein Abschied auf Zeit und die Frage, wie sich Städte verändern. Während seine Tochter nach Berlin aufbricht, verschwimmen für einen Moment die Grenzen zwischen Outdoorleben und urbaner Kultur . Eine Kolumne von NORR-Chefredakteur Gabriel Arthur.

Meine Tochter Milla und ich machen einen Winterlauf am Wasser entlang, dort wo wir in Stockholm wohnen. Die Sonne geht über dem See Mälaren unter und der Himmel färbt sich tiefblau und orange am Horizont. Es ist fünf Grad kalt, ein paar Zentimeter Schnee liegen auf dem Land und auf den Eisfeldern. Schön und still. Während wir laufen, unterhalten wir uns über Berlin. Einer meiner Freunde hier in Stockholm scherzt oft darüber, wie oft ich mit dem Zug nach Berlin fahre. »Du musst etwas anderes sehen – die Welt entdecken!« Aber seit ich die Stadt zum ersten Mal besucht habe, als ich in meinen Zwanzigern war, ist sie einer meiner Lieblingsorte. Und mein bester Freund Magnus ist mit 25 dorthin gezogen – und lebt noch heute dort.

Milla hat im Frühjahr ihr Abitur gemacht und wird in ein paar Tagen nach Berlin ziehen, um ein Semester Deutsch zu studieren. Sie war schon oft dort, tatsächlich haben wir schon einmal einen Monat dort gewohnt, als sie ein halbes Jahr alt war, in einer kalten, mit Kohle beheizten Wohnung in der Danziger Straße. Aber die Stadt ohne Eltern zu erleben und zu entdecken, ist natürlich etwas ganz anderes. Ich denke zurück an meine Zeit, als ich in Millas Alter war, und daran, wie cool die Technokultur war, die geheimen Clubs und Bars, all die kreativen, lebensfrohen Menschen, die wir getroffen und kennengelernt haben.

Nicht so stark getrennt?

Ich selbst war erst vor zwei Wochen in Berlin. Ich hatte eine Outdoor-Messe und eine Nachhaltigkeitskonferenz in Bozen in Südtirol besucht. Ich nahm den Zug über Berlin zurück nach Stockholm und nutzte die Gelegenheit, Magnus und seine Familie zu besuchen. Dieses Mal gingen wir weder in Bars noch in Clubs. Stattdessen machten wir uns am frühen Abend auf den Weg zum Stößensee im Westen Berlins und zum Kanalsystem, das als Klein-Venedig bekannt ist. Dort hat Magnus seine beiden Holzkanus in einem Lagerraum untergestellt, der zu einem Kanuverleih gehört. Auch damals war es ein schöner Wintertag – ungewöhnlicherweise mit etwas Eis hier und da auf den Wasserwegen. Wir glitten ein paar Stunden lang über die Kanäle und Seen.

Im Dezember hatten wir dasselbe in Stockholm gemacht, in den Gewässern rund um den Kajakclub, in dem ich Mitglied bin, auf der kleinen Insel Reimersholmen im Mälaren. Auch dieses Mal gab es keine Barbesuche. Bedeutet das, dass wir alt geworden sind? Dass obskure Clubs und Bars nicht mehr spannend sind, während die Ruhe der Natur umso mehr reizt? Vielleicht. Gleichzeitig finde ich aber, dass sich die Kultur in Städten wie Stockholm und Berlin zum Guten verändert hat. Früher war sie stärker gespalten, besonders unter jungen Leuten. Entweder war man ein Kulturmensch, der nach Sonnenuntergang zum Leben erwachte. Oder ein Outdoor-Fan, der sich in der Natur, in den Bergen und auf dem Wasser zu Hause fühlte – und sich in schwarz gestrichenen Umgebungen mit Graffiti und lauter Musik wie ein Fisch auf dem Trockenen fühlte. Die Kulturmenschen fanden die Outdoor-Fans spießig und etwas trottelig, und umgekehrt wurden die anderen als prätentiös angesehen.

Heutzutage fühlt es sich auf eine gute Art und Weise etwas entspannter und integrativer an. Milla erzählt von einem Mädchen aus Berlin, dem sie auf Instagram folgt. »Sie schreibt, dass sie es satt hat, sich mit verkaterten DJs zu verabreden, und nun stattdessen hofft, jemanden in einem  Laufverein kennenzulernen, dessen Mitglieder in verschiedenen Waldgebieten in Berlin laufen gehen.« Heute werben viele Großstädte damit, dass man sowohl die eine als auch die andere Welt erleben kann – am selben Tag. Ich teste meine Theorie an Milla, als wir in der Abenddämmerung nach Hause joggen, mit knirschendem Schnee unter den Schuhen, und frage: »Glaubst du, dass du in Berlin viel in der Natur unterwegs sein wirst?« »Nein, eigentlich nicht. Doch, übrigens – wenn ich Heimweh bekomme.«

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