NORR AUSZEIT Eisiger Höhepunkt

DIASHOW STARTEN

Hoch hinaus
auf den Halti

 

 

Die Landschaft ist menschenleer.

 

 

Im nordfinnischen Wildnisgebiet Käsivarsi liegt der Halti, der höchste Punkt des Landes.
Christian Kneise hat ihn bestiegen.

 

 

Ein Abenteuer zwischen atemberaubenden Nordlichtern und sehr, sehr frischen Toiletten…

Einsamkeit erleben:

Kleidung zum Überleben

Text: Gabriel Arthur

Es gibt einen roten Faden, der sich durch die Geschichte der Outdoor-Bekleidung gezogen hat – angefangen bei den Inuit und Samen bis hin zu den Abenteurern auf den Gipfeln des Himalaya: Darwinismus als Designmethode.

»Oh – die Handschuhe!« So beginnt der dramatische Wendepunkt in dem weltweit meist
verkauften Buch über hochalpines Bergsteigen, Annapurna, erster Achttausender des Franzosen Maurice Herzog. Herzog war Expeditionsleiter der ersten Besteigung eines Achttausenders überhaupt. Gemeinsam mit Louis Lachenal, Bergführer aus Chamonix, gelang es ihm 1950 den Gipfel des Annapurna im Himalaya zu erklimmen. Sein Buch wurde 11 Millionen Mal verkauft. Doch das spannendste Kapitel dreht sich nicht um den Auf-, sondern den Abstieg.

Kurz nachdem die beiden Franzosen den Gipfel erreicht hatten, legte Maurice Herzog seine Handschuhe zu Seite. Benommen von der Erschöpfung und der dünnen Luft, erkennt er diesen fatalen Fehler erst, als die Handschuhe schon davon fliegen. »Das Gleiten der Handschuhe durch die Luft prägt sich mir als etwas Unvermeidliches in mein Gedächtnis ein, etwas Endgültiges, gegen das ich nichts tun kann«, berichtet Herzog. Als er und Lachenal das höchste Basislager erreichen, sind seine Hände so hart wie Holzscheite und die Zehen kurz vor der totalen Gefühlslosigkeit. Auch Lachenals Zehen sind erfroren. Die Reise zurück in die Zivilisation zusammen mit den anderen Expeditionsteilnehmern dauert zwei Wochen. Gegen Ende kriechen weiße Leichenwürmer in den verfaulten Fingern und Zehen herum, die später ohne Betäubung amputiert werden.

Seit Beginn der hochalpinen Ära im Bergsport waren der Himalaya und andere extreme Gegenden der Erde immer wieder Testlabor für Outdoor-Bekleidung. Denn ohne die richtige Ausrüstung sind karge und kalte Gebiete lebensgefährlich. Ausrüstung und Bekleidung werden unter Einsatz des Lebens – oder zumindest der Zehen – getestet. Die Produktentwickler müssen darüber hinaus auch den Erschöpfungsfaktor mit berücksichtigen. Kompliziertes Equipment kann unter extremen Bedingungen schnell zur tödlichen Falle werden. Dies ist auch der Grund dafür, dass das Wort Funktion in der Outdoor-Branche zu einem Mantra geworden ist.

Wenn man die Länge eines Jackenärmels festlegt oder die Platzierung eines Reißverschlusses, muss der Designer wissen, wo und wie das Produkt später angewendet wird. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass viele der großen OutdoorFirmen von ehemaligen Aktiven gegründet wurden – das Unternehmen Fjällräven von Åke Nordin, einem Bergwanderer, und Patagonia von der Kletterkoriphäe Yvon Chouinard. Details, die scheinbar nebensächlich wirken, wenn die Kleidungsstücke in den Läden auf dem Bügel hängen, können über Erfolg oder Niederlage einer Expedition entscheiden. Ein Beispiel: Zwei dicke Daunenjacken können auf den ersten Blick fast identisch aussehen. Doch wenn die eine Jacke eine Naht genau über der Ellenbogenspitze hat, kann dort Kälte eindringen, wenn der Arm gebeugt wird und gegen den Stoff drückt. Von dort breitet sich die Kälte dann weiter bis zur Hand hinunter aus.

Doch es gibt eine Wissensquelle, die oft vergessen wird, wenn man über die Vorteile von wasserdichten Reißverschlüssen und anderen Finessen spricht: die traditionelle Bekleidung der Naturvölker – und vor allem ihr jahrhundertealtes Wissen.

Lernen von den Inuit

Der Norweger Roald Amundsen wird als der herausragendste Polarforscher der Welt bezeichnet. Er leitete die erste Expedition durch die Nordwestpassage vom Atlantik zum Pazifik, und erreichte 1911 als erster Mensch den Südpol. Weniger bekannt ist, dass Amundsen und seine Besatzung zwei Winter mit den Inuit in Nord-Kanada verbrachten, während sie auf die Eisschmelze warteten. Amundsen erkannte, dass das Wissen der Inuit über die extreme Kälte einzigartig war. Später studierte er auch das Volk der Samen – ebenfalls ein Nomadenvolk, das unter extremen Bedinungen lebte. Beide Völker wussten, dass die Luft in der Kleidung isolierende Wirkung hat.

Die Anoraks der Eskimos, wie auch die traditionellen Kolts der Samen, hatten auf der Vorderseite überhaupt keine Öffnungen, durch die aufgewärmte Luft wieder entweichen konnte. Die sogenannten Benholkar der Samen – Überziehhosen aus Rentierleder – dienten als extra Schicht, die man anziehen konnte, ohne dass warme Luft verloren ging, indem man den Kolt über die Taille zog. Die Schnürsenkel der Samen, die außen durch die Ösen der Hosen und Stiefel gezogen wurden, hielten die Luft in der Kleidung und waren gleichzeitig eine Art Schneefang. Und die Unwetterkragen waren ebenfalls ein Wärmegarant. Sie wurden einfach über den Kolt gezogen, ohne dass man irgendetwas ausziehen musste.

Als Roald Amundsen sechs Jahre später Richtung Südpol aufbrach, hatte er seine normale Expeditionsausrüstung um einige kältetaugliche Accessoires erweitert: Anoraks mit Kapuzen sowie Hosen und Stiefel aus Rentier- und Robbenleder gehörten nun zu seinem Equipment. Doch es ist offensichtlich, dass es einen großen Unterschied zwischen einem bepelzten Inuit und der heutigen Outdoor-Bekleidung in dünnem und figurnahem Material gibt. Und das ist nicht der einzige Unterschied. Die Inuit und die Samen lebten unter extremen Bedingungen – wir fahren dorthin, um neue Aktivitäten auszuprobieren. Wir wollen etwas leisten, wenn wir draußen in der Natur sind. Wir wollen einen hohen Berg besteigen oder ein tiefes Tal durchqueren. Dabei fangen wir an zu schwitzen. Und Schweiß ist einer der größten Feinde in der Kälte. Statt das Tempo zu senken – was eigentlich natürlich wäre – haben sich die Outdoor- Unternehmen seit dem

Beginn der Himalayaexpeditionen vornehmlich an der Lösung einer bestimmten Fragestellung versucht: Wie kann Bekleidung so hergestellt werden, dass Schweiß und überschüssige Wärme nach draußen transportiert werden, ohne dass Kälte und Feuchtigkeit eindringen? Oder anders formuliert: Wie kann ein Material produziert werden, das wie die Haut des Menschen funktioniert?

Alternativen zum Rentierleder

Ende der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts wurde das Plastik- und Chemieunternehmen W. L. Gore & Associates darauf aufmerksam, dass sie Material produzieren konnten, das zumindest an die Funktionsweise der Haut erinnerte. Die Firma brachte ihre Entdeckung unter dem Namen Gore-Tex 1989 auf den Markt und bald waren sogenannte Outdoor-Jacken ein Muss in Natur- und Extremsportkreisen. Danach haben viele andere Unternehmen ähnliche Lösungen auf den Markt gebracht. Der Grundgedanke ist einfach: man sollte bei Kälte möglichst mehrere Schichten übereinander anziehen, die alle jeweils die entstehende Feuchtigkeit an die darüber liegende Schicht abgeben, ohne dass Wärme verloren geht.

Die Outdoor-Jacke bildet den Abschluss der Schichten – sie ist die letzte Bastion gegen Wind und Wetter. Moderne GroSSstadtnomaden Doch ein Großteil der Outdoor-Bekleidung wird weder für den Annapurna noch für NordKanada gekauft. Wahrscheinlicher ist es, dass sie bei Waldspaziergängen oder beim Skifahren zur Anwendung kommt. Es scheint merkwürdig, dass wir trotzdem teure Kleidungsstücke kaufen, die eigentlich für extreme Aktivitäten in extremen Bedingungen hergestellt worden sind. Vielleicht vermitteln die Outdoor-Jacken uns ein Gefühl von  – oder vielleicht wollen wir einfach nur ein wenig abenteuerlich aussehen?

Ein wichtiger Faktor in der Debatte um Outdoor-Kleidung ist jedoch die Tatsache, dass wir Wissen von anderen Menschen kaufen. Hinter jeder wohlgeformten Jacke oder Hose liegen viele harte Erfahrungen – teilweise auch erfrorene Zehen und Finger. Aber sich richtig zu kleiden hat eher etwas mit Wissen zu tun als mit Material und Technologie. Hätte Maurice Herzog eine Studienreise zu den Inuit oder Samen gemacht, hätte er vielleicht seine Finger behalten. Ausrüstung, für deren Anwendung es nötig war, die Handschuhe auszuziehen, gab es bei ihnen nicht.

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