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Natur des Nordens

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Auf den Schafsinseln: Geheimnisvolle Färöer

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Eine dramatische Insellandschaft, die sich aus dem Nordatlantik erhebt, und eine Sprache, die an das Altnordische erinnert: Die Färöer sind eine der exotischsten Gegenden Skandinaviens, und sie sind bewohnt von Menschen, die ihren eigenen Weg gehen wollen.

Draussen regnet und stürmt es, aber in dem nagelneuen Reihenhaus bei Tórshavn ist es warm und gemütlich. Der Küchentisch biegt sich unter Torten, Kuchen und Kaffeetassen. Inna Törnroos feiert ihren 38. Geburtstag, und die Tür steht offen für alle, die sie kennen. »Hier gibt es drei Sorten Wetter: schlechtes Wetter, gutes Wetter und Frauenwetter«, sagt ein Mann und nimmt sich ein Stück Torte. Eigentlich wollte er längst wieder auf seiner Heimatinsel sein, aber wegen des Sturms konnte er nicht fahren. So etwas passiert auf den Färöern immer wieder. Die kleine Inselgruppe im Nordatlantik liegt nicht nur am Ende der Welt, sondern hat auch ein äußerst launisches Wetter, das den Alltag der Einwohner beherrscht.

Die Inseln sind durch Fähren und subventionierten Hubschrauberverkehr miteinander verbunden, aber wenn es stürmt, dann stürmt es, und dann kommt man in »The Land of Maybe« nirgendwohin. Peter, Innas Vater, nickt zustimmend. Das Wetter trifft die Entscheidungen. Wenn jemand das weiß, dann er. Fünfzig Jahre lang hat er auf Krabbenkuttern im nördlichen Fahrwasser gearbeitet, ist um Island und Spitzbergen gefahren, an der Labradorküste entlang und um die kanadische BaffinInsel. Tonnenweise wurden die Krabben aus dem Meer gezogen und an Bord tiefgefroren, damit man sie dann irgendwo auf dem Festland verkaufen konnte. In den sechziger Jahren ließ er sich auf Grönland nieder, wo er zusammen mit anderen färingischen Familien ein paar Häuser baute und ein kleines Dorf gründete. Sie blieben dort einige Jahre wohnen, bis die Fanggründe immer weniger hergaben. Da rissen sie die Häuser ab und zogen weiter.

Zwischen Tradition und Moderne

Die Färinger sind es gewohnt, dorthin zu ziehen, wo sie Arbeit finden. Inna hat zwei Brüder, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen, Bedarfsgüter zu Erdölplattformen in der Nordsee zu transportieren. Sie selbst entschied sich für ein Studium in Schweden, wo sie 19 Jahre blieb. Vieles hat sich seitdem verändert. Während der Wirtschaftskrise der frühen neunziger Jahre, von denen die Färöer besonders hart betroffen waren, sind die meisten ihrer Jugendfreunde ausgewandert. Und Inna, die mit Mann und zwei Kindern zurückgekehrt ist, spürt jetzt, dass auch sie sich verändert hat. »Ich habe viele schwedische Gewohnheiten angenommen, und ich bin älter geworden. Als ich klein war, fand ich das Abschlachten der Grindwale wahnsinnig spannend, und ich lief immer zum Strand hinunter, um zuzuschauen, wie die Wale zerlegt wurden. Ich weiß noch, dass ich kleine Babywale in ihren Bäuchen sah und das so niedlich fand! Heute würde ich es nicht mehr ertragen«, sagt sie. Eine dramatische Insellandschaft, die sich aus dem Nordatlantik erhebt, und eine Sprache, die an das Altnordische erinnert: Die Färöer sind eine der exotischsten Gegenden Skandinaviens, und sie sind bewohnt von Menschen, die ihren eigenen Weg gehen wollen.

Am nächsten Tag liegt dichter Nebel über Tórshavn. Die gezackte Insel Nólsoy, die normalerweise von jedem Punkt der Stadt aus zu sehen ist, lässt sich durch den grauen Filter kaum noch erahnen. Zwar scheinen die Fähren zu verkehren wie sonst auch, aber wir vermuten, dass heute ein schlechter Tag wäre, um da draußen auf einer Sandbank festzusitzen. Wir nehmen lieber das Auto und fahren nach Norden zur Hauptinsel Streymoy, einer von sechs Inseln, die durch Brücken und Tunnel miteinander verbunden sind. Schon nach wenigen Minuten sind wir im Fjäll, ganz allein auf der Straße, die sich an grünen Berghängen mit Wasserfällen entlangwindet. Wir fahren durch Täler, an Fjorden vorbei und manchmal mitten durch einen Berg. Das häufigste Graffito an den Tunnelwänden heißt »Jesus«, und das ist nicht allzu verwunderlich. Die Religion hat auf den Färöern einen enorm hohen Stellenwert. Über 80 Prozent der Bevölkerung gehören der evangelisch-lutherischen Volkskirche an, außerdem gibt es eine Reihe einflussreicher freikirchlicher Gemeinden. Anders als in den übrigen skandinavischen Ländern ist die Einstellung zu Fragen der Sexualität und Abtreibung auf den Färöern noch immer konservativ.

Viele Färinger stimmten 1992 auch gegen den Beschluss, das umfassende Alkoholverbot aufzuheben. Bis dahin wurde Alkohol nur in speziellen Clubs mit eingetragenen Mitgliedern ausgeschenkt. Inzwischen gibt es unter dem Namen »Rúsdrekkasøla« sechs staatliche Alkoholläden, die an Wochentagen geöffnet sind. Natürlich kann man den Färingern vorwerfen, dass sie sich auf vielen Gebieten konservativ verhalten, und es stimmt auch, dass die Einwanderung in das kleine Inselreich mit seinen 48 000 Einwohnern rigiden Beschränkungen unterliegt. Als jedoch eine Delegation der »Sverigedemokrater«, einer rechtsextremistischen Partei in Schweden, nach einem Besuch im Sommer 2008 die Färöer zu ihrem Idealland erklärte, gründete sich das Ganze auf ein Missverständnis. Während ihres Aufenthalts hatten die Gäste erlebt, wie ein »Dichter« namens Haraldur am Nationalfeiertag eine flammende nationalistische Rede hielt. Um seine völkische Gesinnung zu demonstrieren, behauptete er, nur Trockendorsch, Walspeck und getrocknetes Schafsfleisch zu essen. Er trug einen folkloristischen Wollpullover und Trachtenhosen. Seine Rede hinterließ großen Eindruck auf die angereisten Parteimitglieder, die so viel kraftvollen Nationalstolz bewunderten. In einem Artikel ihres Propagandablatts wurde Haraldur ausdrücklich als Vorbild gepriesen, dem man nacheifern solle. Der Haken war nur, dass es Haraldur in Wirklichkeit gar nicht gab. Unter der Perücke hieß er Sjúrdur Skaale und war ein färöischer Satiriker und Linkspolitiker. Peinlich für die Partei – aber die färöischen Medien hatten umso mehr Spaß.

Wilde Einsamkeit

Wir erreichen das kleine Dorf Saksun und wandern dort um die sandige Lagune herum, bevor die Flut vom Atlantik hereinschießt. Dann fahren wir weiter zur nächsten Insel, Eysteroy, und hinauf ins Fjäll. Sobald sich die Aussicht lohnt, legen wir eine Pause ein – und das tun wir immer wieder. Im Dörfchen Eidi finden wir einen Seehund am Strand. In der zweitgrößten Stadt, Klaksvik, liegt eine ganze Flotte farbenfroher Holzboote, die einladend im Fjordwasser schaukelt. Und auf der Insel Vidoy, so weit nördlich, wie man mit dem Auto kommen kann, ziehen wir unsere Wanderstiefel an. Wir parken beim Hotel Nord im Dorf Vidareidi und nehmen Kurs auf das grüne Fjäll, kommen an einer Schafherde vorbei, die am steilen Berghang grast und wandern weiter hinauf. Unser Ziel sind die Felsen dort oben, die aussehen, als stützten sie die Wolken. Nicht nur der Anstieg, sondern auch die Aussicht raubt uns beinahe den Atem.

Jetzt sehen wir Inseln in allen Himmelsrichtungen, außer im Norden. Sie ragen wie grüne Haifischflossen aus dem stahlgrauen Meer. An der Wassergrenze sind sie von schmalen Straßen gesäumt, die zu winzigen Dörfern führen. Manchmal sind es nur vier oder fünf Häuser, die einsam am Wegesende liegen. Hoch oben auf dem Villingsdalsfjall bleiben wir lange sitzen, umgeben von rundlichen Sturmvögeln, bevor wir in Richtung Enniberg weitergehen, dem dramatisch abstürzenden Felsen, der viele färöische Ansichtskarten ziert. Er taucht geradewegs in den brodelnden Nordatlantik ein, und Schwindel erfasst uns, als wir den Blick nach unten wandern lassen. Wir schauen nach Osten und dann auf die Landkarte. Wir lokalisieren Fugloy und Svinoy, zählen die Bergkämme in südwestlicher Richtung und fragen uns, ob wir Streymoy, unseren Ausgangspunkt, erkennen können. Die Namen klingen exotisch. Das Färöische ähnelt dem Isländischen, weist aber auch Merkmale einiger norwegischer Dialekte auf. Dänisch ist Pflichtfach an den Schulen, und jeder, dem wir begegnen, scheint sich ohne weiteres auf eine Art Mischskandinavisch umstellen zu können.

Mit dem Hubschrauber zur Kirche

In Gjógvs, an der Nordwestseite von Eysteroy, wird die skandinavische Verwandtschaft besonders deutlich, als wir im Hotelzimmer zwischen dänischem und schwedischem Fernsehen zappen. Draußen vor dem Fenster sprudelt der Fluss in das kleine, dicht bebaute Dorf hinein. Gjógvs hat nur wenige Häuser, die nahe beieinander stehen, als ob sie Geborgenheit suchten. Das Dorf ist den Kräften von Wind und Wetter schutzlos ausgesetzt. Die einzige Möglichkeit, hier mit dem Boot anzulegen, besteht darin, es per Seilwinde auf eine Rampe zu ziehen, die in eine Felsspalte gebaut wurde, wo die Wellen etwas weniger chaotisch sind als unmittelbar davor. Neben der Kirche liegt der Hubschrauberlandeplatz – ein ganz normaler Teil der färöischen Infrastruktur. Die moderne Zeit lebt hier Seite an Seite mit alten Traditionen. Am Fluss steht eine ältere Dame, beugt sich vor und spreizt einen Schafsmagen auseinander. Sie leert den grünen Inhalt aus und wäscht den Magensack sorgfältig sauber. »Ich mache Blutwurst daraus«, erklärt sie und klagt dann darüber, dass die jungen Leute es eklig finden, sich mit Innereien zu befassen. »Das Schaf frisst doch nur Gras, das kann ja wohl nicht schädlich sein. Aber die Jugend von heute würde am liebsten auf Blutwurst verzichten.«

Die Fischerei ist bei weitem die bedeutendste Industrie auf den Färöern, aber für die Zukunft setzt man große Hoffnungen auf Erdöl und Erdgas. Vor den Küsten finden Probebohrungen statt, und im Oktober 2009 wurde man in britischen Gewässern fündig, nicht weit von der färöischen Grenze entfernt. Auch die Schafe, die auf den Färöern fast doppelt so zahlreich sind wie die Menschen, machen einen wichtigen Wirtschaftsfaktor der Inselgesellschaft aus. Sie bleiben das ganze Jahr über draußen, sind mehr oder weniger verwildert und klettern oft hoch ins Fjäll hinauf. Deshalb braucht man ziemlich viele Leute und Hunde, um sie wieder einzusammeln, wenn es Zeit für die Schlachtung ist. Absalon Hansen gehört zu denen, die während der Schlachtsaison im Oktober viel zu tun haben. Wir begleiten ihn früh am Morgen, als der Sonnenaufgang nur als pinkfarbener Strich am Horizont zu erahnen ist. In einem Käfig auf der Ladefläche des Pickups sitzt der Bordercollie Moss und legt sich in die Kurven. Er ist voll gespannter Erwartung und weiß genau, was vor sich geht.

Dann ist es endlich soweit. Die Männer – denn es sind nur Männer – bilden Trupps, die sich über den Berg verteilen. Nach etwa einer Stunde sehen wir die ersten Schafe auf einem Bergkamm. Moss kommt endlich zum Einsatz, als eine Gruppe von fünf Ausreißern hoch oben in die falsche Richtung strebt. Der Hund saust los wie der Blitz, gehorcht aber jedem Kommando, das Absalon mit seiner Trillerpfeife gibt: rechts, links, geradeaus, stopp. Wenig später bekommt Moss einen anerkennenden Klaps für seine Arbeit, und dann kehrt die ganze Mannschaft um, treibt die Schafe in die Scheune und trennt die Lämmer von den Müttern. Die Lämmer werden mitgenommen und im Keller geschlachtet. Das frische Fleisch wird nach Neuseeland exportiert, was übrig bleibt, wird getrocknet. »Aber die Felle müssen wir verbrennen, weil die EURegeln uns nicht erlauben, sie zu verkaufen. Das ist schlecht für uns, aber ich habe gehört, dass es geändert werden soll«, sagt Absalon Hansen, der nach ein paar Stunden auf dem Fjäll daran denkt, zur Abrundung des Tages noch ein wenig zu laufen.

Er ist schließlich nicht nur Hundetrainer, Fotograf und Touristenführer, sondern auch färingischer Meister in sieben Sportarten, unter anderem im Marathon. Sein Traum von Olympia hat sich allerdings nicht erfüllt. Das liegt daran, dass die Färöer im Olympischen Komitee kein selbstständiges Mitglied sind, so dass Absalon nur für Dänemark teilnehmen könnte. Auch wenn sich die zeitweise hitzige Debatte über die Selbstständigkeit in letzter Zeit etwas abgekühlt hat, ist das Verhältnis zu den Dänen immer noch gespannt. Ich frage Absalon Hansen, ob er nicht trotzdem erwogen hat, unter dänischer Flagge anzutreten, aber er schüttelt den Kopf, die Zigarette im Mundwinkel. »Niemals«, lautet seine knappe Antwort, während er den Rauch ausstößt.

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