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Natur des Nordens

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Der Öko-Gipfel: Klettertour in Norwegen

Stetind Ökoberg

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Der Stetind, Norwegens Nationalberg, ist nicht nur für seine Kletterstrecken bekannt. Er gilt auch als Symbol der norwegischen Umweltbewegung. NORR-Chefredakteur Gabriel Arthur wollte ihn auf den Spuren des Ökophilosophen Arne Næss besteigen.

Was zum Teufel ruft Magnus da? Ein zugeschneiter Felsen verbirgt ihn und der starke Wind verschluckt seine Worte. Das Seil gleitet immer weiter von mir weg, es sind nur noch ein paar Meter übrig. Zwei leuchtfarbige Stränge verbinden mich mit dem dunklen Granit des Stetind. Ich habe festen Halt für die Steigeisen gefunden, stelle die Schulter schräg zum Berg und ducke mich gegen den Sturm. Gleich unter mir beginnt der Steilhang, und er endet fünfhundert Meter weiter unten. Oder sind es siebenhundert?

Schon vorgestern, als wir das Auto geparkt hatten, auf Skiern durch lichten Birkenwald auf einen Bergkamm hinaufgewandert waren und die karge Silhouette des Stetind aus einiger Entfernung betrachteten, dachte ich: »Worauf habe ich mich da eingelassen?« Der Berg mit den dunklen, vereisten Steilhängen, den scharfen Kanten und dem unzugänglich aussehenden Gipfel schien aus einem alten, bösen Schauermärchen zu stammen. Doch gleichzeitig war er schwindelerregend schön.

Magnus zeigte auf den etwa hundert Meter langen Kamm, der zum jäh ansteigenden Gipfel führt. »Es gibt eine ganz bestimmte Stelle, an der wir die Bergwand hinunterklettern müssen. Dann folgen wir einer seitlich abzweigenden, schmalen Felsspalte«, erklärt Magnus, als wäre es das Normalste der Welt, »dort hängt man die Spitzen der Eispickel in die Spalte und balanciert mit den Steigeisen auf dem Felsen.«

Diese Traverse sei die einzige echte Schwierigkeit, der Rest nur noch eine steil ansteigende Wanderung von etwa zwei Stunden zur Spitze auf 1 392 Metern Höhe. So ganz sicher war er sich allerdings nicht, was die Route betraf. »Im Sommer habe ich schon massenhaft Leute auf den Gipfel geführt. Aber dies ist meine erste Wintertour auf den Stetind«.

Der Stetind als Mythos

Eigentlich ging es mir bei meiner Reise ja gar nicht um die Gipfelbesteigung. Ich wollte einfach nur diesen imposanten Berg besichtigen. Und ich wollte verstehen, warum eine Kletterexpedition um den Naturphilosophen Arne Næss, die hier vor fünfzig Jahren stattgefunden hatte, zu einem Meilenstein in der norwegischen Umweltbewegung werden konnte.

Der Norweger Næss gilt als Begründer der »Ökosophie«, einer philosophischen Denkweise, in der es – ganz kurz gesagt – darum geht, die Umwelt als Teil von uns selbst wahrzunehmen. Bei meinen Recherchen zum Thema hatte ich von einem mythenumwobenen Treffen von jungen Bergsteigern und Umweltaktivisten im Jahr 1966 gelesen, auf dem diese zwei Wochen lang die Felswände des Stetinds erklommen und während der Pausen über das Verhältnis von Mensch und Natur philosophierten. Man sagt, dabei sei der Grundstein der »Ökosophie« gelegt worden.

Was erlebten die Kletterer damals auf diesem Berg? Und welche Wirkung mag der Stetind auf ihre Gedanken gehabt haben? Diese Fragen lockten mich und den Fotografen Henrik Witt hier nach Nord-Norwegen. Und sie sind der Grund dafür, dass ich mich jetzt an dieser hohen, vereisten Felswand des Stetind entlangkämpfe.

Wir haben noch nicht einmal den Gipfelkamm und die richtig schwierige Passage erreicht und ich bin schon völlig fertig. Das Wetter hat sich kurzzeitig gebessert, doch über den westlichen Fjorden ziehen schon wieder die Wolken heran. Ich habe inzwischen begriffen, dass ich es bis zum Gipfel nicht schaffen werde – aber wie soll ich das Magnus erklären? Wieder höre ich einen unverständlichen Ruf, den der Wind übertönt. Das Seil zwischen uns ist jetzt straff gespannt.

»Was hätte Arne Næss wohl gemacht?« denke ich. Er sieht auf allen Fotos so fröhlich und zufrieden aus. Hatte er auch mal Angst? Hat er irgendwann aufgegeben? Wie auch immer. Ich löse die Sicherungen, versuche, festen Halt für die Steigeisen und die Eipickel zu finden und bereite mich auf das Überleben vor.

Zwei Bewegungen, ein Ziel

Die Sechzigerjahre waren ein Wendepunkt sowohl für das Felsklettern als auch für den Naturschutz, in Norwegen wie in vielen anderen westlichen Ländern. Der Gedanke, dass die Natur geschützt und bewahrt werden müsse, war nicht neu. Bereits 1872 war der Yellowstone-Nationalpark eingerichtet worden, der erste Nationalpark der Welt. Aber Anfang der Sechzigerjahre begannen Forscher, Journalisten und Naturfreunde sich zu fragen, ob diese Form des Naturschutzes ausreichte. Die moderne Gesellschaft insgesamt wurde infrage gestellt. Ein paar Beispiele: Im Jahr 1960 gelang es dem weltbekannten Taucher und Dokumentarfilmer Jacques Cousteau, Frankreichs Pläne zur Entsorgung radioaktiver Abfälle im Mittelmeer zu stoppen. Im folgenden Jahr wurde die WWF-Stiftung gegründet. Und 1962 erschien, zunächst als Reportage, das Buch Silent Spring der amerikanischen Biologin und Wissenschaftsjournalistin Rachel Carson, das als Startschuss der Umweltbewegung gilt. Darin wurde berichtet, wie DDT und andere Pestizide in der Landwirtschaft zum Aussterben vieler Vogelarten führen – eine Entdeckung, die großes Aufsehen erregte. Denn wer liebte nicht den Gesang der Vögel im Frühling?

Das Bergsteigen wiederum war ursprünglich eine Freizeitbeschäftigung der oberen Mittelschicht zur Stärkung von Körper und Seele gewesen. Aber in den Fünfziger- und vor allem in den Sechzigerjahren formierte sich eine kleine Untergrundbewegung am Fuß der Yosemite-Felsen in Kalifornien. Eine wachsende Gruppe junger »dropouts« gab das wohlgeordnete Mittelschichtsleben auf und widmete sich stattdessen vertikalen Kletterabenteuern. Das »Big Wall Climbing« wurde geboren, als es gelang, mehrere hundert Meter hohe Steilwände zu erklimmen, was vorher niemand für möglich gehalten hätte. (Wer mehr über diese Epoche wissen will, sollte sich den fantastischen Dokumentarfilm Valley Urprising anschauen.)

Die Geburt der Ökophilosophie

Arne Næss war als junger Mann dabei gewesen, als das Felsklettern in Norwegen aufkam. 1936, im Alter von 24 Jahren, hatten er und seine damalige Frau Else Hertzberg als erste Seilschaft den Gipfel des Stetind über die Südroute erreicht, damals die schwierigste Kletterroute Norwegens. Drei Jahre später wurde Næss als Professor an die Universität Oslo berufen. Der Philosoph, der zugleich der führende Klettersportler seines Landes war, wurde zu einer norwegischen Berühmtheit.

Bei einer Vorlesung in Trondheim im Frühjahr 1966 lernt Næss dann seinen Landsmann Nils Faarlund kennen. Der Ingenieur schwärmt vom »Big Wall Climbing« und hat Zugang zu der damals allermodernsten Sicherheitsausrüstung, hergestellt von dem amerikanischen Kletterer und späteren Patagonia-Gründer Yvon Chouinard.

Faarlund überzeugt Næss, mit zum Stetind zu kommen und sich an der »unmöglichen« Westwand zu versuchen, die mit den Felswänden in Yosemite ohne Weiteres vergleichbar ist. Ein anderer Philosoph und Kletterer, Sigmund Kvaløy, gehörte ebenfalls zu der aus sechs Männern und zwei Frauen bestehenden Gruppe, die Anfang Juli ihr Basislager am Fuß des ikonischen Berges aufschlug. Die Gruppe unternahm zwei schwierige Erstbesteigungen, mit denen sie die Westwand des Stetind vom Fuß bis zum Gipfel des Berges erschloss. Die eine Route heißt Vestveggen und zählt bis heute zu den schönsten, die auf den Stetind führen. Die andere, Kongelosjen direkte, ist anspruchsvoller und wurde von Nils Faarlund und Jon Voss allein bewältigt.

Aber das Wichtigste ereignete sich zwischen den Klettertouren. Bei Ruhepausen und Gesprächen am Lagerfeuer diskutierten die jungen Kletterer intensiv folgende Fragen: Wie kann man anderen Leuten erklären, warum man so viel Zeit auf lebensgefährlichen Kletterrouten verbringt, statt das moderne Norwegen mit aufzubauen? Und war es wirklich in Ordnung, dass die neuen Straßen und Wasserkraftwerke, die sie auf ihren Touren sahen, einen wunderbaren Berg nach dem anderen verwüsteten?

Arne Næss sprach über seine Gedanken, die von Baruch Spinoza inspiriert waren, einem Philosophen des 17. Jahrhunderts. Er redete darüber, wie alle Lebewesen miteinander ein großes Ganzes bilden, über den besonderen Wert der Natur und darüber, dass wir Menschen tiefe, echte Glückserlebnisse haben können, wenn wir uns mit dieser Natur identifizieren. Wie zum Beispiel beim Felsklettern, meinte Arne Næss.

Es müssen lebhafte Diskussionen gewesen sein, hier auf dem Stetind, die allen Beteiligten wichtige Denkanstöße lieferten. Schließlich war man sich einig: In unserer modernen Zivilisation ist es wichtig, einen Teil der von ihr unbeeinflussten Natur zu erhalten. Und es ist nicht nur schön und gesund, sich regelmäßig in ihr aufzuhalten, sondern geradezu lebensnotwendig.

Eine Lehre erobert die Welt

Diese Diskussionen legten den Grundstein zu der Theorie, die später »Ökosophie« genannt wurde, oder auch »Ökophilosophie« und »Tiefenökologie«. Die Wochen am Stetind führten außerdem dazu, dass die kleine Bewegung sich um drei Vordenker gruppierte: Arne Næss machte die Ideen in der akademischen Welt international bekannt. Sigmund Kvaløy wurde ein Pionier der norwegischen Umweltbewegung, die unter anderem erfolgreich gegen den Ausbau der Wasserkraft protestierte. Und Nils Faarlund brach seine Ingenieurskarriere ab und gründete 1967 die erste norwegische Wander- und Bergführerschule, Norges Høgfjellsskole in Hemsedal, die es heute noch gibt. Mit einer großen Portion Ökophilosophie im Kursprogramm.

Wer heute »eco-philosophy« googelt, kommt auf mehr als zwanzig Millionen Treffer. Es gibt mehrere Richtungen, aber der gemeinsame Grundgedanke besagt, dass die Naturwissenschaften uns lehren können, die Natur zu verstehen, während die Philosophie uns über das Verhältnis zwischen Mensch und Natur aufklärt.

Die Ideen, die vor fünfzig Jahren noch Kontroversen hervorriefen, haben seitdem immer mehr Anhänger bekommen. Studien beweisen, dass der Aufenthalt in der Natur sich auf Körper, Geist und Seele wohltuend auswirkt. Und die wissenschaftliche Erkenntnis, dass wir auf die Natur viel besser achtgeben müssen, rechnet man allgemein zum gesunden Menschenverstand.

Eine neue Generation von Ökophilosophen ist angetreten, zum Beispiel Julia »Butterfly« Hill aus den USA, die Ende der Neunzigerjahre 738 Tage auf einem Redwood-Baum wohnte. Begriffe wie »slow adventure«, »slow outdoor« und »bushcraft« locken immer mehr Menschen hinaus in die freie Natur. Gründer von Unternehmen wie Patagonia oder Houdini berichten, sie seien von Arne Næss und seinen Ideen inspiriert worden.

Was mache ich hier?

Es wird die gruseligste Seilstrecke, die ich je geklettert bin, seit ich in den Zwanzigern war. Der Schnee reißt auf und stürzt den Steilhang hinunter, während ich nach neuem Halt für Eispickel und Steigeisen suche. Die Eisschicht darunter ist zentimeterdünn. Am schlimmsten ist es, die Sicherungen zu lösen – dabei muss ich den einen Pickel loslassen und zehn Meter weiterbalancieren bis zur nächsten Sicherung.

Als ich es schließlich bis zu Magnus’ Standplatz geschafft habe, will ich nicht mehr weiter. Wir stehen auf einem kleinen Vorsprung, der zwei bis drei Meter breit ist, mit höllischen Steilhängen zu beiden Seiten. Vor uns beginnt der Kamm, der zum Gipfel führt. »Was hat das hier eigentlich mit Ökophilosophie zu tun?« frage ich mich, restlos erschöpft.

»Ich will umkehren«, sage ich zu Magnus. Sein Gesicht versteinert. Ich weiß, wie viel ihm daran liegt, seine erste Winterbesteigung des Stetind zu vollenden. Sein Vorschlag hört sich eher wie ein Befehl an: »Wir gehen noch eine Seilstrecke. Dann hast du einen besseren Überblick über den Kamm.«

Also taste ich mich mit Ameisenschritten auf den Kamm wie ein krummrückiger Greis, mit den Eispickeln als eine Art Rollator. Wir erreichen Magnus’ Aussichtsplatz. Ich setze mich in den Schnee und atme tief durch. Der Kamm sieht nicht so gefährlich aus, die Steilhänge zu beiden Seiten dafür umso mehr. Und der Gipfel über uns wirkt endlos weit entfernt. Gleichzeitig ist er so schön – einsam, still und stolz. Und um uns herum liegt eine ganze eigene Welt von Bergen und Fjorden.

Ein Gefühl des Friedens breitet sich in mir aus, und zum ersten Mal, seit wir frühmorgens die Baumgrenze überschritten haben, kann ich mich entspannen. Plötzlich ist die Angst weg. »Magnus, ich möchte wirklich umkehren. Ich würde es vielleicht schaffen, aber ich hätte keinen Spaß dabei«, sage ich und sehe ihm dabei fest in die Augen. »Dann machen wir es so«, sagt er. Und es scheint, als würde er meinen Entschluss auch verstehen.

Auf dem Rückweg findet Magnus eine einfachere Route, sodass uns die Traverse über den Steilhang erspart bleibt. Nach einer halben Stunde treffen wir Henrik, der bei Halls fortopp auf uns gewartet hat. Der Wind frischt auf und die Wolken kommen zurück. Bald ist der Gipfel ganz und gar im Grau verschwunden.

Später, als wir im Wald unsere Wasserflaschen an einem Schmelzwasserbach auffüllen, sagt Magnus: »Es war richtig, dass wir umgekehrt sind.«

Der letzte Mohikaner

Und dennoch frage ich mich nachträglich: Was hätten die Ökophilosophen von damals dazu gesagt? Es ist nicht leicht, die Antwort auf eine solche Frage zu finden. Arne Næss starb 2009, mit 97 Jahren. Aber vielleicht kann mir Nils Faarlund eine Antwort geben.

Der inzwischen 80-jährige erwartet mich in einer Raststätte nahe Hemsedal. Sein Elektroauto steht draußen auf dem Parkplatz. Wir essen zusammen Mittag und reden. Er erzählt, dass die »Ökosophie« in Norwegen in den Achtzigerjahren fast ausgestorben war: »Sie verbrannte in der Fackel des norwegischen Erdöls.« Aber heute wird er oft eingeladen, bei verschiedenen Anlässen über das Thema zu sprechen.

Ich berichte von unserem kleinen Abenteuer auf dem Stetind. War es in Ordnung, umzukehren, obwohl wir es vielleicht bis nach oben geschafft hätten? Nils Faarlund hat ähnliche Fragen wohl schon oft beantworten müssen. Geduldig erläutert er seine Gedanken.

»Es scheint heute so wichtig zu sein, sich hervorzutun, mitzuteilen, welche Leistungen man vollbracht hat. Dabei geht es beim Klettern gar nicht darum, den Gipfel zu erreichen. Es geht darum, ganz eins zu werden mit dem, was man tut, sich von der Natur vollständig verschlingen zu lassen. Und dabei tiefe und echte Freude zu empfinden. Dann wird man auch den Wunsch verspüren, die Natur besser zu schützen. Wenn es das ist, was du auf dem Stetind erlebt hast, dann bist du, glaube ich, auf dem Weg dahin, den Sinn des Kletterns und der Ökophilosophie zu verstehen.«

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