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Natur des Nordens

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Frühsommer auf Fünen: Eine Wanderung

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Wilde Kiesstrände, Hügel und Wälder säumen die Küste der dänischen Insel Fünen. Immer mehr Menschen zieht es zurück in diese Gegend und in ein entschleunigtes Leben im Einklang mit sich selbst, den Tieren und der Natur. NORR-Redakteurin Karen Hensel war mit ihren Freundinnen auf dem Meereswanderweg Øhavsstien unterwegs.Wie Zuckerwatte fliegen die weißen Wolken über uns vorbei. Zu fünft sind wir im voll bepackten Auto auf dem Weg zum Hafen von Fünens Hauptstadt Odense. Annika und ich kommen direkt aus Hamburg, Jana aus Berlin und Vera und Victoria aus Stockholm. Gemeinsam wollen wir in den nächsten Tagen den Øhavsstien in Südfünen erkunden und uns Zeit für uns, die Natur und die Inselbewohner nehmen. Der 200 Kilometer lange »Inselmeerstieg« verläuft von Ærø nach Falsled in Südfünen und kreuzt dabei auch Tåsinge, Siø und Langeland. Unseren Trip starten wir auf dem Wasser mit Yoga auf dem Stand-Up-Paddle-Board. Im Hafen von Odense treffen wir die SUP-Yogalehrerin Heidie Løvendahl. Als dänische Windsurferin ist sie auf dem Meer groß geworden. »Wir Füner Mädels haben hier eine feste Yogagruppe«, erzählt sie uns. »An windstillen Tagen paddeln wir oft weit hinaus, gehen mit unseren Boards vor Anker und genießen die Yogaübungen mitten auf der Ostsee.« Wir paddeln heute nur in die Mitte des Hafenbeckens, da der Wind die Boards permanent nach seinem eigenen Willen über das Wasser pustet. »Hier spürt man die Schwachstellen im Körper viel deutlicher«, erklärt Heidie. »Was man beim Yoga auf festem Boden noch ausgleichen kann, wird auf dem Meer zum extremen Balanceakt. Das Wasser lehrt uns, feinfühliger zu werden.« Als Vera sich auf das »Kamel«, eine etwas kompliziertere Übung kopfüber konzentriert, bemerkt sie nicht, wie ihr Board in Richtung einer Brückenkonstruktion abdriftet, die ausladend ins Hafenbecken ragt. Vera schreit auf, kann sich im letzten Moment aber noch ausbalancieren und entgeht einem eisigen Bad. Tatsächlich sind wir entspannter, nachdem wir einige Zeit auf den Brettern waren. Ein Teil des Großstadt-Stresses, in dem wir noch vor wenigen Stunden steckten, ist hier im Hafenbecken von Odense untergetaucht.

Brennnesseln und dänischer Wein

Am Abend treffen wir im »Bøjden-Cottage« in Faaborg ein. Die Holländerin Mieke betreibt hier ein kleines Bed & Breakfast. Mieke, die dänische Kinderbücher ins Holländische übersetzt, ist vor fünf Jahren mit ihrer Tochter und ihren Hunden und Pferden nach Fünen gezogen. Als sie damals Freunde auf der Insel besuchte, kamen sie zufällig an dem Gehöft vorbei. Der Bauernhof stand  bereits sieben Jahre leer. »Die Gebäude waren recht heruntergekommen, aber als ich gesehen habe, dass das Grundstück direkt ans Meer grenzt, habe ich es einfach gekauft«, erzählt sie uns. Zum Abendessen gibt es eine Suppe mit Brennnesseln aus Miekes Garten und dänischen Wein. Wir machen es uns vor dem Ofen bequem. Vera liest uns Nils Holgerssons wunderbare Reise durch Schweden vor. Leichter Regen prasselt gegen die Fensterscheiben, während das Feuer im Ofen knistert. Inmitten des ersten Kapitels fallen Annika, Victoria und mir die Augen zu. Am nächsten Morgen bereitet uns Mieke ein Frühstück mit frisch gebackenem Brot. Neben Flieder- und Krähenbeermarmelade entdecken wir Vogelbeergelee auf dem Tisch. Da uns allen im Kindesalter eingebläut wurde, sich von diesem giftigen Baum fernzuhalten, sind wir skeptisch. Aber unsere Neugierde siegt und so tunken wir zögerlich unsere Messer in das rötliche, leicht bittere Gelee. »Haben wir jetzt etwa alle davon gegessen?«, fragt Annika. »Mindestens eine von uns sollte die Finger davon lassen. Sonst kann niemand Hilfe holen, wenn wir alle vergiftet am Wegesrand liegen«, sagt sie. Mieke klärt uns auf: »Die Samen der Vogelbeere sollte man nicht verzehren, da sie Blausäure enthalten. Erhitzt und durch ein Tuch gepresst, lässt sich die Frucht aber wunderbar verwenden.«

Mit der Fähre legen wir etwas später von Faaborg nach Søby auf der Insel Ærø ab, wo der Øhavsstien beginnt. Wir wollen heute 20 Kilometer von Søby bis nach Ærøskøbing wandern. Björg, die seit vielen Jahren auf Ærø als Fotografin arbeitet, begleitet uns auf unserer ersten Etappe. Der Stieg führt über Felder und Wiesen. Am Wegesrand blüht der Weißdorn und an den Gräben strahlen Sumpfdotterblumen in saftigem Gelb. Mal wandern wir direkt an der Küste entlang und atmen die salzige Meeresluft. Es riecht nach Seetang und die Möwen kreischen über uns am Himmel. Dann führt der Weg wieder durch kleine Dörfer und wir können die großen bunten Häuser mit ihren offenen Gärten begutachten, in denen Nachbarn miteinander plaudern. »Hier auf Ærø helfen wir uns gegenseitig, wo wir nur können. Wir wissen, dass wir als Insulaner zusammenhalten müssen, um etwas zu schaffen. Gemeinschaft ist unglaublich wichtig für uns«, sagt Björg. »Noch vor einigen Jahren ist die Bewohnerzahl der Insel extrem zurückgegangen. Die jungen Leute haben die Insel verlassen. Wir haben dann aktiv dafür geworben, auf die Insel zu ziehen. Mittlerweile sind viele wieder nach Ærø gekommen, die sich nach dem einfachen Leben im Einklang mit der Natur sehnen.«

Die Insel Ærø mit ihren 6 700 Einwohnern plant, bis 2025 durch die Nutzung klimaneutraler Quellen energietechnisch autark zu werden. Auf jeden Einwohner kommen hier heute statistisch gesehen 7,2 Quadratmeter Sonnenkollektorenfläche. Der zusätzliche Energiebedarf wird aus Windkraft, Holzschnitzeln und Stroh gewonnen. »Wir ernten Obst und Gemüse in unseren eigenen Gärten und geben für das, was wir aus der Natur nehmen, immer etwas zurück. Ich brauche nicht viel im Leben. Meine Kleidung kaufe ich in Secondhandshops und auf dem Flohmarkt oder tausche sie mit Freunden«, sagt Björg.

Überraschung im Regen

Auf unserer Wanderung sehen wir immer wieder Bienenstöcke am Feldrand stehen. »Bienen sind der Indikator für eine Natur, die im Einklang steht. Aber auch auf Ærø sind Monokulturen wie ausgedehnte Rapsfelder problematisch«, erzählt uns Björg. »Eines unserer vielen Projekte ist die nachhaltige Imkerei. Die Bienen dürfen nach diesem Konzept ihren letzten Winterhonig behalten und von diesem leben, anstatt Zuckerwasser zu bekommen. Das hält die Insekten gesund«, erklärt Björg. Wir wandern weiter durch den Naturpark Ærø, wo Kühe und Pferde weiden und hören die Rotbauchunken quaken.

Mittags machen wir eine Pause am Strand von Borgnæs. Hier treffen wir auf Maja und Nils Ørum, die auf dem Hof »Vesteraas« leben und an der Ostküste von Ærø Seetang und Strandkresse ernten. »Kommt mal mit«, winkt Nils uns zu sich herüber. »Das Meer ist die reichhaltigste Speisekammer, man muss sie nur kennen. Hier, das ist Fingerfood, könnt ihr direkt essen«, sagt er und reicht eine Handvoll Seetang zu uns herüber. Gerade als ich mich entschließe, tapfer in die glibberige Alge zu beißen, hat Vera dieses Geschmackserlebnis schon hinter sich. «Das schmeckt interessant. Aber irgendwie nach Schnupfen«, stellt sie fest. »Es gibt bestimmt zehn verschiedene Geschmacksrichtungen. Eine Alge schmeckt, in der Pfanne gebraten, nach Bacon«, schwärmt er. »Schaut mal, hier drüben wächst Strandkresse. Jetzt ist sie noch zart im Geschmack, aber im September empfehle ich euch, sie nicht in rauen Mengen zu essen, sonst geht ihr in die Luft«, schmunzelt Nils. Tatsächlich spüren wir bereits jetzt den beißenden Wasabi-Geschmack auf der Zunge, als wir uns vorsichtig das Kraut in den Mund stecken.

Der Frühsommer in Fünen ist wechselhaft und Sonne und Regen lösen sich nahezu stündlich ab. »Da oben schwebt eine Zuckerwatte mit Blaubeergeschmack «, sagt Jana und deutet auf eine dunkle Wolke am Himmel. Der Wind frischt auf und sanft fallen die ersten Tropfen auf die Felder. Wir wandern unbeirrt weiter, doch kurz vor Ærøskøbing fängt es richtig an zu schütten. Gerade als wir triefend den Ortseingang erreichen, erkennen wir am Ende des Weges zwischen all den kleinen Hütten ein dampfendes Fass. Ein Freund von Björg hat seine mit Holz befeuerte Badewanne und seine mobile Sauna an der Küstenstraße aufgestellt. Auch Björgs Mann, ihre Töchter und einige Nachbarn sind gekommen. Gemeinsam wärmen wir uns die vom Regen eisig gewordenen Glieder in dem Hot Pot und schwitzen anschließend in der Holzsauna. Zwischendurch toben wir hinunter an die Ostsee und kühlen uns kreischend im Meer ab.

Der Asphalt riecht nach frischem Regen, als wir uns auf die letzten hundert Meter in die Innenstadt von Ærøskøbing begeben. Die Wolken spiegeln sich in den Pfützen und über uns erscheint ein imposanter Regenbogen.

Hundert Prozent gesund

Da wir auch auf Fünen selbst ein Stück auf dem Øhavsstien zurücklegen möchten, nehmen wir früh am nächsten Morgen die Fähre zurück nach Faaborg. Gemeinsam mit Mette aus Odense, die als Naturguide arbeitet, wandern wir Richtung Norden und kommen zu den Hügeln von Svannige Bakker. Wir werden daran erinnert, dass Gletscherbewegungen und Eisströme einst dieses Stückchen Erde geformt haben. Vor einer Buche stoppt Mette und bricht einen frischen Zweig ab. »Die Blätter schmecken großartig im Salat, zumindest jetzt zu Beginn des Sommers, wenn sie noch so frisch sind«, sagt sie. Wir sind mittlerweile mutiger geworden und rupfen uns bereitwillig etwas Laubwerk von dem Zweig ab. Die Blätter sind leicht säuerlich, aber durchaus erfrischend. Auch Giersch und essbaren Klee zeigt uns Mette auf unserem Weg und so probieren wir uns durch das gesamte kulinarische Sortiment an Waldbodenpflanzen. Wir machen noch einen Abstecher an den größten See Fünens, den Arreskov Sø. Die Sonne wärmt unsere Gesichter und wir werden immer ausgelassener, tollen durch ein Rapsfeld, balancieren auf den schmalsten Baumstämmen und entscheiden in ernsthaften Wettbewerben, wer den längsten oder schrillsten Ton auf einem Grashalm pfeifen kann.

Am Nachmittag kommen wir an dem ökologischen Gutshof »Steensgaard« von Ann und Henning Wiesinger vorbei, der direkt am Øhavsstien liegt. Auf dem 900 Hektar großen Grundstück produzieren die Landwirte vom Futter für die Tiere über das Fleisch bis hin zu Speisen für das Gutsrestaurant, Produkte für den Hofverkauf sowie für einige Bioläden alles zu hundert Prozent selbst. »Wir möchten, dass die Menschen wieder verstehen, wo ihr Steak herkommt oder wie ihr Brot entsteht. Die Leute sind heute so fern von den Produkten, die sie essen«, sagt Henning. Als wir zu den Feldern hinübergehen, kommen uns grunzende Ferkel entgegengerannt. »Unsere Schweine fressen Gras, Kräuter und laufen durch Eichenwälder. Das gibt dem Fleisch einen nussigen Geschmack«, sagt Henning. Auf der Kuhkoppel weiden rote Angusrinder, die nur Gras, Silage und Heu fressen. »Diese Ernährung führt dazu, dass sich im Fleisch wieder die gesunden Omega-3-Fettsäuren ansammeln«, erklärt er.

Auch 70 braune Schafe mit ihren bis zu 100 Lämmern leben auf »Steensgaard«. »Ein Architekt aus Seeland war von der Farbe der Wolle weißer Schafe gelangweilt und züchtete die braunen Saane-Schafe, eine alte dänische Rasse«, erzählt uns Henning. »Alle unsere Tiere leben das ganze Jahr über draußen. Und sie werden auch im Freien geschlachtet.« Auf »Steensgaard« arbeitet ein 20-köpfiges internationales Team. Darunter auch Karen aus Südafrika. Sie hat Henning und Ann im Urlaub kennengelernt. »Die beiden haben mir von ihrem Hof in Dänemark erzählt und ich wusste, das ist genau das Projekt, in dem ich arbeiten möchte«, sagt sie. Morgens beginnt sie den Tag, indem sie frisches Brot backt. Später stellt sie Chutneys her, kocht Marmeladen und kümmert sich um die Produkte, die im Laden verkauft werden. »Die Arbeit ist fordernd, aber sie gibt uns unendlich viel. Es ist mein Lebensprojekt«, sagt Karen.

Dominosteine im Schlafsack

Bepackt mit Fleisch und Salat aus dem Hofladen, erreichen wir in der Dämmerung unser Nachtlager, die »Millinge Klint Shelter«. Die mehrstöckigen Holzklötze mit ihren runden Gucklöchern sehen aus wie vergessene Kunstobjekte direkt über dem Meer. Wir laufen hinunter auf den Steg, um noch den letzten Streifen Tageslicht am Horizont zu beobachten. Lange sitzen wir am Wasser. Jede ist in ihre eigenen Gedanken versunken. Als es dunkel wird, entzünden wir ein Feuer und grillen. Als wir uns später am Abend Geistergeschichten erzählen und der Wind komisch zu säuseln beginnt, beschließen wir, es uns lieber in dem Shelter bequem zu machen. Die Nacht ist kalt und wir kuscheln uns in unseren Schlafsäcken dicht zusammen. Doch immer, wenn sich jemand umdreht, kommt es zum Dominoeffekt und alle anderen geraten ebenfalls in Bewegung – und müssen lachen. So finden wir in dieser Nacht nicht übermäßig viel Schlaf.

Nachdem wir zwei Tage auf dem Øhavsstien unterwegs waren, möchten wir den letzten Teil unseres Abenteuers direkt auf dem Inselmeer zurücklegen. Mit Jacob Nilsson und seinen Seekajaks paddeln wir entlang der Ostküste von Tåsinge, parallel zum Øhavsstien, der hier durch den Norreskov-Wald verläuft. Das Meer ist so klar, dass man bis auf den Grund schauen kann. Wir paddeln in ruhigem Tempo dahin. »An manchen Tagen leisten uns Schweinswale hier Gesellschaft«, erzählt Jacob, der bereits sein ganzes Leben lang auf Tåsinge wohnt. »Dann hört man ab und zu ein freundliches Schniefen, wenn sie zum Luft holen an die Wasseroberfläche kommen. Und im Wald nisten jedes Jahr zwei Seeadlerpaare.«

Wir spüren die Stille und blicken in den weiten Horizont. Während wir ganz in diesem Moment verweilen, spiegelt sich auf der Wasseroberfläche heimlich eine Zuckerwattewolke mit Blaubeergeschmack.

 

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