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Natur des Nordens

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Grenzenlos – Naturspaß an Rømøs Stränden

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Als Kind verbrachte NORR-Redakteur Philipp Olsmeyer viele Sommer an der Nordsee. Jetzt kehrt er mit seinen eigenen Kindern in das Grenzland zwischen Dänemark und Deutschland zurück – auf die Insel Rømø.

Henry, vier, kurbelt das Fahrerfenster ganz runter, dreht die Musik noch ein bisschen lauter und steuert dann Richtung Meer. Der Strand von Rømø ist der breiteste Nordeuropas, und wer zum Wasser will – mit allen Luftmatratzen, Bällen, Handtüchern, Windschutzzelten und Butterbroten – nimmt in der Regel das Auto. Die wüstenähnliche Landschaft mit den Dünen zur einen und den Wellen zur anderen Seite bietet vor allem eines: Platz und Freiheit für alle.

Ich bin wieder an der Nordsee. Mein Kopf ist voller Erinnerungen, von denen ich nicht richtig weiß, ob sie aus wirklichen Erlebnissen stammen oder aus den akribisch geführten Fotoalben meiner Eltern. Im Album »Sylt 1979« gibt es mich, meist nackt, als Vierjährigen beim Wattwandern, Sandbuddeln, Speckbrettspielen. Und vieles scheint bis heute so wundersam vertraut: Das Gefühl der Füße im schlammigen Schlick, der Anblick der weggespülten Sandburg, das Geräusch des Gummiballs auf dem harten Holzschläger. Zu den traumatischen Erlebnissen zählt der Verlust eines neuen Spielzeugautos im tiefen Sand von Hörnum.

Sandbank im Meer

Wenn ich ganz viel Glück habe, finde ich es ja vielleicht in diesem Urlaub wieder. Denn große Teile der Sandmassen, die Rømøs Westküste immer weiter wachsen lassen, stammen von der schrumpfenden deutschen Nachbarinsel. Inzwischen bildet sich in Ufernähe eine neue Dünenreihe – mit dem positiven Nebeneffekt, dass keine Fahrzeuge mehr den Strand auf und ab fahren können. In den achtziger Jahren galt das neun Kilometer lange Ufer zwischen Lakolk im Norden und Sønderstrand im Süden als breiteste Autobahn Dänemarks. Das Problem hat die Natur quasi selbst gelöst. Heute spaziert man hier ungestört und endlos am Wasser entlang – durch anlandende Wellen, Gezeitenrinnen und natürliche Planschbecken, die Flut und Ebbe hinterlassen haben.

Wir wohnen mit unseren Freunden Maiken und Fredrik sowie deren Kindern Alvar, fünf, und Selma, eins, mitten auf der Insel – zwischen hohen Dünen, die hier am ältesten und grünsten sind. Von hier aus ist es etwa gleich weit bis zum offenen Meer auf der einen und dem Watt auf der anderen Seite. Das Haus ist dänisch hell und offen, und durch die großen Fenster kommt die Natur direkt ins Wohnzimmer. Die große hölzerne Terrasse geht direkt in einen Teppich aus Heidekraut über. Ein sandiger Weg führt hinauf zu einer Bank mit Blick über die Insel bis hin zum Meer. Der perfekte Ort nicht nur für Sonnenuntergänge mit Rotweinglas, sondern auch, um sich ein Bild über Rømøs Entstehungsgeschichte zu machen, deren zeitliche Zonen deutlich in der Landschaft erkennbar sind.

»Rømø ist eigentlich nur eine Sandbank im Meer. Je näher man ans Wasser kommt, desto deutlicher sieht man, wie die Insel aus Wind, Wellen und Vegetation geschaffen wurde«, erklärt Anna, die uns als Natur-Guide begleitet. Sie erzählt wie die Nordsee vor der Küste immer mehr Sand anspült, den der Wind zu kleinen Haufen formt, und wie in deren Schutz die ersten Pflanzen wachsen, die dem Boden Halt geben. Was wir schließlich von unserer Bank aus sehen, sind Dünen aus verschiedenen Epochen: Die jungen Weißdünen ganz im Westen, an denen Strandroggen und Strandhafer wächst, die Gründünen bereits mit Gräsern und Kräutern bewachsen und schließlich die Graudünen, dicht bedeckt mit einem prächtigen Heideteppich. Die Artenvielfalt auf der Insel ist außergewöhnlich. Ganz besonders bekannt ist Rømø auch als Zwischenziel für Millionen von Zugvögeln, die hier im Frühling und Herbst Kraft tanken. »Das ist schon beeindruckend«, so Anna. »Der ganze Himmel verdunkelt sich vor lauter Vogelschwärmen«. »Sort Sol« nennt man das Naturphänomen hier in Süd-Jütland – Schwarze Sonne.

Anna kommt aus Flensburg und macht ihr freiwilliges ökologisches Jahr beim »Naturcenter Tønnisgård«, das geführte Ausflüge in Rømøs Natur veranstaltet: Wattwanderungen, Krabbenfangen, Botanik- und Vogeltouren. In dem alten reetgedeckten »Kommandorgaard« (dt. Kaptitänshof) gibt es außerdem eine interaktive Ausstellung über die Natur und Kultur der Insel Rømø. Sie ist Teil des EU-geförderten Informations-Projekts »Grenzüberschreitende Naturerlebnisse entlang der Nordseeküste«, an dem das Naturcenter auf der dänischen und das Naturkundemuseum Niebüll auf der deutschen Seite teilnehmen.

Ein Paradies für Henry

»Der Natur ist die Grenze ja egal«, meint Anna, als wir am Hafen von Havneby die Schuhe ausziehen und die ersten Schritte über den matschigen Meeresboden machen. Erst in der vergangenen Woche hatte die UNESCO-Kommission in Katar auch die dänischen Gebiete in das »Weltnaturerbe Wattenmeer« mit aufgenommen, während die deutschen und niederländischen Teile diesen Titel bereits seit 2009 tragen. Aber Katar scheint in diesem Moment ziemlich weit weg. Der Himmel ist grau und ein trüber Schleier liegt über der brauen Landschaft. Ich mag die Stimmung und das einfarbige Muster, das Meer und Wattwürmer für uns hinterlassen haben.

Vorsichtig tasten sich die Kinderfüße voran. »Riecht nach Sushi«, stellt Pelle fest. Henrys Augen wandern über den Boden. Er liebt kleine Tiere und ist schon außerhalb des Wattenmeeres immer auf der Suche nach Schnecken, Ameisen und Kriechtieren aller Art. Das hier ist sein Paradies. Am liebsten würde er wohl selbst in das Loch kriechen, das Anna mit ihrer Forke aus dem feuchten Sand hebt. »Mehr Biomasse als im Urwald«, so die Natur-Führerin. »In einem Kubikmeter Wattboden kann man bis zu 90 000 Schlickkrebse finden.« Bald wimmelt es in ihrer weißen Wanne von Strandkrabben, Wattwürmern, kleinen und großen Krebsen, die schon bald in den kleinen Händen unseres Vierjährigen landen.

Im knöcheltiefen Wasser etwas weiter vorne finde ich eine mit Austern besetzte Betonplatte. Anna: »Das sind pazifische Felsenaustern – die kommen eigentlich aus Japan. Sie wurden in den 80er-Jahren auf Sylt ausgesetzt in dem Glauben, dass sie sich im kalten Nordseewasser eh nicht ausbreiten. Allerdings erreicht das niedrige Wasser hier im Watt problemlos über längere Zeit die richtige Laichtemperatur von zwanzig Grad. Da hat man einfach nicht richtig dran gedacht«. Die invasive Art, lerne ich, ist zwar bei menschlichen Feinschmeckern beliebt, beeinträchtigt jedoch das Ökosystem. Einheimische Vögel haben noch nicht gelernt, sie zu öffnen, und die riffähnlichen Austernbänke dienen den vielen kleinen Tierarten auf dem Meeresboden als Versteck, was die Nahrungskette zu Lasten der Beutetiere verschiebt. Auch die Zahl der Miesmuschelbänke sinkt aufgrund des Eindringlings.

Die schnellste Schnecke der Welt

Pelle und Alvar haben inzwischen genug von Matsch und Kleintieren. Sie wollen zum Strand – oder nach Legoland. Zeit für ein kleines Wattrennen mit Balancier-Wettbewerb auf den freigespülten Holzpfählen, die hier irgendwann mal das Ufer festigen sollten. Dann wird es auch noch mal ein bisschen spannend, als sich die Kinder mutig bis zu den Knien in einem Schlickloch sinken lassen – sicher an unseren Händen natürlich und mit dem pädagogischen Hinweis, dass man sich vor den tückischen schwarzen Treibsandflächen in Acht nehmen soll. Schließlich hat auch Anna noch eine Geschichte parat: »Das sind die schnellsten Schnecken der Welt«, sagt sie und zeigt den ungläubigen Jungs eine Handvoll winzig kleiner Wattschnecken. »Die können auf den Wellen surfen und sind dabei fast so schnell wie ihr gerade bei eurem Wettrennen«.

Seeluft macht hungrig. Wir lassen das Watt hinter uns und sitzen bald darauf bei »Otto & Ani’s Fisk«, einem schlichten Fisch-Imbiss mit eigener Räucherei und einfachen frischen Gerichten. Durch die Fenster blickt man auf den schmucklosen Hafen. Havneby ist in seiner öden Einfachheit und Unaufgeregheit so ziemlich das Gegenteil von List auf Sylt, das genau gegenüber liegt – einem kitschigen Tourismuszentrum, bekannt für Deutschlands nördlichste Fischbude »Gosch«. Alle zwei Stunden verkehrt die Fähre zwischen den beiden Orten, die viele Sylt-Besucher für einen Tagesausflug oder als Alternative zum Autozug nutzen.

Am nächsten Morgen gehen wir selbst an Bord. Hier begrüßt uns Flemming von »Sort Safari«, der uns auf einer Tour zu den Seehundbänken im deutsch-dänischen Grenzgebiet begleitet. Wir passieren den weiten Sønderstrand an Rømøs Südseite und fahren durch das Lister Tief, einen bis zu vierzig Meter tiefen Gezeitenstrom, der die Wattenmeerbucht zwischen Sylt und Rømø mit Wasser versorgt. »Die Landschaft verändert sich kontinuierlich«, erzählt der Däne und zeigt auf einen Punkt in den grünen Wogen. »Da drüben lag mal die dänische Hallig Jordsand. Anfang des Jahrtausends verschwand sie in den Wellen der Nordsee«. In List angekommen, steigen wir um auf den Fischkutter »Rosa Paluka«. Das hölzerne Schiff tuckert durch die Schaumkronen. Gischt spritzt auf das Deck. Alvar, Henry und Pelle, die mit zusammengekniffenen Augen ihre Köpfe über der Reling in den Wind stecken, haben ihren Spaß. Irgendwann wird ein kleiner Trawler ausgeworfen. Kurz darauf ziehen Flemming und sein deutscher Kollege eine Ladung Seesterne, Krebse und andere Kleintiere vom Meeresboden an Bord. Zu jedem Fang wird eine kleine Anekdote erzählt, bevor er von Kinderhänden wieder ins Wasser geworfen wird.

Wir erreichen unser Ziel. Auf den Sandbänken vor uns liegen Hunderte von Robben. In sicherem Abstand dreht der Kapitän bei und stellt den Motor ab. »Wir wollen die Tiere so wenig wie möglich stören«, sagt Flemming. »Seehunde bringen jetzt im Sommer bei Niedrigwasser ihre Jungen auf die Welt. Und die müssen schnell erwachsen werden. Innerhalb eines Monats lernen sie, selbständig Fische und Krebstiere zu fangen. Wenn das Hochwasser zurück kehrt, müssen sie ihren Müttern ins tiefe Meer folgen können«.

Wir erfahren auch, dass man in Dänemark einen anderen Umgang mit Heulern, also verlassenen Jungen, und kranken Robben pflegt als in den Nachbarländern. Hier überlässt man sie in der Regel der Natur, während es in Deutschland und den Niederlanden noch immer Aufzuchtstationen gibt. »Seit die Robben in den siebziger Jahren unter Naturschutz gestellt wurden, hat sich ihr Bestand deutlich erholt. Das Aussetzen von Tieren ist daher eigentlich nicht mehr notwendig, und kann dem Bestand sogar schaden«, erklärt Flemming uns.

Grenzerfahrungen

Irgendwo hier, träume ich auf dem Rückweg, beginnt also Skandinavien. Ich hatte fast ein bisschen vergessen, wie nah und vertraut es sein kann, wenn man aus Deutschland kommt. Von meiner neuen Heimat Stockholm aus ist man fast genauso schnell am Polarkreis wie auf Rømø, und je länger ich hier oben lebe (und für NORR arbeite), desto mehr wird mein Bild des Nordens geprägt von Schärenküsten und tiefen Wäldern, Fjäll- und Fjordlandschaften. Wie schön, dass auch die südlichste Ecke von Skandinavien jetzt wieder in mein Bewusstsein zurück kehrt und ich diese Gegend zusammen mit meiner eigenen Familie erleben darf.

Wir sind wieder auf Rømø. Nach einem wilden Versteckspiel in den Dünen am Sønderstrand sitzen wir im Sand und blicken aufs Meer. Die Sylt-Fähre zieht in der Ferne vorbei, und am Strand trabt eine Gruppe Reiter entlang. Anna sucht im Sand nach nach einem Pelikanfuß, einer ganz besonders schöne Meeresschnecke, die es an der Nordsee nicht allzu häufig gibt. »Wenn man als FÖJler (Absolventen des Freiwilligen Ökologischen Jahres, Anm. d. Red.) den ersten Pelikanfuß findet, bedeutet das, dass man wirklich an seiner Einsatzstelle angekommen ist. Den Zweiten schenkst du deinem Liebsten, dann hält die Liebe ewig. Den Dritten wirfst du aus Dankbarkeit zurück in die Nordsee«, sagt sie ein wenig wehmütig. In einem Monat endet ihr Jahr auf Rømø. Zwei Pelikanfüße hat sie bereits gefunden.

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