Weiter zum Inhalt

Diese Webseite verwendet Cookies. Bei der weiteren Nutzung gehen wir von deinem Einverständnis aus. Mehr Infos.

Natur des Nordens

Menü

Kostbarer Norden: Zuchtwächter in der Arktis

Abonnieren und weiterlesen

Mit einem NORR-Abo erhältst du Zugang zum Premium-Bereich mit allen großen Geschichten in voller Länge. Ab 5 Euro.

In Longyearbyen, dem Hauptort Spitzbergens, leben rund 2 200 Menschen. Sämtliche Lebensmittel, die sie konsumieren, müssen vom Festland importiert werden. Benjamin L. Vidmar will das ändern – und baut Gemüse an, auf 78 Grad Nord.Das Zuchthaus thront oberhalb des Ortes: ein Kuppelbau, der einem Iglu gleicht. »Wir haben es in Alaska bestellt«, sagt Benjamin L. Vidmar und zieht die Tür auf, an der nur lose ein Vorhängeschloss baumelt. Mit einem flüchtigen Blick kontrolliert der US-Amerikaner den Zustand seiner Insassen: Bohnen, Kohl, Brokkoli. »Ich wollte unbedingt das Sonnenlicht nutzen. Also habe ich für dieses Gewächshaus gekämpft und gekämpft, jahrelang.« Benjamin hat eine Idee, die zur Mission geworden ist: Er will Gemüse anbauen, Gemüse verkaufen. Nicht irgendwo auf der Welt, sondern ausgerechnet in Longyearbyen, dem Hauptort und Verwaltungssitz des Spitzbergen-Archipels – auf 78 Grad Nord.

Hier fallen die Temperaturen im Winter gerne auf minus 25 Grad Celsius. Im kurzen arktischen Sommer gedeihen wenige winzige Pflanzen, die dafür umso größere Doppelnamen tragen: der Habichtskrautblättrige Steinbrech etwa. »Bäume« wie Zwergbirke und Polarweide schieben sich mühsam nur ein paar Zentimeter aus dem Permafrostboden. Moose polstern den Grund, Flechten zieren als Naturgraffiti die Steine und Felsen. Ansonsten aber ist Spitzbergen aufgrund seines harschen Klimas und den nicht enden wollenden Polarnächten, in denen sich die Sonne gar nicht erst am Himmel zeigt, insbesondere für Nutzpflanzen eine eher gedeihfreie Zone.

Lust auf Frisches

»Wenn wir es hier schaffen, Gemüse anzubauen, ist es überall auf der Welt möglich«, sagt Benjamin und schnappt sich das Thermometer. »Schau«, sagt er und deutet auf die eckigen Ziffern der Digitalanzeige: 28,9 Grad Celsius. Während draußen der Wind an der Kunststoffhaut des Gewächshauses zerrt, hängt die Luft feuchtwarm und schwer im Igluinneren. Neben den Pflanztürmen stapeln sich Säcke mit Erde, am Hochbeet lehnen rote Spaten. Eine gärtnergrüne Gießkanne steht herum: Gerade haben Benjamins Praktikanten die Pflanzen gewässert. Das Gewächshaus betreibt der 41-Jährige seit rund drei Jahren. Doch schon 2013 experimentierte er in einem kleinen Labor und gründete später die Firma Polar Permaculture. Damals arbeitete er als Koch in einem Restaurant in Longyearbyen und vermisste Frisches, schon seit er die Insel 2007 zum ersten Mal betreten hatte.

»Ich bin ein Feinschmecker und komme aus einer Feinschmeckerfamilie«, erzählt Benjamin. Zwar liegen auch in der Svalbardbutikken, dem wohl weltnördlichsten Supermarkt, Gurken, Tomaten und Salate in Kisten und Regalen zum Verkauf aus. Diese sind jedoch teuer – und aufgrund der langen Anreise oft wenig schmackhaft. »Darum wollte ich mein eigenes lokales Gemüse ohne weite Transportwege züchten.« Benjamin kompostierte, säte, wässerte. Und tatsächlich reckte sich schon bald Essbares Grün dem Kunstlicht entgegen. Und mit jedem Kraut wuchs auch Benjamins Motivation in die Höhe. »100 Prozent der Lebensmittel hier werden importiert, all unser Müll zurück aufs Festland verschifft.

Keiner spricht über den riesigen CO2-Fußabdruck, den wir auf Spitzbergen hinterlassen«, sagt Benjamin. Er will das ändern, unbedingt.

Noch immer nutzt er das Labor, um Salate und Kräuter zu züchten. Im Sommer zusätzlich das Iglugewächshaus, wenn die Mitternachtssonne 24 Stunden auf die Kuppel strahlt und seiner Zucht Licht und Wärme schenkt.

Im Takt von Licht und Dunkelheit

»Es gibt viele Orte auf der Erde, die kälter sind als Spitzbergen. Die große Herausforderung hier ist, dass wir drei Monate Dunkelheit und drei Monate Helligkeit haben«, sagt Benjamin. »Und: Wir müssen oft sehr kreativ werden, denn wir kommen nicht so leicht an die Dinge, die wir brauchen, wenn wir zum Beispiel etwas reparieren müssen. Die Logistik ist schwierig und das Material lässt sich nicht einfach im nächsten Baumarkt um die Ecke kaufen.«

Mittlerweile beliefert Polar Permaculture drei Restaurants in Longyearbyen mit Kräutern und Gemüse, immer montags, mittwochs und freitags. Den Biomüll aus den drei Küchen sammelt Benjamin ein, um ihn seinen Kompostwürmern zum Fraß vorzuwerfen. Für Besucher bietet er Touren und Kochkurse an. All das nebenbei, zusätzlich zu seinem Hauptjob als Koch in der Schule. Eine Handvoll Ehrenamtliche unterstützen ihn dabei. Benjamins Ziel: Polar Permaculture groß zu machen mit einem neuen Gewächshaus, das eine permanente Zulassung erhält, »und Leute einstellen«, sagt er.

Bis 2021 will er zehn, bis 2030 sogar 50 Prozent des gesamten Gemüsebedarfs für Longyearbyen selbst produzieren. Eine Studie der im südhessischen Bensheim ansässigen EBF GmbH schätzt das als realistisch und auch als ökonomisch und ökologisch sinnvoll ein – mit einem größeren Gewächshaus, das sich auch schließen und verdunkeln lässt. Allerdings empfiehlt die Energieberatungsfirma, dass sich Polar Permaculture auf Blattgrünes und Kräuter konzentriert statt auf Fruchtgemüse. Viel zu viel Energie würden Tomaten oder Paprika benötigen, um auf Spitzbergen groß zu werden. Benjamin verhandelt nun mit den Behörden über einen Platz, Geld und Möglichkeiten.

Verbundenheit und Wachstum

»Ich möchte daran arbeiten, dass wir hier oben unseren CO2-Fußabdruck verkleinern und uns der empfindlichen und schützenswerten Natur um uns herum bewusst werden. Wir sollten uns mit unserer Umwelt verbinden, anstatt sie lediglich zu unseren Konsumzwecken zu nutzen«, sagt Benjamin. Längst glänzt im Iglu ein dünner Schweißfilm auf seiner Stirn. Ob allein die Hitze daran Schuld ist oder auch die Tatsache, dass sein innerer Motor scheinbar pausenlos auf Hochtouren läuft? Denn schon an einer weiteren Idee tüftelt der Biokoch: Er möchte ein Zero-Waste- Restaurant mitten im Ort schaffen, in dem er mit seinem selbst gezogenen Gemüse kocht. Benjamin setzt eben auf Wachstum.«

Verwandte Inhalte

Die Redaktion empfiehlt