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Natur des Nordens

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Mökki-Leben: Auszeit in einer finnischen Blockhütte

Das Mökki ist ein finnisches Kulturgut. NORR-Redakteur Philipp Olsmeyer nimmt sich eine Auszeit und widmet sich in einem kleinen Blockhaus am Päijänne-See der Kunst des Nichtstuns.

Ein Donnerstagmorgen im September. Es ist kurz nach sieben und ich sitze allein in einem kleinen Ruderboot – um mich herum das spiegelblanke Wasser, aus dem der frühe Nebel emporsteigt, darüber der pastellfarbene nordische Herbsthimmel und in meinen Händen die wärmende Tasse Kaffee. Eigentlich wollte ich sie am Steg trinken, doch dann entdeckte ich das Boot. Drei Schwäne gleiten aus der Luft heran und landen fast geräuschlos auf der dampfenden Seeoberfläche. Ich schaue, atme tief ein und genieße. Seit gestern Nachmittag darf die Welt ohne mich auskommen. Eineinhalb Stunden dauerte die Fahrt von Helsinki nach Asikkala am südlichen Ende des Päijänne-Sees – genügend Zeit und Distanz, um die Hektik der Stadt zumindest ein bisschen hinter sich zu lassen. Am Ende des holprigen Feldweges in der Ortschaft Pätiälä, der durch Birkenwälder und stoppelige Felder führt, tauchte schließlich mein Heim für die kommenden Tage auf: ein finnischer Blockhaus-Traum aus Holz, nur eine kleine wilde Wiese vom Ufer entfernt, mit Steg, Bänkchen und Boot – und natürlich der eigenen Sauna.

»Viele kommen aus Helsinki und anderen größeren Städten hierher, um Ruhe zu finden«, erklärt Kaarina Pätiälä bei der Schlüsselübergabe. Zusammen mit ihrer Schwester Eeva vermietet sie rund um die Bucht 17 Holzhütten dieser Art, die meisten davon für zwei Personen und alle in ordentlichem Abstand voneinander. »In jedem Haus hat man das Gefühl, ganz für sich zu sein, ohne Nachbar in Sichtweite. Für viele ist die Einsamkeit in der Natur der wahre Luxus.« Die meisten ihrer Gäste kommen aus den finnischen Großstadtregionen, aber eine steigende Zahl kommt aus dem Ausland: vor allem Deutsche, Russen und Belgier, die auf skandinavische Art abschalten wollen.

Kaarina selbst hat ihr ganzes Leben in dieser Gegend verbracht, auf dem malerischen Hof ein paar hundert Meter weiter oben in den Feldern, wie vier Generationen vor ihr – an dem Ort, der heißt wie ihre Familie: Pätiälä. »Man merkt deutlich, dass die Uhren hier langsamer ticken, obwohl wir nur hundertfünfzig Kilometer von der Hauptstadt entfernt sind«, ist sie überzeugt. Hier beginnt ihrer Meinung nach Finnlands Wildnis, man kann das Wasser direkt aus dem See trinken und die Luft ist unschlagbar rein und frisch. Auf der bewaldeten Landzunge gegenüber steht ihr eigenes Sommerhaus – nur einen Steinwurf von ihrem eigentlichen Zuhause entfernt. »Man kennt die Natur hier ganz genau und erlebt die Jahreszeiten sehr bewusst«, so Kaarina. Welche sie am liebsten mag? »Alle!« Besonders spektakulär aber sei der Frühling, wenn die Vögel heimkehrten und auf dem See ein einzigartiges Schauspiel veranstalten.

Die Kunst des Nichtstuns

Als Kaarina sich verabschiedet, bin ich plötzlich allein. Ein komplett ungewohntes Gefühl, verstärkt durch die ebenfalls unbekannte Situation, nun auch wirklich gar nichts zu tun zu haben. Ich bin sonst eigentlich immer von Menschen umgeben und vom Aufstehen bis zum Einschlafen in irgendeiner Form beschäftigt. Die Tage sind gefüllt mit Arbeit und Kommunikation und ich will gar nicht wissen, wie oft ich in meinen wachen schwachen Stunden auf das Telefon schaue, das seit meiner Ankunft in Pätiälä abgeschaltet unten im Rucksack ruht. Und so spüre ich zunächst eine stressverwandte Unruhe: Was tun mit all der Zeit? Was mit mir selbst anstellen? Im finnischen Seenland soll es 200 000 Sommeroder Landhäuser geben, allein rund um den Päijänne- See etwa 16 000. Das »Mökki« ist ein finnisches Kulturgut, ein Gegengewicht zum Arbeitsleben und eine Möglichkeit, so viel Zeit wie möglich draußen zu verbringen. Visit Finland beschreibt das Landleben als »Kunst des Nichtstuns«.

Aber wenn man ehrlich ist, dann sind es gerade die kleinen Aktivitäten und Rituale, die dieses Nichtstun ausmachen: Holz hacken und den Ofen befeuern, schwimmen und in die Sauna gehen, angeln und Beeren sammeln, lesen und nachdenken, Kaffee auf dem Steg trinken und Touren mit dem Boot. Und am nächsten Tag das Gleiche noch mal von vorn – einen ganzen Frühling, Sommer, Herbst und vielleicht sogar Winter lang. Es geht darum, Körper und Geist in einen anderen Aktivitätsmodus zu versetzen. Finnisches Mökki-Leben bedeutet, das Tempo zu verringern, mehr auf sich selbst zu hören und die Natur rund herum in sich aufzunehmen.

Und tatsächlich dauert es an meinem ersten Tag nicht lange, bis sich meine Anspannung in finnische Luft auflöst. Es genügt, die Sneakers gegen Gummistiefel zu tauschen, vom Schuppen eine Ladung Birkenscheite zu holen und den Saunaofen in Gang zu bringen. Spätestens auf der anschließenden Erkundungsrunde, als ich die Stoppeln des Feldes unter meinen Sohlen spüre und die kitzelnden Gräser und Farne durch meine Hände gleiten, breitet sich die Ruhe in mir aus. Zwischen den bunten Birkenkronen glitzert die Herbstsonne. Und am Ufer höre ich das Schilf im Wind rauschen – oder die Wildgänse über meinem Kopf schnattern. Selbst die Stille im Seenland hat ihren eigenen Klang. Es folgt der wohl längste Saunagang meines fast 44-jährigen Lebens. Zwischendurch springe ich ins herbstkalte Wasser oder saß dampfend auf der Holzbank vor der Hütte und blättere abwesend in  einem Buch, das nur schwer mit dem Seepanorama konkurrieren kann. In der kleinen Küche zaubere ich ein Abendessen aus mitgebrachten Gnocchi und frisch gesammelten Pilzen. Irgendwann falle ich saunamüde ins weiche Bett und schlafe ein, von dicken Holzbalken, Stille und Dunkelheit umgeben. Und jetzt, nach dem Aufwachen, sitze ich also auf dem See und versuche zu begreifen, was das Mökki-Leben mit mir macht.

Mökki-Leben

Ich stelle meine Tasse ab und gleite langsam weiter, vorbei an der Landzunge und der Vogelinsel. In Pätiäläs überschaubarer Bucht ist es kaum vorstellbar, dass man sich auf Finnlands längstem See befindet, der sich von Lahti bis nach Jyväskylä erstreckt. Wenn ich schon ordentlich gefrühstückt hätte, könnte ich noch hundert Kilometer weiter gen Norden durch die einzigartige Wasserlandschaft rudern. Habe ich aber nicht. Außerdem gibt es andere Pläne für den Tag: Holz holen und Feuer machen, spazieren und in die Sauna gehen, essen und schlafen. Ganz entspannt – wie immer.

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