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Natur des Nordens

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naturum: Räume für Schwedens Natur

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Wie lockt man Menschen in die Wildnis? Und wie vermittelt man den Wert der Natur? Als ihre Nationalparks in der Krise waren, hatte das schwedische Amt für Naturschutz eine großartige Idee: Es schickte die besten Architekten des Landes hinaus in Wald und Fjäll und ließ sie die schönsten »Höhlen« Skandinaviens bauen.

Die Wildnis beginnt rund vierzig Minuten Busfahrt südlich von Stockholm. An ihrer Endstation Tyresta by (Tyresta Dorf) lädt die Linie 834 im Stundentakt Wanderer und andere Ausflügler ab. Links der Haltestelle führt der Weg direkt hinein in Südschwedens größten, tiefsten und schönsten Urwald. Wer die Zivilisation noch nicht ganz hinter sich lassen will, hält sich dagegen rechts. Hier liegt, zwischen Wald und Feld, in Nachbarschaft eines malerischen roten Bauernhofes, das »Naturum Nationalparkernas hus«. Das langgezogene Holzgebäude mit dem Grundriss einer Schweden-Karte dient einerseits als Besucherzentrum des Nationalparks Tyresta, präsentiert andererseits aber auch alle anderen 28 Nationalparks des Landes. Ein Raum (schwed.rum) für die Natur (schwed. natur) ganz Schwedens: In gläsernen Schaukästen warten Modelle der verschiedenen skandinavischen Landschaftstypen. Fjäll und Küste, Schärenmeer und Moorgebiete, Laub- und Nadelwälder. Überall gibt es kleine und große Klappen, hinter denen sich Wissenshäppchen zu geologischen und biologischen Besonderheiten verbergen können – oder ein ausgestopfter Bärenkopf mit weit aufgerissenem Maul.

Der Natur eine Zukunft geben

33 »naturum(s)« findet man über Schweden verteilt, von Stenshuvud an der Südspitze Skånes bis Abisko im Norden Schwedisch-Lapplands, von Kosterhavet an der Westküste bis Gotland im Osten des Landes – immer im Anschluss an einen Nationalpark oder ein Naturreservat errichtet und immer mit dem Auftrag, als Tor zur Natur zu fungieren. Hier spielt spätestens seit den 90ern die Architektur eine bedeutende Rolle. Ikonenhafte Gebäude, entworfen von renommierten schwedischen Architekturbüros wie White, Wingårdhs, Strindbergs oder Formverkstan Söder locken Besucher heute in die Wildnis. Betreiber sind entweder das »Naturvårdsverket« (schwedisches Amt für Naturschutz), das auch die Markenrechte am Namen »naturum« besitzt, oder die jeweilige Provinz, manchmal auch eine lokale Stiftung.

»Wir müssen das Volk hinaus in die Natur führen! Informieren!«, hatte Carl Ekblad, damaligerChef des »Naturvårdsverket« im Jahr 1972 gesagt. »Wir investieren riesige Mengen an Steuergeldern in den Kauf von Land, um Nationalparks zu schaffen. Da muss der Bürger auch etwas herausbekommen. Die Parks dürfen nicht einfach so rumliegen.« Schweden war 1909 das erste Land in Europa, das Teile seiner weiten Wildnis unter Schutz stellte – im festen Glauben an das große, ja geradezu religiöse Naturinteresse der Bevölkerung. Doch spätestens in den 60ern, mit fortschreitender Urbanisierung und wachsendem Glauben an den Fortschritt, hatte die Natur ihren allgemeinen Nimbus als magische, schützenswerte Welt verloren.

Für das 1967 gegründete »Naturvårdsverk« ging es deshalb darum, den Wert der Nationalparks und Reservate bewusst und zugänglich zu machen. Wohl auch, um den Interessen der Industrie an den Schätzen der Natur etwas Greifbares gegenüberzustellen. Und was ist greifbarer als Architektur: konkrete gebaute Orte, die Menschen besuchen können, Räume, die inspirieren und Wissen vermitteln, Wege, die in die Wildnis führen, ohne ihr zu schaden? Nach einer Studienreise durch nordamerikanische Nationalparks schlägt Ekblad die dort verbreiteten »Visitor Centers« als Vorbild für Schweden vor: »Das ist die Zukunft.«

1974 wurde in Omberg, Östergötland, in einer Scheune aus dem 18. Jahrhundert, nahe Schwedens bedeutendstem Vogelsee Tåkern, das erste offizielle »naturum« eingerichtet. Weitere sollten folgen. Allerdings wirkten die Ausstellungen, die vor allem in historischen Gebäuden untergebracht waren, eher verstaubt und rückwärtsgewandt. Traurige ausgestopfte Tiere in dunklen Räumen der Vergangenheit waren sicherlich nicht das, was sich Ekblad für die »Zukunft« der schwedischen Natur vorgestellt hatte. Es musste neu gebaut werden – und zwar richtig, nicht nostalgisch, sondern modern und variationsreich.

Künstlerische Freiheit

Im Unterschied zu den USA, wo man beim Bau von Besucherzentren bewusst auf Wiedererkennbarkeit setzte und auf diese Weise gar eine eigene Architekturform für Nationalparks, die »Parchitecture«, schuf, gewährte man den »naturum«-Architekten von Beginn an große Freiheiten: »Wir haben die Architektur immer ihr eigenes Leben leben lassen. Es gibt keine spezifische Linie, der wir folgen, nur die staatlichen Empfehlungen für gute Architektur bei Ausschreibungen«, erklärt Anders Bergquist, seit 1992 Projektleiter für sämtliche »naturum«-Bauten.

Mit dieser Philosophie wurden in den vergangenen Jahrzehnten die besten Architekten des Landes »in der schwedischen Wildnis losgelassen«, wie der Architekturkritiker Mark Isitt im Buch Sveriges Naturum schreibt. Man habe sie die Umgebung interpretieren lassen und auf ihr Vermögen vertraut, den Platz lesen zu können – seine Voraussetzungen, die Wetter- und Windbedingungen, Licht und Geräusche, Boden und Topografie. »Wie Kinder, die mit Zweigen, Laub und Moos eine Höhle bauen, im Glücksrausch und in voller Harmonie mit der Natur.«

 

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