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Natur des Nordens

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Ölands Weiten: Unterwegs auf dem Mörbylångaleden

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Der Wanderweg Mörbylångaleden auf Öland birgt kaum Höhenmeter, dafür umso mehr Überraschungen. NORR-Autor Emil Sergel hat sich ins südschwedische Flachland gewagt und landet plötzlich in der wilden Savanne.

Eigentlich zieht es mich und Roger immer nur ins Fjäll. Berge und Täler, Fjällbirken und eiskalte Gewässer – dafür brennen wir. Deshalb überkommt uns ein komisches Gefühl, als wir über die Ölandbrücke fahren, um uns auf die flachste Wanderroute Schwedens zu begeben. Kein Schneehuhn weit und breit. Dafür Windmühlen, Sandstrände und Campingplätze. Schon immer war Öland ein beliebtes Ferienziel und ein großer Teil der Besucher kommt zum Zelten oder für einen Urlaub im Wohnwagen auf die südschwedische Insel. Das Resort Böda Sand ist mit seinen 1 350 Stellplätzen inzwischen weit über das Eiland hinaus als größte Campinganlage Schwedens berühmt. Sollte sich auf dieser Ferieninsel wirklich ein Naturabenteuer verstecken, das uns bislang entgangen ist? Wir schultern unsere Rucksäcke, um die Sache zu ergründen.

Spiegelbild in Rosa

Unsere Herausforderung heißt Mörbylångaleden, ein 84 Kilometer langer Weg, der am Brückenende beginnt und parallel zur Westküste Ölands verläuft, in Kastlösa plötzlich scharf abbiegt und über Stora Alvaret an die Ostküste führt. An dieser schmiegt er sich dann bis Ottenby entlang, wo er eigentlich zu Ende ist. Die meisten Wanderer aber gehen weiter bis zur Südspitze Ölands, wo der Långe Jan, der höchste Leuchtturm Skandinaviens, steht. Während die Sonne langsam im Meer versinkt, wandern Roger, Stefan und ich in die kühle Abendluft hinaus. Der Kalmarsund sieht aus wie ein rosafarbener Spiegel. Der Weg verläuft nur wenige Meter vom Wasser entfernt und es ist schwer auszumachen, wo der Himmel aufhört und wo die Wasseroberfläche beginnt. Die Meerenge bildet auch die Grenze zwischen zwei unterschiedlichen Begriffen für das Wort »Hering«: Nördlich der Bucht wird der Fisch »strömming« genannt, im Süden sagt man »sill«.

Die Ölandbrücke liegt so weit hinter uns, dass man die Verkehrsgeräusche nicht mehr hört und wir gewöhnen uns langsam an den angenehmen Gedanken, keine kräftezehrenden Steigungen vor uns zu haben. Die abendliche Stille genießend freuen wir uns auf den Höhepunkt des morgigen Tages: das Stora Alvaret, das ein Viertel der Fläche Ölands ausmacht. Es handelt sich um ein 37 Kilometer langes und 15 Kilometer breites Landschaftsgebiet, das einzig in seiner Art ist und deshalb ins Weltkulturerbe der Unesco aufgenommen wurde. »Alvar« heißt auch »Trockenrasen«. Der baumlose Heideboden hat einen Untergrund aus Kalkstein, auf dem oft nur eine dünne Erdschicht liegt. Seine Erde ist noch nie landwirtschaftlich bearbeitet worden, 95 Prozent davon dienen als Weidegrund.

Ort der endlosen Horizonte

Der Weg verläuft schnurgerade und endet nicht, bevor man an die Ostküste gelangt. Ihm zu folgen, ist ein eigenartiges Gefühl. Fast so, als befände man sich oberhalb der Baumgrenze. Es ist, als ob das Gehirn einen Gang herunterschalten würde, wenn es nicht so viel zu sehen gibt. Wir wandern auf einem alten Bahndamm. Hier fuhr einst die Eisenbahn quer über das Alvar und transportierte sowohl Menschen als auch Güter. Damals bestand Öland aus vielen kleinen Dörfern, die alle durch ein Schienennetz verbunden waren. Inzwischen sind die Gleise vollständig abgebaut, wodurch der schnurgerade Wanderweg entstand. Die Blumen, Sträucher und vereinzelten Bäume, die hier wachsen, bleiben aufgrund der dünnen Erdschicht sehr niedrig.

Vor uns türmt sich eine lange Mauer, die »mittenmuren« auf, die im 19. Jahrhundert die Ländereien des Königs vom Rest der Insel abgrenzte. Etwas Vergleichbares habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen. Es fühlt sich auf einmal überhaupt nicht mehr so an, als wären wir noch in Schweden unterwegs. Weiter entfernt von einer Fjällwanderung könnte diese Landschaft wohl nicht sein, aber sie fasziniert Roger, Stefan und mich auf besondere Weise. Bei Seby an der Ostküste legen wir eine Bade- und Lunchpause ein. Der Ort ist auch ein Dorado für Vogelbeobachter und wir sehen einen Haufen Männer mit Feldstechern in Tarnfarben und mit Kameras ausgestattet, die dastehen und in Richtung Horizont schauen. Hier kann man unter anderem den großen Brachvogel, den Austernfischer und den Säbelschnäbler erspähen. Es ist ein beliebter Brut- und Rastplatz und, wie viele sagen, eines der wichtigsten Vogelgebiete Europas.

Selbst kenne ich mich mit Vögeln gar nicht aus und kann knapp den Spatz von einer Blaumeise unterscheiden. So konzentriere ich mich lieber auf den Kaffeekessel, der auf dem Gaskocher vor sich hin köchelt. Inzwischen haben wir Gesellschaft von Sofia bekommen, die auf Öland einen Saisonjob hat. »Für mich ist das hier die Landschaft der endlosen Horizonte«, sagt Sofia. »So etwas habe ich sonst nur erlebt, wenn ich draußen auf dem Atlantik war.« Nirgends schmeckt der Kaffee so gut wie an der frischen Luft. Wir haben es uns mitten auf der Kuhweide gemütlich gemacht, die bis zum Meer reicht. »Die Naturkontraste machen die Wanderungen hier so einzigartig. Im nördlichen Teil Ölands sieht es ganz anders aus als hier. Außerdem ist es immer wieder lustig, plötzlich auf einer Weide voller Kühe zu landen«, sagt Sofia.

Die Gegend von Seby eignet sich auch hervorragend zum Zelten. Gewöhnen muss man sich nur an den starken Geruch von Tang. Auf Öland kommt der Wind an 300 Tagen pro Jahr von Westen, weshalb das Wasser hier an der Ostküste sehr still, nahezu unbeweglich ist. Obwohl ich mich wenig für Vögel interessiere, finde ich es doch spannend, ihnen dabei zuzuschauen, wie sie herumspazieren und nach Nahrung suchen. Immer wieder sehen wir ein Schild mit der Aufschrift »Reihendorf«. Dahinter verbirgt sich genau das, wonach es sich anhört: ein Dorf, dessen Höfe in einer Reihe nebeneinanderstehen. Diese Siedlungsform kam im 14. Jahrhundert auf und die Häuser wurden Wand an Wand gebaut. Ungefähr so wie bei einer Straße im Wilden Westen. Bis heute gibt es über 200 Reihendörfer auf Öland und auf dem Mörbylångaleden durchwandern wir so einige von ihnen.

Sonnenuntergang in der Savanne

Allmählich nähern wir uns unserem Ziel, dem Leuchtturm Långe Jan an der Südspitze der Insel. Und noch einmal verändert sich die Natur. Der Weg hat uns durch den Laubwald geführt, an Sandstränden entlang, über den Sjömarken, den Uferstreifen hinter dem Strand, und über die Weiten des Alvar. Aber jetzt kommt etwas, das sich am ehesten mit der afrikanischen Savanne vergleichen lässt. Wir haben Ottenby passiert und folgen einem Pfad durch den Wald, als die Landschaft sich plötzlich öffnet. Auf endlos weiten Weidegründen sieht man Kühe, Damhirsche und Schafe frei herumlaufen. Überall wächst hier der eukalyptusähnliche Oxelbaum. Sekundenlang habe ich das Gefühl, bei Sonnenuntergang in der Serengeti zu stehen.

Die Damhirsche sind, wie sich herausstellt, königlichen Ursprungs. Schon im 15. Jahrhundert hatte der König auf Öland das exklusive Jagdrecht. 150 Jahre später führte Johan III. englisches Damwild ein, dessen Nachkommen immer noch hier leben. Doch als Karl X. Gustav an die Regierung kam, wollte er nur im südlichen Teil Ölands jagen. So ließ er eine Mauer quer über die ganze Insel bauen, um die Hirsche im Süden zu halten. Nur langsam bewegen wir uns in südlicher Richtung weiter, um den Anblick dieser surrealen Landschaft gänzlich auszukosten. Wir wollen gar nicht wirklich vorwärtskommen. Die Sonne steht tief und nur noch die Silhouetten der weidenden Tiere lassen sich erkennen.

Im strahlenden Licht

Am südlichsten Punkt der Insel reckt sich nun stolz der Långe Jan in die Höhe. Das ist eigentlich nur ein Spitzname für den Leuchtturm, der in Wirklichkeit »Ölands södra udde« (dt. Ölands Südspitze) heißt. 1785 wurde er in Betrieb genommen und ist mit 41,6 Metern der höchste Leuchtturm Skandinaviens. Leider ist er schon geschlossen, als wir ankommen, sodass wir nicht mehr hochklettern können, um die Aussicht zu genießen. Aber die überraschend spektakuläre Wanderung mit Wildnishöhepunkt auf Ölands Mörbylångaleden war für Roger und mich ohnehin das größte Highlight und wird in unseren Erinnerungen noch lange leuchten.

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