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Nach den Sternen greifen

Ein Tag auf dem Rad auf einer kleinen Insel im Öresund, wo der Himmel seit Jahrhunderten beobachtet wird. Auf Ven erfahren wir, wie nah große Gedanken und kleine Alltagsmomente beieinanderliegen.

Schon wieder passiert es: Meine dreijährige Tochter Lovisa fasst an den Hinterkopf der vor uns sitzenden Person. Ich erkläre ihr geduldig, warum man das nicht macht, sie lauscht aufmerksam, nickt und greift wieder zu. Peinlich berührt versuche ich, sie abzulenken, während unser Zug über den Öresund in Richtung Malmö rollt. Ich reiche Kekse, verspreche Dinge, die ich später bereuen werde. Kurz funktioniert es. Dann ist der nächste Hinterkopf an der Reihe. Ich murmele Entschuldigungen und tue, als hätte ich die Situation voll im Griff. Die Mitreisenden reagieren unterschiedlich: ein gequältes Lächeln, ein genervtes Schulterzucken, ein regungsloses Nach-vorne-Starren. Die Zugfahrt zieht sich, die Keksvorräte schrumpfen, meine Überzeugungskraft ebenso.

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Insel Ven
Die rund 7,5 km2 große Insel Ven lässt sich gut mit dem Rad erkunden. Eine Umrundung beträgt etwa 12 bis 13 Kilometer und führt durch offene Kulturlandschaften, entlang markanter Steilküsten und mit weiten Blicken über den Öresund. upplevven.se

Eine gute Stunde später stolpern wir in Landskrona aus dem Zug. Als Lovisa und ich, die heute aus Hamburg angereist sind, meinen Freundinnen Victoria und Melanie, die aus Richtung Stockholm anlanden, in die Arme fallen, bin ich vor allem eines: erleichtert. Und sehr dankbar, dass vor uns nun, statt der Hinterköpfe, die Insel Ven darauf wartet, von Lovisa, Melanie, Victoria und mir entdeckt zu werden. Mit dem Bus fahren wir zum Campingplatz Borstahusen, wo wir uns die kommenden zwei Nächte einquartieren wollen. Vor unserer roten Holzstuga, die wir gemietet haben und die ganz nah am Meer thront, wirkt das Vorher plötzlich erstaunlich fern.

Tapas am Meer

Wir gehen hinaus auf den sandigen Uferweg, der parallel zur Küste verläuft. Eine steife Brise treibt flauschige Wolken und dunklere Regenfelder über den Himmel. Der Öresund schimmert silbrig-blau und ist gespickt mit tanzenden Schaumkronen. Am Horizont ziehen große Schiffe vorbei. Hohe Kiefern, deren Nadeln einen herrlichen, süßlich-harzigen Duft verströmen, säumen die Küste. Wir passieren einen Spielplatz, der Lovisas Aufmerksamkeit sofort fesselt. Victorias, Melanies und mein Blick hingegen bleibt an einer Kontur in der Ferne hängen. Es ist Ven, das wir vor unserer Linse haben – ein flaches, langgestrecktes Eiland, das sich, ungefähr in der Mitte des Öresunds zwischen Landskrona und Saltholm, leicht aus dem Meer hebt.

Wolken jagen über den Himmel und Lichtflecken wandern über das Wasser.

Auf Ven wurde der Himmel so genau beobachtet wie kaum irgendwo sonst. Nacht für Nacht stand der dänische Astronom Tycho Brahe hier und hielt fest, was er sah – nicht nur Sterne und Planeten, sondern alles, was seine Messungen beeinflussen konnte. Vorbeiziehende Kometen, die scheinbare Bewegung der Planeten: Nichts blieb unbeachtet. Seine Aufzeichnungen brachten das damalige Weltbild ins Wanken und zeigten, dass der Himmel weniger starr war, als man lange glaubte. Besonders nah am Horizont wirkten Sterne leicht verschoben. Warum das so ist, wusste Brahe noch nicht. Aber er ignorierte es nicht. Er nahm die Abweichung ernst und ließ sie in seine Messungen einfließen. So entstand auf Ven eine der genauesten Datensammlungen ihrer Zeit, die der deutsche Astronom Johannes Kepler später zur Formulierung seiner Gesetze der Planetenbewegung nutzte.

Morgen wollen wir das Eiland erkunden, doch für den heutigen Abend ist das Restaurant Pumphuset unser Ziel. Es liegt mitten im historischen Fischereihafen von Borstahusen und ist bekannt für seine Tapas aus lokalen Rohwaren. Wir eisen Lovisa von dem Spielplatz los und treten ein in den Laden, in dem geschäftiges Treiben herrscht. An diesem Freitagabend tummeln sich hier viele Landskroner Locals, um das Wochenende einzuläuten. Während wir Kartoffelomeletts, gebratene Paprikaschoten, würzigen Käse und Oliven vertilgen, wandert unser Blick immer wieder zu den Booten im Hafen, die sanft im Takt des Meeres auf- und abschaukeln. Die Sonne geht langsam unter und färbt den Horizont glutrot. Später wandeln wir direkt am Strand entlang zurück zum Campingplatz. Immer wieder motiviert uns Lovisa zu kleinen Wettrennen, begleitet vom Rauschen der Wellen. Gerade als wir in unsere Hütte eintreten, zeigen sich die ersten Sterne am Himmel.

Nasses Erwachen

Am nächsten Morgen ist die Landschaft in ein hartnäckiges Grau gehüllt. Der Wind peitscht Regen gegen die Fensterscheiben unserer Behausung. Wir eilen zum Hauptgebäude des Campingplatzes, decken uns mit Brötchen, Joghurt, Kaffee und Saft ein und schmausen während der Busfahrt zum Hafen von Landskrona. Draußen ziehen lange Wolkenbänder entlang der Küste. Die Fähre, die uns heute nach Ven bringen soll, liegt hier am Kai. Stürmische Böen drücken gegen die Bordwände, das Schiff hebt sich unter jedem Wellenschlag gereizt an. Gerade noch rechtzeitig vor dem nächsten Schauer retten wir uns unter Deck. Als wir uns der Insel nähern, wird die Topografie von Ven deutlicher. Große Teile des Eilands liegen zwischen zehn und 40 Metern über dem Meeresspiegel, an der West- und Nordküste brechen die Höhen als steile Kliffs zum Wasser ab, während Osten und Süden flacher verlaufen. Der Hafen im Süden liegt vergleichsweise geschützt, eingerahmt von niedrigen Böschungen und Feldern, die sich bis an die Küste ziehen. Das umliegende Wasser wirkt hier wie ein Temperaturpuffer: Spätfröste sind eher selten, die Vegetationsperiode ist länger als auf dem Festland.

Als wir in den Hafen Bäckviken einlaufen, hat der Regen aufgehört und das Licht wird heller. Der Fahrradverleih, der unser erstes Ziel sein soll, liegt auf einem Hügel. Zusammen mit vielen anderen radfahrwütigen Besuchern der Insel marschieren wir dorthin, um drei Drahtesel und einen Kinderanhänger zu ergattern. Das Bild wirkt skurril: Hektisch eilende Touristen, die, nachdem sie ein quietschgelbes Bike ergattert haben, wie ein Bienenschwarm ausfliegen. Die meisten rollen bergab Richtung Küste, wir strampeln ins Inselinnere.

Die Sterne sind Lichtjahre entfernt. Aber oft sind sie doch zum Greifen nah.

Zunächst führt uns der Weg vorbei an dem Gelände, auf dem Tycho Brahe im späten 16. Jahrhundert seine Observatorien errichten ließ. Uraniborg und später Stjerneborg waren Arbeitsorte mit Werkstätten, Wohnräumen und unterirdischen Messplätzen, die den Wind und Temperaturschwankungen so gut wie möglich reduzieren sollten. Auch eine eigene Druckerei gehörte dazu. Der Astronom wollte seine Ergebnisse selbst veröffentlichen, um Übertragungsfehler zu vermeiden und die Genauigkeit zu sichern. Über Jahrzehnte hinweg war Ven damit eines der wichtigsten Zentren der Astronomie in Europa.

Immer weiter geht es nach oben. Es öffnet sich ein weiter Blick in Richtung Norden. Die Felder wirken groß und zusammenhängend, nur selten durchbrochen von Zäunen. Nichts scheint hier streng geordnet oder klar abgesteckt. Man sieht der Landschaft an, dass sie aus einer Zeit gewachsen ist, in der noch gemeinsam gewirtschaftet wurde.

Mit dem Kinderanhänger, in dem Lovisa friedlich schnarcht, komme ich erst ins Schwitzen und dann keinen Meter mehr weiter. Fluchend steige ich ab und schiebe, während Victoria und Melanie scheinbar mühelos weiterstrampeln. Doch ein Schild, das uns mit der Aufschrift »Hven Durum Bageri« von der Route weglockt, bereitet dem zähen Anstieg ein jähes Ende. Brita Oßler baut an ihrer Bäckerei, der wir nun einen Besuch abstatten, Hartweizen an. In der kleinen Mühle mahlt sie das Getreide selbst und kreiert daraus Brot und Gebäck. Dass Brita sich hier im Backhandwerk austobt, ist ihrer italienischen Schwägerin geschuldet, die händeringend guten Hartweizen für ihre traditionelle Pasta suchte – und Brita dazu brachte, diesen selbst anzubauen. Heute ist die Bäckerei fest auf der Insel etabliert und liefert ihre Rohwaren auch an umliegende Cafés und Restaurants.

Wir kaufen Zimtschnecken und Kaffee aus einer Luke in der Holzscheune und setzen uns auf die Bank vor dem Schuppen. Es schmeckt köstlich und wir könnten noch ewig verweilen, an diesem ruhigen Ort, an dem es nach frisch Gebackenem duftet. Doch Melanie treibt uns wie immer an. »Mädels, wir müssen weiter. Wir sind gerade mal zwei Kilometer gefahren.« Widerwillig wischen Victoria und ich uns die letzten Zimtstreusel aus dem Gesicht, sammeln die auf einem Holzstapel kletternde Lovisa ein und steigen auf unsere Zweiräder.

Vorbei an prunkvollen Villen mit einladenden Veranden und pittoresken Obstgärten strampeln wir unseres Weges. Der Duft von blühendem Flieder umgibt uns, während es immer weiter bergauf geht, sodass zu meiner Genugtuung nun auch Victoria und Melanie ihre Räder schieben müssen. Dann geht es wieder auf kurvenreichen Pfaden bergab, und der Fahrtwind pustet uns gewöhnungsbedürftige Frisuren in die Haare. »Was sind das, Fasane?!«, ruft Victoria und bremst abrupt. Tatsächlich stolziert ein Hahn mit schillernd grünblauem Kopf und kupferfarbenem Körper direkt vor uns über den Weg. Zwei weitere hat er im Schlepptau, die schnell ins hohe Gras huschen. Der ursprünglich aus Asien stammende Ringfasan wurde in Skandinavien für die Jagd ausgesetzt. Auf Ven fanden die Vögel ideale Bedingungen. In den offenen Agrarlandschaften mit nur wenig Verkehr und natürlichen Feinden, dafür aber zahlreichen Büschen, die als Deckung dienen, können sie nach Herzenslust herumgeistern.

Alles in Bewegung

Weiter geht es direkt an der Wasserkante entlang, bevor uns der Weg durch blühende Rapsfelder führt. An der Westseite der Insel endet das Land abrupt. Die Steilküste fällt schroff ab, unten liegt der Öresund. Risse, kleine Abbrüche, Grasbüschel, die wie lose Matten wirken, machen die Erosion sichtbar. Die Westküste von Ven ist ihr besonders ausgesetzt. Immer wieder verliert die Insel hier ein Stück Land und Wege müssen verlegt oder neu angepasst werden.

Wolken jagen über den Himmel, Lichtflecken wandern über das Wasser. Auf einer Wiese hoch oben über dem Öresund tun sich zwei braune Pferde am Gras gütlich. Wir steigen ab und Lovisa streichelt die warmen Pferdemäuler. Später geht es weiter Richtung Süden, auf Pfaden, die gesäumt sind von blühendem Weißdorn. Gegen Mittag erreichen wir das Restaurant im Turistgården, das im Inselinneren von Ven liegt, umgeben von Feldern und alten Wirtschaftsgebäuden.

Drinnen ist es warm, Stimmen mischen sich mit Geschirrklappern. Wir essen Waldpilz-Ravioli, die aus Britas Hartweizen hergestellt sind, und Kabeljau mit geröstetem Blumenkohl. Lovisa lässt sich Köttbullar mit Kartoffelpüree schmecken. Nachdem wir noch ein wenig Fangen im Innenhof gespielt haben, radeln wir weiter nach Kyrkbacken, im Nordwesten von Ven. Ein Streetfoodwagen mit der Aufschrift »Våffelmakeri« hindert uns an der Weiterfahrt. Melanie, Victoria und ich haben gleichermaßen eine Schwäche für knusprige schwedische Waffeln, und der Duft dieser Backwaren ist derartig verlockend, dass wir uns trotz des gerade verzehrten Mittagsmahls dazu entscheiden, uns hier einen Nachtisch einzuverleiben. Wir wählen Waffeln mit Moltebeerenmarmelade und setzen uns an einen Holztisch auf einem offenen Feld. Während wir das köstliche Backwerk genießen, lassen wir unseren Blick in den Himmel schweifen und denken daran, wie oft vor uns ein Mann hier in den Himmel gelinst hat. Von Ven aus erstellte Tycho Brahe einen der präzisesten Sternenkataloge seiner Zeit. Er vermaß rund 1000 Sterne – ohne Teleskop. Vielleicht lag genau darin sein Antrieb: immer wieder hinzusehen, auch wenn sich nichts zu verändern schien. Und sich bewusst zu machen, dass selbst das scheinbar Unverrückbare in Bewegung ist.

Nachdem wir die Waffeln verzehrt haben, schieben wir die Räder hinauf zur Sankt Ibbs kyrka. Die kleine Steinkirche aus dem 13. Jahrhundert, die als Orientierungspunkt für Seeleute im Öresund diente, ist ein fantastischer Aussichtspunkt. Unter uns bricht die Steilküste schroff zum Wasser ab, das silbrig schimmert. Segelschiffe ziehen vorbei, dahinter zeichnet sich die dänische Küste als helle Linie am Horizont ab. Hinter der Kirche liegt offenes Land, vor ihr nur Himmel und Wasser. Und in der Nacht, bei klarer Sicht, unzählige Sterne.

Am Abend, nach einer schaukeligen Fährfahrt zurück aufs Festland, sind wir wieder auf dem Campingplatz in Borstahusen. Zum Abendessen gehen wir ins das Restaurant Kvateret Erikstorp, das italienische Gerichte serviert. Es gibt Spargel-Risotto und Pizza, Lovisa verschlingt mit großem Appetit Nudeln mit Tomatensoße. Als wir die wenigen Meter zurück zu unserer Stuga gehen, hat der Wind nachgelassen. Vom Meer her kommt nur noch ein leises Rauschen. Über uns spannt sich ein klarer Himmel. Die Gedanken an den Anfang unseres Abenteuers kehren zurück. An Kekskrümel auf den Sitzen, an fremde Hinterköpfe und irritierte Augenpaare. Doch meine Augen wandern wieder nach oben. Ich denke an Ven, an die Felder und an die Steilküste. An eine Insel, von der aus der Himmel vermessen wurde, lange bevor wir gelernt haben, ihn zu erklären. Unter diesem weiten Himmel fühlen sich die etwas unangenehmen Kleinigkeiten plötzlich unbedeutend an. Die Sterne sind Lichtjahre entfernt. Aber oft sind sie doch zum Greifen nah.

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