Naturfete auf Dänisch
Ein barockes Schloss, ein Burgraben voller Kanus und Glamping im Wald: Beim Danish Outdoor Festival am Ledreborg Slot treffen sich Outdoor-Fans, um gemeinsam zu feiern.
Der Duft von Lagerfeuer, Kaffee, frisch gehacktem Holz und Waffeln liegt in der Luft, als unser kleiner Tross – Victoria, Philipp und ich – am Fuße des Barockschlosses Ledreborg Slot in der Region Lejre eintrifft. Das Anwesen mit seinen historischen Gärten, rund 40 Kilometer westlich von Kopenhagen, liegt inmitten einer sanften Hügellandschaft, direkt am Nationalpark Skjoldungernes Land, einem der jüngsten Naturschutzgebiete Dänemarks. Für die kommenden drei Tage verwandelt sich das stille Schlossgelände in ein Camp für Outdoor-Fans: das Danish Outdoor Festival.
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Friluftsliv (dt. Outdoorleben) ist in Schweden Teil unseres Alltags. Umso neugieriger sind wir, wie Dänen das einfache Leben unter freiem Himmel zelebrieren und draußen aktiv sind. Genau diesem Phänomen wollen wir hier auf die Schliche kommen.
Nachdem wir zwei großzügige Glamping-Zelte mit Matratzen, Lichterketten und Campingstühlen bezogen haben, streifen wir los. Über den Wiesen weht der Rauch von Feuerstellen, Babys krabbeln zwischen bunten Zelten umher, und aus einem Tipi klingt das rhythmische Klopfen einer Axt auf Holz. Das Festival spannt sich von offenen Wiesen bis zu schattigen Waldrändern. Hier stehen Hängematten-Camps, dort Zelte, dazwischen befestigte Wege für Lastenräder und Bollerwagen. Auf der Schlosswiese reihen sich Stände von Outdoor-Marken an Infozelte von Naturparks, Wildnisschulen und Pfadfindervereinen. Zwischen alledem wuseln Familien mit Kindern, Radreisende, Bushcrafter und Wochenendcamper umher. Überall wird ausprobiert und gelernt – wie das Kochen über offenem Feuer, Navigation mit Kompass oder das Schmieden von Messern – und zwischendurch diskutiert und schallend gelacht.
Am Lagerfeuer gezündete Idee
»Das Danish Outdoor Festival begann vor etwas mehr als einem Jahrzehnt als kleines Treffen von Natur-Enthusiasten mit der Vision, das Outdoor-Leben für alle erlebbar zu machen. Ursprünglich war es ein Camp, bei dem man gemeinsam draußen schlief, Wissen austauschte, Kocher testete und am Lagerfeuer saß – ohne Eintritt, Bühne oder kommerzielle Absichten«, erzählt uns Christian Milbo, Mitveranstalter des Danish Outdoor Festivals. Doch im Laufe der Jahre ist das Fest organisch gewachsen. Familien, erfahrene Trekking-Fans, Schulklassen und Produktentwickler kamen – und kehrten Jahr für Jahr wieder. Mit zunehmender Teilnehmerzahl wuchs auch das Programm: Heute gibt es über 300 Aktivitäten an einem Wochenende. »Doch das Grundprinzip hat sich nicht verändert: Kein Kommerz, sondern Nachhaltigkeit, Austausch und voneinander Lernen«, sagt Christian.
Waffeln, Kanus und Abenteuerfilme
An einem der Stände kann man Waffelteig in Formen über dem Feuer backen und mit Marmelade garniert vertilgen. Victoria und ich können nicht widerstehen und backen uns jeweils eine knusprige Teigware. Philipp wird neidisch ob des Duftes und verlangt, dass wir ihm ebenfalls eine Waffel kredenzen, nachdem er selbst an einem Stand für Lightweight Hiking-Produkte hängen geblieben ist und uns im Getümmel verloren hat. Später zieht es uns hinüber zum Schlossgraben, der für dieses Wochenende zum Testbecken für Kanus und Kajaks umfunktioniert wurde.
Die Natur lässt uns frei und mutig werden. Das wollen wir zelebrieren.
Victoria und ich schlüpfen in ein Doppelkajak und paddeln los – vorbei an Zelten, der Bühne, auf der gerade ein Vortrag zur nachhaltigen Outdoor-Kultur stattfindet, und Zuschauern, die am Graben sitzen und die Paddelnden anfeuern. Oder sich darüber amüsieren, wenn jemand die Balance verliert. Es ist ein skurriles Bild: Barocke Schlosskulisse und bunte Boote, die teilweise leicht ungestüm durch den Graben navigiert werden, untermalt von den Gitarrenklängen eines Singer-Songwriters. Später entdecken Victoria und ich ein Lagerfeuer, um das sich einige Frauen versammelt haben, um Stöcke und Steine mit bunten Stiften zu verzieren. »Wir bemalen, was der Wald uns schenkt«, sagt Louise Livskraft, die diesen Naturkunst-Workshop organisiert. »Die Wildnis gibt gerade uns Frauen so viel Kraft und lässt uns frei und mutig werden. Das wollen wir hier gemeinsam zelebrieren.« Auch wir lassen uns am Feuer nieder und bemalen jede einen Stein. Während wir uns ein wenig vom Festivaltrubel entspannen, geraten wir in einen fast meditativen Zustand. Louises Stimme holt uns zurück, als sie uns fragt, ob sie uns mit ein wenig Glitzer schminken soll, bevor sie alle dazu animiert, gemeinsam ein Mandala aus den bemalten Steinen zu legen.
Als der Himmel langsam in warmes Abendlicht getaucht ist, speisen Philipp, Victoria und ich Gemüsebowls und vegetarisches Smørrebrød. Die große Wiese vor dem Schloss hat sich mittlerweile in ein Freiluftkino verwandelt. Vor dem Schlossgraben wird das Banff Mountain Film Festival gezeigt. In Daunenjacken gehüllt und auf Campingstühlen sitzend, lassen wir uns von Kurzfilmen über Skitouren, Kletterabenteuer und Mountainbike-Trips inspirieren, während hier und da Hände in Chipstüten knistern.
Unterwegs im Nationalpark
»Kommt, wir suchen uns noch ein Feuer«, sagt Philipp, nachdem die Vorstellung gegen Mitternacht beendet ist. Viele Flammen sind schon erloschen, an einigen sitzen die Menschen so eng beieinander, dass wir keinen wärmenden Platz mehr ergattern können, ohne zu drängeln. In einer Ecke entdecken wir noch ein wenig rote Glut und werfen ein paar danebenliegende Scheite hinein. »Hey, das ist mein Feuer«, hören wir eine Stimme hinter uns. »Darf ich mich dazusetzen?« Sie gehört Linus Solbrecht, der ein Pfadfindercamp in Skjoldungernes Land leitet und mit einer Horde Kindern hier zeltet. Er wollte auf seinem Holz morgen Pfannkuchen braten, betont jedoch, dass er sich über Gesellschaft freut. So verbringen wir den restlichen Abend an unseren erbeuteten Flammen in angeregter Unterhaltung über das Pfadfinden in Dänemark.
Früh am Sonntagmorgen nehmen wir an einem Lauf teil, um auch den Nationalpark Skjoldungernes Land zu erkunden. Auf schmalen Waldpfaden geht es, zu unserer Überraschung, nicht selten steil bergan, vorbei an weiß-grünen Teppichen aus duftendem Bärlauch. Der 2015 gegründete Nationalpark ist einer von nur fünf offiziellen in Dänemark. Schwitzend passieren wir alte Weideflächen und idyllische Bachtäler, und wenig später das Sagnlandet Lejre, in dem man mehr über die historisch spannende Gegend mit ihren alten Wikingersiedlungen erfahren kann. Als wir mit hochroten Köpfen zurück zum Gelände kommen, sind wir uns einig: Die dänische Art, Natur zu erleben, ist offen, schweißtreibend, meditativ, mutig, bunt und fröhlich in einem.