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Natur des Nordens

Schwedens Amazonas

Der Konflikt um die bergnahen Wälder in Schweden besteht schon lange. Nun geht er in die finale Schlacht. Eine Skitour durch das Töfsingdalen in Dalarna, um ein umstrittenes Ökosystem hautnah zu erleben.

Die Wintersonne wirft goldenes Licht auf die schiefen Kiefern an den Stränden des Sees Hävlingen. Linda und ich laufen auf unseren Skiern über das schneebedeckte Eis nach Süden, weiter hinein in die Bergwelt, die das Grenzgebiet zwischen dem nordwestlichen Dalarna und dem südlichen Härjedalen bildet. Am Übergang zum See Särsjön ist das Eis offen. Das Sonnenlicht glitzert in der plätschernden Strömung. Wir umrunden die Stelle und gelangen zu dem Schild, das den Eingang zum Nationalpark Töfsingdalen südöstlich von Hävlingen markiert.

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In dieser bewaldeten Wildnis gibt es keine Trails, also rutschen wir auf der unberührten Schneedecke und zwischen Baumstämmen hindurch. Die Kiefern scheinen wie Statuen eines Kampfes gegen karge Elemente. Ich schaue hoch zu den flachen Baumkronen. Hier gibt es mehrere Steinadlerreviere. Die Vögel bauen gerne ihre Nester in den alten Bäumen. Anstelle von Adlern tauchen zwei Moorschneehühner auf, die schnell wieder das Weite suchen. Auf einem trockenen Kiefernstamm entdecken wir die lindgrüne Wolfsflechte, die wirkt, als leuchte sie selbst. Im Rest Schwedens ist diese Art selten, aber hier im Töfsingdalen kommt die Strauchflechte häufig vor.

Wenige Pfade führen durch das Töfsingdalen, das eines der ältesten geschützten Waldgebiete Schwedens ist.

Einzigartiger Naturwert

Weiter geht es am Ostufer des Särsjön entlang, während die Sonne über Storvätteshågna, Dalarnas höchstem Berg auf der anderen Seite des Tals, untergeht. Beim Skifahren durch das Töfsingdalen finden wir uns in einem viel diskutierten Ökosystem wieder. Was als bergnaher Wald bezeichnet wird, besteht aus den weitgehend kahl geschlagenen, ausgedehnten Wäldern entlang der schwedischen Bergkette vom Nordwesten Dalarnas, wo wir uns befinden, bis hinauf zu den Bergen Lapplands. Das Gebiet wird Schwedens Amazonas genannt – und hat die gleiche Fähigkeit zu polarisieren.

Sachte bewegen wir uns vorwärts, in diesem wilden und stillen Wald.

Seit mehreren Jahrzehnten flammen Konflikte zwischen Kräften auf, die die Abholzung des Waldes zulassen, und solchen, die den Baumbestand schützen wollen. Ende letzten Jahres gab es einen umstrittenen politischen Vorschlag, der das Finale des Kampfes bedeuten könnte. Die schwedische Regierung hatte 2019 eine Untersuchung des Waldes in Auftrag gegeben, die im November des Folgejahres abgeschlossen wurde. Die Zukunft des schwe- dischen Waldes wird in einem tausendseitigen Gutachten diskutiert. Gegen Ende wird ein mutiger Vorschlag präsentiert: Der Staat soll 14 Milliarden Schwedische Kronen in den Kauf und Schutz eines 1 000 Kilometer langen Waldgürtels entlang der schwedischen Bergkette investieren. In der Untersuchung heißt es: »Die verbleibenden zusammenhängenden Naturwälder, innerhalb und auch in unmittelbarer Nähe des Fjälls, haben einzigartige Bedeutung für das Ökosystem und Schweden hat eine internationale Verantwortung, diese zu bewahren.« Heute steht etwa die Hälfte des Waldes in der Nähe der Berge in Schweden unter Naturschutz. Sollte der Vorschlag in die Tat umgesetzt werden, wird eine weitere halbe Million Hektar Wald geschützt.

Im Winter trägt die Schneedecke an den meisten Stellen, aber hier und da muss man damit rechnen, einzubrechen und sich aus dem Tiefschnee wieder hervorzustrampeln.

Lennart Bratt, Naturschutzbeauftragter der Kreisverwaltung in Dalarna, gehörte zu denen, die im Zusammenhang mit der Walduntersuchung die Naturwerte der Wälder kartierten. Vor unserer Fahrt ins Töfsingdalen haben wir mit ihm gesprochen. »Das wirklich Tolle ist, dass es in der Nähe der Berge so viel alten Wald gibt. Von üppigen Fichtenwäldern bis hin zu kargen Kiefernwäldern ist alles dabei. Gemeinsam ist ihnen, dass sie von der Forstwirtschaft unberührt geblieben sind«, sagt Lennart, der überrascht war, wie viel alten Wald es gab. In Dalarna wurde ein Großteil des Fjälls unter Naturschutz gestellt, aber es geschah zu einer Zeit, als das Land nicht viel Geld hatte, um Waldbesitzer für die Abgabe ihrer Ländereien zu entschädigen, sodass das Reservat nur einen Teil des Waldes umfasst.

Die Kiefern scheinen wie Statuen eines Kampfes gegen karge Elemente.

Töfsingdalen ist eines der am längsten geschützten Waldgebiete. Der Nationalpark wurde 1930 gegründet, aber schon vorher wurde der Wald unberührt gelassen. Umgeben von Bergen ist das Tal schwer zugänglich. Die Lage macht ihn auch zu einem der am wenigs- ten besuchten Nationalparks in Schweden.

Königreich der Vielfrasse

Am nächsten Morgen sind wir mit Peter Wallin verabredet. Er arbeitet als Naturschützer in der Kreisverwaltung und verbringt die Tage damit, Raubtiere zu verfolgen. Jetzt im Winter ist es der Vielfraßpfad, der ihn interessiert. »Mit Glück sehen wir vielleicht ein paar Spuren. Normalerweise kommen sie hier ab und zu vorbei«, sagt Peter, der als einer von wenigen regelmäßig im Töfsingdalen unterwegs ist. Um in einen anderen Teil des Nationalparks zu gelangen, folgen wir Peter auf unseren Skiern hinauf auf den Bergrücken Olåsen. Nach einigen Kilometern durch lichten Bergbirkenwald und einigen Stürzen im Tiefschnee gelangen wir zwischen Fichten und Kiefern wieder hinab. Bald lichtet sich der Wald und der See Töfsingen liegt vor uns. Unten, am offenen Wasser der Bucht, gurgelt seine emsige Strömung. »Jetzt sind wir im Reich des Vielfraßes angekommen«, sagt Peter. Stattliche Fichten prahlen mit ihrem Anlitz entlang des Strandes und in der Ferne thronen die kahlen Berge. Die menschenscheuen Tiere können sich hier frei entfalten. »Hier und da liegen Bären im Winterschlaf«, sagt Peter, der den Tag damit verbringen wird, nach alten Vielfraßen zu suchen.

Während er auf seinem Weg über den See verschwindet, fahren Linda und ich Ski zur Mündung des Flusses Töfsingån. Unser Plan ist es, den Nationalpark zu durchqueren und dann seiner Westgrenze nach Norden zu folgen. Wir schlagen eine westliche Richtung ein und fahren in das Niemandsland des Töfsingdalens.

Erzwungene Wildnis

Die Durchquerung des Nationalparks erfordert eine gewisse Geduld. Im Sommer machen die unzähligen Felsbrocken Wanderungen zeitaufwendig. Jetzt können wir auf einer Schneedecke über das unebene Gelände schweben. Doch hin und wieder bricht die vermeintlich tragende Decke ein und wir versinken im metertiefen Schnee. Hier üben wir uns darin, die kleinen Dinge zu sehen. Die vergrabenen Felsbrocken, die manchmal ganz weiß glitzern. Die spitzen Fichten und knorrigen Bergbirken. Oder das graue Holz der Kiefern, die sich majestätisch in den Himmel recken. Wir bewegen uns langsam vorwärts im wilden und stillen Wald. Nach etwa einer Stunde erreichen wir eine Lichtung. Die Sonne steht hoch über den Baumwipfeln. Der Schnee ist bis auf Tierspuren, die gelegentlich den Weg kreuzen, unberührt. Waldhase, Marder und Auerhahn sind einige, von denen wir vermuten, dass sie hier vor uns langgestreift sind, aber es gibt sicher noch viele weitere Tiere in der Nähe, ohne dass wir sie bemerken. Der Bergwald ist für viele überlebenswichtig.

Der Schnee ist bis auf Tierspuren, die den Weg kreuzen, unberührt.

Die neueste Rote Liste der vom Aussterben bedrohten Tiere und Pflanzen umfasst zwei- tausend waldabhängige, von denen mehrere in bergnahen Wäldern heimisch sind. Lennart sagt, dass viele Arten, die früher in ganz Schweden verbreitet waren, jetzt hauptsächlich im Nordwesten des Landes zu finden sind. »Im Bergwald haben sie ein Refugium, in dem sie sich nun so häufig aufhalten, wie sie es zuvor in tiefer liegenden Wäldern getan haben.« Viele Biologen glauben daher, dass der Vorschlag der Walduntersuchung zum Schutz dieser Regionen einen wichtigen Beitrag zum Überle- ben vieler Arten leisten kann. Darüber hinaus ist es eine Chance, einzigartige Ökosysteme zu erhalten. »Rein biologisch betrachtet, ist es ein Traumort. Hier gibt es so viel zusammenhän- genden Wald, dass man ein ganzes Ökosystem schützen kann anstelle einzelner Fragmente«, sagt Lennart.

Skeptische Waldbesitzer

Gleichzeitig hat der Vorschlag zu vielen Debatten geführt, darunter das Tauziehen zwischen der schwedischen Umweltpartei einerseits und der Zentrumspartei andererseits. Forscher war- nen davor, dass die Maßnahme dazu führen könnte, dass andere Schutzwälder im Rest Schwedens in Vergessenheit geraten. Viele Waldbesitzer sind kritisch.

Vor der Fahrt nach Töfsingdalen habe ich auch mit Sven Erik Hammar gesprochen, der im Vorstand der Waldbesitzervereinigung Mellanskog sitzt und in Funäsdalen, ein paar Kilometer nördlich, Wald besitzt. »Es würde den Einheimischen in den Regionen rund um das Fjäll den Boden unter den Füßen wegziehen«, sagt er. Laut Sven Erik wird der Wald rund um den südlichen Teil des Gebirges seit Langem kultiviert und ist für viele Bauern lebensnotwendig. Daher ist es irreführend, die Wälder als unberührt zu bezeichnen. Der Wald und die daraus resultierenden Einnahmen sind auch heute noch von zentraler Bedeutung für die lokale Wirtschaft. »Sollte der Vorschlag Realität werden, hätte das für viele Waldbe- sitzer umfassende Konsequenzen«, sagt er. »Dann werden sie weitgehend ihrer Existenzgrundlage entledigt. Viele unserer Mitglieder leben und arbeiten auf ihrem Waldland. Daher ist es nicht interessant, ein anderes Waldstück im Austausch zu bekommen.«

Die Baumkronen von Töfsingdalen

Was auch immer die Zukunft für den Bergwald als Ganzes bereithält, es gibt heute viele Schutzgebiete, die man erleben kann. Für uns dauert die Erfahrung etwas länger als geplant. Nachdem wir ein paar Stunden durch das Töf- singdalen gefahren sind, stellen wir fest, dass wir vom Kurs abgekommen sind. Storvättes- shågna ist nicht mehr sichtbar und ein Blick auf den Kompass zeigt, dass wir uns mehr nach Süden als nach Westen bewegen. Nach einer Korrektur müssen wir uns eine steile Höhe hinaufkämpfen. Schon bald ertönt ein lebhaftes Geräusch aus den Baumwipfeln. Es ist ein Unglückshäher, der aufgeregt zwitschert, als möchte er uns anspornen und gibt uns damit die dringlich benötigte Energie.

Etwas später hören wir endlich das Geräusch von plätscherndem Wasser. Wir erreichen den Fluss Storån, der die westliche Grenze des Nationalparks bildet. Nun wenden wir uns nach Norden und folgen dem Flussufer. Auch hier müssen wir uns unseren eigenen Weg bahnen und es wird bereits dunkel, als wir wieder in Hävlingen sind. Wir kochen im Schein des Feuers und sehen, wie die am Nachmittag eingezogenen Wolken verschwinden und einen funkelnden Sternenhimmel enthüllen.

Am nächsten Morgen scheint wieder das Sonnenlicht auf die Zeltwand. Draußen hat sich Raureif über die Landschaft gelegt, die in der Morgensonne funkelt, als wir unseren Kaffee trinken. Nach dem Packen beginnt die Skitour zurück nach Grövelsjön. Oben auf dem Långfjället drehe ich mich um und blicke zurück auf die Baumkronen des Töfsingdalens. Aus einer Entfernung wie dieser kann man sich den Reichtum kaum vorstellen, der in dem Waldgebiet zwischen den Bergen herrscht, aber mit dem Gestern in frischer Erinnerung wissen wir es besser.

Töfningsdalen

Der Nationalpark wurde 1930 eröffnet und besteht aus einem bewaldeten Tal zwischen den Bergen im Norden von Dalarna. Einige Bäume sind bis zu 500 Jahre alt. Das Gelände ist mit Felsbrocken gespickt, die eine Wanderung hier zeitaufwendig machen. Im Winter ist es einfacher, sich im Park auf Skiern fortzubewegen, aber es gibt keine festen Wanderwege. Der wilde Charakter der Landschaft schafft Lebensraum für Bären, Vielfraße und Steinadler. sverigesnationalparker.se

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