Wildnis in der Stadt
Das Verweilen in der Wildnis reduziert Stress und stärkt unser Wohlbefinden. Da immer mehr Menschen in Göteborg leben, wird städtische Natur wichtiger denn je. Doch damit Parks und Wälder ihre Wirkung entfalten können, müssen sie mehr sein als nur Grün.
Eine leichte Brise aus Nordwesten lässt das sommergrüne Schilf sanft rascheln, während die Morgensonne über dem Fluss wärmt. Eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen bewegt sich im Jubileumsparken mit leichten Schritten zwischen einem Klassenzimmer ohne Wände und einem Container voller Schwimmwesten hin und her. Hinter ihnen erhebt sich Göteborgs neues Wahrzeichen, der Karlatornet (dt. Karlaturm), als futuristischer Kontrast zu den alten, rostrot lackierten Kränen im Hafen Frihamnen. Die Kinder sind dabei, die Leinen loszumachen und in das Hafenbecken zu segeln. Sie sind nicht nur Schülerinnen und Schüler der urbanen Segelschule, sondern auch Teil eines stetig wachsenden urbanen Outdoor-Lebens, bei dem es der Stadt um die Investition in die langfristige Gesundheit ihrer Bewohnerinnen und Bewohner geht. Neuere Forschungen zeigen, dass der Zugang zu Natur im Alltag entscheidende Auswirkungen auf die psychische Gesundheit, das Stresslevel und das Gefühl sozialer Zugehörigkeit hat. Gleichzeitig zeigen Studien aber auch, dass es nicht ausreicht, mehr Parks anzulegen. Entscheidend ist, wie stark die Natur im Alltag unsere Sinne anspricht, welche Qualitäten sie hat und wie zugänglich sie wahrgenommen wird.
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Treffpunkt für alle
Göteborg wird oft als eine der grünsten Städte Europas bezeichnet, und Initiativen wie der 2021 offiziell eröffnete Jubileumsparken, der bis 2035 weiter ausgebaut werden soll, und Flytevi – ein international preisgekrönter schwimmender Kleingarten, der in Zusammenarbeit zwischen der Universität Göteborg und der Stadt entwickelt wurde – haben zweifellos zum grünen Profil der Stadt beigetragen. Der Jubileumsparken ist zudem das Ergebnis des Wunsches der Göteborger nach mehr Bademöglichkeiten und besserem Zugang zu Wasser und Natur. Er hat auch dafür gesorgt, dass das lange Zeit verlassene Hafenindustriegebiet im Nordosten von Göteborg einen regelrechten Aufschwung erlebt hat. Heute bietet der Park alles von Sauna und Bademöglichkeiten über Spielplätze bis hin zu Schwimmunterricht und Sommercamps mit Schwerpunkt auf Wasseraktivitäten. Im Herbst werden Outdoorkurse wie Schnitzen, Stockbrot backen und Feuermachen angeboten. Zudem gibt es auch einen Schrebergarten mit Blumen, Kräutern und Gemüse. »In diesem Sommer sind hier insgesamt 30 Personen beschäftigt«, erzählt Magnus Sjöberg, der den Jubileumsparken leitet. »Das wichtigste Ziel besteht darin, einen Ort zu schaffen, an dem es Aktivitäten für alle Altersgruppen und Niveaus gibt, an dem sich alle willkommen fühlen können.«
Jubileumsparken
Jubileumsparken liegt im Hafenareal Frihamnen direkt am Göta älv und ist Teil der nachhaltigen Stadtentwicklung Göteborgs. Eine Segelschule bietet im Hafenbecken Kurse an, um Wassersport im urbanen Raum zugänglich zu machen. goteborg.se
Nicht nur die Einwohner von Göteborg sehnen sich nach mehr Natur und grünen Treffpunkten im Alltag. Laut der Landschaftsarchitektin Louise Didriksson von White Arkitekter – einem der führenden Architekturbüros Skandinaviens im Bereich nachhaltige Stadtentwicklung und Design – wächst das Interesse sowohl national als auch international, auch bei Behörden, Wirtschaft und Wissenschaft. »Es ist allgemein bekannt, dass die psychische und physische Gesundheit des Menschen miteinander zusammenhängen und dass der Mensch Natur braucht, um sich wohlzufühlen«, sagt Louise. »Unser Nervensystem ist einfach darauf programmiert, in engem und regelmäßigem Kontakt mit ihr zu stehen, und wir wissen beispielsweise, dass schon der Anblick von Grün aus einem Krankenhausfenster einen positiven Einfluss auf Patienten hat.« Außerdem haben Kinder, die viel Zeit in der Natur verbringen, ein stärkeres Immunsystem und entwickeln sich besser als Kinder, die auf künstlichen Spielplätzen spielen. Nicht zuletzt haben die Gerüche der Natur eine Renaissance erlebt, und in einem laufenden schwedischen Forschungsprojekt wird derzeit untersucht, wie Düfte aus natürlichen Umgebungen in Städten auf uns wirken können. Im Gegensatz zu dem, was wir sehen und woran wir uns schnell gewöhnen, ist der Geruchssinn nämlich direkt mit den emotionalen und gedächtnisbezogenen Zentren des Gehirns verbunden – und scheint daher oft wirksamer zu sein als andere Sinne, wenn es darum geht, Stress abzubauen, die Aufmerksamkeit zu erhöhen und starke Erinnerungen zu schaffen.
Inklusion ist das A und O
»Damit Menschen jedoch die Natur in ihrer unmittelbaren Umgebung nutzen, sind viele Details entscheidend. Blumenbeete und ein schöner Brunnen auf dem Marktplatz reichen bei weitem nicht aus«, sagt Louise. Wie nah wir an der Natur wohnen, beeinflusst beispielsweise, wie oft wir mit ihr in Kontakt kommen. Die Faustregel 3–30–300, formuliert vom niederländischen Stadtforscher Cecil Konijnendijk, hat in der Stadtplanung zunehmend an Bedeutung gewonnen: Von seiner Wohnung aus sollte man mindestens drei Bäume sehen können, die Umgebung mindestens 30 Prozent Baumkronenbedeckung aufweisen und die Entfernung zum nächsten Grünbereich sollte 300 Meter nicht überschreiten.
»Nicht alle Menschen haben die gleichen finanziellen Möglichkeiten oder eine kulturell verankerte Beziehung zur Natur. Daher ist es wichtig, dass verschiedene Arten von Naturräumen berücksichtigt werden«, sagt Louise. »Begrünte Dachterrassen können ein attraktives Element der städtischen Umgebung sein, aber wenn wir inklusiv und regenerativ denken wollen, müssen wir Orte planen, die für eine breitere Bevölkerungsgruppe gedacht sind. Grün ist zudem nur eine Farbe. Die Frage ist, welche Art von Grün, welche Eigenschaften und welche Erlebnisse wir den Bewohnern bieten.«
Genau damit haben sich Forscher der Schwedischen Universität für Landwirtschaft intensiv beschäftigt. Sie haben unter anderem acht verschiedene Charakteristika identifiziert, die Planern helfen zu verstehen, wie Menschen die Natur nutzen und schätzen. »Manche suchen größere offene Flächen als Treffpunkt, während andere Abgeschiedenheit und Ruhe wünschen. Wichtig ist auch die Möglichkeit, sich zwischen verschiedenen Naturcharakteren innerhalb desselben Gebiets zu bewegen. Und die Geräuschkulisse darf nicht vergessen werden – um die Natur auch akustisch zu erleben, müssen wir dem Verkehrslärm entkommen können«, erklärt Louise.
Nicht jeder Wald wirkt sich positiv auf unsere Gesundheit aus.
Elisabet Olofsson ist Referentin bei der schwedischen Gesundheitsbehörde und verantwortlich für den Bereich Outdoor-Aktivitäten. Genau wie Louise weist sie darauf hin, dass ähnliche Prinzipien für stadtnahe Waldgebiete gelten. Nicht jeder Wald wirkt sich positiv auf unsere Gesundheit aus. Er muss bestimmte Eigenschaften haben. »Wir fühlen uns in einem eintönigen Wald, wie einem gepflanzten Produktionswald, einfach nicht so wohl. Menschen verweilen lieber in abwechslungsreichen Umgebungen. Es sollte Bäume unterschiedlicher Größe, eine gemischte Vegetation, Lichtungen und Aussichten geben. Und gerne auch die Nähe zu Gewässern«, erklärt Elisabet. »Damit mehr Menschen Lust haben, nach draußen zu gehen, muss der Wald auch als zugänglich und sicher empfunden werden. Wenn eine Eisenbahnlinie oder eine Straße quer durch ihn hindurchführt, ist das ein Hindernis, insbesondere für Menschen mit eingeschränkter Mobilität.«
Komplexe Fragestellung
Trotz des gestiegenen Interesses an Umweltfragen, mehr Wissen sowie etlicher Initiativen zeigen die Statistiken, dass die Grünfläche pro Einwohner in schwedischen Großstädten abnimmt. Insbesondere Göteborg ist eine Metropole, die zunehmend grauer wird. »Wenn Bäume in der Innenstadt gefällt werden, kommt es oft zu Protesten, aber in den Außenbezirken werden Fällungen meist stillschweigend durchgeführt«, sagt Louise.
Johan Rehngren, Stadtgärtner in Göteborg, ist der Auffassung, dass die Arbeit der Stadt zum Schutz der Natur und zur Begrünung solide und systematisch ist. Der Rückgang der Grünflächen, der in den letzten Jahren dennoch stattgefunden hat, hängt seiner Meinung nach mit der Entwicklung von Industriegebieten zusammen, darunter die Errichtung einer neuen Batteriefabrik auf bisher unbebautem Land. »Auch der Aufbau einer fossilfreien Produktion ist ein zentraler Bestandteil der Klimawende. In diesem Fall wurde die Notwendigkeit als wichtiger eingestuft als die Erhaltung des Naturgebiets. Wir müssen sowohl die Emissionen reduzieren als auch die Naturflächen in Stadtnähe erhalten – das sind schwierige Abwägungen«, sagt Johan. »Aber Göteborg bewirtschaftet die rund 4.700 Hektar Wald der Gemeinde seit mehreren Jahren ohne Holzeinschlag. Ergänzt wird das durch Naturschutzgebiete, die Outdooraktivitäten ermöglichen und gleichzeitig die biologische Vielfalt sowie die Ökosystemleistungen stärken. Das verschafft uns wichtige Vorteile wie saubereres Wasser und Umgebungen, die Gesundheit und Wohlbefinden fördern. Durch nachhaltige Forstwirtschaft werden die Widerstandsfähigkeit der Natur und die Erholungsmöglichkeiten für die Menschen verbessert.«
Auch Louise betont, dass der Schutz der städtischen Natur ein entscheidender Faktor ist, um sowohl den Verlust der biologischen Vielfalt zu verlangsamen als auch klimatischen Herausforderungen wie Hitzewellen und Überschwemmungen zu begegnen. Doch trotz der vielen Initiativen in Göteborg ist sie der Meinung, dass die Anpassung an den Klimawandel viel zu langsam voranschreitet und dass es Gesetze mit deutlich strengeren Anforderungen geben muss, um die Vegetation und den Boden ernsthaft schützen und wiederherstellen zu können. »In wasserreichen Städten wie Göteborg sollte in viel mehr schwimmende Flächen investiert werden. Riffe und Inseln können Erosion und Überschwemmungen verringern, die Pflanzen- und Tierwelt bereichern und uns Menschen einen einfacheren und attraktiveren Zugang zur Natur ermöglichen. Und während all diese Strategien und Statistiken in Besprechungsräumen diskutiert werden, wächst die nächste Generation in Segelbooten im Jubileumsparken heran. Denn hier weht nicht nur eine nordwestliche Brise, sondern auch der Wind der Möglichkeiten: Täglich wird die Natur für die Kinder zu einem selbstverständlichen Teil des Alltags.«