Wenn der Sommer in den Herbst übergeht und die Vorräte am reichsten gefüllt sind, wird in ganz Schweden das Erntefest gefeiert. In der alten Bauerngesellschaft war mickelsmäss (dt. Michaelistag) einer der Höhepunkte des Jahres, ein Fest, das oft mit ausgelassenen Feierlichkeiten und allem, was der Hof an Speisen und Getränken zu bieten hatte, zelebriert wurde. Die heutigen Erntefeste sind eine gute Gelegenheit, um frisch geerntete Produkte direkt von den Erzeugern zu kaufen, aber auch ein Anlass, um unbekannte Orte in der eigenen Umgebung zu erkunden – oder ganz neue Reiseziele in der Ferne zu entdecken.
Weiterlesen mit NORR+
Ab 1 Euro/Monat erhältst du Zugang zu allen Artikel und exklusiven Aktionen. Jetzt registrieren und einen Monat lang kostenlos testen.
Du bist bereits Abonnentin oder Abonnent?
Das Erntefest von Dalarna ist ein Wochenende Anfang September, an dem lokale Netzwerke in ganz Dalarna zu eigenen Festen und Märkten einladen. Eines davon ist Mat runt Siljan (dt. Essen rund um den Siljan). Landwirte, Lebensmittelhandwerker und lokale Produzenten rund um den größten See von Dalarna öffnen dann ihre Höfe, Gewächshäuser und Betriebe für Besucher. Viele Höfe laden auch Kunsthandwerker und Feinschmeckerläden aus der Region ein. Die Besucher können frei aus dem Programm wählen, sich selbstständig fortbewegen und so ihre eigenen kulinarischen Touren zusammenstellen.
Dalarna ist eine historische Provinz im Herzen von Schweden. Dalarna bedeutet „die Täler“, was sich auf die waldreiche, hügelige Landschaft rund um den Siljansee und den Dalälven beziehen lässt.
Die schwedische Bahn SJ fährt zu den größten Ortschaften Falun, Borlänge, Avesta und Mora. Von Stockholm nach nach Mora dauert es 3,5 Stunden.
Schmausen und Wandern
Unsere Tour beginnt in Björgården, zehn Kilometer nördlich von Rättvik. Der Hofladen hier ist eine Art Vorzeigeobjekt für die Kunst der Veredelung. In den Regalen stehen Marmeladen- und Konfitürengläser mit kreativen Geschmacksrichtungen wie Rhabarber/Rosa Pfeffer, Heidelbeere/Zitrone/Basilikum und Preiselbeere/Apfel/Zimt/Schnaps neben Chutneys, Säften, Salsas und anderen Produkten aus Beeren, Obst und Gemüse der Region. Alles wird in kleinen Chargen handwerklich hergestellt, ohne industrielle Zusatzstoffe.
Yvonne Björ
Hinter der Produktion steht Yvonne Björ, die sich vor 20 Jahren entschied, ihren Job als Unternehmensberaterin aufzugeben, um ihren Traum zu verwirklichen: mit handwerklich hergestellten Lebensmitteln zu arbeiten. Sie besuchte einen Kurs bei Eldrimner in Jämtland, Schwedens Zentrum für handwerklich hergestellte Lebensmittel, baute eine Marmeladenwerkstatt auf dem Hof und begann, Marmelade in französischen Kupfertöpfen zu kochen. Seitdem hat sie Preise sowohl bei schwedischen als auch bei nordischen Meisterschaften im Lebensmittelhandwerk gewonnen. Heute gibt sie selbst Kurse in traditioneller Marmeladenherstellung auf ihrem Hof. Yvonne ist auch Vorsitzende der gemeinnützigen Organisation Mat runt Siljan, die hinter der jährlichen Food-Tour steht. „Dies ist eines der besten Wochenenden des Jahres und eine fantastische Gelegenheit für uns, lokal produzierte Lebensmittel zu präsentieren“, sagt sie. „Wir möchten alle in Dalarna hergestellten Lebensmittel hervorheben und heißen daher alle willkommen, unabhängig davon, ob es sich um große oder kleine Produktionsbetriebe handelt.
Dies ist eines der besten Wochenenden des Jahres und eine fantastische Gelegenheit für uns, lokal produzierte Lebensmittel zu präsentieren
Auf dem Hof werden Pfannkuchen mit einem Buffet aus Marmeladen vom Hof serviert. Außerdem wird Tuttul, ein traditionelles weiches Fladenbrot, gebacken, und auf dem großen Außengrill werden Köttbullar (dt. Fleischbällchen) und hausgemachte Würstchen gebraten. Zu Ehren dieses Tages sind auch mehrere Lebensmittelhandwerker aus der Region zu Gast.
Lina Englund
Eine von ihnen ist Lina Englund, die kürzlich die Hofmolkerei Mor Linas getgård (dt. Mutter Linas Ziegenhof) gegründet hat. Mit 13 Jahren kam ihr die Idee, Ziegen zu halten, und vor ein paar Jahren erfüllte sie sich diesen Traum und begann, in der hofeigenen Mikromolkerei ihren eigenen Ziegenkäse herzustellen. Heute lebt sie mit ihrer Familie im Nachbardorf Born zusammen mit 17 Ziegen und 13 Zicklein, die in den Wäldern rund um den Hof weiden.
An einem anderen Tisch verkaufen das Ehepaar Isa und Mattias Dahls Microgreens, also Sprossen von Pak Choi, Rotkohl, Brokkoli und anderen Gemüsesorten, während ihre Tochter Lily Eier von den Hühnern der Familie verkauft. Das Ehepaar Dahls betreibt Microgreens Rättvik und züchtet die Sprossen im Keller ihres Hauses. „Wir bauen vertikal an, was im Vergleich zum konventionellen Anbau 90 Prozent weniger Wasser verbraucht. Und die Sprossen enthalten 40 Mal mehr Nährstoffe als fertiger Brokkoli”, sagt Mattias.
Wir fahren immer hierher nach Björgården und kaufen Skogslyckans Marmelade, weil sie süchtig macht
Christina Zuccotti und Mats Thureson aus Stockholm haben das Food-Festival rund um den Siljan bereits mehrmals besucht und haben viele Favoriten, zu denen sie immer wieder zurückkehren. „Wir fahren immer hierher nach Björgården und kaufen Skogslyckans Marmelade, weil sie süchtig macht. Sie wird aus Himbeeren, Preiselbeeren, schwarzem Pfeffer und Vanille hergestellt und schmeckt himmlisch zu Dessertkäse“, sagt Christina. Ein weiterer Tipp des Paares ist der Bauernhof Ickholmens außerhalb von Vikarbyn. „Dort kann man seine eigenen Köttbullar über dem Feuer zubereiten und Fleisch und superleckeres Gemüse vom Hof kaufen. Neben Björgården gibt es einen schönen Gemüsegarten und in Vikarbyn kann man die Weberei und den kombinierten Hut- und Einrichtungsladen mitten im Dorf besuchen, es gibt also mehr als nur Essen. Es gibt hier auch mehrere schöne Wanderwege. Auf dem Heimweg werden wir einen Weg rund um den Stångtjärnsberget außerhalb von Falun ausprobieren.”
Nicolina und Björn Daniels
Liebe ohne Küsse
Käse, Brot und Marmelade – vor der Molkerei Hansjö, einen halben Kilometer nördlich von Orsa, warten die wichtigsten Lebensmittel in ihren jeweiligen Marktständen. Das Sauerteigbrot stammt aus der neu gegründeten Bäckerei Levebröd in Våmhus und die Sanddornbeeren in der Marmelade von einem Paar aus Orsa, das sich auf die Kombination von Naturführungen und Sanddornanbau spezialisiert hat. Der Käse wird von Björn und Nicolina Daniels hergestellt, die seit 2019 die kleine Handwerksmolkerei Hansjö Mejeri betreiben. Auf dem Tisch vor ihnen liegt unter anderem Gulla, ein gereifter Hartkäse, der 2022 bei den NM i mathantverk (NM im Bereich Lebensmittelhandwerk) Gold gewann. „Wir haben viel daran gearbeitet, ihn zu entwickeln, daher war es unglaublich schön, so eine positive Resonanz zu bekommen“, sagt Björn. Er übernahm die Molkerei von seinen Eltern, die einen Milchviehbetrieb führten, und begann mit der Käseherstellung, um die Milchproduktion zu ergänzen. Heute leitet sein älterer Bruder Johan Daniels den Milchviehbetrieb, während Björn und Nicolina aus der ökologisch zertifizierten Milch-Käse und andere Milchprodukte herstellen.
Auf der anderen Straßenseite in Hansö hat Solsyran frisch geerntetes Gemüse aufgereiht und den Hofladen mit milchsauer vergorenen Produkten gefüllt. Und im Café neben der Molkerei gibt Frö, ein renommiertes Restaurant in Sälen, ein Gastspiel. Auf der Speisekarte stehen Gemüse von Solsyran, Gelberbsencreme und Joghurt aus der Molkerei, garniert mit Schweinebauch aus Leksand oder Grillkäse aus Hansjö. „Es ist schön, dass wir so gute Zutaten bei unseren Nachbarn kaufen können“, sagt Emma Ramirez und schenkt Frös hauseigenes Kombucha mit Krähenbeeren- und Rosengeschmack ein.
Emma Ramirez
In Tällberg werden wir vom Duft frisch gebackener Pfannkuchen und einem umgebauten rot-weißen Lieferwagen empfangen. „Wir haben Kuchen als Thema. Wir backen Kekse und Pfannkuchen. Außerdem rösten wir unseren eigenen Spezialkaffee, denn Kuchen ohne Kaffee ist wie Liebe ohne Küsse“, sagt Christina, die zusammen mit ihrem Mann Tony Holm das Kakstugan betreibt.
Christina und Tony Holm
Der Lieferwagen, ein Citroën HY aus dem Jahr 1965, steht vor dem alten Landladen von Tällberg, den das Paar vor zehn Jahren übernommen hat. Damals war das Haus dringend renovierungsbedürftig, aber jetzt verwandeln sie es in eine permanente Keksstube mit Café. Der Retro-Lieferwagen ist in der Zwischenzeit ein schwer zu schlagender Vertriebskanal. Ein paar Touristen halten an und bestellen an der kleinen Luke. Kurz darauf kommt Tony Holm heraus und serviert Citro(ë)ncrepes und eine „Falu röd”-Galette mit Falukorv in Form von Dalahästar. (dt. Den traditionellen Holzpferfden aus Dalarna).
Kuchen ohne Kaffee ist wie Liebe ohne Küsse
Ein paar Kilometer weiter nördlich, im Dorf Laknäs an der idyllischen Siljansvägen, werden wir von Emma und Johan Erkers begrüßt. Sie kamen auf die Idee, einen Hofladen zu eröffnen, nachdem sie festgestellt hatten, dass sie selbst nicht alles essen konnten, was sie anbauten. Sie begannen mit einem provisorischen Gemüsestand am Straßenrand und bauten kurz darauf das Holzlager des Hofes zu einem kleinen Selbstbedienungsladen um. Als auch dieser zu klein wurde, entschied sich das Paar für einen Neubau, was zu einem großen, roten, stallähnlichen Gebäude führte, das im vergangenen Jahr eingeweiht wurde.
Emma und Johan Ekers
„Es war eine große Investition, die uns etwas Bauchschmerzen bereitete, aber es hat alle Erwartungen übertroffen“, sagt Emma. Die Leute sind sehr an lokal produzierten Produkten interessiert, aber auch daran, mehr über den Anbau zu erfahren, und es ist so schön, dieses Wissen weitergeben zu können.
Um den Hof herum weiden 150 Kühe und Kälber, die den ehemals verwilderten Wald in offene Birkenweiden verwandelt haben und gleichzeitig die Felder düngen. Und im Hofladen werden Gemüse, Chutneys und Wurstwaren aus eigener Produktion mit Leksandsknäcke und anderen Produkten aus Dalarna angeboten. Dazu kommen Topfpflanzen und Herbststräuße aus dem Gewächshaus und der Schnittblumenanbau des Hofes.
Wie Touristen auf Entdeckungsreise
Unter den Besuchern von Erkers Lantgård treffen wir die Familie Günther aus Vikarbyn, die Tomaten, Blumen und Süßigkeiten gekauft hat. „Es ist so schön hier! Wir sind 2021 aus Deutschland hierher gezogen und fühlen uns immer noch ein bisschen wie Touristen auf Entdeckungsreise. Wir wollten irgendwohin ziehen, wo wir an einem See leben können und einen richtigen Winter und ein bisschen Kultur haben. Wir haben uns mit einer Karte hingesetzt und sind so in Vikarbyn gelandet.
Auf dem Silwagården auf Sollerön finden wir einen weiteren neu eröffneten Hofladen – gefüllt mit selbst hergestellten Marmeladen und Chilisaucen, Honig und lokalem Kunsthandwerk –, aber vor allem einen bezaubernden Garten mit Rosengängen, Gemüsebeeten, Gewächshäusern und Selbstpflück-Schnittblumen. „Das ist so viel besser geworden, als ich es mir jemals hätte träumen lassen. Manchmal muss ich mich fast in den Arm kneifen“, sagt Isabella Neyman, die sich während der Pandemie entschlossen hat, ihren Job im Gesundheitswesen aufzugeben, um gemeinsam mit ihrem Mann Magnus Skog Zeit für den Aufbau ihres Traumgartens zu haben.
An diesem Samstag ist der Garten von unzähligen lokalen Handwerkern und Künstlern bevölkert, die ihre Werke verkaufen. Außerdem werden essbare Handwerksprodukte in Form von Brötchen, Cupcakes und anderen selbstgebackenen Leckereien serviert, die mit frischen Blumen dekoriert sind. Die Schlange vor dem lindgrünen Café-Fenster im Stall ist lang. Und überall im Garten sitzen Menschen und genießen ihren Kaffee: unter einer schattenspendenden Weinlaube, zwischen üppigen Apfelbäumen und an der sonnigen Stallwand.
„Was für ein toller Tag! Ich kann mir keinen besseren Abschluss der Sommersaison vorstellen“, sagt Isabella Neyman.