Die Temperatur des Meerwassers liegt bei sieben Grad. Der Regen bleibt in der Luft hängen, und der Himmel zeigt ein hässliches Stahlgrau. Die Luft ist so kalt, dass beim Reden Dampfwölkchen aus dem Mund kommen. »Perfektes Tauchwetter!«, bemerkt der Taucher Palle Hultsbo ohne jede Ironie. Das Wichtigste ist, dass es nicht stürmt und dass die Unterwasserströmung nicht zu kräftig ist. Solange das Meer eisfrei bleibt, gibt es keine Probleme. Gerade heute sind die Bedingungen zufällig ausgezeichnet, und jeden Moment können die anderen Taucher eintreffen. Vorher geht Palle noch ins Hauptquartier, das sich in seiner Garage auf Hönö im nördlichen Schärengarten von Göteborg befindet. Hier drinnen ist schon seit Jahren kein Platz mehr für ein Auto. Stattdessen sind hier Taucherausrüstungen und ein paar Mopeds untergebracht.
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Die Organisation »Divers Against Ghost Nets« existiert seit 2019 und beschäftigt etwa 40 Personen. Aus reinem Idealismus säubern die Mitglieder die Westküste von alten Fischernetzen, Hummerfallen und anderen Fangutensilien, die im Meer verloren gegangen sind – sogenannte Geistergeräte. »Ich werde nie vergessen, wie ich zum ersten Mal ein altes Fangnetz fand, in dem 15 Krabben hängen geblieben waren, völlig sinnlos. Da wurde mir klar, welchen Schaden so etwas anrichten kann«, sagt Palle.
Die Welt, die wir hinterlassen
In unseren Meeren schwimmen mehr als 150 Millionen Tonnen Plastik herum, und der Müll, der mit Abstand am häufigsten vorkommt, besteht aus Plastiktüten und Fischereigerätschaften. Jedes Jahr nimmt die Menge an Plastik um fünf bis 13 Millionen Tonnen zu. In seiner Kindheit hatte Palle Hultsbo nicht viel fürs Tauchen übrig, aber die Erinnerung an die Geisternetze setzte sich in ihm fest. Viel später beschloss er dann gemeinsam mit seinem Tauchkameraden Jocke Johansson etwas dagegen zu unternehmen. Sie hatten gerade wieder mit dem Tauchen angefangen, und da konnten sie ebenso gut etwas Nützliches damit verbinden. Kurz darauf gründeten sie ihr ehrenamtliches Netzwerk.
Es ist ein schrecklicher Anblick – und genau diese Welt überlassen wir den Kindern
Jocke erzählt, dass er immer noch genauso betroffen ist wie am Anfang, wenn er Hummerfallen und andere Geistergerätschaften findet. »Wenn Tiere darin hängen bleiben und sterben, kommen andere Tiere, die sie auffressen. Wir haben Hummerfallen mit mehreren Schichten von Panzern toter Hummer gefunden, da hatten die Fallen mehrere Jahre draußen gelegen und ihr Werk verrichtet. Das ist dann fast wie ein geschlossener Kreislauf. Es ist ein schrecklicher Anblick, und wir werden diese Welt ja unseren Kindern und Enkeln hinterlassen,« sagt Jocke.
Heute lautet der Auftrag, bei Vinga, einem der bekanntesten Leuchttürme Schwedens, das Meer zu säubern. Die Taucher Christina Karliczek Skoglund und Pontus Edvardsson werden ebenfalls auf dem Tauchgang mit dabei sein, aber bevor wir aufbrechen, will Palle uns noch etwas zeigen. Auf einem Computerbildschirm öffnet er eine Karte mit Tausenden von Markierungen in verschiedenen Farben. Hier werden ständig große Mengen von Fischreusen, Netzen und Hummerfallen samt ihren Koordinaten eingegeben. Fanggerät, das noch im Meer liegt, wird in Blau markiert, schon geborgenes Material in Rot. Die Software heißt »GhostGuard« und ist Eigentum der Meeres- und Wasserbehörde. Palle war selbst Mitglied des Teams, das sie entwickelt hat. »Diese Karte hilft uns sehr. Hier können wir sehen, was weggeräumt werden muss und wo«, sagt Palle.
Nach den Regeln der EU sind Berufsfischer verpflichtet, den Verlust von Fanggerät binnen 24 Stunden an die Meeres- und Wasserbehörde zu melden. Viele von ihnen nutzen »GhostGuard«. Die Utensilien müssen außerdem mit dem Namen des Besitzers gekennzeichnet sein. »Aber das Problem mit den Geistergeräten hat sich in den letzten Jahren tatsächlich verschlimmert«, sagt Jocke. Moderne, schwer abbaubare Kunstfasermaterialien haben die Lebensdauer von Fangnetzen verlängert. In manchen Gebieten kann sich das negativ auf die Fischbestände auswirken. Auch für Vögel besteht die Gefahr, dass sie sich in den Netzen verfangen – und im schlimmsten Fall ersticken oder verhungern.
Nach Schätzungen von Forschern des Schwedischen Umweltinstituts IVL verschwinden jedes Jahr fast 150.000 Kilometer Angelschnur im Meer, zusammen mit vielen Millionen Haken und Angelbleien. Viele Bootsführer übersehen die Schwimmer der Hummerfallen und überfahren und zerstören sie aus Unwissenheit. Bei stürmischem Wetter kann sich Fischfangausrüstung auflösen, manchmal wird sie auch absichtlich im Meer verklappt.
Unter dem Meeresspiegel
Es ist Zeit zum Aufbruch. Im nächsten Hafen, ein paar Kilometer entfernt, wird den Tauchern dabei geholfen, ihre Sauerstoffflaschen, Schwimmflossen, Bleigewichte und Neoprenanzüge auf zwei Boote zu verladen. »Der Nachteil beim Tauchen ist, dass die Sachen so verdammt schwer sind«, sagt Palle. Er nimmt eine Plastikschlange vom Bootsdeck, die er dort hingelegt hatte, um Verschmutzung durch Vogelkot zu vermeiden. »Funktioniert erstaunlich gut«, erklärt er. Das Wetter ist graukalt, und es soll noch schlechter werden.
Eine halbe Stunde später treffen sich die beiden Boote vor dem Leuchtturm Vinga, den die schwedischen Liedermacher und Sänger Evert Taube, Lasse Dahlquist und Håkan Hellström besungen haben. Palle Hultsbo hisst die weiß-blaue Tauchflagge, die anderen Booten signalisiert, dass hier Taucher im Wasser unterwegs sind. Als Erster geht Pontus Edvardsson runter. Er hat kürzlich in batteriebeheizte Funktionsunterwäsche investiert, deshalb kann ihn das kalte Meerwasser nicht schrecken.
Christina Karliczek Skoglund nimmt ihre Kamera mit unter Wasser. Sie ist eine professionelle Taucherin und Naturfilmerin, die regelmäßig für BBC, National Geographic und SVT dreht, und sie nutzt jede Gelegenheit, um die Meeressäuberungen für die Social-Media-Auftritte des Netzwerks zu dokumentieren. Sie ist an kalte und zeitraubende Tauchgänge gewöhnt. »Ich habe zum Beispiel Dokumentarfilme über Haie in kalten Meereszonen gemacht. Da muss man sich viele Stunden unter Wasser aufhalten. Mein Rekord ist wohl, dass ich in Indonesien 80 Stunden lang Nacktschnecken gefilmt habe. Daraus wurde ein Beitrag von fünf Minuten«, berichtet Christina.
Als alle Taucher hineingesprungen sind, sieht man nur ein paar vereinzelte Frachtschiffe am Horizont. Nicht mal die Touristenboote sind um diese Jahreszeit draußen. Weil ich selbst auch Taucherin bin, juckt es mich in den Fingern, den anderen zu folgen, aber die Organisation schreibt vor, dass alle mindestens hundert Tauchgänge in schwedischen Gewässern absolviert haben müssen.
Herausforderungen im Wasser
Nach einer guten halben Stunde hat die Tauchmannschaft die erste Hummerfalle entdeckt. Eigentlich waren es sogar zwei, aber die andere lag zu tief unten und hatte sich außerdem in einem Kabel verfangen. Sie mussten sie bis zum nächsten Mal zurücklassen. Trotz ihres Fundes kommen sie mit leeren Händen zu den Booten zurück. Kein Wunder: Eine Hummerfalle wiegt 15 Kilo, und um sie nicht beim Schwimmen mitschleppen zu müssen, haben sie einen orangefarbenen Luftsack aufgeblasen, der die Falle an die Oberfläche trägt.
»Wir können nicht einfach jeden mit uns tauchen lassen, denn es kann gefährlich sein, eine Hummerfalle heraufzuholen. Die saust ab wie eine Rakete, und wenn du daran hängen bleibst, kommst du selbst mit hoch, und dann kannst du an der Taucherkrankheit erkranken. Wir nehmen es mit der Sicherheit sehr genau«, sagt Jocke. Die Taucherkrankheit kann eintreten, wenn ein Taucher zu schnell aufsteigt. Bei abruptem Druckabfall bilden sich Gasbläschen in Körperflüssigkeiten und -gewebe. Die Symptome reichen von Juckreiz über Lähmungen bis hin zum Tod.
»Manche, die uns helfen wollen, haben nur Erfahrung mit ›Cocktail-Tauchen‹ in Thailand. Sie kriegen einen Kälteschock, wenn sie hier ankommen und das Wasser nur ein paar Grad hat«, sagt Jocke. »Auch die Sicht ist eine Herausforderung«, ergänzt Palle. »Wenn wir Geisternetze oder Hummerfallen losreißen, werden Sedimente aufgewirbelt wie eine Wolke. Dann siehst du nichts mehr.«
Palle ist Flugtechniker und arbeitet heute als Qualitätschef in einer Helikopterwerkstatt. Er sieht Parallelen zwischen den Sicherheitsregeln in der Flugindustrie und beim Tauchen. Heute, sagt er, sei die Sicht sehr getrübt gewesen, aber ab 15 Metern sei es etwas klarer geworden.
Bedrohung durch Mikroplastik
Bald sind alle Taucherinnen und Taucher wieder oben und für heute fertig mit der Arbeit – bis auf Christina. Jocke ist nicht beunruhigt, er hat sie gerade noch gesehen. Er selbst gibt jedoch zu, dass er angefangen hat zu frieren. Die Wassertemperatur beträgt nur sieben Grad. »Meine Finger sind ganz blau, aber Erfrierungen habe ich jedenfalls nicht«, sagt Jocke.
Du siehst deine Hand nicht mehr vor Augen, trotzdem darfst du keine Panik haben
»Weißt du, was ich mache, wenn es kalt wird? Ich stelle die Heizung an«, sagt Pontus. Die anderen murmeln, dass er sich ruhig teure Gadgets kaufen soll, solange er noch keine Kinder zu versorgen hat. Im selben Moment taucht Christina wieder auf. Auch sie erzählt von der miserablen Sicht. Bevor alle für heute Schluss machen, schlendern sie zur Kaffeepause. Jocke hat aus Teig, der über Nacht gegangen ist, frische Brötchen gebacken und komplettiert sie mit Keksschokolade und Cola. Er bemerkt, das Problem mit der Geistergerätschaft sei nicht nur, dass Tiere darin festhängen, verletzt werden und sterben können – das Mikroplastik sei eine mindestens ebenso große Bedrohung für die Lebewesen im Meer.
»Alles, was da unten liegt, Fischernetze und andere Kunststoffteile, besteht ja aus Plastik. Es zersetzt sich am Ende zu Mikroplastik«, sagt er. Aus diesem Mikroplastik besteht ein großer Teil des Plastikmülls in den Weltmeeren. Es gibt heute kein einziges Gewässer mehr, in dem es nicht enthalten ist. Die mikroskopisch kleinen Plastikpartikel wurden sogar im Eis der Arktis entdeckt.
Die sichergestellte Hummerfalle wiederzufinden, ist kniffliger als gedacht. Der Tagesfund dümpelt da irgendwo mit seiner orangefarbenen Schwimmboje im Wasser, fragt sich nur wo. Der Wind hat etwas zugenommen, und es heißt, die Boje sei dadurch ein Stück abgetrieben worden. Jocke nimmt sich ein Fernglas zur Hand und späht mit zusammengekniffenen Augen über die Wasseroberfläche. Schließlich erblickt er sie, ziemlich weit draußen, zum offenen Meer hin.
Die jungen Leute, Christina und Pontus, bekommen den Auftrag, den glitschigen Käfig ins Boot zu hieven. Es stellt sich heraus, dass sich eine riesige Gang von Seescheiden darin angesiedelt hat. »Um einen Teil des von uns aufgefundenen Krams, den wir geborgen haben, kümmert sich die zugehörige Kommune. Vieles ist auch mit Namen gekennzeichnet, und die Leute sind froh und dankbar, wenn wir von uns hören lassen und ihnen mitteilen, dass wir ihr Gerät gefunden haben. Sie haben die Sachen ja nicht absichtlich verloren und kommen dann meist sofort her, um sie abzuholen«, betont Jocke.
Die jungen Leute bekommen den Auftrag, den glitschigen Käfig ins Boot zu hieven
Doch als die Taucher in den Hafen zurückgekehrt sind, zeigt sich, dass ausgerechnet auf dieser Hummerfalle der Name des Besitzers fehlt. Sie scheint auch schon länger auf dem Meeresgrund gelegen zu haben. Seit dem vorigen Jahr ist es nämlich vorgeschrieben, dass derartige Fallen mit sogenannten Fluchtlöchern versehen sind, mit Baumwollgarn, das sich nach einiger Zeit im Wasser auflöst. Die Fluchtlöcher sind eine Art Notausgang für Tiere – falls die Falle verloren geht oder vergessen wird. »Diese Lösung scheint tatsächlich zu funktionieren. Außerdem war die Küstenwache knallhart bei ihren Kontrollen, was wir sehr gut finden«, berichtet Jocke.
Wenn Jocke gerade nicht taucht, ist er immer wieder auch mit der Transport von Gefahrgut beschäftigt. Er hilft Unternehmen dabei, alles, was brennbar ist oder explodieren kann, unter sicheren Bedingungen zu befördern. Pontus wiederum arbeitet bei der Svenska försvarsmakten (dt. Schwedischen Streitkräften). »Ich dachte nicht, dass es besonders viel Spaß machen würde, rumzuschwimmen und verlorengegangene Fanggeräte zu suchen«, sagt er, »aber schon nach dem ersten Tauchgang hat sich mein Blick darauf völlig geändert. Es ist eben mehr als nur Tauchen, wenn man sich gleichzeitig für etwas Sinnvolles, für den Schutz des Meeres und seiner Lebewesen, einsetzt.«
Müllsammeln ist Trend
Jetzt heißt es für die Taucherinnen und Taucher nur noch, die gesamte Taucherausrüstung abspülen und die Koordinaten für die zurückgelassene Hummerfalle notieren, dann ist das Pensum für heute erfüllt. Jocke erzählt, dass »Divers Against Ghost Nets« auch Strandsäuberungen wie Müllsammeln und andere Reinigungsaktionen an den Küsten organisiert, für die man keine Tauchkenntnisse braucht und an denen die breite Masse teilnehmen kann.
Sie sind aber bei weitem nicht die Einzigen, die Freizeit, Sport und Müllsammeln kombinieren: Das Ganze hat sich schon fast zu einer Massenbewegung entwickelt. Organisationen wie »Håll Sverige Rent« (dt. Haltet Schweden sauber) veranstalten seit Jahrzehnten ihre Aktionstage und haben Jahr für Jahr mehr Zulauf. Das Konzept, das sich »plogga« nennt, zusammengesetzt aus »plocka skräp« (dt. Müllsammeln) und »jogga« (dt. Joggen), existiert in Schweden schon lange, und es wird allmählich auch in Ländern wie Deutschland, den USA oder Indien populär. Es gibt übrigens auch spezielle Magneten, die Privatpersonen anwenden können, um Metallschrott aus Gewässern zu fischen. Und die Vermieter von Kajaks, Kanus, SUP-Boards oder Taucherausrüstungen gewähren verschiedene Rabatte, wenn man einen Teil seiner Zeit im oder auf dem Wasser aufs Müllsammeln verwendet.
Wenn Jocke sich an einem schönen Sommertag mit seiner Familie am Strand aufhält und in einiger Entfernung Plastik herumliegen sieht, hält es ihn nicht länger auf seinem Handtuch. »Wir fahren ja manchmal mit unseren Kindern zum Baden ans Meer, aber dann wird es uns bald zu langweilig, bloß tatenlos in der Sonne zu braten, und wir machen uns ans Müllsammeln. So ist das eben. Wenn man einmal damit angefangen hat, kann man nur schwer wieder aufhören.«