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Geteilte Liebe

Zwischen Nordsee und Ringkøbing Fjord an der dänischen Westküste liegt Hvide Sande, wo alte Fischertradition auf junge Surfkultur trifft. Immer mehr kreative Köpfe lassen sich hier nieder und ermutigen andere, es ihnen gleichzutun.

Der Wind kommt von Westen. Er trägt den Geruch von Tang, Salz und feuchtem Holz, während er über die Mole und durch das kleine Hafenviertel fegt, in dem Möwen auf den Pollern hocken und Fischer ihre Netze flicken. Draußen auf dem Meer liegen Surfer auf ihren Brettern und warten auf die beste Welle. Auf der einen Seite die Nordsee, auf der anderen der Ringkøbing Fjord und dazwischen ein schmaler Streifen Land, vom Wasser umspült, vom Wind geformt. Hier liegt Hvide Sande – ein Ort, an dem Menschen und Meer offensichtlich unentwegt in Bewegung sind.

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Hvide Sande, mit seinen 3000 Einwohnern, liegt in Westjütland. Der Hafenort entstand 1931, als der Kanal zwischen Nordsee und Ringkøbing Fjord eröffnet wurde. Heute lebt Hvide Sande von Fischerei, Tourismus und Wassersport. visitvesterhavet.com

Am frühen Morgen treffe ich Justus Schuberth am West Wind Surf Café am Südpier auf dem Parkplatz am Strand von Hvide Sande. In dem kleinen Surfverleih duftet es nach frisch gerösteten Bohnen. Draußen lehnen Boards an der Wand und die Neoprenanzüge auf den Kleiderbügeln warten darauf, von neuen Surfgästen übergestreift zu werden. Der Himmel hängt tief, der Wind hat über Nacht gedreht. »Es sind recht gute Bedingungen da draußen«, sagt Justus, der ursprünglich aus Hamburg kommt und hier in Hvide Sande von Mai bis Oktober Surfunterricht gibt. »Wir werden einige Wellen erwischen können.«

Im Café duften frisch geröstete Bohnen und draußen lehnen Boards

Keine von uns vier Schülerinnen ist das erste Mal auf dem Board, aber wir alle hoffen darauf, heute ein paar gute Tipps zu bekommen, um unsere Technik beim Wellenreiten zu optimieren. Und ich bin vor allem hier, um von Justus und einigen anderen, die sich in Hvide Sande niedergelassen haben, zu erfahren, was sie so lieben, an diesem Ort. Wir ziehen uns um, schnappen uns die Boards und laufen über die Dünen hinunter an den nahezu menschenleeren Strand, wo sich das Licht golden spiegelt. Der Blick streift über das glänzende Meer, das uns für einen Moment still werden lässt.

Die Liebe zum Meer

Der weiße Sand schmiegt sich weich um die Zehen, während wir uns am Strand aufwärmen. Auf unseren Brettern paddeln wir hinaus und ich erwische schon bald die erste Welle. Ich kann sie mir einfach schnappen, ohne darauf zu warten, dass ich an der Reihe bin. Denn außer unserem kleinen Trupp, der unter Justus Fittichen weilt, sind an diesem Spot nur zwei weitere Wellenreiter in etwas Entfernung zu sehen.

»Man könnte sagen, Hvide Sande ist die gechillte kleine Schwester von Klitmøller«, sagt Justus. In Klitmøller, dem kleinen Küstendorf in Nordjylland, auch bekannt als »Cold Hawaii«, lebten die Menschen früher, ähnlich wie in Hvide Sande, vom Fischfang. Heute prägt dort vor allem der Wassersport die Gegend. »In Klitmøller ist die Küstenlinie fast ungefiltert dem West- und Nordwest-Swell ausgesetzt. Hvide Sande liegt weiter südlich, am Nordeingang zum Ringkøbing Fjord, mit einem langen vorgelagerten Sandriff und Hafenmolen, die die Wellenenergie deutlich abschwächen«, sagt Justus, der mir auch erklärt, dass der Meeresgrund vor Hvide Sande aus wandernden Sandbänken besteht.

»Die Stimmung ist hier, im Gegensatz zu vielen anderen heiß umkämpften Revieren, wo sich die Surfer teilweise wegen der besten Welle in die Haare bekommen, viel entspannter. Hier freut man sich noch für den anderen, wenn er eine besonders gute Welle erwischt hat«, erzählt Justus, der auch einige Monate an den Küsten von Neuseeland und Australien verbracht hat und nicht nur Wellenreiter ist, sondern ebenso gerne kitet und windsurft. »Ich bin am liebsten jede freie Minute auf und im Wasser. Hier in Hvide Sande gibt es durch die Nordsee und den Ringkøbing Fjord unzählige Möglichkeiten sich auszutoben. Die Natur in Verbindung mit meiner Leidenschaft zum Wassersport formt für mich eine sehr hohe Lebensqualität.« Zu Hause in Hamburg arbeitet er als Ingenieur bei einem Camperausrüster und tüftelt an dem Bau eigener Surfboards, könnte sich aber vorstellen, einmal ganz nach Hvide Sande zu ziehen und sein Office mit Werkstatt ans Meer zu verlegen.

Die Werkstatt ist Café, Recyclinglabor und hipper Laden zugleich

»Es gibt unglaublich viele herzliche Menschen hier, die den Ort mit neuem Leben füllen. Und alle hier verbindet die tiefe Liebe zum Wasser«, sagt er, als wir in unseren nassen Neoprenanzügen aus der Nordsee zurück ans Land waten und in die Ferne schauen. »Hvide Sande lässt einen nicht mehr los.«

Die Kraft der kleinen Dinge

Am nächsten Morgen besuche ich Daniel Sano Mirecki in seiner Werkstatt, die gleichzeitig Café, Treffpunkt, hipper Laden und Recyclinglabor ist. Gemeinsam mit der Projektmanagerin und Surferin Katrine Kock Frandsen gründete Daniel im Jahr 2020 omhu: – einen Platz, an dem gestrandetes Plastik eine zweite Chance bekommt. Omhu: – ein dänisches Wort, das so viel wie »Achtsamkeit« bedeutet – wurde von Daniel und Katrine ins Leben gerufen, um am Strand angespültes oder herumliegendes Plastik wie leere Kanister, Seile und Flaschen zu reinigen, einzuschmelzen, zu pressen und in Becher, Schlüsselanhänger, Hundeleinen oder Surf-Finnen zu verwandeln.

In Daniels und Katrines kleiner Werkstatt surrt eine Handpresse aus Österreich. Sie funktioniert, bis auf die Heizelemente, ohne Strom, nur mit Muskelkraft. »Für eine Massenproduktion wäre das ungeeignet«, sagt Daniel, »aber für unsere Bildungsarbeit ist sie genial. Ich kann den Leuten direkt zeigen, wie Kreislaufwirtschaft funktioniert. Und dass das Plastik, das wir am Strand finden, keine wertlosen Abfälle sind, sondern eine Ressource, die wir verwenden können und sollten.« Er zieht ein glänzendes, blaugesprenkeltes Stück Kunststoff aus der Form – es sieht aus wie eine Welle und soll jetzt als Schlüsselanhänger fungieren. »Das war einmal eine Fischkiste«, sagt er. 22 Jahre lang war der ehemalige Schifffahrtsmakler aus Kopenhagen weltweit im Schiffsverkauf tätig. 2019 entschloss er sich zum Neustart: Er verkaufte seine Wohnung, gab das Büro auf und zog mit seiner Familie nach Hvide Sande. »Das Meer war schon immer Teil meines Lebens – aber ich wollte es nicht nur nutzen, sondern ihm auch etwas Sinnvolles zurückgeben. Ich wollte endlich ein Teil der Lösung sein, nicht des Problems«, sagt Daniel.

Gemeinsam gehen wir zum Strand hinunter, um nun selbst etwas von dem Plastik zu sammeln, das hier täglich angespült wird. Von Juni bis Oktober organisiert Daniel jeden Mittwoch ein Beach Clean-up in Hvide Sande, an dem jeder teilnehmen kann. Heute, an diesem Mittwoch im September, sind wir sechs Leute, die mit Eimern an den kleinen Strandabschnitt neben der Mole ziehen. »Jetzt im Herbst ist es ruhiger, aber im Sommer kommen manchmal bis zu 80 Menschen gleichzeitig. Von Familien mit kleinen Kindern, die hier im Ort wohnen über Surferinnen und Surfer hin zu Ferienhausgästen, die an ihrem Urlaubsort etwas Gutes für die Umwelt tun möchten. Das ist wirklich schön zu sehen«, sagt Daniel, der vor uns im Sand ein Plakat ausrollt, das die unterschiedlichen Plastikvorkommen am Strand zeigt. »Wir spielen heute Plastikbingo. Mal schauen, ob ihr von jedem dieser Teile etwas findet«, sagt er.

Ich wollte endlich ein Teil der Lösung sein, nicht des Problems

Zwischen Treibholz und Muscheln entdecken wir kaputtes Kunststoffspielzeug, Fischernetze, Plastiktüten, aber auch jede Menge Mikroplastik. »Diese kleinen Kügelchen sind leicht mit winzigen Steinen zu verwechseln«, sagt Daniel.

Daniel und Katrine wollen eine Gemeinschaft rund um das Reinigen der Strände aufbauen und es leicht zugänglich und spaßig machen. Bis heute haben sie gemeinsam mit all den Freiwilligen über 35 Tonnen Plastik eingesammelt. Ein Teil des Materials wird zu neuen Produkten upgecycelt, der Rest fachgerecht entsorgt. Das Projekt wird durch den Shop und lokale Partner unterstützt – getragen aber vor allem von der Begeisterung der vielen Sammlerinnen und Sammler, die sich regelmäßig an den Stränden von Hvide Sande treffen. »Man kann sich fragen, was es bringt, ein paar Stunden Müll zu sammeln«, sagt Daniel. »Aber wir wollen Menschen motivieren, etwas zu bewirken – egal, ob man ein Stück Kunststoff aufhebt oder es tonnenweise sammelt. Wichtig ist, das kleine Teil zu feiern, das man mitnimmt, statt auf all das zu schauen, was noch da draußen liegt«, sagt er. »Wir wollen einen Unterschied machen und Menschen eine andere Perspektive auf Umweltfragen geben. Unsere Arbeit sind viele kleine Bäche, aber gemeinsam werden wir zu einem reißenden Fluss.«

Kreative Community, die wächst

Wie Daniel Sano Mirecki hat auch Katrine Kock Frandsen Hvide Sande bewusst als ihre neue Heimat gewählt. »Es ist ein Ort voller rauer Naturgewalten, an dem das Wetter den Takt vorgibt. Wenn der Wind auf West steht, füllt sich der Ringkøbing Fjord mit bunten Windsurfsegeln, die über das Wasser gleiten. Der Rhythmus der Stadt folgt dem von Wind und Wellen«, erzählt sie, während wir in dem gemütlichen Café White Sands Surf & Coffee zwischen hipper Kleidung und Surfausrüstung gemeinsam Flat White trinken.

Neben omhu:, das sie zusammen mit Daniel betreibt, ist sie auch Teil des Organisationskomitees für das »WaterZ Festival«, Skandinaviens größtem Wassersportfestival, das in jedem Jahr Anfang September in Hvide Sande stattfindet. Beim »WaterZ Festival« treffen sich Surfprofis und Hobby-Wassersportler zu Wettbewerben im Windsurfen, Kitesurfen und Stand-Up-Paddling. Neben den Wettkämpfen gibt es Beach Yoga, verschiedene Streetfood Trucks und Workshops rund um das Meer. Gemeinsam mit omhu: stehen zudem Strandaufräum-Aktionen und Vorträge zum Thema Umweltschutz auf dem Programm. Abends gibt es spontane Lagerfeuer-Runden und eine Afterparty der Danish Surf Awards, wo viele neue Kontakte geknüpft werden.

»Locals, Surfer und andere Besucher mischen sich an diesen Tagen und es entstehen nicht selten neue Freundschaften. Unser Ziel ist es zwar, ein einzigartiges Wassersportfest zu schaffen, um unsere Region, die Natur und unvergessliche Erlebnisse zu verbinden. Aber das Herz ist die Gemeinschaft. Wir wollen, dass Menschen bleiben – nicht nur als Gäste, sondern als Teil unserer Community«, sagt Katrine.

Am Wasser musst du dich ständig auf neue Situationen einlassen

»Surfer müssen spontan und kreativ sein. Denn auf dem Wasser musst du dich ständig auf neue Begebenheiten einlassen und umdisponieren, wenn du deine Pläne nicht umsetzen kannst. Gibt es keine Wellen, kannst du vielleicht Windsurfen gehen. Flaut der Wind ab, steigst du spontan auf ein Stand-up-Paddle-Board um. Wir können noch viele weitere flexible, kreative Köpfe hier bei uns gebrauchen. Menschen, die für etwas brennen und Innovatives bewirken wollen. Viele kommen her, um die Wellen zu surfen – und merken, dass sie oft doch etwas anderes suchen. Vielleicht einen neuen Sinn im Leben.«

Inzwischen zieht Hvide Sande immer mehr Kreative an – Designer, Fotografen und Menschen, die gerne mit den Händen arbeiten. Einige kommen für eine Saison und bleiben für immer. Zwischen den Dünen entstehen Ateliers, kleine Werkstätten und Cafés. Es ist ein Netzwerk, verbunden durch den Wunsch, Arbeit, Natur und ein kreatives Lebenskonzept zu vereinen. Vielleicht ist das die eigentliche Magie von Hvide Sande: Es ist ein Ort, an dem Menschen Dinge bewegen wollen.

Durch die Klitplantagen

Am letzten Nachmittag möchte ich die Gegend rund um Hvide Sande noch aus einer anderen Perspektive erkunden und gehe mit meinem Hund durch die Blåbjerg Klitplantage, die südlich des Ortes liegt. Der Boden ist weich, mit Nadeln bedeckt, das Licht fällt schräg durch die Kiefern. Ich folge einem Wanderweg, der mir mit seinen gelben Punkten den Pfad durch die Landschaft weist. Weit und breit ist außer uns kein anderer unterwegs. Der Wind säuselt durch die Kronen. Ich streife weiter, vorbei an kleinen Seen und Heideflächen auf dem Sandpfad, der einen Dünenrücken hinaufführt. Von dem Aussichtspunkt Blåbjerg Klit, den wir nun erklimmen, kann ich das Meer glitzern sehen.

Als wir eine Stunde später wieder in Hvide Sande direkt an der Nordsee stehen, brennt der Himmel in allen Tönen zwischen Orange und Grau. Der Wind hat leicht aufgefrischt, Gischt sprüht über die Mole. In der Ferne entdecke ich eine Surferin, die sich bereit macht, um ihr Brett ins Wasser zu tragen und die beste Welle des Tages zu erwischen. Der Strand erscheint endlos und er berührt etwas tief in mir. Ich denke an Justus, Daniel und Katrine. Ich kann wirklich verstehen, warum die drei hier leben oder immer wieder hierher zurückkehren. Hvide Sande ist kein Ort, den man nur besucht. Es ist einer, der sich leise bei dir erkundigt, ob du wirklich schon wieder gehen willst. Und so ganz kann ich diese Frage auch noch nicht für mich beantworten.

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