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Natur des Nordens

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Radabenteuer Bjäre: Ein Abstecher ins Blaue

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Um alte Zeiten aufleben zu lassen, heckt Sara Paborn mit ihrer Schulfreundin die Idee aus, die Halbinsel Bjäre auf widerspenstigen Damenfahrrädern zu beradeln. Mit Badeanzug und Geldbeutel begegnen sie nostalgischen Momenten der Vergangenheit.

Anna und ich kennen uns seit dreißig Jahren. Am Anfang unserer Freundschaft spielte das Fahrrad für uns eine wichtige Rolle. Oft trafen wir uns auf halbem Weg – sie kam vom Land, ich aus dem Ort – auf quietschenden, aber bequemen Damenrädern. Sie waren die einzigen Transportmittel, die uns zur Verfügung standen. Mit dem Rad konnten wir lange Strecken zurücklegen, mal zum Strand, mal zu einem weit entfernten Fest. Als Motor brauchten wir nur unsere Beinmuskeln. Dann zogen wir nach Stockholm und alles änderte sich. Das Radfahren verlor seinen Reiz.

Im Großstadtverkehr ist man als Radler vor allem damit beschäftigt, Hindernissen auszuweichen, rote Ampeln auszutricksen und aufzupassen, dass man nicht überfahren wird. Immer mit dem gehetzten Keuchen anderer Verkehrsteilnehmer im Nacken. Lässt sich der unkomplizierte Genuss des Radfahrens zurückholen? Bietet der neue Fahrrad-Boom überhaupt noch Platz für uns, die sich nicht als Radsportler verstehen, sondern einfach nur gemütlich mit dem Drahtesel unterwegs sein möchten? Um die Sache zu ergründen, fassen wir einen altmodischen Fahrradurlaub ins Auge. Nicht mit Mountainbikes oder Rennrädern, sondern mit angemessen widerspenstigen Damenfahrrädern. Die Halbinsel Bjäre im Südwesten von Skåne ist das Ziel unserer Radferien.

Zweiwöchiger Zwangsurlaub

Unser Ausgangspunkt ist die Pension Enehall in Båstad. Nicht nur, dass man hier den letzten Hauch jener Ferienpensionskultur verspürt, die in Schweden vom Ende des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts so beliebt war. Gäste können sich in der Herberge auch Fahrräder leihen, die zwar fabrikneu und ambitioniert designt sind, zugleich aber schwer genug, um mit unseren Rädern von damals mitzuhalten. Während wir zur Probe eine Runde durch das Städtchen drehen, sinnieren wir über die Ursprünge des Radurlaubs. Anna, die am Historischen Museum in Stockholm arbeitet, weiß zu berichten, dass eine gewisse Besorgnis aufkam, als der schwedische Staat im Jahr 1938 den zweiwöchigen Jahresurlaub für alle einführte. Wie sollten die Menschen dieses Übermaß an Mü.iggang bewältigen? Der Schwedische Tourismusverein gab 1939 die Broschüre Zwölf Tage Ferien heraus, um die Bürger durch die freie Zeit zu lotsen und sie zu Bewegung an frischer Luft zu ermuntern, damit sie nicht in die Fänge des Alkohols gerieten. Wanderherbergen und neue Pensionen entstanden. Die schwedische Landschaft vom Sattel aus zu genießen, war ein billiges und erholsames Urlaubsvergnügen für jedermann. Es dauerte jedoch gerade einmal dreißig Jahre, bis Radferien mit Charterflugreisen und Autotourismus nicht mehr mithalten konnten.

Heute schwärmen die Menschen zwar wieder haufenweise in die Natur aus, oft aber mit teurer Ausrüstung und festem Plan. Anna und ich sind jedoch sicher, dass es immer noch viele Leute gibt, die ohne große Ansprüche die Natur erleben möchten, statt sie zu bezwingen. Zwei Tagestouren von jeweils dreißig Kilometern haben wir ausgetüftelt. Wir wollen nicht riskieren, uns zu verausgaben. Stattdessen möchten wir unterwegs öfter Pausen einlegen, um Museen, Hofläden, Gärten und andere schöne Dinge zu besichtigen. Außerdem wollen wir kleine Abenteuer einkalkulieren. Wenn wir plötzlich Lust haben, einen Abstecher zu machen, soll Zeit dafür da sein. Ein Teil der Strecke liegt auf dem Kattegattleden, dem ersten nationalen Radweg Schwedens. Die Route führt von Helsingborg im Süden bis Göteborg im Norden. Wir werden aber auch auf gewöhnlichen Landstraßen und kleinen lokalen Radwegen unterwegs sein und, wo möglich, durch den Wald radeln.

Die Künstler und die Königin

Nach dem Frühstück schwingen wir uns auf die Räder und radeln auf einen schönen Kiesweg, der am Meer entlangführt. Unsere Ausrüstung besteht aus Wasserflasche, Badeanzug und Geldbeutel. Durch dichten Laubwald geht es vorbei an traditionsreichen Villen. Nur das Knistern der Reifen auf dem Kies ist zu hören, ein seltsam beruhigendes Geräusch. Bei Norrvikens Trädgårdar, dem botanischen Garten von Båstad, machen wir halt, um die Blüte der Taschentuchbäume zu bewundern. Die Landschaft ist sehr hügelig, manchmal fühlt sie sich fast alpin an. Genau wie früher müssen wir immer wieder absteigen, um die Räder die steilen Hänge hinaufzuschieben. Vor uns breitet sich die blau schimmernde Meeresbucht aus und wir betrachten sie gemeinsam mit ein paar sanftmütigen Kühen, die hier oben weiden.

Nach einigen Kilometern entdecken wir das Birgit-Nilsson-Museum in Svenstad. Eine ganze Weile halten wir uns in den Räumlichkeiten auf, denn sowohl die Ausstellung zum Leben der bekannten Opernsängerin als auch ihr Elternhaus und das Café im umgebauten Stall ziehen uns in ihren Bann. Immer wenn Birgit Nilsson von ihren Welttourneen hierher zurückkehrte, pflegte sie, sich auf das Einfachste zu besinnen, schonischen Eierkuchen zu backen, die Hecken zu schneiden und die Fenster zu kitten. Nach Kaffee und einem riesigen Stück Schokoladenkuchen radeln wir weiter auf einem Weg, der nach Sönnertorp und Hånarp führt. Es wird wieder steil und bevor wir uns zu sehr anstrengen müssen, steigen wir ab und gehen ein Stück zu Fuß. In schweigendem Einverständnis halten wir am Hofladen Tant Grön, stöbern durch die feinen Köstlichkeiten, entscheiden uns für einige Käsesorten aus lokaler Produktion und, genau wie damals, für ein paar bunte Bonbons.

Ein spontaner Abstecher führt uns nach Drottninghall, etwas nördlich von Västra Karup. Königin Margaretas Fußabdruck soll hier in einer Felsplatte zu sehen sein. Nachdem sie aus ihrer Kutsche gestiegen war, wünschte sie, barfuß die Aussicht zu bewundern. Ein paar begeisterte Untertanen verewigten ihren Tritt. Inmitten einer nach Schafen riechenden Koppel finden wir die Felsplatte. Anna und ich setzen unsere Füsse in die sonnenwarme Fußspur der Königin. Als nächsten Stopp haben wir eigentlich die grasbewachsenen kleinen Steinberge Grevie Backar auserkoren. Aber was wäre ein Fahrradausflug, wenn man sich nicht auch mal verfährt? Statt in den Hügeln landen wir in der kleinsten Galerie der Welt, im Haus eines Mannes, der zufällig einige Plakate des Universalkünstlers Carl Johan De Geer besitzt. Anna und ich können uns nicht losreißen von den gesammelten Schätzen.

Gelbe Laibe und breite Sanddünen

Der Weg führt uns zum Hafen von Torekov. Nach einem Vanilleeis nehmen wir die zähe Steigung des Heimwegs in Angriff. Um acht Uhr abends legen wir uns wie zwei Seehunde in den Flutsaum am Strand von Båstad. Es ist erst Mai, aber fast so warm wie im August. Ein guter Tag, stellen wir fest, obwohl unsere Kondition nicht die beste ist. Aber spielt das eine so große Rolle? Wir haben die Tour genossen, erst recht, wenn es bergab ging. Am nächsten Tag wollen Anna und ich in die entgegengesetzte Richtung aufbrechen und radeln bis Östra Karup und weiter am Hallandsåsen entlang nach Hasslöv. Auf dem Weg liegt das Naturreservat Osbecks bokskogar, ein verwunschenes Waldgebiet. Unter den hellgrünen Blätterkronen schieben wir die Räder. Es wäre verlockend, tiefer und auf schmaleren Wegen in das frische Grün einzudringen. Dort aber darf man nicht radeln. So fahren wir stattdessen weiter zum Schloss Skottorp, wo es eine Käsefabrikation und eine Schokoladenmanufaktur gibt. In der Käserei duftet es süss nach Milch.

Wir gehen durch die Regale und betrachten die sattgelben Laibe. Später radeln wir, vorbei an Feldern und Scheunen, nach Mellbystrand, einem alten Badeort mit ausgedehnten Sanddünen. Es stürmt und wir sind ganz allein am Strand, der in ein bleiches Licht getaucht ist. Im Jahr 1881 wurde auf dem Fluss Lagan ein Dampfschiffverkehr eingerichtet, um badelustige Gäste herzubringen. Mit Pferdekutschen wurden sie zu den Fischerhütten chauffiert. Im Jahr 1910 genoss man im Badehaus erstmals erwärmtes Meerwasser und Tangkuren – das Spa der damaligen Zeit.

Der Weg ist das Ziel

Weiter geht es nach Skummeslövsstrand, wo es karger ist und das Meer seichter. Ein Stück weiter radeln wir auf dem Kattegattleden und kommen mit zwei Rennradler, Tom und Sebastian, ins Gespräch. Sie haben eine mehr als doppelt so lange Strecke zurückgelegt. Sollten wir uns das nächste Mal auch auf ein Rennrad trauen? Vielleicht hängen wir nur aus lächerlicher Sentimentalität so an unseren Damenrädern? Während die beiden weiterflitzen, parken wir unsere Räder am Strand, laufen hinaus in die Wellen und gehen im tiefen Blau des Meeres schwimmen. Wie damals, vor 30 Jahren, auf halbem Weg zwischen Land und Ort. Und spüren, dass wir alles richtig gemacht haben.

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