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Natur des Nordens

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Samische Begegnungen auf dem Wintermarkt von Jokkmokk

Seit es NORR gibt, ist der Hamburger Fotograf Lars Schneider für uns – und sich – in der nordischen Wildnis unterwegs. Diesmal hat er eine andere Mission: am Rande des Wintermarkts in Jokkmokk das samische Kulturerbe in Momentaufnahmen festzuhalten.

Schwedisch Lappland und die europäische Arktis sind für mich nichts Neues. Ich bin schon mehr als vierzig Mal hier gewesen. Fast immer unter der Voraussetzung, dass ich Abenteuer erleben wollte – weitab der urbanen Zivilisation. Ich war auf Skiern und im Kanu unterwegs oder bin gewandert, oft zu den abgelegensten Orten, die sich erreichen ließen.

Lange hielt ich das Gebiet Laponia in Schwedisch Lappland für Wildnis, für unberührte Natur. Und das, obwohl die Menschen diese Landschaft schon seit vielen, vielen Generationen als ihren Arbeitsplatz, ihren Hinterhof und ihren Spielplatz benutzen. Obwohl hier jeder Berggipfel, jeder See, jeder Bach und jedes Moor einen samischen Namen besitzt – und eine samische Bedeutung sowieso.

Laponia ist inzwischen von der Unesco als Weltkulturerbe ausgezeichnet worden. Aber was ist das für eine Kultur, die schon so lange in derselben Region existiert, seit 6 000 Jahren oder noch länger, und die doch kaum Spuren in der Naturlandschaft hinterlassen hat, keinen ökologischen Fußabdruck?

Ich habe den Eindruck, dass wir von dieser Kultur, der Kultur der Sami, lernen können. Lernen, weniger Fußabdrücke zu hinterlassen. Mehr im Einklang mit der Natur zu leben. Deshalb habe ich mich diesmal entschieden, in besiedelten Gebieten Schwedisch Lapplands zu bleiben. Ich bin nach Jokkmokk gefahren, eine kleine Gemeinde mit 4 000 Einwohnern, auf dessen Markt einmal im Jahr die Einwohner Lapplands eine Woche lang auf Besucher aus der ganzen Welt treffen.

Es soll eine Begegnung mit der samischen Kultur werden – und mit Menschen, die sie leben.

Vom Finanzierungs- zum Kulturevent

Es war der schwedische König Karl IX., der im Jahr 1605 bestimmte, dass hier ein Markt stattfinden sollte. Mitten im Wald und mitten in der kältesten Jahreszeit, sodass die Leute nicht weglaufen konnten, sondern herkommen mussten, um sich zu wärmen. So war es nämlich für die Vögte des Königs leichter, von den Sami Steuern für die Erlöse ihrer hervorragenden handwerklichen Produkte einzutreiben. Alle sollten ihren Beitrag zur Schatzkammer des Königs leisten, um weiträumige Kriege zu finanzieren – auch die friedlichen Nomaden im hohen Norden.

Heute ist der Markt natürlich etwas ganz anderes als ein Ort, an dem königliche Beamte die Finanzen der Sami umschichten. Heute fährt man selbst dorthin, um samische Künstler und Kunsthandwerker zu sehen, alte und junge, etablierte und solche, die schon als zukünftige Meister zu erkennen sind. An diesem Ort findet man das Kulturerbe, das im weiten Fjäll unsichtbar bleibt.

Während des Marktes läuft ein Programm mit Vorträgen und verschiedenen Arrangements rund um die arktische Kultur. Da geht es dann zum Beispiel um die arktische Gastronomie. Die Methoden der nordischen Nomaden, Speisen zuzubereiten, zu konservieren und zu transportieren, um sich das ganze Jahr durch mit gesunder Nahrung zu versorgen, haben eine ganz spezielle Küche hervorgebracht. Die heutige »New Nordic Cuisine« würde es ohne diesen Einfluss nicht geben. Und das derzeit so hippe »Nose-to-tail-Prinzip« bestimmt seit jeher die Essgewohnheiten der Sami: Nichts vom Rentier wird weggeworfen, alles wird verwertet. Schon immer.

Samische Kultur in der Gegenwart

Wer das erlebt und versteht, der begreift auch, warum diese Kultur in den vergangenen Jahrtausenden so wenige Spuren in der Natur hinterlassen hat. Und warum sie gleichzeitig so stark und präsent ist:

In dem feinen Kunsthandwerk, das man auf »Jokkmokks marknad« zwischen weltlichen Rock-’n’-Roll-T-Shirts, Zuckerwatte und Luftballons findet.

In den traditionellen Trachten, die nur zu Hochzeiten wie der Marktwoche getragen werden und sich in ihrer Zeitlosigkeit so selbstbewusst von der vergänglichen Funktionskleidung der Besucher abheben.

In der samischen Musik, die dank Künstlern wie Jon Henrik Fjällgren oder Sofia Jannok auch in der Mitte der schwedischen Gesellschaft angekommen ist und während des Marktes aus den zu Konzerthallen umfunktionierten Gebäuden klingt.

In dem so schmackhaften und stärkenden Mittagessen der samischen Volkshochschule, das ich mir gönne, als ich eine Pause von Kälte und Rummel da draußen brauche.

Und natürlich in den individuellen Erzählungen der Sami, denen ich in Jokkmokk begegnete und die mir einen Einblick in ihr Leben gewährten. Ein Leben, das nicht selten doppelbödig ist, weil die eigene Herkunft und Identität in der modernen skandinavischen Gesellschaft auch zu Konflikten oder Unsicherheiten führen kann. Wie im Fall von Sanne-Ristin, die mir erzählte, dass es immer eine samische Sanne-Ristin und eine schwedische Sanne-Ristin gab, während sie aufwuchs – aber dass sie dadurch auch immer mehr hatte als ihre nicht-samischen Freunde.

Ich habe das Gefühl, dass dieses Mehr für viele Sami der heutigen Generation überwiegt und wichtig ist. Ylva Pavval, eine junge samische Firmengründerin, berichtete mir von der Sicherheit, die ihr die Gruppe schenkt – die kulturelle Zugehörigkeit sei »eine Art soziales Auffangnetz«. Und als mir der Kunsthandwerker Niila Omma ein wenig handfester schilderte, wie die samischen Traditionen den arktischen Alltag prägen, klang das ziemlich stolz und fast ein wenig erhaben. Viele Menschen, so meint er, wüssten gar nicht mehr, wie man grundlegende Dinge macht, während das praktische Zurechtkommen für die Sami seit jeher zum Alltag gehört.

Die Geschichte weiter erzählen

Wenn man von einer Reise zurückkehrt, ist es nicht leicht zu beurteilen, ob man gefunden hat, was man suchte. Meistens wird man überrascht, im besten Fall verändert man sich ein wenig. Mich hat der Besuch in Jokkmokk tatsächlich beeinflusst, nicht weil der Markt als solcher besonders beeindruckend war, sondern weil gerade hier die kraftvolle samische Kultur so deutlich aus dem allgemeinen Rauschen der Konsumgesellschaft hervorsticht.

Es hat mich glücklich gemacht, das Selbstbewusstsein vieler junger Sami zu spüren und zu erleben, wie sie die Kultur, die Geschichte und das Verhältnis zur Natur weiter tragen. Davon können wir alle lernen.

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