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Natur des Nordens

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Schwedische Sehnsucht: Hüttenleben in der “Fjäll-Stuga”

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Holzgeruch und Etagenbetten, Kaminwärme und Plumpsklo – die Tür einer Berghütte ist wie das Tor in eine andere Welt, die von Brettspielen, Stricken und Gemeinschaft geprägt ist. Henrik Witt schildert seine ganz besondere Liebe zum Hüttenleben. Eine Liebeserklärung an die “Fjäll-Stuga”.

Eine Million Jahre später mault der Sohn, nachdem er nach dem letzten Sturz endlich wieder auf den Skiern steht. Ich selbst filme ihn dabei mit meinem Handy, statt ihm beim Aufstehen zu helfen – ganz wie sich das als gefühlskalter zeitgemäßer Vater gehört. Wir sind die Letzten in der Loipe und mein Sohn hat Blasen an den Füßen. Einige Stürze zuvor war er bereits den Tränen nahe und meine gesammelten pädagogischen Kenntnisse waren so gut wie aufgebraucht. Jetzt sind wir über zehn Kilometer gefahren und er ist ein Held. »Sollen wir am Supermarkt vorbeifahren und Süßigkeiten kaufen? Und dann gemütlich ein paar Folgen von Ferien auf Saltkrokan auf dem Sofa anschauen?«, frage ich. Seine Miene hellt sich auf und die letzten Kilometer sind plötzlich kein Problem mehr.

Dieses Jahr war es plötzlich so weit. Seit seiner Geburt machen wir jedes Jahr Hüttenurlaub – und nun kam der ersehnte Satz: »Papa, können wir nicht eine Langlauftour machen?« Die Pisten hatte er schon alle erfolgreich hinter sich gebracht und die Schneehöhlen rund um die Hütte waren fertig gebaut. Endlich wollte er selbst genau das machen, was ich am meisten liebe: mit roten Backen die frischen Winde des schwedischen Fjälls spüren. Da schlägt jedes Outdoor-Vaterherz gleich höher.

Vom Hüttenfieber infiziert

Die Hütten, die wir in den vergangenen Jahren gemietet haben, sind zahlreich. Leider haben wir keine eigene – doch das kann auch ein Vorteil sein. So können wir immer woanders hinfahren und neue Orte austesten. Wir waren bereits in Fjällnäs, Ljungdalen, Ramundberget und Lövåsen bei Grövelsjön. Oft ging es leicht hysterisch zu – mit Kindern, die auf dem Snowracer im Kamikazemodus die Pisten hinunterheizen, und kleinen kalten Händen, die zitternd versuchen, im Schutz einer vom Wind verwehten Tanne warme Schokolade aus der Thermoskanne zu trinken. Oder einem Vater, der mit Kind und Pulkaschlitten im Zickzack die Pisten hinunterkurvt – begleitet von fiesen Kommentaren der dort herumhängenden Jugendlichen. Am liebsten hätte er es ihnen mit gleicher Münze zurückgezahlt und laut »Macht euch vom Acker, ihr Lümmel!« geschrien, hielt sich jedoch dezent zurück. Auch verkohlte Würstchen am Lagerfeuer und heftig tropfende Apfelsinen – von den Kindern selbst geschält –, die dann aber leider ohne die dazugehörigen Servietten eingepackt wurden, gehören zu meinen Urlaubserinnerungen.

Sehnsucht nach Einfachheit

Es wird schon früh dunkel um diese Jahreszeit. Alles geschieht langsamer. Die Kleinen dürfen einen Film sehen und stopfen sich mit Chips voll. Die Großen begeben sich in die beleuchtete Loipe und machen eine kurze Tour, die den Puls nach oben schnellen lässt. Danach geht es in die Sauna, um die eingefrorenen Gelenke wieder aufzutauen. Der Hütten-Dresscode besteht aus langen Unterhosen und Wollsocken. Das Kochen darf gerne länger dauern – ein Glas Wein dazu ist auch nicht verkehrt. Es ist genug Zeit da, um den Knoblauch richtig, richtig klein zu hacken. Nach dem Abendessen sind die Kinder wieder zu neuen Abenteuern bereit und wollen raus, um eine Schneefestung zu bauen.

Die Erwachsenen dagegen holen ihre Bücher hervor und ziehen die Sessel ein wenig näher an den Kamin heran. Jetzt fällt auch der Startschuss für die jährliche Strickphase meiner Lebensgefährtin und ihrer Schwester. Als die Kinder wieder auftauchen, ist es Zeit für eine Runde Karten oder auch Nintendo. Der Wind pfeift um die Hütte herum und es knackt im Gebälk. Alles ist, wie es sein soll – friedlich und harmonisch. Das Leben in einer Berghütte ist etwas ganz Besonderes, eine Art Reinigung für die Seele. Der Bergwind bläst das Gehirn frei und es gibt keine Pflichten, außer Feuer machen, saunieren und auf Wollsocken durch die Gegend schlurfen.

Die große Frage ist, warum der moderne Mensch, der oft mehr arbeitet, als er muss, um ein materiell gut gestelltes Leben führen zu können, sich, sobald er frei hat, mit anderen in ein kleine, enge Hütte in den Bergen quetscht – am besten so weit weg wie möglich und ohne Handyempfang, sodass sich sogar die Jugendlichen zu einer Runde Monopoly am Abend überreden lassen. Die Antwort auf diese Frage ist vielleicht in unserer Geschichte zu finden.

Zurück zu den Wurzeln

Um die letzte Jahrhundertwende herum veränderte sich relativ viel in Schweden. Eine neue, moderne Zeit brach an. Nach der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die von Elend, schlechten Ernten und Emigration geprägt war, kam plötzlich wieder so etwas wie Hoffnung auf. Die Industrialisierung, die mit einer schnellen Urbanisierung und technischen Fortschritten einherging, hatte daran einen großen Anteil. Der Eisenbahnverkehr machte es plötzlich möglich, das ganze Land zu bereisen. Doch die neue Mittelklasse in den Städten bekam Heimweh nach dem guten alten Landleben.

Das beengte Leben in der Stadt und der Ausbruch der großen Volkskrankheiten wie Tuberkulose und Typhus entfachte eine Sehnsucht, zum einfachen Leben in der Natur zurückzukehren. Begriffe wie »Vilohem« (dt. Ruheheim) und »kurbad« etablierten sich im Sprachgebrauch. Auch die Pfadfinderbewegung nahm in dieser Zeit ihren Anfang in Schweden sowie Sportgruppen, die eine gesunde Seele in einem gesunden Körper propagierten. Die beiden Künstler Anders Zorn und Carl Larsson machten sich auf nach Dalarna und schufen dort die Referenzrahmen für das, was man heute als typisch schwedisch betrachtet.

Heimatvereine schossen wie Pilze aus dem Boden und damit einhergehend auch zahlreiche rechte Gruppierungen, die sich Rasse- und Biologiefragen zu eigen machten. Wir wissen plötz-lich, wer wir sind. Wir werden zu Naturroman-tikern programmiert. Und wo ist die Romantik größer als in den Bergen? Die Natur des Fjälls wird nicht länger als gefährlich und anstrengend wahrgenommen, sondern als der perfekte Ort für die Rekreation des modernen Menschen. 1885 wurde der schwedische Tourismusverband STF und 1892 die Organisation »Friluftsfrämjandet« gegründet, die auf ehrenamtlicher Basis Na-turerlebnisse für jedermann zugänglich machen wollten. Die ersten Berghütten und Fjällstationen wurden gebaut.

Es ist auch die Zeit der großen Entdeckungen. Die Norweger sind die ersten am Südpol, der schwedische Geograf Sven Hedin erforscht Hinterasien auf dem Kamel und Salomon August Andrées Expedition mit einem Gasballon zum Nordpol endete in einer Katastrophe. Diese Herren sind die Helden ihrer Zeit und verkörpern das Ideal einer ganzen Ära. Alle wollen plötzlich in die Wildnis und heldenhafte Taten vollbringen, allerdings mit einer etwas weniger starken »Into-the-wild«-Ambition und weniger gefährlich – wie zum Beispiel eine Berghütte unterhalb der Baumgrenze. Der Traum vom einfachen Hüttenleben breitete sich in allen Gesellschaftsschichten aus.

Seit den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts regieren in Schweden die Sozialdemokraten. 1938 bekamen die Arbeiter das Recht auf zwei Wochen Urlaub. Diese freie Zeit sollte möglichst sinnvoll genutzt werden. »Das neue sozialdemokratische Parteiprogramm hatte ebenfalls zum Ziel, dass die Arbeiter das Recht auf Urlaub bekamen und die Möglichkeit, diese Zeit am Meer oder in den Bergen zu verbringen und darüber hinaus auch die finanziellen Mittel, eine eigene Hütte zu erwerben«, wird der schwedische Politiker Ernst Wigforss über die Entstehung der Arbeiterbewegung zitiert, die in Ann Katrin Pihl Atmers empfehlenswertem Buch Livet som leves där måste smaka vildmark (dt. Das Leben, das dort gelebt wird, muss nach Wildnis schmecken) nachzulesen ist.

Im Bann der NaturgewaltenMittlerweile stürmt es draußen. Als wir vor ein paar Tagen in Ljungdalen ankamen, waren überall Schneeverwehungen auf den Straßen und unser alter Volvo 240 mit Hinterradantrieb rutschte mal hier- und mal dorthin. Nach einem Hamburgerstopp in Mora fuhren wir über Finnmarken nach Sveg und weiter nach Norden. In Åsarna verließen wir die E45 und nahmen Kurs auf Westen – Richtung Fjäll. Zwei Runden mit sich im Auto erbrechenden Kindern auf einer eisglatten Straße mussten wir über uns ergehen lassen, bevor wir mit schlitternden Reifen an der Kreuzung in Storsjö mit einem Schild kollidierten – das zu allem Überfluss auch noch auf eine scharfe Kurve hinwies. Der Blick meiner Lebensgefährtin brauchte keine weitere Erklärung. Gott sei Dank kam niemand zu Schaden. Das Auto stand noch mit den Hinterreifen auf der Straße. Ich musste nur rückwärts aus der Schneewehe fahren. Das war wahrscheinlich das einzige Mal, dass der Hinterradantrieb einen Nutzen hatte. Kurz danach waren wir am Ziel.

Romantische Gemütlichkeit

Wir können bei diesem Wetter nicht raus, aber wir haben vorgesorgt und alle drei »Free Willy«-Filme mitgenommen. Die Stürme gehören zum Hüttenleben dazu. Genau wie der Muminvater mag ich Stürme und Katastrophen. Die Natur zeigt einem, wer die Macht hat und wir müssen uns anpassen. Die unkontrollierbare Bedrohung durch die Natur lässt den Kaffee noch besser schmecken! Es ist allerdings ganz angenehm, ihn in der warmen Hütte trinken zu dürfen. »Niemand kann her- und niemand kann weg-kommen«, beschrieb die finnlandschwedische Schriftstellerin Tove Jansson die Meeresstürme. Genauso fühlt es sich auch in den Bergen an. Draußen herrscht Chaos, aber hier drinnen ist Stille.

Auch wenn die Berghütte in erster Linie ein Symbol für naturromantische Gemütlichkeit ist, kann sie, wenn es die Situation erfordert, tatsächlich auch über Leben und Tod entscheiden. Zumindest kann sie ein Zufluchtsort sein, wenn man einige anstrengende Tage im Winter in den Bergen verbracht hat. Wie damals, als ich mit einem Freund die Fjällkämme bei Spatnekryggarna im Rapadalen auf dem Weg nach Sitojaure überquerte. Wir dachten, dass es schnell gehen würde – erst ein bisschen hoch und dann wieder ein bisschen runter. Aber wir irrten uns. Nach einigen Stunden war die Sicht gleich null, wir erlebten ein komplettes White-out. Doch wir fuhren weiter – nach Kompass. Nicht die allerbeste Lösung, denn plötzlich verschwand mein Freund im Nichts.

Nach einigen halbherzigen Rufen ertönte eine Antwort und Jonas teilte mit, dass er noch am Leben sei. Er war an die Kante einer Schneewehe geraten und ein paar Meter heruntergefallen. In dieser Sicht hätten es auch einige hundert Meter sein können. Ein wenig zitternd entschieden wir, uns in der erwähnten Schneewehe einzubuddeln. Wir gruben und gruben. Ich schlief mitsamt meiner Daunenjacke im Schlafsack ein und schaffte es nicht mal mehr, meine Brille abzunehmen.

Taj Mahal aus Holz

Am nächsten Tag schien die Sonne und die Hoffnung kehrte zurück. Aber der Schnee trug überhaupt nicht. Wir mussten uns also durch den meterhohen Schnee kämpfen. Müde und unterkühlt standen wir in der Tür der Sitojaurestugan, als der Hüttenwirt uns verwundert fragte, wie es uns ginge und wo wir herkämen. Alles erschien uns plötzlich schön und leicht. Drinnen war es warm und windstill. Wir hatten einen eigenen Kamin auf dem Zimmer und konnten unsere Klamotten und Stiefel trocknen. Wir fühlten uns nach diesen zehn Tagen im Fjäll so, als ob wir in einem Komfortparadies gelandet wären und uns die Zivilisation persönlich umarmen würde.

Die Hütte war wie ein Leuchtturm für Schiffbrüchige oder eine Oase in der Wüste. Diese Art der Berghütte spielte in meinem Leben eine große Rolle, bevor ich eine Familie gründete. Die Hütte war das Ziel einer Wanderung oder einer Skitour. Diese kleinen praktischen Hütten – viele wurden von dem Architekten Tore Abrahamsson entworfen – sind vorwiegend im Fjäll zu finden und heißen Nallo, Lunndörren oder Sälka. Einige haben sogar eine Sauna. Sie sind wie kleine Bequemlichkeitsinseln in der Wildnis. Das angenehme Gefühl, vor den Naturgewalten geschützt zu sein, stellt sich auch in der Hütte ein, in der ich mich mit meiner Familie befinde.

Zusammen mit den Nachbarn haben wir tagsüber eine schöne Schneehöhle an der Hüttenwand gebaut und dort sogar unsere Snacks gegessen. Jetzt sind die Kinder im Bett und die Zehen der Erwachsenen wackeln vor dem Kamin. Das Feuer knistert und draußen pfeift und rumort es. Es ist genauso, wie es das norwegische Komikerduo Ylvis in seinem be-liebten Musikvideo The Cabin beschreibt: »Dies ist mein eigenes privates Taj Mahal aus Kiefernholz – mal von der Größe und dem Aussehen abgesehen.« Dass die Hütte, wie Ylvis singen, nur fünf Autostunden und vierzig Minuten Spaziergang von ihrem Zuhause entfernt ist, macht einmal mehr deutlich, wie sehr wir unsere Berghütten lieben.

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