Weiter zum Inhalt

Aller Anfang ist schwer

Manches lernt man am besten, indem man es tut. Henna Palosaari nimmt ihre beste Freundin mit auf ihr erstes Bikepacking-Abenteuer. Ein Tagebuch voller körperlicher und emotionaler Täler und Gipfel.

Weiterlesen mit NORR+

Ab 1 Euro/Monat erhältst du Zugang zu allen Artikel und exklusiven Aktionen. Jetzt registrieren und einen Monat lang kostenlos testen.

Tag 0: Eine gute Begleitung

Wie fängt man mit Bikepacking an, wenn man zuvor nicht mehr als mit dem Rad zum Bäcker und zurück gefahren ist? Ich glaube, dass man es am besten lernt, indem man es tut. Für mich begann alles mit einer 5.000 Kilometer langen Solo-Bikepacking-Tour durch Finnland im Sommer 2020. Natürlich hatte ich nach nur 15 Kilometern, gerade als es anfing zu regnen, einen Platten. Ich konnte ihn reparieren, aber dabei rutschte mir das Rad aus den Händen, weil ich die Taschen nicht abgenommen hatte. Es fiel auf die Gangschaltung, wodurch diese komplett ausfiel. Ich googelte schnell und sah, dass ich nur 5 Kilometer von der nächsten Stadt entfernt war, wo es einen Campingplatz gab. Also beschloss ich, dorthin zu fahren und zu versuchen, das Problem zu beheben. Als ich losfuhr, spürte ich, wie mein Reifen wieder platt wurde. Ich stieg ab, nur um festzustellen, dass ich vergessen hatte, den spitzen Gegenstand zu entfernen, wodurch auch der neue Schlauch durchstochen wurde.

Gerade als ich mich auf eine erneute Reparatur vorbereitete, hielt eine ältere Dame an und fragte, ob alles in Ordnung sei. Ich rang mit den Tränen, weil ich so müde war, antwortete aber, dass es mir gut gehe. Sie schenkte mir Erdbeeren, bevor sie weiterfuhr. Als ich endlich auf dem Campingplatz ankam, bestellte ich Kaffee und Mittagessen und setzte mich für zwei Stunden hin, bevor ich mich bereit fühlte, die Gangschaltung zu reparieren. Als ich es in Angriff nahm, war es überraschend einfach. Aber es war eine wertvolle Lektion, wie wichtig es ist, sich auszuruhen, wenn man müde ist; sonst geht alles schief. In diesem Moment wünschte ich mir, ich hätte eine erfahrene Freundin dabei gehabt. Es war eine Tour mit Höhen und Tiefen, die aber ein unvergessliches Abenteuer für mich blieb.

Meiner besten Freundin Coco hatte ich so manches Mal von diesem Trip vorgeschwärmt. In diesem Sommer hatte sie wohl genug gehört und wollte unbedingt selbst los. Also beschloss ich, sie auf eine Bikepacking-Reise durch den Rondane-Nationalpark in Norwegen zu begleiten. Zu Beginn könnte es den Anschein erwecken, dass Bikepacking einen überfordern könnte. Besonders wenn man, wie Coco, noch nie länger Rad gefahren ist und noch nie auf einem Gravelbike saß. Da ich niemanden gehabt hatte, der mich begleitete, wollte ich es Coco leichter machen. Ich kümmerte mich um die Planung und Leihräder.

Tag 1: Alles nochmal umpacken

Coco und ich haben uns nach Ringebu begeben, das sich im Gudbrandsdalen, etwa 60 Kilometer nördlich von Lillehammer befindet. Das Dorf liegt eingebettet zwischen sanften Hügeln, dichten Wäldern und dem mächtigen Fluss Lågen, der sich durch das Tal Gudbrandsdalen schlängelt. Westlich von Ringebu erstrecken sich die beeindruckenden Berge des Rondane, Norwegens ältestem Nationalpark. Für Coco scheint es zunächst unmöglich, all ihr Gepäck in die kleinen Taschen zu quetschen, also helfe ich ihr, indem ich mit ihr durchgehe, was ich normalerweise einpacke und wo ich diese Dinge verstaue. Ein paar Stunden später, nachdem wir die Ausrüstung endlich sortiert haben, sind wir eigentlich bereit – aber es ist zu spät, um die Reise anzutreten. Stattdessen machen wir eine Probefahrt und beschließen, am nächsten Morgen früh aufzubrechen. Die voll beladenen Räder fühlen sich ungewohnt schwer an, aber Coco hat die Schalthebel und Bremsen schnell im Griff. Wir sind bereit für unsere Bikepacking-Mission.

Tag 2: Gipfeleuphorie und Vollmond

Ursprünglich hatten wir geplant, in vier Tagen 230 Kilometer mit 4.000 Höhenmetern zurückzulegen. Da wir jedoch zusätzliche Zeit für die Organisation unserer Ausrüstung benötigt hatten, müssen wir unsere Pläne nun anpassen. Wir teilen die Fahrt in drei Tage auf: 66 Kilometer, 56 Kilometer und 106 Kilometer. An den ersten beiden Tagen werden wir die meisten Höhenmeter bewältigen müssen, während die letzte Etappe größtenteils flach oder bergab verläuft. Bei der Planung der Route habe ich technisch anspruchsvollere Schotterstraßen vermieden, da ich weiss, dass das Fahren mit einem voll beladenen Rad bereits auf Asphalt für einen Anfänger eine große Herausforderung darstellt. Das wird uns nun klar, als wir 1.500 Höhenmeter von Ringebu bis zum Fuße des Muen, einem der höchsten Gipfel der Region, bewältigten. Der Aufstieg führt uns auf asphaltierten Straßen durch dichten Wald. Der steile Beginn mit einem voll beladenen Rad macht den Anfang für sie schwierig. Aber ich sorge für ausreichend Snacks, sodass wir es als beste Freundinnen bis zum Gipfel schaffen. Je höher wir hinauffahren, desto sanfter werden die Anstiege. In der Ferne sehen wir die Bergspitzen anderer umliegender Gesteinsriesen.

An ihrem Gesicht kann ich sofort erkennen, dass etwas nicht stimmt

Die Schönheit der Landschaft macht alle Anstrengungen wett und die Schmerzen des zähen Aufstiegs lassen nach. Viele wären von der Abfahrt, die nun vor uns liegt, vielleicht eingeschüchtert. Aber Coco schreit: »Ich liebe Abfahrten!«, während sie den Hügel hinunterrast. Schließlich bekommt sie eine Idee davon, wie leicht es sein kann, Gravelbike zu fahren. Die letzten 20 Kilometer vergehen im weichen Abendlicht, mit atemberaubenden Ausblicken über den See Atnsjoen. Wir finden eine kleine Straße, die zu einem Flussbett mit Blick auf die Berge führt, und beschließen, dort unser Zelt aufzuschlagen. Bald geht die Sonne hinter den Gipfeln unter, und ein magischer Vollmond belohnt uns für den ersten Tag auf dem Rad.

Tag 3: Tränen und Flüche


Ich wache auf und begrüße Coco mit einem fröhlichen »Guten Morgen«, aber an ihrem Gesicht kann ich sofort erkennen, dass etwas nicht stimmt. Sie hat die ganzen Stunden über ihre Tränen zurückgehalten, weil ihre Beine so weh taten. Sie erzählt mir von der schlaflosen Nacht und ich verfluchte mich und meine Planung. Als sie aus dem Zelt kriecht, um pinkeln zu gehen, muss sie feststellen, dass sie kaum laufen kann. Sie fragt sich, wie sie mir jemals sagen soll, dass sie möglicherweise nicht mehr weiterfahren kann. Ich hätte erkennen müssen, dass es zu viel ist, mit einem so harten Aufstieg zu beginnen, wenn man noch nie länger Fahrrad gefahren ist. Ich versuchte, ruhig zu bleiben und sagte ihr, dass wir es langsam angehen lassen würden, uns dehnen, gut frühstücken und dann sehen, wie wir uns fühlen.

Während unseres Frühstücks verziehen sich die Wolken

Während unseres Frühstücks verziehen sich die Wolken. Und gleichzeitig hellt sich Cocos Stimmung auf. Als wir unsere Ausrüstung gepackt haben, scheint die Sonne und Coco tanzt. Meine Hoffnung ist zurück, aber ich weiss, dass wir darauf achten müssen, das Tempo niedrig zu halten und noch mehr Pausen einzulegen. Die ersten 30 Kilometer verlaufen auf einer langweiligen, asphaltierten Straße, die Coco wenig Ablenkung bietet. Sie ist viel ruhiger als sonst, was mir sagt, dass sie starke Schmerzen haben muss. Bevor wir auf eine kleinere Schotterpiste abbiegen, halten wir zweimal an, um ihren Sattel zu justieren. Beim zweiten Mal passt die Einstellung endlich, sodass der Druck auf ihren Schultern nachlässt und sie sich besser entspannen kann. Wir machen eine längere Mittagspause, bevor wir in Richtung Grimsdalen fahren. Die Schotterstraße führt uns tiefer ins Tal, wo wunderschön geformte Berge, charmante Berghütten und gewundene Flüsse unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Als sich die Landschaft öffnet, fühlt sich die Fahrt leichter an. Die Schmerzen treten in den Hintergrund. Es gibt nichts Besseres als eine atemberaubende Kulisse und kurvenreichen Schotter, um Beschwerden zu vergessen.

Grimsdalen ist der unbestreitbare Höhepunkt – eine Fahrt auf einer ruhigen, ebenen Piste mit spektakulären Ausblicken in alle Richtungen. In strahlendem Sonnenschein und mit einem goldenen Sonnenuntergang als Abschluss zeigt sich das Tal an diesem Tag von seiner besten Seite. Gegen Ende stellen zwei steilere Anstiege eine letzte Herausforderung dar. Zu diesem Zeitpunkt spürt Coco die Anstrengungen des Tages und die Schmerzen kehren zurück. Wir machen eine Pause und verschlingen eine Tüte Nachos. Coco liebt Nachos, also scherzt sie, dass sie vor unserer Tour nicht mit dem Rad, sondern mit Nachos für die Reise trainiert hätte. Die Nacho-Power, wie Coco sie nennt, gibt ihr die Kraft, die letzten Anstiege zu bewältigen und trägt uns zu unserem Lagerplatz, der über dem Tal liegt und einen Blick auf die Berge auf der anderen Seite von Rondane bietet. Zu diesem Zeitpunkt sind wir bereits erschöpft und lassen uns auf dem ersten ebenen Stück nieder, das wir an einem winzigen See entdecken. Gerade als die Sonne hinter den Gipfeln verschwindet, haben wir den Aufbau unseres Zeltes beendet und genießen das letzte Licht an diesem Tag, der eine Achterbahnfahrt der Gefühle war.

Tag 4: Noch immer beste Freundinnen

Wir wachen bei Sonnenaufgang an einem klaren, wunderschönen Tag auf. Der gefrorene Boden und die frostigen Fahrräder bestätigen, dass es die richtige Entscheidung gewesen ist, in all unseren Kleidern zu schlafen. Wir genießen unsere morgendlichen Haferflocken und unseren Kaffee langsam und lassen uns von den sanften Sonnenstrahlen nach der eisigen Nacht wärmen. Coco hat es endlich geschafft, etwas Schlaf zu finden, und fühlt sich etwas weniger erschöpft als am Tag zuvor, sodass die Dinge vielversprechend aussehen. Am Abend hatte sie noch Zweifel an der bevorstehenden Fahrt über 100 Kilometer geäußert, aber jetzt ist sie entschlossen: »Das könnte das Letzte sein, was ich tue, aber ich werde es zu Ende bringen«, sagt sie, als wir uns wieder auf die Straße begeben.

Der Tag beginnt mit einer langen, spaßigen Abfahrt – genau das Richtige, um die Beine wieder in Schwung zu bringen. Abwechselnd folgen wir den Straßen entlang des Flusses und schlängeln uns durch Wälder. Die Aussicht ist nicht unbedingt spektakulär, aber abwechslungsreich genug, um uns bei Laune zu halten. Ich weiß immer noch nicht, was an Cocos Nacho-Power dran ist, aber es ist beeindruckend – sie schafft unsere 100 Kilometer lange Etappe mit Leichtigkeit. Was es noch beeindruckender macht, ist, dass sie es nach zwei langen Fahrttagen geschafft hat, mit Beinen, die so wund waren, dass sie kaum laufen konnte. Der Geist ist wirklich unser stärkster Muskel. Und kaum zu glauben, aber Coco hasst mich noch immer nicht – sie überlegt sogar, sich selbst ein Gravelbike zuzulegen. Die Bikepacking-Mission war ein Erfolg. Wenn man Coco bittet, die Tour zusammenzufassen, würde sie wohl mit dem Leiden beginnen – aber mit der Art von seltsam befriedigendem Leiden. Die Einfachheit, mit dem Rad neue Orte zu erreichen und das, was man braucht, mitzunehmen, ist lohnenswert und besonders. Und die Straße ist die beste Lehrmeisterin. Auch wenn aller Anfang schwer ist.

Bikepacking in Rondane
Rondane, Norwegens erster Nationalpark, ist mit seinen weiten Hochplateaus, schroffen Gipfeln und gut ausgebauten Wegen ein Paradies für Bikepacking-Enthusiasten und bietet ideale Bedingungen für mehrtägige Touren mit dem Fahrrad. nasjonalparkriket.no

Hennas Route: https://www.komoot.com/collection/1348630/three-days-bikepacking-around-the-rondane-national-park?ref=undefined

Mehr für dich