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Natur des Nordens

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Öko-Skifahren: Mit dem Zug ins Fjell-Hotel

Ein norwegisches Berghotel, zu dem nur Bahngleise und keine Straßen führen. Eine Gruppe von Menschen, die lieber Zug fährt, als zu fliegen und lieber bergauf wandert, als den Lift zu nehmen. Sieht so der Skiurlaub der Zukunft aus?

Die einfache Rasthütte wurde zu dem einzigen Zweck errichtet, im Gebirge oberhalb der Baumgrenze einen Schutz gegen Wind und Wetter zu bieten. Der Broksnosi – zu dem wir unterwegs sind – und die anderen Berge rund um Vatnahalsen sind ziemlich steil, gut 1 500 Meter hoch und häufig Schneestürmen ausgesetzt. Die Hütte ist mit Stahlseilen im Fels verankert. Im Innern: zwei an der Wand befestigte Holzbänke, ein großer Tisch mit Sperrholzplatte und ein kleines Fenster, durch das man nach dem Wetter schauen kann. Wir drängeln uns mit der ganzen Bande hinein, inklusive der beiden Bergführer Calle Lundberg und Linus Kulstad sowie Calles Kollegin Kajsa Thelander Sadio. Schulter an Schulter öffnen wir unsere Lunchpakete mit den Stullen vom Frühstücksbüfett des Hotels. Der Kaffee dampft aus den Bechern und es dampft auch ein bisschen aus der Funktionsunterwäsche, als die Hardshelljacken aufgemacht werden. Draußen heult ein hartnäckiger Wind, der kleine Eiskristalle mitführt.

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Auf Steigfellen sind wir einige Stunden aufgestiegen, manchmal in schwerem, pappigem Schnee und manchmal auf steilen und vereisten Strecken. Es ist der zweite Tag unserer Tour und die Oberschenkel fühlen sich allmählich etwas steif an. Die Stimmung aber ist gut. Das Gespräch fließt, ohne dass unbehagliche Pausen aufkommen, obwohl die meisten aus unserer zehnköpfigen Gruppe sich vorher nicht kannten. Die Strapazen haben uns bereits zusammengeschweißt. Und die etwas mühsame Zugfahrt von Stockholm nach Vatnahalsen hatte ihren Anteil daran. Klimastreik auf Skiern Es ist Freitag und während wir in der Rasthütte auf dem Berg Geitanosi unsere Kaffeepause machen, findet in Stockholm und in anderen Städten auf der ganzen Welt der Klimastreik statt. Calle hat ein Stück Karton und einen dicken Filzstift mitgebracht. Jetzt schreibt er #skiersforfuture auf das kleine Pappschild und er möchte, dass wir nach dem Kaffeetrinken damit im Schnee posieren. Dann soll das Bild gepostet werden – auf Instagram natürlich.

Zuerst finde ich die Idee ein bisschen peinlich. Bestimmt ist es eine gute Sache, wenn Lehrer oder Wissenschaftler sich öffentlich »for future« solidarisieren. Aber können wir Skifahrer denn irgendetwas zur Diskussion über eine bessere Zukunft beitragen? Kann man sich auf einem windigen Berg nördlich der Hardangervidda ernsthaft am Klimastreik beteiligen? Mit solchen Grübeleien kämpfe ich während unserer gesamten zweitägigen Gipfeltour. Carl Lundberg, auch Calle genannt, war zuerst Offizier, wurde dann Bergführer und schließlich Umweltaktivist. Aus seiner Zeit beim Militär hat er die Fähigkeit behalten, klare Anweisungen zu geben und Gruppen zusammenzuhalten. Er lässt uns beim Aufstieg zum Gipfel an jeder Biegung verschiedene Spitzkehren trainieren. Sein Unternehmen heißt »Skitouring Scandinavia«. Der Name ist doppeldeutig: Einerseits bietet Calle das Tourengehen auf spektakuläre Gipfel wie Lyngen, Sarek oder Kebnekaise an und andererseits tourt man bei diesen Reisen auch durch große Teile Skandinaviens, denn sämtliche Transporte zu den Bergen erfolgen mit dem Zug.

Das Interesse an Urlaubsreisen mit der Bahn ist in den letzten Jahren geradezu explodiert, jedenfalls in der schwedischen Mittelklasse. Auch ich gehöre zu den Bekehrten. Vor 20 Jahren berichtete ich als Journalist noch gern über Off- Piste-Abfahrten im iranischen Dizin oder luxuriöse Öko-Lodges im Regenwald von Belize. Aber gleichzeitig nagte das schlechte Klimagewissen an mir. Als ich im Jahr 2005 zum ersten Mal Vater wurde, beschloss ich, mit den Langstreckenflügen aufzuhören und das Fliegen innerhalb Europas deutlich einzuschränken. Seitdem habe ich jede Menge Kilometer mit der Bahn zurückgelegt, sowohl beruflich als auch in der Freizeit. Darunter waren mehrere Skireisen mit dem Nachtzug nach Lappland und Narvik. Und sie gefiel mir wirklich gut, diese Art des Reisens, bei der man spürt, wie man sich durch unterschiedliche Landschaften und Kulturräume bewegt. Mit geringem CO2-Ausstoß.

Vor ein paar Jahren begann Calle, mir Pressemitteilungen über seine Skireisen per Bahn zuzuschicken. Ich wurde neugierig. Er hatte ähnliche Erfahrungen wie ich. Früher gehörte er zum internationalen Kollektiv der Bergführer, die ständig auf Jagd nach dem perfekten Pulverschnee waren, mit Saisonstart in Wanaka in Neuseeland und Saisonschluss in den norwegischen Lyngenalpen. Aber irgendwann ließen sich die Liebe zu verschneiten Bergen und das ewige Herumfliegen nicht mehr vereinbaren. Schritt für Schritt vollzog er die Umstellung auf das, was er »ökologisches Skifahren« nennt. Die Geschäftsidee klingt optimistisch. Skireisen per Bahn ins skandinavische Fjell sind nicht nur teurer, sondern auch zeitaufwendiger als Flugreisen in die Alpenregion. Inzwischen aber scheint diese Idee voll im Trend zu liegen. Oder?

Nicht ganz nach Plan

Am Mittwochvormittag, zwei Tage vor der Klimaaktion in der Rasthütte, hatte ich noch so meine Zweifel. Ich saß auf dem Vordersitz eines Taxis und verschickte Mails von meinem Handy. Die Stimmung war gedrückt, hinten saßen zwei ähnlich gestresste Mitfahrerinnen. Laut Calles Fahrplan sollte die Skireise um 9.10 Uhr mit der Abfahrt von Stockholm nach Oslo beginnen. Nach dem Mittagessen dann weiter mit dem Nachmittagszug nach Myrdal, Ankunft 20.23 Uhr. Dort wollte er uns vom Bahnhof abholen. Aber weil ich in Oslo noch ein Meeting einschieben wollte, nahm ich den frühesten Zug am Morgen. Schon bevor dieser Karlstad erreichte, gab es zwei Verspätungen. Nach vielen umständlichen Umstiegen, durfte ich von Karlstad aus ein kostenloses Taxi nehmen. Zwei Stunden zu spät kam ich in Oslo an. Nach einem improvisierten Lunchmeeting stieg ich in den Zug Richtung Vatnahalsen. Und tatsächlich hatte ich noch Glück im Vergleich zu dem Teil der Gruppe, der mit dem vorgesehenen Zug von Stockholm abgefahren war. Calle schrieb mir eine SMS: »Hej G. Die anderen sind wg. Zugunfall verspätet und verpassen den Zug Oslo – Myrdal.«

Als die Bergenbahn, die offiziell am Eisenbahnknoten Hønefoss nördlich von Oslo beginnt, aus dem Hauptbahnhof rollte, war zumindest der Bergführer Linus Kulstad mit an Bord. Er wohnt in Bohuslän und war von dort angereist. Während der Tage in Vatnahalsen sollte er uns gemeinsam mit Calle begleiten. Bei einem Kaffee im Speisewagen erklärte er mir, dass ein Guide auf dem Berg die Verantwortung für höchstens vier Personen übernehmen soll, um ein hohes Sicherheitsniveau zu gewährleisten. Und dann stellte sich endlich das wohlige Zuggefühl ein, das immer stärker wurde, je tiefer wir in das schneebedeckte, bewaldete Mittelgebirge hineinfuhren. Und es sollte noch viel besser werden – die Bergenbahn gilt als eine der schönsten Zugstrecken der Welt.

Linus erzählte, dass auch er sich der »Stay-onthe- ground«-Bewegung angeschlossen hat. Ähnlich wie Calle arbeitete er früher als Bergführer, in der Nebensaison aber schichtweise auf norwegischen Ölplattformen. Für ihn kam der Wendepunkt im Jahr 2013. »Das Verbot, in der Barentssee vor Hammerfest nach Erdgas zu bohren, war gerade aufgehoben worden, trotz aller Proteste. Als ich anheuerte, wusste ich noch nicht, dass der Auftrag lauten würde, bei der Verankerung einer neuen Plattform zu helfen. Ich konnte das, was ich da machen sollte, nicht mehr vertreten.« Er kündigte und kaufte ein Haus in Munkedal, mit Bohusläns besten Kletterfelsen im Umkreis von dreißig Kilometern und dem norwegischen Fjell in einer Entfernung von wenigen Stunden. »Als Guide arbeite ich jetzt viel mehr auf der lokalen Ebene, vor allem mit Gästen aus Göteborg. Wir haben es nicht weit zu fantastischen Abfahrten in Norwegen. Ich lasse den Schnee und das Wetter bestimmen, wo wir landen.«

Als wir in Myrdal ausstiegen, war es schon seit mehreren Stunden dunkel. Hohe Berge zeichneten sich gegen einen sternklaren Himmel ab. Wegloses Land. Steigfelle wurden befestigt, Stiefel eingeklinkt und dann ging die Fahrt im Schein der Taschenlampen zum Hotel Vatnahalsen, das ein paar Kilometer entfernt liegt. Als ich morgens erwachte, fragte ich mich, ob wir nur zu dritt bleiben würden, Calle, Linus und ich? Bald aber traf der Rest der Bande im Hotel ein. »Wir haben noch Oslo besichtigt und den Nachtzug genommen«, berichtete Kajsa, die Calle bei diversen Dingen assistiert. »Es gab zwar keine Betten mehr, aber immerhin Sitzplätze. « Sie und die anderen sahen erstaunlich munter aus. Niemand beklagte sich. Monika Craaford, ebenfalls in der Reisebranche tätig, fand sogar etwas Gutes an den Unannehmlichkeiten. »Wir waren gezwungen, einiges gemeinsam zu lösen und umzuplanen, sodass wir schon eine richtige Gruppe waren, als wir hier ankamen.«

Hell und Unsichtbar

Heute, am Freitag, ist das Wetter schlecht und das Fjell steil. Wir haben eine Abfahrt bis hinunter ins Tal geschafft und sind wieder beim Aufstieg, unterwegs zu einem Pass oben auf dem Broksnosi. Auf der anderen Seite wartet Bolledalen, laut Calle und Linus eine der schönsten Abfahrten in den Bergen rund um Vatnahalsen. Es ist zu windig, um beim Gehen ein Gespräch zu beginnen. Unter den Kapuzen, hinter den Skibrillen hängen alle ihren eigenen Gedanken nach. Bei Gipfeltouren muss man bereit sein, sich womöglich den ganzen Tag bei schlechter Sicht einen steilen, windigen Berghang hinaufzukämpfen. Ruhig und ausdauernd. Manchmal schwitzend, manchmal frierend, manchmal hungrig. Im Idealfall gibt es feinen Pulverschnee als Belohnung, aber es kann auch auf Schneematsch hinauslaufen. Oben auf dem Pass stürmt es so, dass die Hardshellklamotten knattern. Und auf der anderen Seite, im Bolledalen, herrscht Whiteout über der Baumgrenze. Vor uns liegt eine steile Abfahrt in fantastischem Pulverschnee – aber man sieht nichts davon. Trotzdem genieße ich es, den Sturm auf dem Pass ebenso wie den Schnee, der bei den Schwüngen bis hoch über die Oberschenkel wirbelt.

Auf der Transportstrecke zurück zum Hotel gehe ich neben Jesper Hermodsson, der erzählt, dass er in der New Yorker Filiale eines schwedischen Finanztechnologie-unternehmens tätig war. Da seine Freundin in Stockholm wohnen blieb, flogen beide während der zwei Jahre sehr oft über den Atlantik. »Als ich nach Schweden zurückgezogen war, fühlte es sich an, als ob ich einen Berg aus CO2 angehäuft hätte. Ich beschloss, ein Jahr lang nicht zu fliegen«, berichtet Jesper, während wir über den weichen Schnee heimwärts gleiten. »Ich freue mich darauf. Kein Stress – Slow Travel!« Solche Gespräche über Umwelt, Klima und persönliche Entscheidungen ergeben sich während der Tage in Vatnahalsen immer wieder. Wenn wir gemeinsam an dem langen Tisch im Speisesaal zu Abend essen. Wenn wir eine Kaffeepause im Schnee machen. Wenn wir auf flachen Strecken nebeneinander hergehen. Die Bandbreite innerhalb der Gruppe ist groß. Mit dabei ist auch der Ökounternehmer Anders Enetjärn, der von der Zeitschrift Aktuell Hållbarhet unter den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Nachhaltigkeitsbranche gelistet wurde. Während eines schwierigen Aufstiegs durch den Bergwald kann er nach überwinternden Singvögeln Ausschau halten und gleichzeitig darüber diskutieren, wie der schwedische Eisenerzabbau seinen ökologischen Fußabdruck vermindern könnte.

Niklas Arkåsen, Angestellter bei der Kommune Falu, und sein Freund Urban Norin haben sich bei einem Gipfeltourenkurs von Svenska Turistföreningen kennengelernt. Niklas berichtet, dass er versucht, seinen Alltag umzustellen. »Aber oft fällt die Entscheidung schwer. Ist es besser, den alten Diesel zu behalten oder ein neues Elektroauto zu kaufen? Und sollte man besser Biomilch aus Schonen trinken oder normale Milch aus lokaler Produktion?« Urban sagt, er habe über Facebook mehr Klimawandelleugner als Klimaaktivisten kennengelernt. »Ich finde eigentlich, dass die Lastwagenkolonnen auf der Autobahn ein größeres Problem darstellen als ein Schwede, der zum Skiurlaub in die Alpen fliegt«, sagt er. Jenny Söderberg ist Sportlehrerin in Stockholm, hat aber auch schon in Funäsdalen und in Riksgränsen gewohnt: »Ich kaufe nichts mehr spontan, sondern recherchiere vorher immer sehr viel und bin Expertin geworden für Kleidung und Sachen, die lange halten. Manchmal übertreibe ich vielleicht etwas. Ich glaube, ich habe ein Jahr gebraucht, um das richtige Sofa zu finden.«

Schützenswerter Genuss

Nach den Tagen im Gebirge ist der Körper angenehm mürbe. Es ist ein Pluspunkt, dass dieser Skiurlaub nur einen kleinen ökologischen Fußabdruck hinterlassen hat. Aber das Wichtigste waren, glaube ich, die Gespräche. Es tut gut, Menschen zu treffen, die sich mit dem Klimawandel beschäftigen, und miteinander zu diskutieren. Und zwar nicht in aufgeregten Social- Media-Debatten, sondern ganz in Ruhe, inmitten der fantastischen Natur, um deren Erhaltung es den meisten von uns geht. Außerdem ist es wichtig, dass wir auch weiterhin Dinge unternehmen, die uns Freude bereiten und uns Energie geben. Es ist wohl in Ordnung, auf einem windigen Berg über der Baumgrenze nördlich der Hardangervidda am Klimastreik teilzunehmen – und dann die herrliche Abfahrt auf Skiern in vollen Zügen zu genießen?!

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