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Natur des Nordens

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Die Geheimnisse des finnischen Glücks

Es heißt, die weltweit glücklichsten Menschen leben in Finnland. NORR will wissen, was wirklich dahintersteckt und lässt sich von vier Locals beim Seekajaken, Wandern und Pflanzensammeln in die persönlichen Geheimnisse des finnischen Glücks einweihen.

Als mir zu Ohren kam, dass wir die glücklichsten Menschen der Welt seien, habe ich erst einmal herzhaft gelacht. Das können die nur ironisch meinen, habe ich gedacht. Wenn wir Eishockey-Weltmeister werden, dann vielleicht«, schmunzelt Jali. Was ihn persönlich glücklich macht, zeigt er uns, als er auf die winzigen, um uns verstreuten Inseln deutet. »Du denkst, du bist in der Wildnis. Dabei bist du im Zentrum unserer Hauptstadt«, sagt er. In der Tat waren Melanie, Victoria und ich auf der Radtour zu Jalis Kajakverleih, der auf dem mit Wildblumen übersäten Eiland Mustikkamaa liegt, überrascht, uns trotz der mannigfaltigen Vegetation noch im Herzen Helsinkis zu befinden. Während Finnland im Weltglücksbericht der Vereinten Nationen zum wiederholten Male zum Gewinner gekürt wurde, hat Deutschland es nicht einmal unter die Top Ten geschafft. Was ist also dran am Glück der Finnen?

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Unendliche Paddelfreuden

Visit Finland hat die Rent a Fin-Kampagne ins Leben gerufen, für die sich Menschen aus aller Welt bewerben konnten, um das Land gemeinsam mit Einheimischen, den Happiness- Guides, zu erkunden. Auch wir möchten Finnland an diesem Wochenende gänzlich untouristisch kennenlernen und dabei der finnischen Art von Glück auf die Schliche kommen. Vier Finnen haben sich glücklicherweise dazu bereit erklärt, uns auf dieser Expedition zu begleiten. Jali, unser erster Glücks-Guide, paddelt nun emsig neben uns, während wir Mustikkamaa im Seekajak umrunden. Dass Wind und Wellen gerade ihr Unwesen auf dem Meer treiben, scheint ihn in keinster Weise zu tangieren. »In Finnland wird man mit der Natur groß«, sagt er. »Wälder, Seen und das Meer tragen wir stets in unseren Herzen.«

Während in Finnland auf knapp 340 000 kmÇ lediglich 5,5 Millionen Menschen leben, tummeln sich im ähnlich großen Deutschland 83 Millionen. Nach Island ist Finnland damit das am dünnsten besiedelte Land Europas. Vögel ziehen über unsere Köpfe hinweg. Eine steife Brise pustet in ihre Schwingen und bringt sie damit leicht vom Kurs ab. Die Wellen tragen feine Schaumkronen. Es riecht nach Meer. »Da draußen liegt Lonna. Meine Freunde betreiben dort die Sauna«, erzählt Jali und zeigt auf ein winziges Eiland. »Ein Saunamensch bin ich persönlich nicht. Ich sauniere nur einmal in der Woche.« Kurzzeitig entgleisen uns die Gesichtszüge. Wer sich außerhalb Finnlands als kein Saunamensch betitelt, würde wohl kaum freiwillig einen Fuß in das Schwitzbad setzen. »Auf dem Wasser zu sein, beschert mir Glücksgefühle und gleichzeitig tiefe Ruhe«, sagt Jali.

Viele Helsinkier leihen sich bei ihm Kajaks, um nach Feierabend zwischen den Inseln umherzugleiten. Im Sommer paddelt er mit Gästen auch zu Mitternacht. Oft zu einer Vogelinsel, um dem Konzert zahlloser, trillernder Stimmen zu lauschen. Zum Abschied lädt Jali auf Kaffee und Brot mit frischem Fisch ein. »Denn Fisch macht mich glücklich«, lacht er. »Viel Glück!«, ruft er uns nach, als wir schließlich von der Insel hinunter zu unserer nächsten Verabredung strampeln.

Achtsames Wandeln

Katja, eine der offiziell von Visit Finland auserwählten Happiness-Guides, nimmt uns an ihrer Sommerhütte auf der Insel Kivinokka in Empfang, um mit uns auf eine kleine Wanderung zu starten. »Dass ausgerechnet wir Finnen besonders glücklich sein sollen, wundert mich. Aber ich weiß, dass ich mein Glück gern teile«, sagt Katja, während wir auf einem waldigen Naturpfad um die Inselspitze wandern. »Meine Oma umarmt alte Bäume. Sie sagt, dass sie älter seien als sie selbst und viel weiser«, erzählt Katja, als wir vor einer uralten Kiefer stehen.

»Schaut euch die Wurzeln an, wie sie über den Boden bis unter die Erde laufen. Und wie verschnörkelt ihre Äste sind.«

Tatsächlich versprüht der Baum eine eigene, wundersame Ruhe, als wir unsere Arme um seinen dicken Stamm schlingen. Es duftet nach süssem Harz. An einem kleinen Sandstrand lassen wir den Blick übers Wasser schweifen. »Ich will nicht das zeigen, was im Reiseführer steht, sondern das, was mich bewegt«, sagt Katja.

Später essen wir Kardamomschnecken vor Katjas winzigem Sommerhäuschen, dem auch neugierige Rehe gerne einen Besuch abstatten. »Natürlich gibt es in Finnland auch viel Negatives. Im Winter fehlt uns das Licht. Im Sommer haben wir Angst, nicht genug zu unternehmen, weil die helle Zeit so kurz ist. Aber ich möchte das Positive sehen«, sagt Katja. »Wir Finnen mögen zurückhaltend und pessimistisch wirken. Aber wir sind vertrauensselig. Ein Sprichwort sagt: ›If you get to know a fin, you never get rid of him.‹« Warum aber ist Finnland erneuter Gewinner des Weltglücksreports, während ausgerechnet die Finnen selbst sich darüber wundern?

»Es geht darum, wie man Glück definiert«, sagt Frank Martela, Philosoph und Wissenschaftler an der Universität Aalto. »Die Lebenszufriedenheit im Land ist extrem hoch, was auf einer stabilen Gesellschaft, sozialer Gleichheit und Sicherheit basiert. Im Vergleich zu beispielsweise Zentralamerika aber, wo Lachen und Genuss für eine glückliche Gesellschaft stehen und Gemeinschaft den größten Stellenwert hat, lebt ein Großteil der Finnen isoliert, als Single oder maximal in der eigenen Familie. Auch die langen Winter ließen gerade früher kaum Raum für Optimismus. Eine Generation lehrt die nächste. So verschwinden diese Verhaltensmuster nur schleppend.«

Wandelnde Geschichte

Ein weiteres Charakteristikum für Finnland rührt ebenfalls aus seiner Historie. Das Land war in der Geschichte zunächst unter schwedischer, dann unter russischer Besetzung und ist erst vergleichsweise kurz unabhängig. »Die ›Elite‹ in Finnland war lange immer ein anderes Land, so haben wir hier nie eine richtige Klassengesellschaft entwickelt«, sagt Frank. Ein interessanter Wandel lässt sich bei der jungen Generation erkennen: Wo Überlebenssorgen einer neuen Selbstverwirklichung weichen, sind Menschen vielmehr in der Lage, Gefühle auszuleben. »Das finnische Eishockeyteam in dieser WM beispielsweise besteht erstmals aus vielen jungen Spielern, die an Wettkampfsituationen mit ganz anderen emotionalen Strategien herangehen und mit blank liegenden Nerven besser umgehen. Man wird sehen, wozu das führt«, sagt Frank.

»Sorry, dass ich spät bin, ich musste das Eishockeyspiel zu Ende sehen«, entschuldigt sich Pirjo, als sie uns am Bahnhof in Espoo abholt. »Wir Finnen gehen immer davon aus, dass wir verlieren. Aber gerade haben wir das Halbfinale gewonnen.« Bei Pirjo, die aus Nordfinnland stammt und vor den Toren des Nuuksio-Nationalparks lebt, dürfen wir die heutige Nacht verbringen. Mit ihrer Tocher geht sie täglich und unbeeindruckt von jeglicher Wetterlage im See baden, nicht ohne danach in der Sauna zu schwitzen. In diese Lebensfreuden möchte sie nun auch uns einführen.

»Ich liebe diesen Duft«, sagt Pirjo, während wir über einen verwucherten Feldweg zu ihrem Lieblingsplatz staken. Aus dem Nichts tut sich ein kleiner Wasserfall auf, der über eine verwunschene Mauer zischt. Früher hat hier eine fleißige Wassermühle ihre Dienste geleistet. »Manchmal gehe ich in der Mittagspause her, um den Kopf freizubekommen«, verrät Pirjo. Wir verköstigen einen Schluck Bachwasser und genießen das Plätschern in den Ohren. Weiter geht es zu Pirjos Badestelle am Hakjärvi. Es ist kühler geworden und frische Böen fegen durch den Wald hinaus aufs Wasser. Nur widerwillig schälen wir uns aus unseren Kleidern und versammeln uns am Steg. Nach etwas gutem Zureden seitens der hartgesottenen Finnin hüpfen wir ins kühle Nass. Während Victoria und ich sofort zurück zum Steg hechten, dreht Pirjo auf dem Rücken eine Runde im glasklaren See. »Ich liebe Himbeeren«, erzählt uns Pirjo, als wir uns auf den Rückweg machen. Wenn meine Mutter Bescheid gibt, dass die Beeren an unserem Haus in Nordfinnland reif sind, lasse ich alles stehen und liegen, sage Meetings ab, blockiere meinen Kalender und begebe mich nach Norden.«

Nicht schlecht staunen wir später in der Sauna über die getrockneten Birkenzweige, die Pirjo mit Wasser befeuchtet, um sie auf die heißen Steine zu legen. Ein würziges Aroma erfüllt den Raum. Plötzlich lässt Pirjo ein Bündel Reisig auf ihren Rücken niedersausen, um dann auch uns mit der Blätterpeitsche zu bearbeiten. Eine gut gemeinte, durchblutungsfördernde Maßnahme, die Melanie aber in die Flucht treibt. Pirjo kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. »Die Saunakultur stammt aus der Steinzeit, ist aber in Mitteleuropa weitestgehend verloren gegangen«, erzählt sie, als wir zur Abkühlung draußen stehen. »Früher war die Sauna der Hausmittelpunkt, ein Gesundheitszentrum in dem wichtige Zeremonien stattfanden, Tote gebettet und Babys geboren wurden.« Erfüllt von Pirjos Gastfreundschaft stiefeln wir am nächsten Morgen zum See Kaitalampi, wo wir unseren letzten Glücks-Guide treffen. Timo, Organisator des Restaurants Days, ist leidenschaftlicher Sammler von Beeren und Pilzen.

Magisches Schlaraffenland

Während das Sammeln in den 90er Jahren etwas aus der Mode kam, feiert es nun, gerade bei jungen Menschen, sein Comeback. »Gerne verzichtet man auf eine Nacht im Club, um am Sonntag früh in den Wald zu gehen. Den größten Pilz postet man dann begeistert auf Instagram«, sagt Timo. »In der Vergangenheit hätte man das aber wohl tunlichst unterlassen. In Finnland herrschte einst der Glaube, dass es nur eine bestimmte Menge Glück gibt. Wenn dein Nachbar bereits glücklich ist, wirst du selbst kaum Glück haben. So gab es Rituale, Glück heraufzubeschwören, Magien, um es anderen zu stehlen und Zauber, um das Glück vor anderen zu schützen«, erzählt Timo.

Auf dem Boden entdecken wir Waldsauerklee und streifen vorbei an den zartgrünen Blättern der Vogelbeere. »Die Knospen der Fichte munden als kleiner Snack. Auch Fisch kann man damit erstklassig garnieren«, verrät Timo. »Und die kleinen Kiefernzapfen lassen sich gut karamellisieren und schmecken dann wie kandierte Erdbeeren.« Auch zu seinem Lieblingsplatz am Ufer eines kleinen Sees dürfen wir ihn begleiten. Im Sommer spannt er hier gerne seine Hängematte auf, verbringt Zeit mit seinen Freunden und erntet Cranberrys, die an der Wasserkante wachsen. Wir machen eine Pause und verspeisen Salat, den Timo aus wilden Zutaten bereitet hat.

»Der Wald ist ein Zuhause für mich, in das ich immer zurückkehren kann«, sagt Timo.

Die Zeit mit Jali, Katja, Pirjo und Timo, die ihre Geschichten, Gedanken und Lieblingsplätze mit uns geteilt haben, hat uns die Chance gegeben, Finnland aus einer neuen Perspektive zu erleben. Alle vier haben in und mit der Natur ihren ganz eigenen Zugang zum Glück gefunden und wir hatten das Glück, für einige Momente mit dabei sein zu dürfen. Und für diesen Abend ist das Glück des Landes wohl gänzlich perfekt: Das finnische Eishockeyteam hat Kanada, ob völlig unerwartet oder doch voraussehbar, im Finale geschlagen – und Finnland ist Eishockey-Weltmeister.

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