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Heisses Holmen

Von einer unzugänglichen Flottenbasis zu einem der trendigsten Viertel Kopenhagens, mit preisgekröntem Park, schwimmenden Hotels und hippen Cafés. Begleite uns nach Holmen.

Der Blick reicht über ganz Holmen, von der Oper bis zur Refshaleøen, der ehemaligen Werft- und Industriezone, die sich zu Kopenhagens neuem Hotspot entwickelt hat. »Ich liebe die Aussicht von hier, man hat einen ganz anderen Blick auf Kopenhagen, und abends wirkt die Stadt fast futuristisch«, sagt Dado Bobar, Barkeeper im Victory, einer der besten Cocktailbars Kopenhagens. Sie befindet sich ganz oben im 25hours Hotel Paper Island, einem Hotel auf der Insel Papirøen, nur wenige Gehminuten von Nyhavn entfernt. Es wurde vor knapp einem Jahr eröffnet und ist Teil der Verwandlung des Eilands von einem ehemaligen Papierlager zu einem der angesagtesten Wohnviertel der Stadt. Bevor die Insel als Lager für Zeitungspapier diente, war sie Teil des Hauptquartiers der dänischen Marine und für die Öffentlichkeit unzugänglich. Heute zieht das Eiland sowohl Einheimische als auch Touristen an – darunter viele Architekturinteressierte.

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Inseln der Geschmacksexplosion

»Wir Kopenhagener nennen sie die Toblerone-Häuser«, sagt Bente Hoffman, die ihr eigenes Reiseunternehmen Slow Tours betreibt, als sie mir am nächsten Tag die Gegend zeigt und zu den neu erbauten Hochhäusern blickt, die die Insel säumen. Sie erinnern unweigerlich an die klassische Schokolade – zumindest, wenn man sich eine abgebissene Spitze vorstellt. Die Häuser beherbergen einige der exklusivsten Wohnungen Kopenhagens; laut Bente wurde eine davon kürzlich für einen Rekordpreis von rund 10,5 Millionen Euro verkauft –, aber auch Straßenlokale, die mit Cafés, Geschäften und anderen öffentlichen Einrichtungen gefüllt werden sollen. Hier gibt es zudem moderne Reihenhäuser in Form von schwarzen Kubussen mit privaten Stegen und daneben terrassenförmig angelegte Kais, die an schönen Tagen von sonnenhungrigen Kopenhagenern bevölkert werden. In einem der Gebäude, die derzeit unter den Baukränen in der Nähe des Wassers entstehen, wird ein Wasserkulturhaus eröffnet – ein Badehaus, das sich ganz dem nassen Element widmet. »Die Stadt hat uns Anwohner abstimmen lassen, wofür das Gebäude genutzt werden soll«, erzählt Bente. Geplant sind sowohl ein Außen- als auch ein Innenbad; die Eröffnung ist für den Sommer 2026 vorgesehen.

Die Häuser erinnern unweigerlich an eine Toblerone-Schokolade

Alles auf Papirøen wurde vom renommierten dänischen Architekturbüro Cobe entworfen und ist von der Geschichte des Viertels inspiriert. Cobe ist auch für den neuen Opernpark verantwortlich, der sich neben dem Opernhaus auf der Nachbarinsel erstreckt. Hier wurde eine ehemals ungenutzte Rasenfläche in eine über 21.000 Quadratmeter große urbane Oase mit sechs verschiedenen Pflanzthemen, gewundenen Spazierwegen und organisch geformten Bänken mit Blick auf das Wasser und das Schloss Amalienborg verwandelt. Im Herzen des Parks liegt das Restaurant Væksthuset, das schon für sich ein Ausflugsziel ist. Die Entscheidung zwischen den ausgefallenen Smørrebrød auf der Speisekarte fällt mir schwer, aber schließlich wähle ich eines mit weißem und grünem Spargel, Rapsemulsion und Fichtenchips sowie eines mit geräuchertem Lachs, Meerrettichcreme und roten Johannisbeeren.

Dann geht es weiter zur Arsenaløen, einer weiteren der künstlichen kleinen Inseln, die Holmen bilden und früher der Flotte gehörten. Wir werfen einen Blick in den Kuglegården, einen ruhigen Innenhof, der von mehreren Gebäuden umgeben ist, die früher unter anderem als Lager für Kanonenkugeln dienten und heute Möbelgeschäfte, Büros und Showrooms für dänische Designfirmen beherbergen. Auf der Nachbarinsel hat Hart, eine der beliebtesten Bäckereiketten Kopenhagens, eines der ältesten Holzhäuser der Stadt bezogen. In der Auslage liegen butterzarte Kardamom-Croissants, mit Vanillecreme gefüllte Spandauer und mit Puderzucker bestäubte Zitronenkuchen.

Finale mit Blumenbrötchen

Es ist verlockend, sich in einen der Sonnenstühle des Cafés am Kai zu setzen, aber wir gehen weiter am Wasser entlang zur Refshaleøen, dem alten Industriegebiet, dessen Namen man erst nach mindestens zwei Tuborg halbwegs richtig aussprechen kann – und das sich unter anderem mit Cafés, einer Kletterhalle, einem Flohmarkt und dem modernen Kunstmuseum CC gefüllt hat. Hier befindet sich auch das Gourmetrestaurant Alchemist. Alchemist wurde vom renommierten 50 Best Restaurants zum achtbesten Restaurant der Welt gekürt.

Auf dem Weg hierher kommen wir am legendären Noma vorbei, das einst mehrfach zum besten Restaurant der Welt gekürt wurde. Der klassische Restaurantbetrieb endete Ende 2024. Seither öffnet es in exklusiven Zeiträumen mit thematischen Menüs, als Teil der Transformation zu Noma 3.0, einem Innovationslabor. Zu dieser Jahreszeit ist es jedoch eine ganz andere Art von Verpflegung, die die Massen nach Refshaleøen lockt, nämlich das Street Food, das auf dem Reffen serviert wird, einem riesigen Lebensmittelmarkt mit preiswerten Gerichten aus verschiedenen Teilen der Welt, bunten Laternen, Tischtennisplatten und einem Sandstrand mit Liegestühlen und Blick auf das Wasser.

Nur einen kurzen Spaziergang von den dampfenden Grillpfannen auf dem Reffen entfernt befinden sich zwei der Pioniere von Refshaleøen: La Banchina und Lille Bakery. La Banchina ist Café, Restaurant, Naturweinbar und Badestrand in einem, während Lille Bakery eine Bäckerei und ein Café in einem unscheinbaren Backsteingebäude ist. »Diese Gegend hat sich seit unserer Eröffnung vor sieben Jahren sehr verändert«, sagt Bäckerin Giulia Soldati. Früher kamen vor allem Einheimische hierher, heute sind es deutlich mehr Touristen. Giulia und ihre Bäckerkollegen haben ein klares Manifest, das unter anderem besagt, dass sie nur Bio-Mehl von lokalen Erzeugern verwenden. »Wir nutzen gerne Vollkorn und alte Kultursorten wie Einkorn und Purpurweizen.«

Wir wollten die Brötchen mit etwas Lokalerem als Zimt würzen

Auf dem Brotregal hinter ihr liegen klassisches dänisches Roggenbrot und Sauerteigbrötchen neben süßen Backwaren wie einem Tablett mit zuckrigen Blomsterbuns (dt. Hefeteigbrötchen mit Blumenfüllung). »Alle Bäckereien in Kopenhagen backen Zimtschnecken, also wollten wir etwas anderes machen und unsere Brötchen mit etwas Lokalerem als Zimt würzen. Deshalb füllen wir unsere Brötchen mit verschiedenen getrockneten Blumen, wie Muskatblüte, Rose, Holunder und Kamille.«

Holmen ist kein Viertel für schnellen Konsum oder Checklisten. Es ist ein Ort zum Verweilen – und vielleicht der beste Beweis dafür, wie gut Kopenhagen darin ist, Geschichte in Zukunft zu verwandeln.

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