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Kurioses aus dem Nass

Vorbei an Häfen und verwinkelten Kanälen – von der Kleinen Meerjungfrau bis zur Freistadt Christiania. Wir schnappen uns Kajaks und entdecken Kopenhagen aus Insider-Perspektive.

Smørrebrød, Bier und Trubel in der Fußgängerzone Strøget und dänische Gemütlichkeit in Nyhavn. In meinem Bild von Kopenhagen finden sich alle Klischees. Nirgendwo darin sehe ich jedoch ein Kajak neben der Kleinen Meerjungfrau. Bis heute – wo sich meine gelbe Kajakspitze von hinten an sie heranschleicht, begleitet vom Klicken der Kameras einer Busladung Touristen. Sie sind es, die wir zuerst sehen. Lange bevor Hans Christian Andersens Märchenfigur sich am Ufer zeigt. Ein Paparazzi-Schwarm, der sich ein Model als Zielobjekt auserkoren hat, wenn auch ein etwas steifes. Aber nicht alle sind zufrieden.

»Ich mag sie überhaupt nicht. Sie ist ja winzig!« Der Mann, der diese Worte ausspuckt, kommt aus Brasilien. Er ist neben uns hergepaddelt. »Aber sie heißt doch auch die Kleine Meerjungfrau«, muss ich anmerken. Gleichzeitig stimme ich zu, dass man seltsamerweise erwartet, dass sie größer ist. Aber so ist das wohl mit allen Prominenten, die man von Bildern kennt.

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Der Brasilianer ist zusammen mit einem Engländer, der in der Torpedohalle auf Holmen wohnt, auf Kajaktour. Das Luxuriöseste an seinem Haus sind nicht die glänzenden Glasbalkone oder die modernen Küchen. Nein, das Luxuriöseste – da sind wir uns einig – ist, dass die Bewohner freien Zugang zu Kajaks haben. Es ist offensichtlich, dass Kajakfahren in Kopenhagen angesagt ist.

Beflügelte Stimmung

An einem Steg im Kanal unterhalb von Christiansborg liegt Kayak Republic. Nicht nur Paddler, auch Flaneure halten hier gerne für einen Snack oder Kaffee an. Mit den Füßen im Sand oder dem Hintern auf einem Sitzsack. An sonnigen Tagen ist die Stimmung perfekt, und wir hatten Glück an diesem Vormittag, als wir unsere Kajaks von der Knippelsbro aus zu Wasser ließen und den überfüllten Ausflugsbooten zuwinkten.



In Nyhavn sah es aus wie eine Regatta alter Schiffe, die eine Bierpause eingelegt hatten – ein Gewirr aus Masten, Segeln und Menschen. Am Königlichen Theater saßen Samstagsausflügler auf dem Kai und genossen die Sonnenstrahlen, während wir ein Stück unter dem Gebäude hindurchpaddelten, begleitet vom hallenden Plätschern des Wassers gegen die Betonpfeiler, das sich mit dem leisen Gemurmel der Liegestühle über uns vermischte. Wir glitten vorbei an den Sandskulpturen am Ofelia Beach und dem königlichen Schloss Amalienborg, bevor die Kleine Meerjungfrau vor uns lag. Jetzt haben wir sie gesehen und fühlen uns bereit, das Fahrwasser zu überqueren. Wir biegen hinter der Oper ab und gleiten an den Hausbooten vorbei. Einige sind alt, mit abgenutzten Rümpfen, die schon einiges auf dem Meer erlebt haben. Andere sind futuristische Konstruktionen mit großen Fenstern, die dafür gebaut wurden, um vor Anker zu liegen. Von einem der Boote hört man dumpfe Geräusche von einer Kinderparty, auf einem anderen sitzt jemand und liest.

Von einem Boot hört man dumpfe Geräusche einer Kinderparty.

Aber schon nach ein paar hundert Metern kommen wir nicht mehr voran. Einmal angehoben – über die Straße – können wir auf der anderen Seite weiterpaddeln. Ein paar Radfahrer und Autos bremsen, um das etwas seltsame Gespann aus drei Kajaks passieren zu lassen. Wir paddeln weiter, rechts von uns die Torpedohalle, wo die Hauskajaks liegen und darauf warten, benutzt zu werden und das Wasser wie ein Kanal in den Mittelgang des Hauses fließt. Es ist ein modernes Bauwerk, das seinen Namen von dem Gebäude hat, das früher hier stand: einer Werft für Motor-Torpedoboote. Ein starker Kontrast zur Landschaft links von uns. Dort ist alles verwildert. Wohnwagen mit Graffiti. Ein paar Hunde laufen frei am Ufer herum. Dort liegt Christiania, aber dieses Kapitel heben wir uns für morgen auf.

Zurück am Kai bereiten wir uns auf unserem Sturmkocher Pasta mit Zucchini und Fenchel zu. In den Kanälen herrscht Partystimmung. Es ist Samstagabend, und die Menschen hängen auf Booten und bewerfen sich gegenseitig mit Wasserbomben.

Einblicke in eine andere Welt

Am nächsten Morgen starten wir auf eine Paddeltour mit Tobias von Kayak Republic. »Urban Kayak Tour« nennt er den Trip, der uns Einblicke in Christiania geben soll. Wir starten durch den Christianshavn-Kanal, wo Segel- und Motorboote dicht an dicht liegen, und erreichen den Strand gegenüber der Torpedohalle, um an Land zu gehen. Dort wartet Emil, der uns sein Christiania zeigen möchte.

Wir beginnen an seinem Haus, in dem sieben Personen in einer Wohngemeinschaft leben. »Ich fühle mich hier wohl. Hier arbeitet man zusammen«, sagt Emil. Er zeigt uns, wie die 700 Erwachsenen und 200 Kinder, die hier leben, selbst für Abwasser, Wasser und Kindergärten sorgen. Wie sie mit recycelten Materialien basteln und versuchen, so wenig Spuren wie möglich in der Erde zu hinterlassen, die seit der Zeit des Militärs verunreinigt ist. Wer Gemüse anbauen will, muss das in Kisten mit Mutterboden tun.

Die Freistadt Christiania entstand 1971, als eine wachsende Zahl von Hippies das verlassene Militärgelände besetzte. Dort wollten sie eine unabhängige Gemeinschaft aufbauen. Berühmt wurde Christiania auch durch den zwar illegalen, aber lange tolerierten Cannabisverkauf, der vor allem auf der Pusher Street im Herzen der Freistadt stattfand. Doch in den vergangenen Jahren kam es im Zusammenhang mit dem Drogenverkauf immer wieder zu Bandenkriminalität. In Abstimmung mit den Einwohnern Christianias wurde die Pusher Street 2024 aufgerissen, um den Drogenhandel dauerhaft zu beenden und der Freistadt wieder ein freundlicheres Image zu geben.

Wir schlendern weiter durch Christiania mit seinem schönen Do-it-yourself-Charakter. Im Kino Byens Lys wird für das Konzert am Abend geputzt, und in einer Baracke liegen Berge von kostenlosen Kleidern. Man kann sich nehmen, was passt. An einer Fassade hängt ein Plakat, das darüber informiert, wie man sogenannte Folkeaktier – symbolische Unterstützungsanteile – erwerben kann. Sie dienen als Spendenbeitrag für die Stiftung Fonden Fristaden Christiania, die das Gelände nach und nach vom dänischen Staat übernimmt. So soll die Zukunft der Freistadt gesichert werden und die Angst vor Zwangsräumungen der Vergangenheit angehören.

In Christianias vegetarischem Restaurant Morgenstedet nehmen wir ein Mittagessen ein. Als ich mich setze, spüre ich ein Schaukeln, als würde ich noch im Kajak weilen. Irgendwie passend, finde ich. Denn mein altes Bild von Kopenhagen ist auf diesem Trip ebenso mächtig ins Schwanken geraten

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