Zum Entsetzen meiner Freundin Ina hat sich ihre Tochter Pim gerade ihrer Wanderhose entledigt und tanzt barfuß im Nieselregen auf der Holzbank vor unserem Lagerfeuer. Dann beschließt die Dreijährige, einen glühenden Holzscheit aus den Flammen zu fischen, um ihn als Schwert zu benutzen. Inspiriert von Pims Taten will auch meine zweijährige Tochter Lovisa nicht im Schlafsack bleiben und kriecht entschlossen immer wieder aus dem Windschutz heraus, in dem wir uns für die Nacht zur Ruhe betten wollten.
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Mit sanften Worten versuche ich, sie zum Bleiben zu überreden, während ich im Schein meiner Stirnlampe zum wiederholten Male die Broschüre über die Vegetation auf der Halbinsel Stornäset, auf der wir uns befinden, als Gutenachtgeschichte vorlese. Ein Kinderbuch habe ich leider zu Hause vergessen. Nur Sune, Veras einjähriger Sohn, schnarcht friedlich im Zelt.
Stornäset und Getabergen auf Åland
Im Naturreservat Stornäset gibt es die Wanderpfade Skogstigen (2,5 Kilometer) und Strandstigen (5 Kilometer), die durch alten Wald und entlang der Küste führen. Der Grottstigen (5 Kilometer) bei Getabergen läuft durch eine Felslandschaft mit Höhlen. visitaland.com
Sichtung unverzichtbarer Dinge
Ein paar Stunden zuvor hatten Ina, Pim, Vera, Sune, Victoria, Lovisa und ich uns an diesem bewölkten Oktobersamstag auf einem kleinen Parkplatz mitten im Wald im Naturschutzgebiet Stornäset auf Åland getroffen. Eigentlich hatten wir geplant, zur Hütte »Småholmskojan« an der Südspitze der Halbinsel zu wandern und dort unser Nachtlager aufzuschlagen. Aber als wir das Gepäck der jeweils anderen gesichtet hatten, wurde uns schnell klar, dass wir unseren Plan spontan ändern mussten.
Ina, Vera und ich hatten ein paar vermeintlich unverzichtbare Utensilien eingepackt – ein dritter Satz Wechselkleidung, ein zusätzliches Paket Windeln, dicke Rentierfelle, ein voluminöses Stofftier, von dessen Mitnahme die Laune eines Teammitglieds abhing, und Snacks in Hülle und Fülle für die Kleinen. Wir waren guter Hoffnung, dass Victoria – die Einzige ohne Kinder auf diesem Trip, die sich nach einigen Bestechungsversuchen dazu bereit erklärte, uns zu begleiten und uns beim Tragen und der Bespaßung unseres Nachwuchses zu helfen – sich diesem Extragepäck annehmen könnte. Doch ein Blick in ihr ungläubiges Gesicht mit weit aufgerissenen Augen desillusionierte uns gänzlich von diesem Vorhaben.
Also schleppten wir kurzerhand alles zu einer nahe gelegenen Feuerstelle, schmückten den dort stehenden Windschutz mit einer Lichterkette, errichteten ein zusätzliches Zelt für Vera und Sune und entzündeten ein Feuer. Bevor wir uns schlafen legten, machten wir einen kleinen Ausflug entlang des Wanderwegs Strandstigen, kamen aber nur im Schneckentempo voran, da Lovisa und Pim auf dem ersten Teil der Strecke auf jedem Stamm balancieren und auf jeden Baum klettern wollten, der uns begegnete. Die zweite Hälfte der Tour musste ich die vom Turnen erschöpfte Lovisa schleppen. Die Kindertrage hatte ich – allzu optimistisch – im Lager gelassen. Und kehrte völlig durchgeschwitzt zurück.
Damals und heute
Früher war ich mit Vera auf Åland unterwegs, um zu bouldern und Seekajak zu fahren. Mit Ina, die hier lebt, bin ich vor einigen Jahren schon einmal durch Stornäset gewandert – damals im Tiefschnee, mit Pulka und Zelt, aber ohne Kinder. Unsere letzte gemeinsame Tour führte Ina, Vera und mich – ebenfalls im Oktober – wandernd durch den Jotunheimen-Nationalpark in Norwegen, bevor wir in dem kleinen Küstendorf Hoddevik auf unsere Boards stiegen und surfen gingen. Seitdem sind vier Jahre vergangen und wir alle drei sind in dieser Zeit Mütter geworden. Doch die Sehnsucht nach Freiheit und Outdoor-Abenteuern ist geblieben. Jetzt wollen wir herausfinden, ob die großen Erlebnisse von damals auch mit kleinen Kindern im Schlepptau möglich sind – und haben uns für einen dreitägigen Trip in die Wälder von Åland entschieden.
Als Ina die hosenlose, mit ihrem glühenden Holzschwert bewaffnete Pim eingefangen hat, kehrt langsam wieder Ruhe im Lager ein. Wir singen »Trollmors vaggsång« für die Kinder, ein schwedisches Wiegenlied von der Trollmutter, die ihre elf kleinen Trollbabys in den Traum summt. Eingekuschelt in ihre Schlafsäcke schlummern auch Pim und Lovisa nun zufrieden ein. Über uns rauscht der Wind durch die Kiefern und zwischen den Wolken blitzen die ersten Sterne hervor.
Ina, Vera, Victoria und ich setzen uns auf Rentierfelle um das Feuer, öffnen eine Flasche Rotwein – ein Ritual aus alten Zeiten – und schwelgen in Erinnerungen an vergangene Abenteuer: den Paddeltrip auf Stand-up-Paddle-Boards in der dänischen Südsee, auf dem Victoria und ich in das berüchtigte Bermudadreieck gerieten, oder an den Schneesturm auf dem Hundeschlitten bei minus 40 Grad, den Ina und ich gemeinsam im norwegischen Fjell überlebten. Wir lachen, bis uns die Tränen kommen. Dann wird es stiller. Die Glut wirft einen warmen Schein auf unsere Gesichter. Wir sind dankbar für all die Momente, die wir bereits gemeinsam erlebt haben – und ein wenig gespannt, was dieses neue Kapitel in den Wäldern von Åland mit unseren Kindern für uns bereithält.
Als Ina die hosenlose Pim eingesammelt hat, kehrt langsam Ruhe ein
Am nächsten Morgen werden Lovisa und ich von Sunes fröhlichem Geplapper geweckt. Der Kleine krabbelt bereits munter in seinen dicken Wollsocken auf dem Waldboden herum. Die Sonne scheint durch die Tannenzweige und wir kriechen langsam aus unseren Schlafsäcken. Bald knistert wieder ein kleines Feuer, an dem wir Milch erwärmen, Brei umrühren und Kaffee kochen. Pim und Lovisa spielen Kaufmannsladen auf einem Felsen und bieten Tannenzapfen und ein paar knorrige Stöcke feil.
Im Land der singenden Waldgeister
Heute wollen wir endlich zu der Hütte wandern, die eigentlich schon gestern unser Ziel hätte sein sollen. Wir haben die Idee verworfen, mit den Kindern und dem ganzen Gepäck weiterzuziehen – es ist einfach zu gemütlich für die Kleinen in dem ihnen nun bekannten Lager und zu unattraktiv für uns, die gesamte Ausrüstung erneut zu schleppen. Unsere ehrgeizigen, vor dem Trip ausgeklügelten Pläne erscheinen uns nun wie Wunschdenken – charmant, aber völlig unrealistisch. Stattdessen nehmen wir nur das Nötigste mit und machen uns auf den Weg.
Die glatten Stämme der Buchen ragen wie Säulen in den Himmel, und das Licht wird durch ein grünes Blätterdach gefiltert. Der Boden ist weich, bedeckt mit Moos und altem Laub, und in der klaren Luft liegt der Duft von feuchter Erde. Lovisa entdeckt Sauerklee, den sie sofort aufisst. Ich erzähle den Kindern, dass laut alten Sagen hier die Trollmor (dt. Trollmutter) mit ihren elf kleinen Trollen lebt – ein unsichtbarer Waldgeist, der sich selten zeigt, aber dessen Nähe man spüren kann. Pim und Lovisa rennen aufgeregt vor uns her und rufen immer wieder nach Mutter Troll. Victoria antwortet ihnen heimlich mit einem geheimnisvollen, singenden Geräusch, woraufhin beide vor Staunen mit großen Augen stehen bleiben.
Am Ufer des Slottsundet lauschen wir dem leisen Plätschern der Wellen. Wir folgen dem Strandstigen weiter entlang der Küste. Auf Holzplanken, die sich perfekt zum Balancieren eignen, führt der Pfad weiter durch moosige Abschnitte und hinaus zur Südspitze von Stornäset. Schließlich erreichen wir eine windgeschützte Bucht, in deren Nähe – etwas versteckt hinter niedrigen Kiefern – die alte Fischerhütte »Småholmskojan« liegt. Hier lebten die Geschwister Nordberg in den 1920er bis 1940er Jahren und fischten von Mai bis Mittsommer Heringe. Im Inneren riecht es nach altem Holz, und im Gästebuch finden wir Einträge aus aller Welt. Wir schreiben unsere Namen hinein, und die Kinder kritzeln ein paar Bilder, bevor wir hinausgehen, um Pfannkuchen zu backen. Lovisa gießt eifrig den Teig, den wir in einer Flasche mitgebracht haben, in die Pfanne. Bald brutzeln die goldgelben Fladen auf unserem Kocher, die wir wenig später, garniert mit Apfelmus, verzehren. Die kleinen Rabauken kauen fast ehrfürchtig.
Am Ufer des Slottsundet lauschen wir dem leisen Plätschern der Wellen
Es ist ein märchenhafter Ort. Die aufkommenden Windböen streifen sanft über die roten Holzplanken und das Rauschen der Wogen klingt, als würden sie Geschichten aus vergangenen Zeiten erzählen. Wir wären nicht überrascht, wenn in diesem Moment der lange, behaarte Schwanz der Trollmutter hinter der »Småholmskojan« verschwinden würde. Für einen Moment, zwischen dem Duft von Pfannkuchen und dem leisen Wind, ertappe ich mich dabei, darüber nachzudenken, wie sich diese Tage mit den Kindern anfühlen. Früher zählten Höhenmeter, Kilometer und die krassesten Gipfel, die man bestiegen hat. Es ging darum, die perfekte Welle auf dem Surfbrett zu erwischen, um das herrliche Gefühl, wenn der Paddelschlag perfekt sitzt, oder man nach stundenlangem Schneesturm das Zelt aufgestellt hat. Ich kann nicht leugnen, dass diese Sehnsucht nach Abenteuern immer noch in mir schlummert.
Ich war ein wenig enttäuscht darüber, dass wir nicht mit unserem Gepäck durch die Wildnis ziehen können. Und, obwohl mir das zugegeben von vornherein hätte klar sein müssen, etwas genervt davon, dass wir nur sehr langsam vorankommen. Aber gemeinsam mit Kindern gelten ganz andere Maßstäbe: die Zeit, die man braucht, um eine Handvoll Tannenzapfen zu sammeln, die Freude, wenn der erste Pfannkuchen perfekt gelingt, und das Staunen in ihren Augen, wenn die Trollmutter mit ihren geheimnisvollen Lauten antwortet. Die Tage sind voller kleiner Überraschungen, und genau das macht ihre Magie aus – ein Zauber, der nicht weniger wert ist als große Reisen, nur anders.
Ein panischer Schrei rüttelt mich aus meinen Gedanken. Sune, der gerade seine ersten Versuche wagt, sich aufzurichten und ein paar Schritte zu gehen, ist umgekippt und hat sich die Lippe am Holztisch aufgeschlagen. Es blutet fürchterlich. Pim und Lovisa sind völlig entsetzt und fangen ebenfalls an zu weinen. Wir trösten, untersuchen die Wunde, desinfizieren, wischen Blutstropfen weg und trocknen Tränen.
Wildes Wetter
Als wir uns auf den Rückweg machen, diesmal auf dem etwas kürzeren Skogstigen, frischt der Wind auf. Das Schilf am Ufer flüstert und ein Graureiher erhebt sich schwer in den Himmel. Lovisa und Pim werfen Blätter in die Luft, die der Herbst in Rot- und Gelbtöne getaucht hat, und kichern, wenn sie raschelnd zu Boden fallen. Der Weg führt uns durch schattige Laubwälder mit Eschen, Ahorn und Ulmen, dann weiter in lichte Kiefernwälder, wo Blaubeeren den Boden bedecken. Wir singen, erzählen Geschichten und locken die Kinder mit Keksen, damit sie weitergehen. Auf dem letzten Kilometer beginnt es zu regnen. Zuerst ganz leicht, dann immer stärker. Wir suchen Regenjacken und Regenhosen heraus. Sune, mit seiner nun überdimensionalen Lippe, schlummert regenfest in Veras Trage. Die Mädchen aber haben keine Lust, ihre Regenbekleidung anzuziehen, fangen an zu quengeln und sind nach der langen Wanderung ohnehin schon kurz angebunden.
Als wir endlich unseren Lagerplatz erreichen, peitschen heftige Sturmböen durch die Kiefern. Zu unserem Entsetzen stellen wir fest, dass der Windschutz, unter dem wir unsere Rucksäcke aufbewahrt haben, undicht ist. Heute Nacht werden wir hier nicht schlafen können. Es bricht Panik aus: Wer kocht das Essen? Wer versucht trotz des Regens ein wärmendes Feuer zu entfachen? Wer kümmert sich um die feuchte Kleidung? Und wer passt auf die ohnehin schon gereizten Kinder auf, die zu allen möglichen Streichen aufgelegt sind? Nach einigen chaotischen Minuten haben wir die Aufgaben verteilt. Vera liest den Kleinen unter dem trockenen Stück Windschutz die Vegetationsbroschüre vor, Ina kocht Nudeln, Victoria hängt die nassen Sachen auf und errichtet zusätzliche Zelte. Und ich entzünde ein kleines Feuer. Im Schein der Flammen servieren wir den müden Abenteurern Nudeln mit Tomatensoße.
Im prasselnden Regen spüre ich etwas, das ich früher nicht kannte
Mitten im Prasseln der Tropfen, während der Wind über die Zelte fegt, spüre ich etwas, das ich früher auf meinen Trips nicht gekannt habe: eine Mischung aus Fürsorge und tiefer Zufriedenheit. Dass die Freude jetzt vor allem in den kleinen Dingen liegen darf – in der Wärme, wenn wir nach diesem regnerischen Abend eng beieinander im Zelt liegen. Es ist eine andere Art von Erlebnis – weniger wild nach außen, aber vielleicht am Ende umso größer nach innen.
Zurück zum Kletterfelsen
Am Morgen packen wir unser Basislager zusammen. Wir wollen weiterfahren – zum Getaberg im Norden, einem der höchsten Punkte Ålands, knapp 100 Meter über dem Meeresspiegel und ein beliebter Boulderspot, den Vera und ich noch aus früheren Zeiten kennen.
Wir starten auf dem Wanderweg Grottstigen durch eine Landschaft aus eisgeformtem Granit. Die Luft ist salzig und der Wind stark. Der Blick reicht weit über Inseln bis zum offenen Meer. Knorrige Kiefern, die sich seit Jahrzehnten dem Wind beugen, klammern sich an Felsspalten. Zwischen ihnen finden wir Höhlen. In einer davon versteckte sich die Bevölkerung während des Großen Nordischen Krieges. An einer anderen Stelle bilden die Felsen ein natürliches Amphitheater. Wir stellen uns vor, dass sich die Trollmutter hier vielleicht manchmal ein Nickerchen gönnt. Die Kinder erkunden neugierig jeden Winkel dieser steinernen Kathedrale.
Der Abstieg führt vorbei an Djupvik, einer schmalen Bucht mit dunklen Felsstränden. Wir breiten unsere Rentierfelle auf den Steinen aus. Das Abendlicht legt einen glühenden Schimmer über den Granit. Reife Vogelbeeren leuchten wie kleine Laternen in der Dämmerung. Vera und ich erinnern uns an die Boulderabenteuer, die wir genau hier erlebt haben. Pim, Lovisa und Sune krabbeln über die Felsen. Wir sehen ihnen zu und werden ganz still, während wir denselben Gedanken teilen: Auch wenn mit Kindern selten alles nach Plan läuft und man oft umdenken und improvisieren muss, ist es ein Abenteuer für das Herz, gemeinsam mit ihnen draußen sein zu dürfen. Ein großes, das einem erlaubt, viele kleine darin zu entdecken. Schon jetzt spüren wir tief in uns, wie sehr wir diese Zeit vermissen werden.