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Im Land der Mumins

Die kleine Insel Klovharun ist ein mystischer Ort für alle, die vom Leben der Schriftstellerin Tove Jansson und den Schauplätzen ihrer Bücher fasziniert sind. So wie NORR-Autor Henrik Witt, der die Gegend endlich mit dem Kajak erkundet.

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Auf dem Weg Zur Insel Klovharun

Als ich vom alten Leuchtturm auf Glosholm zurückkomme, versuche ich akribisch, nicht auf das Moos zu treten und hüpfe stattdessen von Stein zu Stein. Von dem Turm, der Tove Jansson als Inspiration für das Muminhaus diente, sind nur noch Ruinen übrig, denn er wurde am Ende des Zweiten Weltkriegs gesprengt. Aber in den Zwanzigerjahren, in Toves Kindheit, gehörten Ausflüge nach Glosholm und zum Leuchtturm zu den Höhepunkten des Sommers der finnlandschwedischen Schriftstellerin, Illustratorin und Malerin.

Auf Glosholm wachsen viele Walderdbeeren. Ich habe einige gepflückt und auf einen Grashalm gefädelt, den ich jetzt beim Hüpfen über die Steine, hinunter zum Strand und zu unserem Zelt fest in der Hand halte. »Moos ist das Empfindlichste, was es gibt. Man tritt einmal auf das Moos, und es richtet sich nach dem Regen wieder auf, ein zweites Mal tut es das aber nicht. Geht man zum dritten Mal über das Moos, ist es tot.« So schreibt Tove in ihrem »Sommarboken« (dt. Sommerbuch), das von einem Sommer auf einer kleinen Insel im finnischen Schärenmeer erzählt, in dem Sophia, ein neugieriges, manchmal widerspenstiges Mädchen, sowie ihre Großmutter, eine ältere, kluge und eigenwillige Frau, die Hauptrollen spielen.

Beim Vorwärtshüpfen höre ich das Echo von Toves Worten in meinem Kopf. Mein Paddelkamerad Morgan fragt, was ich da mache. Ich erkläre es ihm, und dann sind wir schon zwei, die von Stein zu Stein springen, um nicht auf das Moos zu treten.

Der Pellinge-Archipel

Zum Pellinge-Archipel gehören rund 200 Inseln im Schärengebiet von Borgå (Porvoo), etwa 50 Kilometer östlich von Helsinki. Hier war die Mehrzahl der Bewohnerinnen und Bewohner immer schwedischsprachig, sodass meist die schwedischen Namen der Inseln verwendet werden. Die Familie Jansson mietete jeden Sommer eine Villa auf der Insel Stor-Pellinge. Später ließen Tove und ihre Lebensgefährtin Tuulikki »Tooti« Pietilä sich die Hütte auf Klovharun am äußersten Rand des Schärengartens bauen, die bis 1991, als Tove 76 Jahre alt wurde, für die beiden ein Lebensmittelpunkt war.

Pellinge-Archipel
Beim Heimatverein erfährst du den Termin der jährlichen geführten Besuchswoche. Im Frühjahr gilt Vogelschutz, daher ist der Zugang nicht erlaubt. Im Herbst ist ein Besuch möglich. pellingehembygdsforening.fi

Dorthin sind wir nun unterwegs, in muminmäßig gemächlichem Tempo. Es ist Mitte Juli, die Sonne scheint auf das ruhige Wasser, und es ist sehr heiß. Von Sturjan auf Stor-Pellinge, wo wir das Auto geparkt haben, sind wir mühelos nach Glosholm gepaddelt, unserem ersten Etappenziel, und in die Stimmung des »Sommarboken« hineingeglitten. Lange liegen wir auf den sonnenwarmen Klippen, betrachten das Schilf am Ufersaum und beobachten, wie das Wasser sachte über die Steine schwappt.

Das Ankommen einer Welle ist wie ein Einatmen, das den Tang und das Seegras tanzen lässt – dann folgt das Ausatmen, wenn die Welle zurückfließt und die Steine sichtbar werden. Wir springen ins Wasser und lassen uns, auf dem Rücken liegend, in aller Ruhe von der langsamen Dünung wiegen. Abends sitzen wir am Ufer und schauen auf die äußersten Schären hinaus und auf das Meer, das aussieht, als befänden wir uns mitten in den Muminbüchern – und wahrscheinlich ist das auch so. Fast meine ich, ein Boot mit den Hatifnatten, diesen geheimnisvollen Wesen ohne Gesicht, zu sehen, die zum Horizont unterwegs sind. Es ist ein windstiller Abend. Wir schlürfen Kaffee aus unseren mitgebrachten Mumintassen. Irgendwo dort draußen liegt die Insel. Toves Insel. Da wollen wir morgen hin.

Ein Leben mit Toves Geschichten

Für viele Schweden meiner Generation, die in den 1970er- und 80er-Jahren Kinder waren, gehörten die Bücher von Tove Jansson fast ebenso sehr zur Kindheit wie der große Bücherschatz von Astrid Lindgren. Ähnlich wie in Astrid Lindgrens Geschichten gibt es auch hier tiefere Ebenen, die nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene ansprechen, sowie eine reiche und sehr persönliche Sprache. Für mich bedeutete und bedeutet Tove Jansson sogar noch mehr. Ihre Geschichten waren das Hintergrundrauschen meines ganzen Lebens – von meiner Kindheit bis zu der Zeit, als ich sie meinen eigenen Kindern vorlas.

Das Ankommen einer Welle ist wie ein Einatmen, das Tang und Seegras tanzen lässt.

Eine liebevolle, leicht wehmütige Nachdenklichkeit gibt den Geschichten ihre besondere Atmosphäre. Jetzt, wo meine Kinder größer geworden sind und vollauf damit beschäftigt, ihren eigenen Ton zu finden, lese ich die Bücher ganz für mich allein. Im Sommer blättere ich durch das »Sommarboken«, und wenn es Herbst wird, hole ich »Sent i november« (dt. »Spät im November«, in Deutschland als »Herbst im Mumintal« bekannt) hervor, in dem es um Einsamkeit und Sehnsucht nach Gemeinschaft, Veränderung, Abschied sowie um Selbstständigkeit und persönliches Wachstum geht.

Ich sitze dann gern draußen auf einer kleinen Insel im Schärengarten oder in einer Hütte im Wald. Wie in Tove Janssons berühmtem Lied »Höstvisa« (dt. Herbstlied) versuche ich, das Leben und die Liebe nicht aufzuschieben. Ich hoffe, im Alter einmal so zu werden wie die Großmutter aus dem »Sommarboken« – klug, eigenwillig, mit trockenem Humor und einer großen Gelassenheit gegenüber dem Leben. Schon lange träumte ich außerdem davon, im Pellinge-Archipel zu paddeln und auf Klovharun an Land zu gehen. Diesen Traum erfülle ich mir nun.

Ein Einziges Abenteuer

Ganz still ist es am nächsten Morgen, als wir zu den äußersten Schären aufbrechen. Sie liegen da wie Perlen einer Halskette, schreibt Tove in »Anteckningar från en ö« (dt. Notizen von einer Insel), die sie gemeinsam mit Tuulikki Pietilä 1996 veröffentlichte. Die strahlendste Perle in der Halskette ist Kummelskär, die größte der äußersten Schären. Dorthin lenken wir unsere Kajaks zuerst.

Als Tove noch sehr klein war, beschloss sie, Leuchtturmwärterin auf Kummelskär zu werden. Damals gab es dort zwar nur ein Blinkfeuer, aber sie wollte dafür sorgen, dass ein großer und mächtiger Leuchtturm gebaut würde. Als Erwachsene musste sie den Traum vom Leben als Leuchtturmwärterin auf Kummelskär aufgeben, fand aber eine andere kleine Schäre, die nicht ganz so weit draußen lag. 1947 kauften Tove und ihr Bruder Lars die Insel Bredskär und bauten dort ein Haus, das sie »Vindros« (dt. Windrose) nannten.

Eine Hütte für Kreative

Jetzt findet auf Klovharun gerade die jährliche Besucherwoche statt, es sind viele Leute auf der Insel. Wir wollen abwarten, bis ein paar Boote wieder weggefahren sind, und gehen stattdessen auf der kleinen Felseninsel Östra Hästhällen an Land, ein Stück weiter südlich. Wir setzen uns auf die Klippen, futtern etwas Schokolade und fotografieren Klovharun aus der Entfernung. Es ist die letzte Schäre, weit draußen vor dem offenen Meer. Hier fühlt sich das Archipel bereits ganz anders an – weiter, stiller und rauer. Als das Ausflugsschiff abgelegt hat, paddeln wir endlich nach Klovharun und reihen uns unter die Freizeitboote ein. In der Besucherwoche, wenn die Öffentlichkeit freien Zutritt hat, ist es hier ziemlich laut. Der Rest des Sommers ist für Kunststipendiaten reserviert, die jeweils eine Woche dort wohnen und sich kreativ betätigen dürfen.

Das Meer färbt sich golden und später blau, als die Sonne schon verschwunden ist.

Als wir an Land gehen, halte ich Ausschau nach der Eberesche, die laut Tove bei jedem finnischen Sommerhaus wachsen soll. Auch Tooti und Tove hatten eine gepflanzt und versuchten sie am Leben zu erhalten, was über viele Jahre gelang, doch jetzt erfahre ich, dass sie die endlosen Herbststürme nicht überlebt hat. Aber die Rosen sind noch da, und ich entdecke die Rosa rugosa (dt. Kartoffelrose), in der Felsspalte oben bei der Hütte. In diese Spalte pflegte Tove sich hineinzulegen, wenn sie ihre Ruhe haben wollte. Von innen ist die Hütte sehr hübsch. Ich schaue aus allen Fenstern und denke daran, wie Tove und Tooti in ihrem Zelt lagen, als das Haus noch nicht fertig war, und sich ausmalten, wie die Hütte aussehen könnte und in welchen Himmelsrichtungen die Fenster liegen sollten. »Nach Südosten öffnen wir uns für die großen Stürme, die quer über die Insel rasen, im Osten kann der Mond sich spiegeln, und im Westen ist eine Felswand mit Moos und Tüpfelfarn. Im Norden muss man sehen können, wer oder was angefahren kommt, um sich rechtzeitig darauf einzustellen«, schreibt sie. Ich sehe den großen Mast, den Brunström als Geschenk besorgt hatte und den sie nur unter Schwierigkeiten an Land und an seinen Platz befördern konnten.

Angst vor Einbrechern

Wir bekommen eine Führung von Karin Weckman-Rikberg, die gemeinsam mit ihrem Mann Rune hier als Gastgeberin auftritt. Während der Besucherwoche wechseln sie sich mit einer Gruppe weiterer Tove Jansson-Enthusiasten ab. Nach der schönen Besichtigung und vielen spannenden, lustigen und rührenden Geschichten dürfen wir durch eine Luke im Fußboden in einen Felsenkeller hinuntersteigen, in den eine kleine Sauna eingebaut wurde. An einer anderen Stelle kommt man dann wieder aus dem Felsen heraus und könnte direkt ins Wasser springen. Wir machen einen Spaziergang rund um die Insel, hocken uns in eine Felsspalte und lassen uns das Mittagessen schmecken. Jetzt, Ende Juli, wirkt die ganze Insel wie berauscht vom Sommer. Alle Blumen zeigen sich von ihrer prachtvollsten Seite. Wir setzen unseren Spaziergang barfuß fort, über sonnenwarme Klippen hinweg. Trotzdem kehren wir Klovharun und dem Menschengewimmel recht bald den Rücken. Wir nehmen mit unseren Kajaks stattdessen Kurs auf die Inselgruppe Äggskären. Bei der Führung wurde uns erzählt, dass die Geschichte aus dem »Sommarboken«, in der die kleine Sophia ein aufziehendes Unwetter erlebt und ihre Angst bewältigt, indem sie die Natur um sich herum nachahmt, von der Landschaft dort inspiriert ist.

Jetzt, Ende Juli, wirkt die ganze Insel wie berauscht vom Sommer.

Als wir an Bredskär vorbeikommen, steht da eine Frau mit einem Kind auf dem Arm und winkt uns zu. Wir winken zurück, bleiben aber auf Abstand, um nicht zu stören. Es ist Sophia Jansson, die immer noch dort wohnt. Sie ist Toves Nichte und die Hauptfigur im »Sommarboken«. Inzwischen ist sie Vorstandsvorsitzende des Konzerns »Moomin Characters«. Aber wir wollen nicht stören und paddeln in einiger Entfernung vorbei. Weit draußen auf der Spitze von Söderholmen, auf der südlichsten Äggskären-Insel, schlagen wir unser Zelt auf. Vom Meer hört man nicht mal ein leises Plätschern. Es gibt Pizza, im Campingbackofen zubereitet. Wir machen noch einen Spaziergang um die Insel und schlafen dann ein, während wir eine Aufnahme hören, in der Tove aus dem »Sommarboken« vorliest.

Am nächsten Morgen ist es warm. Wir paddeln langsam weiter, zwischen kleinen Felseninseln und Schären. Wir müssen keine nennenswerten Entfernungen zurücklegen, und so können wir es weiterhin ruhig angehen lassen. Im Archipel von Pellinge gibt es keinen mittleren Bereich, hier geht der innere Schärengarten direkt in die Außenschären über. Weiter drinnen findet man kleine, bewaldete Inseln, weiter draußen kahle, karge Schären. Viele Seezeichen und kleine Leuchttürme ragen in die Höhe. Am anderen Ufer liegt Estland. Die Hitze ist drückend, und wir schwitzen. Das Wasser läuft an uns herunter und fast schmeckt das bloße Atmen schon nach Salz. Nicht ein einziger kleiner Sturm weit und breit. Tove war, genau wie ihr Vater, richtig entzückt von Stürmen, denn dadurch kam im Sommer manchmal Bewegung in das stille Verandaleben.

Aber sie konnten natürlich auch gefährlich sein. Tove dachte immer an eventuelle Besucher, die in Seenot auf Klovharun stranden könnten. Am Fenster der Außentür war ein Schild angebracht, das Tove nach einem Einbruch geschrieben hatte: »Der Hausschlüssel hängt über der Tür. Bitte nicht die Scheibe einschlagen.« Wir umkurven Stor-Pellinge, gleiten am Rand von Lill-Pellinge entlang und paddeln dann zur Insel Sandön, von deren Schönheit uns jemand erzählt hat. Als wir ankommen, ist das Wetter immer noch so unglaublich ruhig, dass wir beschließen, auf Stångskär zu übernachten, einer Schäre, die noch ein wenig weiter draußen liegt. Es ist der letzte Abend, und als wir endlich an Land gehen können, sind wir so richtig erschöpft. Die ganze Insel ist mit Spinnennetzen bedeckt, und wir taufen sie gleich in »Spinneninsel« um. Die Spinnweben hängen nicht nur in den Bäumen, sondern auch zwischen ihnen. Es ist wie ein Verteidigungswall aus Spinnweben, der sich nicht durchdringen lässt. Das Ganze wirkt tatsächlich wie aus einem Mumin-Abenteuer ausgeschnitten.

Freudenlichter über dem Meer

Als die Sonne untergeht, ist das Abendlicht so warm, wie es nur im Juli sein kann. Ein paar andere Kajakfahrer haben den Weg zu unserer Insel gefunden, setzen sich auf die Felsen und betrachten den Sonnenuntergang. Das Meer färbt sich rot, später golden und dann blau, als die Sonne schon verschwunden ist. Aber mit Hatifnatten-Booten sieht es an diesem Abend schlecht aus. Vielleicht sind sie schon auf großer Fahrt? Ich verstehe, warum Tove die Landschaft hier draußen so liebte – und was für ein Glück, dass ich nun endlich einige Tage hier verbringen konnte. Als wir dort am äußersten Ende der Landspitze sitzen, ist die Muminstimmung vollkommen. Lässt sich da draußen nicht ein schwerfälliger, gutmütiger Dronte erahnen, der zusammen mit 19 nervösen und verspielten Homsas beim Fischen ist? Am nächsten Tag geht es zurück nach Hause. Die Paddelstrecke ist schnell geschafft. Wir ziehen die Kajaks ans Ufer und laden sie auf das Auto. Es bleiben uns nur noch zwei Stationen.

Zuerst fahren wir zur Galleria Artmarina, die direkt neben dem Haus liegt, das Toves Familie gemietet hatte, als sie klein war. Wir machen einen Abstecher in die Galerie, trinken einen Becher Saft und schauen uns die Bilder an. Zum Abschluss besuchen wir die »Pellingemorran« – einen großen Stein, dem Augen und Mund gegeben wurden und der dem unheimlichen Monster Mårran ähnelt, das auch in »Vem ska trösta Knyttet?« (deutsche Version: Wer tröstet Toffle?), einem der beliebtesten Kinderbücher von Tove Jansson, auftaucht. Bald verlassen wir Toves fantasievolles Land und kehren zurück in die Zivilisation. Doch die Gefühle bleiben. Als es dämmert, denke ich an die letzten Zeilen aus »Vem ska trösta Knyttet?«, das von dem kleinen, ängstlichen Toffle handelt, der seine Furcht überwindet, indem er die noch ängstlichere Miffle vor der Mårran rettet. In der Nacht machen sich Toffle und Miffle mit einem Boot auf den Heimweg, und Tove schreibt: »Nun schaukeln Freudenlichter über das Meer, so weit man sieht, nun trösten wir einander und haben niemals mehr Angst.«

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