Die Insel Amager ist nur durch einen schmalen Kanal von Kopenhagen getrennt. Der erste Teil ist dicht bebaut und urban. Aber nur wenige Kilometer landeinwärts beginnt ein 3.500 Hektar großes Gebiet, das fast die Hälfte des Eilands einnimmt: der Naturpark Amager, der zehnmal so groß ist wie der Central Park in New York. Mit der U-Bahn brauche ich nur fünf Minuten vom Zentrum Kopenhagens bis zur Station DR-Byen, wo der 27 Kilometer lange Wanderweg Amarminoen startet, der durch den Naturpark Amager führt. Sein Name setzt sich aus dem Spitznamen der Insel Ama(ge)r und dem beliebten Camino in Südeuropa zusammen. Mitten im Grünen, am Startpunkt des Amarminoen, stehen kleine Pfähle mit dem tropfenförmigen Logo, die den Wanderweg markieren.
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Ich beginne meine Tour durch niedriges Gebüsch, Brombeersträucher und offene Wiesen mit wogendem Gras und Blumen. Entlang des Weges spähen langhaarige Ziegen über den Zaun. Hier pflegen die Tiere die Natur im Zeichen der Artenvielfalt – statt Rasenmäher und Heckenscheren.
Hochhäuser und leuchtende Beeren
Bald erreiche ich De Tre Høje, von wo aus man einen einzigartigen Blick über Kopenhagen hat. Ikonische Hochhäuser und Türme ragen in der Ferne empor. Nun, im August, ist der Weg übersät mit süßen Brombeeren, gelben und roten Pflaumen, die auf dem Pfad herumrollen, und leuchtend orangefarbenem Sanddorn, dessen Beeren in großen Trauben hängen. Obwohl die Geräusche der Stadt im Hintergrund hörbar sind, fühlt man sich wie weit weg in einem Tunnel aus Grün.
Wenig später öffnet sich der Pfad und ich stehe hoch über Teglholmen und dem Kopenhagener Kanal. Kleine traditionelle Fischerhütten liegen am Wasser, dahinter die futuristischen Hochhäuser von Teglholmen. Eine Treppe führt hinunter zum Hafen und ich folge einem asphaltierten Weg unter der lärmenden Sjællandsbro. Glücklicherweise wird es auf der anderen Seite schnell ruhig, wo Pferde und Schafe auf den Weiden grasen. Ich bin an der Westküste von Amager angekommen, die durch einen Deich geschützt ist. Ansonsten ist Amager so flach, dass die Insel von Überschwemmungen bedroht ist.
Spritzende Gischt und zausiges Haar
Der Weg verläuft in einer geraden Linie entlang des Deiches, so weit das Auge reicht. Es blühen wilde gelbe, weiße und lila Blumen. Unterhalb führt ein Radweg vorbei, der bei den Rennradfahrern der Hauptstadt sehr beliebt ist. An diesem Tag haben sie zusätzlichen Widerstand in den Pedalen, da ein starker Westwind weht. Auf der anderen Seite des Kanals liegt der Sydhavn mit seinen Reihen von schaukelnden Booten. Bald öffnet sich die Wasserstraße und geht ins Meer über. Auf den Wellen spritzt Gischt, und auf dem Deich, auf dem ich gehe, weht mir der Wind durch die Haare.
Entlang des Deiches liegt einer der schönsten Badeplätze des Kanals – eine Holzplattform mit einem eingezäunten Schwimmbereich. An einem warmen Tag würde ich hier gerne ins Meer springen, aber gerade pfeifen mir die Böen zu hartnäckig, um mich ins Wasser zu locken. Der Weg entlang des Deiches scheint endlos, aber schließlich stehe ich hoch oben und blicke auf den See Birkedammen, der in der Sonne glitzert und an dem es einige Shelter gibt, in denen man kostenlos nächtigen kann.
Weite Grasflächen mit vereinzelten Bäumen prägen hier das Bild.
Trip durch die Savanne
Nun geht es weg von der Küste und durch das riesige Kalvebod Fælled, das ich immer als die Savanne von Kopenhagen bezeichne. Weite Grasflächen mit vereinzelten Bäumen prägen hier das Bild. Anstelle von Giraffen und Antilopen sind es Kühe und Pferde, die dafür sorgen, dass die weiten Flächen offen bleiben. Sonst würden sie zu Wald werden. Verstreute Wasserlöcher locken seltene Watvögel an, die sich in großen Schwärmen versammeln.
In der Ferne erhebt sich Ørestaden – einer der neuesten Stadtteile Kopenhagens mit dem berühmten achtförmigen Gebäude von Bjarke Ingels an der Spitze. Von hier aus sieht Ørestaden wie eine einsame Insel aus.
Der Weg führt in den Pinseskoven, der zweifellos einer der schönsten Wälder Dänemarks ist und der größte selbstgewachsene Birkenwald des Landes. Seine Samen sind aus Schweden herübergeweht. Zwischen den weißen Stämmen herrscht eine wunderbare Atmosphäre. An kleinen Lichtungen flattern seltene Schmetterlinge.
Kitesurfer kosten den starken Westwind auf dem Meer aus.
Es dauert nicht lange, schon stehe ich wieder auf dem Deich mit Blick auf das Meer und den endlosen Weg, den ich vor vielen Kilometern verlassen habe. Hinter mir liegen kleine Seen, umgeben von Schilf. Auf dem Deich kann ich einen der Vogeltürme erkennen, von denen aus man in das Naturschutzgebiet Kalvebod Fælled blicken kann. Mit etwas Glück kann man von hier aus Seeadler, Kormorane und zahlreiche andere Watvögel beobachten.
Vor mir liegt das Meer, wo Kitesurfer den starken Westwind auf dem Wasser auskosten. Unterhalb des Deiches führt der Amarminoen weiter über die Strandwiesen entlang des Meeres. Eine Herde Pferde galoppiert neben mir und eine Schar Enten fliegt über mich hinweg. Um mich herum wimmelt es von Strandkräutern in allen möglichen Grüntönen. Die Strandwiesen hier gehören zu den Naturräumen, die wir in Dänemark zu erhalten versuchen. Aufgrund der Vielfalt an essbaren Pflanzen werden hier regelmäßig Sammeltouren organisiert.
Nach einer Weile biegt der Weg erneut in den Wald ein. Diesmal in den 200 Jahre alten Kongelundskov mit vielen Eichen – der ursprünglichen Baumart Dänemarks, in dem man ebenfalls zelten kann. Auf einer Wiese mit blühendem Klee steht ein mystischer Steinkreis. Wenn man genauer in den Waldrand schaut, findet man einen der berühmten Trolle von Thomas Dambo. Wieder gelange ich ans Meer und gehe durch Strandwiesen mit wogendem Gras, vorbei an Koppeln und wilden Apfelbäumen. Aus kleinen Seen fliegen Rohrsänger auf, wenn ich vorbeigehe.
Jetzt bin ich am Dragør Sydstrand und kann in der Ferne die Öresundbrücke sehen. Der Weg führt bis zum Strand. Es ist menschenleer und zweifellos der einsamste Abschnitt der Strecke. Ich spüre, wie sich die vielen Kilometer im schweren Sand in meinen Oberschenkeln bemerkbar machen. Doch hier endet der Weg an einem großen Stein. Die Belohnung ist ein kleiner Spaziergang durch die gepflasterten Straßen, vorbei an den gelb gestrichenen Häusern von Dragør. Es ist, als würde man in ein Dorf aus dem 18. Jahrhundert zurückversetzt. Vom Dragør Stationsplads fährt der Bus zurück in die Stadt. Mein wilder Streifzug in Zentrumsnähe liegt hinter mir. Aber bald schon komme ich wieder, um eine Pause vom Kopenhagener Trubel in dieser wundervollen Natur am Meer einzulegen.