Da liegt er, der Nallo. Mit seiner Spitze, die wie ein Speer direkt hinein in den Himmel ragt. Wie eine Weltraumrakete, die sich kurz vor dem Start befindet, inmitten eines alpinen Panoramas aus türkisfarbenen Seen und kegelförmigen, verschneiten Gipfeln. Jetzt kann das Kribbeln im Bauch kommen. Denn jetzt ist es soweit.
Aus irgendeinem Grund habe ich mir vorgestellt, dass es sich beim ersten Mal besonders anfühlen würde. Dass es wie ein Rausch durch den Körper gehen würde, wenn ich den Nallo erspähe. Dass ich ein Flattern im Bauch spüren werde, das sich in alle Nervenbahnen und bis ins Gehirn ausbreitet und sich in einem breiten Lächeln äußert. Deshalb ist es ein wenig enttäuschend, dass weder ich noch meine Begleiter Anders oder Tommy beim ersten Anblick von Nallo wissen, ob es wirklich Nallo ist, den wir da gerade vor der Linse haben. Das Zweifeln beginnt.
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Rauf auf den Nallo
Der Nallo ist kein Anfängerberg, aber auch keine Profi-Tour. Wer einen sicheren Tritt im Geröll und das Wetter im Blick hat, findet hier eine klassische Gipfeltour im Kebnekaise-Gebiet. svenskaturistforeningen.se
»Das muss er sein. Oder etwa nicht?«, sage ich. »Aber liegt er nicht etwas weiter vorne? Er befindet sich doch im nächsten Tal«, sagt der Fotograf Anders. »Ja, aber man sieht ihn doch schräg hinter diesem Berg. Es muss Nallo sein«, behaupte ich. Anders und ich beginnen darüber zu diskutieren, welcher Gipfel es nun genau ist, der sich wie ein spitzer Speer im Nordwesten zwischen zwei anderen Gipfeln erhebt. Ich runzele die Stirn. Keiner von uns lächelt.
Gleichzeitig gibt es so viel anderes, worüber man sich Gedanken machen könnte. Zum Beispiel, wie schön der mintgrüne Gebirgsfluss Vistasjokken unterhalb der Klippe hinabstürzt, wo wir gerade auf dem Sturmkocher Wasser erhitzen. Oder wie sich einige Wolken über einem der kuppelförmigen Gipfel vor uns zusammenballen, sodass dieser wie ein rauchender Vulkan aussieht. Aber dennoch ist es der Blick auf den Nallo, der mich nicht loslässt. Ich habe den Berg auf unzähligen Bildern gesehen. Bald werde ich ihn in echt erleben. Aber Nallo ist kein Gipfel, den man einfach so vor der Nase hat. Er erfordert eine mehrtägige Wanderung, die für uns mit einer Bootsfahrt begann.
Einstieg mit dem Boot
Spulen wir ein paar Stunden zurück, und wir haben den Fahrtwind in den Haaren, während Elias Elmquist, der hier in der Sommersaison jobbt, uns sicher über seichtes Wasser steuert. Von Nikkaluokta in Schwedisch-Lappland, dem Tor zur Fjällwelt, kann man mit dem Boot manchmal bis zu 12 Kilometer weit in das Vistasdalen fahren. »Ich würde schätzen, dass man noch ungefähr zwei Wochen lang fahren kann, dann ist das Wasser wahrscheinlich zu niedrig«, sagt Elias, den Blick fest nach vorne gerichtet. Er weiß genau, wo er schneller fahren kann und wo er weite Kurven machen muss, um nicht auf Grund zu laufen. An manchen Stellen ist das Wasser nicht mehr als zwei Zentimeter tief.
Eine schwarz-weiße Krickente fliegt vor dem Boot her, um uns von ihren Jungen wegzulocken. Sie kann ja nicht wissen, dass wir weder ihr noch ihrem Nachwuchs etwas Böses wollen, also flattert sie jedes Mal wild vor uns, wenn das Boot kommt. Elias zeigt auf die braunen Stellen oberhalb des Bergbirkenwaldes im Osten. Dort haben die Raupen des Birken-Moorwald-Herbstspanners deutliche Spuren hinterlassen. Wo sonst im Sommer ein geschlossenes Band aus Grün liegt, wirkt der Hang nun lichter, stellenweise fast kahl. Die Blätter wurden abgefressen, ganze Baumbestände haben ihre Farbe verloren. Solche Fraßschäden treten in Zyklen auf und sind Teil der natürlichen Dynamik im Bergbirkenwald. Für einen Moment bleiben wir stehen und schauen hinüber. Ein stiller Hinweis darauf, wie verletzlich diese weite, scheinbar unberührte Landschaft ist.
Elias setzt uns an einem Strand ab und zeigt erneut, diesmal auf den Weg, den wir wandern werden. Und als er hört, dass wir vor allem Nallo sehen wollen, nickt er. »Ja, Nallo hat schon viele getäuscht. Dort kann der Nebel oft tief liegen. Man möchte ja diese Aussicht sehen«, stellt er fest. Ja, das möchte man natürlich.
Auch die Bergkuppen, die sich nördlich erheben, sind nicht zu verachten.
Die Menschen, die mit uns zusammen im Boot gesessen haben, brechen in die gleiche Richtung auf wie Anders, Tommy und ich. Also schließen wir uns an und gehen ein Stück gemeinsam. Agneta Andersson und Einar Uhlin Wallentin waren per Nachtzug nach Kiruna gekommen, und ich hatte Einar bereits in der Warteschlange für den Nikkaluokta-Express bemerkt. Wie neugierig er andere fragte, wohin sie wollten und was sie vorhatten. Die meisten wollten Schwedens höchsten Berg, den Kebnekaise, besteigen. Einar will das nicht.
Er war erst acht Jahre alt, als er mit Agneta das Jämtlandstriangeln wanderte. Das war seine erste Wanderung – und er war begeistert. Jetzt ist er elf und hat schon mehrere mehrtägige Wanderungen auf seinem Konto. Er ist schon in seinem jungen Alter ein echter Freiluft-Enthusiast, wünscht sich Outdoor-Ausrüstung zu Weihnachten und hat das schwedische Outdoor-Magazin Utemagasinet abonniert. Einar möchte immer ein bisschen weiter weg, am liebsten mit Zelt und oft in Begleitung von Agneta, seiner Bonusgroßmutter. »Aber wenn mich jemand fragt, sage ich meistens, dass sie meine Freundin ist«, sagt Einar, als wir uns für eine Pause hinsetzen.
Er holt eine kleine Tüte aus dem 13 Kilogramm schweren Rucksack, den er auf dem Rücken trägt. Bis jetzt haben sich Einar und Agneta noch nicht ganz darauf geeinigt, wohin sie gehen wollen. Einar stimmt für Ritsem, aber Agneta hält Vakkotavare für ein geeigneteres Endziel. »Einar will immer weiter wandern als ich«, stellt sie fest.
»Nein, jetzt kribbelt es mir in den Beinen!«, ruft Einar nach einer Weile. Und er hat recht, es ist Zeit, weiterzuziehen. Also brechen wir auf. Wir wandern über Bäche und durch Bergbirkenwälder. Vorbei an einer Wiese, auf der purpurrosafarbene schmalblättrige Weidenröschen blühen. Unser Blick ist auf die Berge gerichtet, die sich um uns herum ausbreiten. Dunkle Silhouetten und weiße Schneefelder.
Und dann passiert es ganz plötzlich. Da ist er. Steckt wie ein Speer etwas nördlich von dem Pyramidentoppen, einer der markanten Gipfel im Hochgebirge rund um den Kebnekaise. Der wundervolle Nallo, eingebettet zwischen seinen Bergkameraden. Oder? Ganz sicher können wir erst sein, wenn wir die Vistasstugorna erreichen werden, an denen wir unser Nachtlager aufschlagen wollen. Wir errichten die Zelte in der Nähe der Hütten und fallen fast augenblicklich in einen tiefen Schlaf.
Als ich am nächsten Morgen aufwache, wärmen die Sonnenstrahlen durch das Zeltgewebe. Wir frühstücken bei schönem Wetter und genießen die Aussicht. Und ergattern den Blick, den ich schon oft auf Bildern gesehen habe. Den von der Ostseite, vom Vistasdalen, direkt auf den spitzen Gipfel. Aber auch die Bergkuppen, die sich nördlich von uns erheben, sind nicht zu verachten. Ich verspüre ein starkes Verlangen, das gesamte Vistasdalen zu durchwandern und jeden einzelnen der Berge zu besteigen. Aber das muss wohl ein anderes Mal sein. Für diesen Trip gibt es nur ein einziges Ziel: den Nallo.
Das Echo eines Steinschlages
Gerade als die dritte Tasse Filterkaffee fertig ist, hören wir einen Steinschlag von einem nahegelegenen steilen Berghang, ein »Ko-Klonk«, das einfach weiter und weiter geht. Ein Echo, das in schnellem Tempo hinunterrollt. Wir schauen hinüber und warten, bis das Geräusch im Tal verhallt. Dann wird es wieder still. Kurz darauf brechen wir auf und machen uns auf den Weg zum Nallo, der ruhig und unbewegt vor uns liegt.
Die Sonne scheint von hinten, sodass sie uns fast in den Rücken stößt, als wir unsere Wanderung beginnen. Und nach einer Weile hören wir zwei bekannte Stimmen hinter uns. Es sind Einar und Agneta. Der Elfjährige hat gut und lange geschlafen, ist aber wie immer schnell unterwegs. Bald holt uns auch Agneta ein, und wir begleiten sie eine Weile. Wir laufen über unwirklich grüne Moosbüschel. Der Boden wird feuchter und wir werden ständig von den imposanten scharfen Kanten des Kugghjulskammen, einem markanten glazialen Moränenrücken zu unserer Rechten, beobachtet. »Das fühlt sich an, als wandeln wir durch die Sagen aus Herr der Ringe. Wie im Land Mordor im Osten von Mittelerde«, sagt Tommy, als sich die Wolken über den dolomitenartigen Gipfeln zu sammeln beginnen.
Aber bisher ist das Wetter noch gut, und deshalb machen wir das, worüber wir gesprochen haben. Wir beschließen, auf der rechten Seite des Nallo entlang zu gehen und um den Gipfel herum, um an einem der Seen auf der nordwestlichen Seite unser Zelt aufzuschlagen und gleichzeitig Höhenmeter für die Besteigung zu sammeln, die wir uns vorgenommen haben.
Wir entscheiden uns dafür, jetzt schon etwas an Höhe zu gewinnen und uns allmählich schräg nach oben und gleichzeitig nach innen zu bewegen. Irgendwie klingt das nach einer vernünftigen Idee. Mit guter Laune beginnen wir, uns schräg zum Pass hinauf zu arbeiten, über Felsblöcke und durch dichtes Gestrüpp. Hin und wieder taucht hinter einem Kamm unerwartet eine kleine Schlucht auf, als wolle sie uns ärgern. Wir müssen in die Schlucht hinabsteigen, um dann wieder hinaufzusteigen. Wir beißen die Zähne zusammen und machen einfach weiter. Bis sich vor uns eine wirklich riesengroße Schlucht öffnet, in der ein reißender Wasserfall tost.
Das Durchschreiten des steilen Geröllgeländes wäre uns sicher nicht so anstrengend vorgekommen, wenn wir nicht schon eine gefühlte Ewigkeit auf losen Steinen herumgeklettert wären. Es sieht nicht so aus, als würde der Untergrund, der noch vor uns liegt, leichter werden, wenn wir zu dem Pass hinaufschauen, den wir überqueren wollten. Also geben wir auf. Nach einem kräftezehrenden Umweg kehren wir wieder zum eigentlichen Pfad zurück. Und dann fängt es auch noch plötzlich an zu regnen.
Als wir bei der Nallostugan ankommen, steht der Hüttenwirt Håkan Johnsson unter dem überhängenden Dach auf der Treppe, um sich vor den herabfallenden Tropfen zu schützen. Er sieht ziemlich zufrieden aus mit dem Wetter, der Hütte und dem Leben im Allgemeinen. Oder vielleicht sieht er einfach immer so aus. Er arbeitet erst seit einer Woche in der Nallostugan, hat aber schon eine Menge anderer STF-Hütten hinter sich. Normalerweise verbringt er seinen gesamten Urlaub als Hüttenwirt. Er arbeitet eine Behausung nach der anderen ab.
Er sagt, dass ihm die Nallostugan bisher gefällt, und mir geht es genauso. So sehr sogar, dass wir an diesem Abend darauf verzichten, unser Zelt aufzuschlagen und stattdessen eine Nacht in der Hütte bleiben. Zumindest freuen sich Tommy und ich, unsere nassen Kleider auf der Kleiderstange hinter dem Kamin aufzuhängen und zu trocknen. Der Fotograf Anders hingegen stimmt nur widerwillig zu, auf eine Nacht im Zelt zu verzichten. Jetzt gilt es, ihn davon zu überzeugen, dass eine gemütliche Hütte auch nicht so schlecht ist. Außerdem hat es seinen Reiz, andere Wandernde zu treffen, behaupte ich. Zumindest wenn jemand »Hallo! Willkommen!« sagt und sich über Gesellschaft freut.
Dieses Mal ist es Daniel Jönsson, der uns lächelnd empfängt, als wir hereinkommen. Er ist von Abisko über Kårsavagge, Abiskojaure, Unna Allakas, Alesjaure und Vistas hierher gewandert. In Nallo gönnt er sich einen zusätzlichen Tag, der morgen auf ihn wartet. Und jetzt hat er gerade beschlossen, sich zu gönnen, selbst Holz zu hacken und den Ofen anzuzünden. Etwas, dem übrigens auch ich gerne nachgehe, sobald sich die Gelegenheit dazu bietet. Ich werde auch »Karin Kamin« genannt und bekomme nun Konkurrenz beim Holzhacken, als die Späne unter Daniels Axt fliegen.
Der Abend vergeht zu den Klängen und unserem leicht schiefen Gesang von heruntergeladenen 80er-Jahre-Hits auf Daniels Handy. Ich schenke meine mitgebrachte Überraschung aus – einen halben Liter Rotwein – an die kleine Gruppe, einschließlich Bonusgroßmutter Agneta. Einar muss nicht leer ausgehen, denn in der Hütte steht ein ganzer Kanister Erdbeersaft. Und mit dem immer besser werdenden Wetter steigen auch die Erwartungen an den nächsten Tag. Denn morgen ist es endlich soweit. Ich habe mich so lange danach gesehnt. Morgen werden wir den Nallo besteigen. Ich mache es mir im oberen Etagenbett bequem. Der Song »Careless Whisper« von George Michael läuft in Dauerschleife durch meinen Kopf, bis die Melodie mich langsam in den Schlaf wiegt.
Eine Nadel mit Attitüde
Um 5:20 Uhr morgens klingelt der Wecker, und vor dem Fenster scheint die Sonne mit überzeugender Kraft. Bald stehen wir in der Küche und nehmen ein kleines Frühstück ein: ich, Tommy, Anders – und Daniel, der auch mit auf den Gipfel kommen will.
Der Nallo macht uns heute überhaupt keine Probleme. Seine Silhouette empfängt uns mit strahlend blauem Himmel und kreideweißen Wolken über den kühnen Felswänden, die durch den gestrigen Regen glänzen. Er, also Nallo, brüstet sich mit selbstbewusstem Auftreten und scheint sich sicher zu sein, dass er im Mittelpunkt von allem steht. Zumindest finde ich, dass es so aussieht.
Am Schneefeld, kurz vor Beginn des eigentlichen Aufstiegs, setzen wir uns hin.
Um Nallo herum ragen andere Gipfel empor, höhere Gipfel, aber dieser hat etwas Besonderes. Das liegt natürlich an dieser Nadel. Wenn man von Osten, aus dem Vistasdalen, kommt, sieht er ein wenig aus wie eine Weltraumrakete, die kurz vor dem Start steht. Ein aufmüpfiges Ding. Mit viel Attitüde. Aber wenn man ihn erst einmal passiert hat, auf der Südseite des Berges, stellt sich heraus, dass die Nadel gar nicht der höchste Punkt ist. Und dafür bin ich dankbar. Wir müssen also nicht die, gelinde gesagt, luftige Wanderung auf den schmalen Grat machen, um sagen zu können, dass wir auf dem Gipfel waren. Das heißt aber nicht, dass es ein Spaziergang ist, auf den Nallo zu steigen. Fast 700 Höhenmeter gilt es zu überwinden, meist in steilem Gelände mit Unmengen an Geröll.
Der flachste Weg nach oben verläuft aus dem Nordwesten her, also nehmen wir diesen. Wir beginnen, indem wir uns rechts vom Wasserfall direkt oberhalb der Hütte halten, und als wir den Kamm erreichen und den Blick auf die Seen im Tal auf der anderen Seite genießen können, überkommt mich eine Welle von Wow-Gefühlen. Das Kribbeln im Bauch ist endlich da. Jetzt geht es wirklich los. Dies ist in der Tat eine alpine Umgebung mit schwarzen Hängen, spitzen Gipfeln, weißen Schneefeldern und hellblauen Gletschern. Die Seen schimmern in verschiedenen Türkistönen, auf ihrer Oberfläche spiegelt sich der Berg Sielmatjåkka. Mit 2.004 Metern über dem Meeresspiegel zählt er zu den wenigen Zweitausendern Schwedens – und ist zugleich der nördlichste. Lange galt der Gipfel als etwas niedriger, erst ein neuer Laserscan im Jahr 2016 bestätigte die heutige Höhe. Ein kleines Detail vielleicht, aber eines, das zeigt, wie lebendig und im Wandel diese Landschaft ist. Beeindruckend ist das allemal. Doch unser Weg führt weiter: Wir wenden uns wieder dem Nallo zu und schreiten voran.
Der Gipfel unter Gipfeln
Am Schneefeld kurz vor Beginn des eigentlichen Aufstiegs setzen wir uns hin und machen eine Pause. Wir kochen Kaffee, holen Brot, Aufschnitt, Müsli und Milchpulver heraus und lassen uns das Picknick schmecken. Die Sonnenstrahlen haben den Gipfel erreicht und es ist immer noch völlig windstill. Aber da der Untergrund vom gestrigen Regen noch glatt ist, müssen wir uns sehr auf unsere Füße konzentrieren, als wir weiter aufsteigen. Langsam aber sicher, Schritt für Schritt auf Steinen, die manchmal unter den Sohlen wegrutschen. Bis sich der Blick nach Süden auf der anderen Seite zu öffnen beginnt.
Es knackt in den Ohren, als wir uns dem Gipfel auf 1.585 Metern über dem Meeresspiegel nähern. »Schau mal dort! Ist das der Kebnekaise?«, fragt Anders, während er stehen bleibt und nach Süden zeigt, wo sich mehrere Gipfel aus dem Dunst lösen. Vielleicht sind es tatsächlich der Nord- und der Südgipfel von Kebnekaise. Oder täuscht uns die Perspektive erneut, und wir schauen doch auf den Kaskasapakte, der ebenfalls Teil des Kebnekaisemassivs ist?
Wie so oft im Hochfjäll beginnt eine kurze Diskussion darüber, welcher Gipfel nun welcher ist. Entfernungen lassen sich hier schwer einschätzen, Konturen verschwimmen miteinander, Maßstäbe lösen sich auf. Sicher ist nur eines: Wir selbst stehen jetzt oben. Unser Gipfel ist erreicht.
Egal, was kommen mag
Am Steinhaufen wird deutlich, dass die Nadel tatsächlich 100 Meter niedriger ist als der Punkt, an dem wir jetzt stehen. Aber verdammt, ich kann es kaum glauben, wie cool sie ist, wie sie mit ihrem knorrigen, schmalen Kamm hervorsticht. »Das ist wirklich so, als wären wir gerade mitten in Mordor unterwegs«, wiederholt Tommy, als er die rostbraunen Formationen betrachtet, die aussehen, als hätte sie jemand aus Schlackesteinen modelliert. Und tatsächlich hat auch die Nadel eine gewisse Mordor-Aura, im Kontrast zu dem grünen Tal, das sich bis zu den Hütten Vistasstugorna erstreckt. Ich drehe mich langsam im Kreis, um das ganze Bild zu erfassen und in mich aufzusaugen. 360 Grad mit Gipfeln, weißen Schneefeldern, türkisfarbenen Seen und tiefen Tälern. Es ist völlig windstill. Besser geht es nicht. Unsere Mission ist erfüllt. Der Nallo ruht unter meinen Füßen.
Aber unsere Wanderung ist noch lange nicht vorbei, denn bei dem Nallo landet man, wie bereits erwähnt, nicht einfach so gänzlich mühelos. Sowohl der Aufstieg als auch der Abstieg sind mit einiger Anstrengung verbunden. Unten angekommen, werden wir heute weiter zu den Fjällhütten von Sälka und vielleicht sogar ein Stück darüber hinaus wandern. Aber das fühlt sich wie eine komplett andere Wanderung an. Im Moment spielt es auch keine Rolle, dass es morgen Nachmittag stürmisch sein und in Strömen regnen wird, wenn wir uns über den Pass von Kuopervagge nach Tarfala kämpfen. Gerade gibt es nur das Hier und Jetzt. Wir und die Aussicht. Nallo und ich.