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Natur des Nordens

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Vom Aschenputtel zur Prinzessin

Auf den ersten Blick unscheinbar, wird die Natur im Süden Finnlands oft unterschätzt. Wir lassen uns sich nicht beirren und suchen die Romantik in einem südfinnischen Moor. Mit Erfolg.

Ein Sonnenuntergang unter freiem Himmel. Es ist Anfang September. Auch wenn sich der Tag noch nach Sommer angefühlt hat, liegt spätestens jetzt der Herbst in der Luft: eine Mischung aus sich zersetzendem Laub, Pilzen und frischer, feuchter Erde.Ich ziehe meine Jacke aus und funktioniere sie unter meinem Pullover zur Zwischenschicht um. Mein Mann Matti und ich sitzen auf einem Vogelbeobachtungsturm auf einem Felsen und trinken Tee. Matti hat in seinen Emaillebecher noch einen Schuss Rum gegeben, seine Ukulele ausgepackt und lässt nun ein paar Akkorde erklingen.

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Ich bewundere das gewaltige Moorgebiet, das sich vor uns erstreckt. Die Landschaft wirkt wie ein Ölgemälde mit feinen Pigmenten von Terracotta, Falunrot, Umbra und Ocker und das, obwohl – oder gerade, weil – die Farben langsam in der Dämmerung verblassen. In ihrer kargen Schönheit erinnert mich die Landschaft an Lappland. Man könnte sich einbilden, anstatt der Ukulele den Gesang eines in der Tundra brütenden Goldregenpfeifers zu hören.

Dieses Moor trifft mich unerwartet. Wie seine Schönheit derartig verkannt werden konnte, ist mir unbegreiflich.

In Wirklichkeit aber sind wir nur eine Stunde von unserem Zuhause entfernt. Jedes Jahr im Frühherbst gehen wir zu zweit auf kleine Reise, um unseren Hochzeitstag zu feiern. Letztes Jahr waren wir in Rom – und danach hat uns die Flugscham ergriffen und es kam uns irgendwie falsch vor, wegen eines Wochenendtrips in einen Flieger zu steigen. Wenn wir dazu noch geahnt hätten, dass uns Corona ohnehin einen Strich durch jede Rechnung machen würde. Die Ewige Stadt war gestern, dieses Jahr besichtigen wir den südfinnischen Torronsuo-Nationalpark.

Moorverrückte Professoren

Anfang der Woche gab es bei unserem Lieblingsradiosender ein Moor-Spezial. In der Sendung stapften die Professoren Raija Laiho und Harri Vasander in Gummistiefeln durch das Moorgebiet Torronsuo, vollendeten gegenseitig ihre Sätze und konnten ihre putzige Begeisterung für Sümpfe und Moore kaum bremsen. Ich bildete mir ein, durch das Radio die klare Spätsommerluft auf der Haut zu spüren, den Duft von harzig riechendem Sumpfporst in der Nase. Die Professoren verglichen das Moor mit Aschenputtel, deren Liebreiz und Bedeutsamkeit wir erst langsam begreifen.

Dieses Moor muss ich mir nicht erst noch schön reden.

Beim Zuhören verspürte ich einen kleinen Stich im Herzen. Naturverrückte haben Moore und Sümpfe schon immer zu schätzen gewusst, mich hingegen haben sie eher kalt gelassen. Ich liebe das Meer und die Berge über alles. Auch wenn ich es genieße, mich in der Natur Finnlands zu bewegen, erschien mir ihr Angebot oft zu spärlich. Ich vermisste die Dramatik. Lappland oder die eigentümliche Schärenlandschaft vor Turku mal ausgeklammert. Selbst Künstler konnten der finnischen Natur kaum Spannendes abgewinnen. Zwar änderte sich diese Einstellung gegen Ende des 18. Jahrhunderts, doch war die Nationalromantik lediglich den erhabenen, monumentalen Felsen und der allseits populären Seenlandschaft vorbehalten.

Und das Moor? Moore sind weder Gewässer noch Wald, sondern irgendetwas Schwammiges dazwischen. In jedem Fall sind Moore und Sümpfe das komplette Gegenteil eines Gebirgsmassivs. Allgemein ist das Verhältnis der Finnen zu ihren Mooren eher oberflächlicher, ignoranter Natur: Sümpfe, meint man, gibt es hier doch schließlich im Überfluss. Aber das stimmt so nicht. Nur ein paar Prozent der Moore und Sümpfe in Südfinnland sind geschützt. Dem finnischen Naturschutzverband zufolge sind über vier Fünftel der salzhaltigen Lebensräume in Südfinnland bedroht.

Gesteuert wird ihr Schicksal durch reine Effizienzgedanken, von Emotionen keine Spur. »Als man mit dem Abbau der Moore begann, war man vor allem froh, endlich etwas mit ihnen anfangen zu können«, erklärt Postdoktorandin Aino Korrensalo, die sich mit dem Kohlenstoffkreislauf in Sümpfen und Mooren beschäftigt und die ich später anrufe. Auch sie kennt den Aschenputtelvergleich. »Es tat den Leuten schon fast leid: nichts als wertloser Morast weit und breit.« In den letzten hundert Jahren hat man Moore entwässert, um aus ihnen Ackerflächen oder produktive Wälder zu machen. Finnland war einmal zur Hälfte mit Mooren und Sümpfen bedeckt, von denen mittlerweile fast ein Drittel abgebaut wurden.

Die Landschaft ist gespickt von einer reichhaltigen Flora und Fauna über die Matti und ich immer wieder staunen.

»Die Landschaft wirkt wie ein Ölgemälde aus feinen Pigmenten. An fast jedem Fleck auf der Karte Westfinnlands gab es einmal ein Moor. Viele sind sich gar nicht bewusst, wie viele schon abgebaut wurden«, so Aino. »Mit dem Klimawandel hat sich auch unser Blick auf die Moore gewandelt. Moore sind effiziente Kohlenstoffsenken und nach den Meeren der zweitgrößte Kohlenstoffspeicher der Welt. Sie können also verhindern, dass Kohlenstoff in die Atmosphäre gelangt. Diese Bedeutung der Moore im Kampf gegen den Klimawandel wurde erst in den 90er Jahren richtig begriffen. Erst jetzt verstehen wir, dass die Entwässerung von Mooren ein äußerst ungünstiger Zug gewesen ist«, erklärt die Wissenschaftlerin. Das finnische Institut für natürliche Ressourcen schätzt, dass die entwässerten Moore jährlich für den Ausstoß von acht Millionen Tonnen Kohlendioxid verantwortlich sind, während die Verkehrsemissionen in Finnland letztes Jahr bei 11,7 Millionen Tonnen lagen.

Insta-taugliche Landschaften

Ein paar Tage nach der Radiosendung schnallen wir uns auf dem Parkplatz in Kiljamo unsere Rucksäcke auf. Nach einem kleinen Waldstück fangen schon die Stege an. Dieses Moor muss ich mir nicht erst schönreden. Ich sehe um mich herum kein bescheidenes Aschenputtel, sondern eine majestätische Landschaft. Um sie zu begreifen, muss man kein eingefleischter Naturliebhaber sein. Die intensive Farbwelt des Torronsuo im September würde in jedem beliebigen Instagram-Feed Likes generieren.

Finnlands tiefstes Moor entkam nur knapp einer Entwässerung. Einst wurde auch hier Torf gestochen und Sumpfgras gemäht. Mit geschultem Blick könnte man hier alte Torfgewinnungsflächen erkennen. Das Moor Torronsuo feiert in diesem Jahr sein 30-jähriges Jubiläum als Schutzgebiet. Sein Status als Nationalpark beschert ihm Jahr für Jahr zunehmend mehr Besucher. Heute jedoch haben wir die Stege fast für uns allein. Hin und wieder machen wir Platz für ein paar vereinzelte Spaziergänger. Das Moorgebiet ist unter Vogelkundlern sehr beliebt, aber auch von ihnen sind hier momentan nur wenige mit ihren Feldstechern unterwegs. Besonders berühmt ist der Nationalpark für seine Kraniche, die schon bald in ihr Winterexil starten. Zu dieser Zeit machen sie hier abends Stopp – auf dem Rasthof Torronsuo an der Schnellstraße gen Süden, sozusagen.

Ich erinnere mich an die Radiosendung und versuche selbst, die für Moore und Sümpfe typischen Gewächse wie Besenheide, Sumpfporst und Schwarze Krähenbeere zu entdecken. Eine kleine Moosbeere hier und da erinnert schon wieder an Lappland. Ich verstehe nicht, warum ich hier noch nicht öfter war. Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Noch nie hat dieses Sprichwort für mich mehr Sinn gemacht als in diesem Moment.

Als Aino Freunde aus dem Ausland in das Moorgebiet Siikaneva führte, musste sie ihnen nicht erst erklären, was an dem Ort so besonders ist. »Methanblasen, Mystik, Spannung, Exotik – und dabei sind Moore noch ein gewaltiger Kohlenstoffspeicher. Ich erlebe immer wieder, wie das die Leute umhaut. Ich war zum Beispiel mal mit einer Gruppe von Forschern und Künstlern im Moor und sie durften dort barfuß herumstapfen. Abends in der Hütte hatten sie sich immer noch nicht wieder eingekriegt.«

Ort des Grauens

Matti und ich setzen uns an den Rand des Steges. Wir trinken Kaffee aus der Thermoskanne und essen Schokoladenkekse. Als mein Blick über das Moor schweift, sehe ich zum ersten Mal die Gemeinsamkeiten zwischen einem großen Moor und dem Meer. Der Torronsuo-Nationalpark ist das größte nahezu unberührte Hochmoorgebiet Südfinnlands. Es ist mit seinen etwa 30 km2 fast genauso groß wie meine Heimatstadt Kerava, eine Autostunde nördlich von Helsinki. Auf offener See blickt das Auge auf den weiten Horizont und kommt zur Ruhe. Im weiten Hochmoor ist das nicht anders – nur, dass der Fernblick hier und da kleine Baum- und Felsinseln und dunkelgrüne Waldstreifen erfasst.

Das Moorgebiet erstreckt sich, so weit das Auge reicht. Und es kann euch die eine oder andere unheimliche Emotion erwecken.

Ich versuche mich daran zu erinnern, was ich früher mit Sümpfen und Mooren assoziiert habe. Die Antwort fällt spontan morbide aus: Eine der heute meist aufsehenerregenden Gräueltaten Finnlands – die Ermordung des 17-jährigen Mädchens Kyllikki Saari in den 50ern, die nie von einer Gebetsstunde nach Hause zurückkehrte. Sterbliche Überreste aus der Vorzeit. Viren, die in der Feuchtigkeit gedeihen. Im finnischen Nationalepos Kalevala wurde die Figur Joukahainen in das Moor gesungen und ertrank. Ebenfalls unschön. Als Kind gab es für mich nichts Unheimlicheres als ein Moorauge bei Nacht. Als Schreckensbild hatte ich dabei eine Gruppe Mädchen im Kopf, wie sie achtlosen Schrittes vom Steg abrutschten und langsam versanken. Und dann gibt es da noch diese geheimnisvollen Irrlichter.

Die Kulturwissenschaftlerin Kati Tiitola erklärt in ihrem Blog, wie der Sumpf das Tor zu einer unbekannten, geheimnisvollen und unterbewussten Traumwelt symbolisiert. Sie schreibt: »Das wohltuendste aller Gewässer ist für mich auf jeden Fall ein dunkler, nach Sumpfporst duftender Braunwassersee. Wer hier ins Wasser geht, muss fokussiert bei der Sache sein. Mit seinem sensorischen Reichtum erweckt der Braunwassersee die Sinne und lädt den Geist ein, teilzuhaben und zu erfahren.«

Als ich Aino später von meinen Moorassoziationen erzähle, tut sie diese überraschenderweise nicht ab – obwohl sie als Forscherin zuvor so präzise mit Fakten und Zahlen um sich geworfen hat. Tatsächlich erforscht sie mit einer Förderung der Stiftung Koneen Säätiö auch die Einstellung der Finnen zu Bäumen und ihre mit Holz assoziierten Gefühle. Wenn im Stadtgebiet beispielsweise Bäume gefällt werden, wird von offizieller Seite oft nur nüchtern über das Vorhaben gesprochen. Die Entscheider sind aber immer wieder aufs Neue überrascht, wenn von Bürgerseite heftig gegen die Abholzung protestiert wird.

Den Holzplanken folgend, kann man das Moorgebiet in wenigen Stunden umrunden.

»Emotionen beeinflussen das politische und kommunale Geschehen enorm. Daher ist es wichtig, diesen Bereich ebenfalls zu erforschen«, lautet die Begründung der Förderung. Aino überträgt die Erkenntnisse ihrer Arbeit von den Bäumen auf das Moor und berücksichtigt nun vermehrt die emotionale Haltung zu Sümpfen und Mooren. »Man muss den Menschen auf der Gefühlsebene begegnen. Aus bedeutsamen und romantischen Assoziationen gedeiht der nötige Respekt vor der Natur.«

Frühstück unter Kranichen

Nachdem wir das Moor über die Holzstege überquert haben, biegen wir in den Wald ein. Wir machen am alten Steinbruch Härkäsaari Rast, um noch ein paar mehr Kekse zu essen. Hier wurde ab dem 18. Jahrhundert Quarz als Rohstoff für eine nahe gelegene Glasfabrik abgebaut. Es scheint, als hätte der Mensch die Natur auch hier bis aufs Letzte ausgeschlachtet.

Hier geht es mir gut, in meinem ganz eigenen Märchen.

In finnischen Nationalparks ist übernachten tabu, aber wir wissen, dass gleich hinter der Grenze des Parks bei Idänpää eine Hütte mit Vogelturm liegt, die vom Dorfverein Torro unterhalten wird. Wir haben vom Grundeigentümer die Erlaubnis, ein Lagerfeuer zu machen. Am nächsten Morgen wachen wir in unserem Zelt auf. Eine gut gelaunte Familie hat uns mit ihren euphorischen Stimmen bei ihrem Morgenspaziergang geweckt. Die hibbeligen Kinder und Hunde sind der Beweis, dass wir uns tatsächlich nicht in der Wildnis befinden, auch wenn es hier im Moor noch so sehr nach Lappland aussehen mag. Das charmante Dörfchen Torro liegt nur einen Katzensprung entfernt.

Rom war gestern. Heute geht der Trend hin zu ausgiebigen Moorwanderungen.

Aber es stört uns nicht, so früh wach zu sein. Wir kochen Kaffee über dem Lagerfeuer und genießen ihn oben auf dem Beobachtungsturm. Der Nationalpark liefert uns ein magisches Ambiente wie aus dem Bilderbuch. Der Morgennebel wird vom Gesang der Kraniche in der Ferne untermalt. Bald werden sie ihren Flug nach Nordafrika über ganz Europa und das Mittelmeer antreten. Für mich gerade unvorstellbar. Ich spüre: Hier geht es mir richtig gut, in meinem ganz eigenen Märchen. Schöne Grüße nach Rom!

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