Es ist wie ein Gemälde. Ein richtig kitschiges, mit dramatischen Bergen, die steil in einen See abfallen, umgeben von grünen Wiesen und rustikalen Almhütten. Kein Wunder also, dass wir einfach nur dastehen und eine Weile staunen, bevor wir uns auf den Weg machen, um in der Gjevilvasshytta einzuchecken. »Dies ist der schönste Ort der Welt. Ich bin so dankbar für meinen Arbeitsplatz«, sagt Standortleiterin Randi Horghagen, die uns an der Rezeption empfängt.
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Dies ist der schönste Ort der Welt. Ich bin so dankbar für meinen Arbeitsplatz
Aus der Küche strömt der Duft von Kaffee und frisch gebackenen Waffeln. Bald ist das Abendessen in vollem Gange, und natürlich gibt es Personal für fast alles, aber Randi ist trotzdem oft mitten im Geschehen. Das ist sie schon seit 25 Jahren. »Es ist wie bei einem Zirkus. Am Ende einer Saison ist man ziemlich erschöpft, aber wenn eine neue beginnt, möchte man einfach wieder dabei sein«, sagt sie lachend.
Wir befinden uns an einem Ort, den man als Tor zu Trollheimen bezeichnen könnte. Etwa 140 Kilometer südlich von Trondheim und ebenso weit nördlich von Rondane und Dovrefjell. Genau hier, bei der Gjevilvasshytta, beginnen und beenden viele ihre Wanderung.
Die beliebteste Tour in Trollheimen ist nämlich die »Trekanten«, und die Gjevilvasshytta ist mit ihrer Lage nur wenige Kilometer vom Bahnhof in Oppdal entfernt der perfekte Ausgangs- und Endpunkt. Auch wir wollen uns an die dreieckige Route wagen – aber wir nehmen noch eine zusätzliche Hütte dazu, eine selvbetjent ohne Verpflegung – und machen daraus ein Viereck.
Möglichkeiten gibt es hier viele, und Touren von Hütte zu Hütte lassen sich leicht variieren. Trotzdem ist Trollheimen für uns Schweden noch eher unbekannt. Viele bleiben weiter südlich, in Rondane oder Jotunheimen. »Aber hier sind deutlich weniger Menschen. Sicher, die Hütte war diesen Sommer voll, aber unterwegs muss man sich wirklich nicht drängeln«, sagt Randi.
Trekanten Trollheimen ist ein Berggebiet südlich von Trondheim. Hier gibt es ein großes Netz an Wanderwegen und Unterkünften – sowohl mit als auch ohne Personal. Die beliebteste Wanderung ist Trekanten, die zwischen Gjevilvasshytta, Jöldalshytta und Trollheimshytta verläuft. Eine ziemlich anspruchsvolle Wanderung von insgesamt etwa 60 Kilometern. Du kannst entweder in Gjevilvasshytta oder Jöldalshytta starten und enden, die beide mit dem Auto erreichbar sind. Nach Gjevilvasshytta kannst du mit dem Taxi vom Bahnhof in Oppdal fahren, der etwa 20 Kilometer entfernt liegt. Um die Wanderung zu einem Viereck zu machen, kannst du Vassendsetra hinzufügen, eine schön gelegene Hütte, in der man sich selbst versorgt.
Lokales Menü und Weisheiten von Schafen
Die Gjevilvasshytta gehört zum Trondhjems Turistforening, Teil des norwegischen DNT, und wurde vor ein paar Jahren zur schönsten Hütte Norwegens gewählt. Die alten Blockwände stammen teilweise aus dem 18. Jahrhundert und könnten wohl einiges erzählen. Aber schöne Fassade, Aussicht und Kaminfeuer reichen nicht – auch das Essen zählt. Randi nennt es »Traditionsessen«: Lamm, Rentier, Forelle. Eier aus Oppdal, Rhabarber von zwei älteren Damen aus dem Dorf. Sogar Angus-Rind von Weidetieren aus dem Tal steht auf dem Menü.
Draußen wird es ruhiger. Der Sommer klingt langsam aus, am Strand von Rauøra sind weniger Badende. Ein paar Zelte noch, viele schlafen lieber drinnen – im Haupthaus mit Grasdach oder, wie ich, im einfacheren Nebengebäude mit den Hundezimmern.
Wenn die Schafe oben sind, bleibt’s schön
Am nächsten Morgen: volles Frühstück, geschäftiges Packen, Thermoskannen füllen, Haferkekse als Wegzehrung. Wir – Fotografin Emma, meine Freundin Leila und ich – brechen auf. Die Trekanten beginnt. Die erste Etappe führt zur Jøldalshytta. 22 Kilometer, größtenteils über leichtes Gelände – sobald wir den Birkenwald hinter uns gelassen haben. Schafe begleiten uns, mit Glockenklang und Hochdruckwetter, wie ein Biologielehrer bestätigt: »Wenn die Schafe oben sind, bleibt’s schön.«
Der Weg ist lang, aber schön. Wir halten oft an, reden, staunen, begegnen Wanderern wie Stepán und Eliška aus Tschechien, die seit elf Tagen unterwegs sind. Am Ende merken wir: Wir sind zu spät fürs Abendessen. Zum Glück haben wir Empfang und können Bescheid geben. Schuld sind das Wetter, die Landschaft, ein paar Schneehühner und unser Zeitgefühl.
Vergangener Almsommer und weite Ausblicke
Am nächsten Tag starten wir früher – nicht ohne einen kurzen Abstecher zur Fäbod neben der Jøldalshytta. Gea Prytz räumt auf, der Alpsommer ist vorbei. Die Tiere – 25 Ziegen, 5 Kühe – sind bereits auf dem Weg zurück zum Hof in Grindal. Besitzer Anders Nordbø zeigt uns den Käsekeller. »Die Ziegen steigen manchmal bis zum Gråfjellet hinauf«, sagt er. »Aber abends kommen sie zum Melken zurück.«
Heute geht’s weiter zur Trollheimshytta. Kürzer, aber anspruchsvoller. Zwei Routen: durchs Tal oder über die Berge. Wir wählen den Aufstieg über die Geithetta – nicht so hoch wie die Trollhetta, aber auch nicht ohne.
Auf halber Strecke, beim Nistepakke auf einem Felsplateau, merken wir: Wer unten bleibt, verpasst etwas. Der Blick reicht weit. Der Grausjø glitzert mit weißen Uferstreifen unterhalb des Snota, grün-graue Berge falten sich bis zum Horizont. Es ist steil, windig, wunderschön.
Der Abstieg zur Trollheimshytta geht in die Oberschenkel. Aber als wir ankommen, ist alles gut. Selbst die Schafe stehen schon da – am Eingang.
Abendessen, Dusche, Schlaf. Und am nächsten Morgen gleich die erste Enttäuschung. Oder war’s schon die zweite? Der Weg über das Mellomfjell ist lang, der Wind stark, der Regen gemeldet. Die »Syv skuffelser« – sieben Enttäuschungen – heißen so, weil man denkt, der nächste Gipfel sei der letzte. Ist er nie. Steinar und Marius, die wir zuvor trafen, sind schon voraus. Emma flucht ein bisschen, Leila bleibt optimistisch: »So nah am Ziel waren wir noch nie.«
19 Kilometer liegen vor uns. Ziel ist die Hütte Vassendsetra., in der man sich selbst versorgen muss. Kein Abendessen um sechs, keine Wirtin – aber auch kein Zeitdruck.
Dafür wilde Landschaft, Marmorblöcke, türkisfarbene Seen. Kurz vor dem Ziel sehen wir eine Herde Rentiere. Marius wartet schon. Der Versuch, einen Fisch zu fangen, war erfolglos. Steinar ist schon weiter. Als wir ankommen, liegt die Hütte still im Abendlicht. Graues Holz, Grasdach, Blick auf den See. Kein Strom, aber Ofen, Gasherd, Kerzen. Und der DNT-Schlüssel passt.
Der Vorratsschrank ist mager, aber wir basteln uns ein Abendessen: glutenfreie Spaghetti mit Walnüssen, Butter, Knoblauch. Erst am nächsten Morgen finde ich den zweiten Schrank mit dem guten Zeug – und die Süßigkeitenschachtel. Anfängerfehler. Aber einer, aus dem man lernt. Auf dem Rückweg zur Gjevilvasshytta freuen wir uns schon auf Waffeln und Kaffee. Und darauf, dass Randi bestimmt wieder mit einem Lächeln an der Tür steht.