Auf dem Herd kocht Wasser, mit dem wir unsere Thermoskannen mit Tee und heißer Schokolade füllen werden. Meine Zimmergenossinnen Petra Thelin und Olivia Modalen bereiten einen warmen Linseneintopf aus dem, was im Kühlschrank zu finden ist. Ich versuche, die letzten Sachen zu packen, habe aber unzählige Fragen im Kopf. Wie sehr werde ich frieren? Wie viele Schichten Kleidung haben die anderen dabei? Reichen so viele Sweatshirts, oder übertreibe ich, frage ich mich und versuche, mich davon zu überzeugen, dass ich ganz genau richtig packe.
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Diesen Winter wohnen Olivia, Petra, ihre Hündin Leia und ich zusammen in Edsåsen, etwas außerhalb von Åre. Zu Beginn der Saison kam mir ein neuer Einfall. Die Idee, zusammen einen Wintertag inklusive Übernachtung im Zelt zu verbringen. Sowohl Petra als auch Olivia haben bereits viele frostige Zeltausflüge hinter sich. Petra lernte die Grundlagen des Wintercampings während ihrer Ausbildung zur Bergführerin am Campus Åre, erzählt aber, dass sie schon seit ihrer Kindheit zeltet. Olivia war monatelang auf Reisen und hat dabei auch im Winter im Zelt gelebt. Aber erst als sie nach Västerbotten zog, begann sie, bei wirklich kaltem Wetter zu zelten
Letzte Kniffe und Tricks
Ich selbst befinde mich auf der anderen Seite der Erfahrungsskala. Ich bin berggewandert, aber nicht zeltgewandert. Ich habe die Ausrüstung für längere Gipfeltouren, aber um eine Winternacht im Zelt zu überstehen, muss ich mir sowohl Equipment ausleihen als auch Packlisten im Internet lesen. Das Gepäck ist im Großen und Ganzen fertig. Zur Sicherheit frage ich ein letztes Mal, ob es etwas gibt, das die Tour besonders schön macht. Ein paar Tricks oder wichtige Dinge, die man nicht vergessen darf. »Ich habe immer mein Heizkissen dabei. Und ein Tagebuch und einen Zeichenblock, besonders wenn ich länger unterwegs bin. Und das Allerwichtigste: Unterschätze niemals die Verpflegung. Nimm mehr Proviant mit, als du denkst«, sagt Olivia.
Unterschätze niemals die Verpflegung. Nimm mehr mit als du denkst.
Seit meiner Kindheit habe ich den Winter immer geliebt. Ich bin an der Küste Nordschwedens aufgewachsen. Die Winter waren oft lang, und je früher der Schnee kam, desto besser. Ich genoss es, bei Schneesturm zur Schule zu laufen oder mit dem Fahrrad zu fahren, und erinnere mich, dass ich in der Mittelstufe eine der wenigen war, die Überzieh-Hosen statt Sneakers und knöchellange Jeans trug. Ich bekam keine Modepunkte, aber ich war zumindest die Wärmste auf dem Schulhof.
Ich interessierte mich schon früh für Wintersport und bin immer noch begeistert von kalten Wintersurf-Tagen in Skandinaviens rauer See und anspruchsvollen Touren zu schneebedeckten Berggipfeln. Seit über einem Jahrzehnt lebe ich mit dem Skifahren als Alltag, in dem sich mein Leben um Schnee, Wetter und Berge dreht. Selten hält mich die Kälte davon ab. Aber es gibt eine Sache, die ich noch nicht ausprobiert habe, obwohl sich die Gelegenheit schon mehrmals ergeben hat: Wintercamping.
Vielleicht ist es mir auch peinlich, darin absoluter Neuling zu sein.
Der Gedanke, sich auf eine Wintercamping-Tour zu begeben, hat sich immer wie ein zu großes Projekt angefühlt. Kompliziert. Kalt. Schwierig. Der Winter wird plötzlich noch greifbarer. Vielleicht ist es auch ein Teil von mir, der denkt, dass es ein bisschen peinlich ist, darin ein absoluter Neuling zu sein, wenn ich eigentlich mittlerweile eine Person sein sollte, die so etwas kann.
Unser Zuhause im Schnee
Wir sind an der Bergstation Storulvån angekommen, wo unsere Tour beginnt. Es schneit. Die Berggipfel sind hinter den grauen Wolken kaum zu sehen. Petra und Olivia gehen mit ihren Tourenskiern. Ich habe Steigfelle auf meine Skitourenskier montiert. Auch wenn unsere Route weder steil ist noch viele Höhenmeter beinhaltet, man nimmt, was man hat.
Ich persönlich bin es gewohnt, spannende Strecken für Skitouren und Abfahrten zu erkunden. Jetzt suchen wir stattdessen nach guten Plätzen, um das Zelt aufzubauen. Ich höre Olivia und Petra zu, wie sie erzählen, worauf man achten muss. Die Details über flaches Gelände, Hügel, die Schutz bieten, und wie Wetter und Wind die Befestigung der Zeltstangen beeinflussen. Gemeinsam finden wir schließlich einen Ort, der gemütlich und geeignet aussieht. »Hier bauen wir unser Zuhause«, scherzt Olivia, während sie beginnt, die Zeltausrüstung herauszuholen
Es ist lange her, dass ich in einem Zelt geschlafen habe, aber die Errichtung klappt gut. Die Zeltstangen sind weniger kompliziert, als ich sie in Erinnerung habe. In der Zwischenzeit wird mir ein wenig kalt, aber das beheben wir, indem wir eine heiße Tasse Kakao trinken. Dann machen wir eine kurze Wanderung auf einen Hügel in der Nähe des Zeltes. Es ist eigentlich noch nicht spät, als wir zu unserem Lager zurückkehren, aber wir beschließen, mit dem Abendessen zu beginnen.
Wir haben den alten Sturmkocher meines Großvaters mitgebracht, den ich geerbt habe. Es dauert lange, bis das Essen warm ist, aber wir genießen es, am Lagerfeuer zu sitzen. Ruhe und Wärme breiten sich aus. »Könntet ihr euch vorstellen, irgendwann einmal eine richtige Langstreckenwanderung zu machen, wie zum Beispiel ›Vita Bandet‹ oder ähnliches?«, frage ich Petra und Olivia, während wir dasitzen und überlegen, was daran reizvoll sein könnte. Und an Abenteurer und Abenteurerinnen denken, die so etwas bereits gemacht haben. Sara Wänseth ist eine davon. Sie hatte vor, ›Vita Bandet‹ in dieser Saison noch einmal zu machen. 1.300 Kilometer durch die gesamte schwedische Bergkette. Aber wegen des milden Wetters muss das bis zum nächsten Jahr warten.
Lieber Winter als Sommer
Sara Wänseth ist keine Neuling im Wintercamping und ist es gewohnt, mit schlechtem Wetter und extremen Temperaturen umzugehen. Sie hat unzählige Nächte im Freien verbracht – sowohl auf kürzeren Touren in ihrer Heimat zusammen mit anderen als auch auf langen Soloabenteuern wie dem entlang des »Vita Bandet«. Wenn sie selbst wählen kann, zieht sie den Winter dem Sommer vor. »Ich finde, dass es im Winter mehr Abwechslung gibt und oft etwas bequemer ist, zu zelten. Der Boden ist ebener, es gibt keine Moore darunter und man wird selten auf die gleiche Weise nass. Außerdem gibt es immer Zugang zu sauberem Wasser. Und im Winter hat man keine Mücken«, sagt Sara Wänseth.
Für sie bedeutet der Aufenthalt im Freien im Winter, nach und nach den Umgang mit der Ausrüstung und die Sprache der Natur zu lernen. Sie rät unter anderem, mit kürzeren Touren zu beginnen – am besten zusammen mit erfahrenen Freunden, im Rahmen von Schulungen oder mit Guides. »Wir schaffen mehr, als wir glauben. Nach 60 Tagen im schwedischen Fjäll sehnte ich mich wieder nach draußen. Dort ist man ganz im Hier und Jetzt, und das Dasein wird fast meditativ. Es ist ein tolles Gefühl, dass alles, was man braucht, im Schlitten ist und man sein Zuhause dabei hat. Das ist Freiheit«, sagt sie.
Die Natur zu respektieren und mit ihr zu arbeiten, nicht gegen sie, sieht sie als entscheidend für eine erfolgreiche Tour an. Mit der Zeit findet man seine Tricks und lernt, wie man sich warm und sicher hält. »Man sollte immer die richtige Ausrüstung dabei haben. Es ist auch wichtig, sich unterwegs Zwischenziele zu setzen. Man sollte Respekt vor dem Winter haben, er kann gefährlich sein. Versucht es ruhig und methodisch anzugehen, aber vergesst nicht, es zu genießen. Ihr werdet jeden Tag unterwegs neue Dinge entdecken.«
Zittern wie Espenlaub
Nach dem Abendessen legen wir uns schlafen. Ich bin gespannt darauf, es auszuprobieren. Es stellt sich heraus, dass die Nacht eine Herausforderung wird. Ich wache mehrmals auf und friere. Obwohl ich viele Schichten Kleidung angezogen habe, liege ich zusammengekauert in meinem Schlafsack und zittere.
Die Fürsorge und das zusätzliche Sweatshirt wärmen mich
Mitten in der Nacht wacht auch Petra auf. »Ist dir kalt, Evelina? Willst du mein Sweatshirt haben? Ich brauche es nicht«, sagt sie. Die Fürsorge und der zusätzliche Pullover wärmen mich. Auch die Hündin Leia wacht auf und legt sich direkt neben meinen Kopf. Das spendet zusätzliche Wärme. Danach schlafe ich wie ein Murmeltier.
Das Licht dringt langsam durch das Zeltgewebe und es ist ein fantastisches Gefühl, mitten zwischen den Berggipfeln aufzuwachen. Müde, aber lebendig. Das Gefühl ist herrlich. Wir trinken einen Tee, packen dann unsere Ausrüstung zusammen und machen uns wieder auf den Weg zur Bergstation. Dort gönnen wir uns ein Frühstücksbuffet und lassen meine neuen Erfahrungen Revue passieren.
Erkenntnisse aus der Kälte
Unsere Rückreise ist friedlich und ruhig. Wir gehen versunken in unsere eigenen Gedanken. Als wir uns wieder der Station nähern, stellen wir fest, wie zufrieden wir mit unserer Tour sind. »Der Gedanke, loszuziehen, kann manchmal schwieriger sein als es tatsächlich zu tun. Es macht auch viel aus, es mit anderen zu tun, die motiviert sind, damit es auch wirklich klappt«, sagt Petra.
An der Station treffen wir einige Freunde von ihr, die gerade auf dem Weg in die Berge sind. »Einfach, gemütlich und verschneit«, fasst sie unser Abenteuer gegenüber ihren Freunden zusammen. Ich stimme ihr zu. Sicherlich erforderte es Überlegung und Planung, aber jedes noch so kleine Detail hat dazu beigetragen, dass unser frostiges Zelterlebnis zu einem unvergesslichen Abenteuer wurde, in dem ich die Kälte noch einmal ganz anders kennengelernt habe. Was lange Zeit wie ein fast unüberwindbares Projekt erschien, fühlt sich jetzt eher wie eine Erkenntnis an, dass es eigentlich gar nicht so kompliziert sein muss.
Ich habe auch erkannt, dass es etwas Schönes ist, eine Anfängerin zu sein, sich auf Erfahrungen anderer zu verlassen und dabei neue Dinge zu lernen. Es gibt viele Herausforderungen beim Wintercamping und man muss Respekt vor der Kälte haben. Aber während der Tour habe ich gelernt, wie ich mich am besten an Wetter und Wind anpasse. Wie ich trocken bleibe und das Abenteuer sicher und geschützt gestalte. Mit der Zeit werden die Herausforderungen sowohl beherrschbar als auch Teil des Charmes. Ich verstehe mehr als gut, warum viele Menschen diese Art des Draußenseins schätzen. Das Gefühl, mit einfachen Mitteln ein wenig näher an der Natur zu leben, fühlt sich wie ein riesiges Geschenk an. Und das auch noch nicht allzu weit von zu Hause entfernt und zusammen mit einigen der besten Freundinnen – da kann man sich wirklich nicht beschweren. Das würde ich gerne wiederholen.