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Natur des Nordens

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Up and Down: Kinderleicht auf den Galdhøpiggen

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Eivind Eidslott ist einer der bekanntesten Outdoor-Journalisten Skandinaviens. Außerdem ist er stolzer Vater von Marikken, einem Mädchen mit Down-Syndrom – und Bergsteigerambitionen. Mit nur sieben Jahren erklomm sie den Galdhøpiggen, Norwegens höchsten Berg.

Vor 12 00 Jahren war Eiszeit in Norwegen. Das Fjell lag unter einer weißen Decke versteckt. Doch man sagt, dass einige Felsen aus der Oberfläche aus Gletscher und Indlandeis aufragten. Vielleicht war es ja der Galdhøpiggen? Mit seinen 2469 Metern ist der »Piggen« der höchste Berg in Norwegen – zumindest wenn man das Königin-Maud-Land in der Antarktis außen vor lässt, wo sich der Jøkulkyrkja mit 3148 Metern über die Landmasse erhebt. Der Galdhøpiggen ist der König unter den Bergen, das lernen Norweger schon in der Grundschule. Er ist außerdem auch der höchste Berg in Nordeuropa. Benannt wurde er nach einem kleinen Bauernhof in Bøverdalen, dessen Namen auf das altnorwegische Wort »galder« zurückgeht und wahrscheinlich in etwa »bestelltes Land auf schwer zu beackerndem Boden« bedeutet. Der »Piggen« befindet sich im Jotunheimen-Nationalpark, zwischen Visdalen im Osten und Leirdalen im Westen, und ist von imposanten Gletschern umgeben: Svellnosbrean, Storjuvbrean und Styggebrean liegen in Sichtweite.

Was dachten wohl die Erstbesteiger, als sie von Visdalen aufbrachen?

Was dachten wohl die Erstbesteiger als sie zielbewussten Schrittes an einem Julitag 1850 von Visdalen aus Richtung Gipfel aufbrachen? Wussten Steinar Sulheim, der Kirchenmusiker Ingebrigt N. Flotten und der Lehrer Lars Arnesen, die alle aus Lom stammten, dass sie Pioniere waren? Sprachen sie womöglich darüber, dass sie im Begriff waren, Geschichte zu schreiben? Haben sie gefeiert als sie als erste Menschen überhaupt auf dem Gipfel standen? Haben sie miteinander angestoßen? Sie konnten in jedem Fall in allen Himmelsrichtungen tausende Quadratkilometer unberührte Natur sehen – hohe Gipfel, tiefe Täler, breite Flüsse und große See.

Heute sind mehr als 200 Bergsteiger auf dem Gipfel und genießen die Aussicht. Auch wenn der Spitzname »Piggen« sich vielleicht nach einem engen und abschreckenden Ort anhört – auf dem Galdhøpiggen ist reichlich Platz. Wer seine Wegzehrung an einem sicheren Ort verspeisen will, sollte allerdings nicht zu nah an die Kanten im Norden und Westen herangehen. Dort geht es steil nach unten.

Eine kleine Belohnung vom Kiosk

Der Kioskbetreiber in der kleinen Gipfelhütte, die nur im Sommer geöffnet ist, hat Schwierigkeiten, den Kundenansturm zu bewältigen. Wer Limonade, Schokolade oder einen Beweis-Aufkleber vom Galdhøpiggen kaufen möchte, muss sich brav in die Schlange stellen. Dies ist kein Tag für ungeduldige Kommentare. Der kleine Kopf meiner fast siebenjährigen Tochter, die ebenfalls in der Schlange steht, verschwindet fast in der Menge.

Sie ist heute schon früh aufgestanden, in einer Hütte auf Tyin-Filefjell im Westen, wo Jotunheimen an Skarvheimen grenzt. Gemeinsam mit ihren Schwestern Gjendine und Ea und ihren Eltern ist sie ins Auto gestiegen – und eingeschlafen. Øvre Årdal, Tindevegen und Turtagrø hat sie einfach verschlafen und auf dem Sognefjell hat sie sicher ganz besonders süße Träume gehabt. An der Juvasshytta hat sie die Wanderstiefel angezogen und ist losgegangen; ließ alle Touristen hinter sich, die auf ihren Bergführer warteten. Ebenso das Sommerskizentrum, das wegen der hohen Temperaturen geschlossen war. Weiter ging es Richtung Juvflye. Auf etwa 2400 Metern Höhe, auf der Nordseite des Styggebreen, hat sie eine kleine Pause gemacht und etwas gegessen. Und den Klettergurt angelegt mit dem sie sich ins Seil ihrer Mutter Katrine eingeklinkt hat. Und so ist Marikken dann auf den Gletscher gegangen. Fest verbunden mit ihrer Familie. Auf der anderen Seite des Styhhebreen konnte sie ohne Seil und Gurt weitergehen. Sie hat jetzt bereits sechs Kilometer zurückgelegt und kann über sich schon den Gipfel sehen. Nur noch einige hundert Höhenmeter und sie hat ihr Ziel erreicht.

Bis zum obersten Stein

Der letzte Teil ist schmal und steil, Marikken und ihre Mutter machen gemeinsame Sache – bis zum obersten Stein, der direkt unter dem Himmel liegt. Heute ist vielleicht der schönste Sommertag des Jahres in Jotunheimen. Der Morgennebel im Tal ist schon auf dem Rückzug. Wegen der Wärme haben sich einige Männer ihre T-Shirts ausgezogen und sitzen mit nacktem Oberkörper in der Sonne. Es riecht nach Sonnencreme. Überall piepsen Digitalkameras. Jemand holt sein Telefon raus, um zuhause anzurufen. Andere stehen mit ihrem Fernglas herum und genießen die Aussicht. Es gibt viel zu sehen. Zum Beispiel die nächsten Nachbarn des Galdhøpiggen – den Svellnosbreahesten. Für norwegische Ohren klingt dieser Name wie ein Gedicht oder ein Fabelwesen. Auch der Keilhaus-Gipfel, der Storjuvtinden, Styggehøe und Nåle sind zu sehen.

Jetzt taucht auf einmal ein kleiner Kopf vor dem Kioskfenster auf. Wie ein kleiner Gipfel, der aus dem Eis lugt. Marikken lacht. Ihre Schwestern stehen neben ihr, auf jeder Seite eine. »Schokolade«, sagt sie, »ich möchte Schokolade.«

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