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Natur des Nordens

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Der Holavedsleden: Wie im Märchen

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Der Holavedsleden zwischen Tranås und Gränna ist nicht nur ein schöner, hügeliger Waldweg, sondern auch ein alter Räuberpfad. NORR-Autor Emil Sergel nahm all seinen Mut zusammen und tauchte tief in Smålands mystische Wälder ein.

Keine Ahnung, was uns so recht erwartet. Der Holavedsleden gilt als einer der ältesten und bekanntesten Wanderwege Smålands. Die Wälder, durch die er sich auf seinem rund sechzig Kilometer langen Weg von Tranås nach Gränna am Vättern schlängelt, zählen zu den schönsten und mystischsten des Nordens. Und doch kenne ich niemanden, der die Strecke jemals gewandert ist. Wie so oft ist es gerade das Unbekannte, das die Vorfreude auf das Abenteuer so besonders macht. Der Anfang ist magisch. Der Regen hört ungefähr in dem Moment auf, als wir aus dem Auto steigen und den orangefarbenen Markierungen folgen, die uns über Kuhweiden in den Wald führen. Es funkelt grün in verschiedenen Nuancen: Gras und Moos, Nadelbäume und Laubbäume. Mit neugierigen Schritten geht es hinein in den Urwald.

Eintauchen ins Grüne

Wir lassen den Verkehrslärm hinter uns und lauschen der Geräuschkulisse des Waldes: Tropfen, die von hohen Fichten fallen, Vogelstimmen in der Ferne und tiefe Stille. Man fühlt sich umstellt, aber nicht klaustrophobisch. Der Wanderweg ist leicht hügelig und verläuft über kleine Abhänge und Anhöhen. Er ist hervorragend markiert und man müsste sich schon anstrengen, um sich zu verirren. Große Moosflächen wirken so einladend, dass man kaum der Versuchung widerstehen kann, sich hinzulegen. Kennt ihr das Gefühl, das man im Flugzeug hat, wenn man auf die flauschige Wolkendecke schaut und am liebsten runterspringen würde?

John Bauers Welt

Neugierig wie die Kinder tasten wir uns immer tiefer in den Wald hinein. Der Holavedsleden führt durch Waldgebiete und an Seen vorbei. Es gibt drei feste Rastplätze mit Toiletten und Windschutz, sodass man die Strecke auf mehrere Tage verteilen und unterwegs übernachten kann, ohne ein Zelt mitnehmen zu müssen. Aber weil wir das Zelten lieben, haben wir mein geliebtes Kuppelzelt dabei. Es gibt unsj ederzeit die Freiheit, uns einfach dort niederzu lassen, wo wir wollen. Die Natur um uns herum ist erstaunlich abwechslungsreich. Nadelwald und Blaubeer sträucher gehen über in Weideland mit weiten Ausblicken, dann folgt wieder dichter Wald mit kleinen Seen. Nach etwa zehn Kilometern erreichen wir einen der Rastplätze, wo wir Bänke, ein Trockenklo und einen Brunnen vorfinden. Auf dem Spirituskocher bereiten wir Woknudeln mit Garnelen zu, danach gibt es Kaffee.

Die Wälder, die wir durchwandern, erinnern mich an Gemälde mit Trollen, die ich in meiner Kindheit sah. Kein Wunder: John Bauer, Schwedens bekanntester Märchenillustrator,lebte tatsächlich in dieser Gegend und ließ sich von seiner Umgebung inspirieren. Er wurde 1882 geboren und wohnte in dem kleinen Dorf Bunn, einige Kilometer südöstlich von Gränna. 1907 erhielt er den Auftrag, die Märchenbandserie Bland tomtar och troll (dt. Unter Wichteln und Trollen) zu illustrieren. 1918 kamen John und seine Familie dann leider bei einem tragischen Schiffsunglück auf dem Vätternsee ums Leben. Bei ihrem Umzug nach Stockholm hatten sie sich für die Schiffsroute durch den Götakanal entschieden – die Eisenbahn erschien ihnen offensichtlich zu gefährlich.

Gefährliche Begegnungen

Streckenweise fühlt es sich an, als würden wir in einem John-Bauer-Gemälde zwischen verzauberten, moosbewachsenen Steinen und alten, geduldigen Fichten umherlaufen. Aber schon baldwandert die Aufmerksamkeit von Trollen und Geschichten zu aktuelleren Herausforderungen.Wir haben kein Wasser mehr. Ein richtig überflüssiger Anfängerfehler. Da ich sonst fast ausschließlich im Fjäll wandere, bin ich davon ausgegangen, dass es in regelmäßigen Abständen Bäche geben würde, wo wir unsere Wasservorräte auffüllen könnten. Im Fjäll habe ich fast nie Wasser dabei, sondern nur eine Trinkkelle in der Beintasche. Daran hatte ich ganz einfach nicht gedacht: Obwohl es in den letzten Tagen ziemlich viel geregnet hat, gibt es hier kaum Fließgewässer.

Es gibt kleine Seen, aber dort steht das Wasser ganz still und die Grundregel im Fjäll, dass man aus Seen, die größer als 50 mal 50 Meter sind, ruhig trinken kann, gilt nicht im Flachland. Ich notiere mir innerlich, beim nächsten Mal Wasserreinigungstabletten mitzunehmen – und größere Flaschen. Mindestens drei Liter für jeden, würde ich allen empfehlen. Wir lösen das Problem mit einem Lächeln. Wir gehen ganz einfach am nächsten Haus vorbei und fragen, ob wir uns dort Wasser nachfüllen dürfen. Na klar – da seien wir nicht die ersten. Anders als in der menschenleeren Weite des Fjälls ist die Zivilisation hier in der südschwedischen Wildnis niemals so richtig fern. Allerdings waren menschliche Begegnungen in dieser Gegend nicht immer so erfreulich wie unsere. Schließlich befinden wir uns auf einem alten Räuberpfad. Historische Quellen belegen, dass die småländischen Wälder vor allem im 16. Jahrhundert zum Wandern definitiv nicht geeignet waren. Gustav Wasa hatte die kleinen Dörfer, die wie Pech und Schwefel zusammenhielten, einfach nicht unter Kontrolle. Der Unmut wuchs, als der König die Jagd verbot und dem Volk dann auch noch seinen neuen Glauben, die Lehre Luthers, aufzwingen wollte. Banden von Aufrührern fanden Zuflucht in Smålands Wäldern und verdienten sich dort ihren Lebensunterhalt als Räuber. Mit Axt, Pfeil und Bogen trieben sie im Wald ihr Unwesen und die königlichen Beamten taten gut daran, sich fernzuhalten.

Nachtlager für müde Wanderer

Heutzutage ist es etwas ruhiger und unser größtes Problem besteht darin, den besten Zeltplatz zu finden. Wir setzen unsere Hoffnungen in den Iglasee, der auf der Karte aussieht, als sei er ideal zum Zelten sowie für ein abendliches Bad. Leider stimmt die Wirklichkeit mit den Karten nicht immer überein. Der See an sich ist schön, aber es gibt keine Zeltplätze. Oder vielmehr, es gibt einen einzigen Platz, auf den genau ein Zelt passt. Der Rest ist Feuchtgebiet. Bald wird es dunkel und wir müssen eine Entscheidung treffen. Meine wasserdichten Stiefel haben beschlossen, nicht mehr wasserdicht zu sein und die Kräfte lassen allmählich nach. Wir brauchen trockene Schuhe, etwas zu essen und vor allem ein Nachtlager. Auf der Karte sehen wir einen Ort namens Kramboberget, einige Kilometer entfernt, der einen Ausblick bieten soll. Dort dürfte es auf jeden Fall trocken sein. Mit unserem Gepäck quälen wir uns über den bislang steilsten Anstieg des Weges bis zu unserem erhofften Zeltplatz. Es hat sich gelohnt. Wir sehen Nebelschleier über den Tälern und unter den Kiefern finden wir flache, trockene Plätze. Wir haben die freie Auswahl. Einer der besten Orte, an denen wir je gezeltet haben! Zeit für Sockenwechsel und Reis mit Wurst. Davon muss man einfach gute Laune kriegen. Trocken, satt und mit müden Beinen schlafen wir ein.

Hinab ans süße Ziel

Der letzte Tag verläuft entspannt. Bis Gränna ist es nur noch eine kurze Wanderstrecke – fast nur bergab. Der Verkehr auf der E4 wird immer deutlicher hörbar. Wir passieren laufend durch einen kleinen Tunnel unter der Fahrbahn hindurch. Danach sind es nur noch ein paar Kilometer bis an unser Ziel. Im Geiste spekulieren wir bereits auf einen malerischen Abschluss mit Kaffee und einer Tüte »Polkagrisar« (dt. Polkaschweinchen), rot-weißen Zuckerstangen, für die Gränna bekannt ist.

Der Nadelwald ist inzwischen in herrlichen Laubwald übergegangen. Als wir aus diesem heraustreten, öffnet sich der Blick auf den Vättern. Am Ufer von Schwedens zweitgrößtem See liegt malerisch das Städtchen Gränna, ihm gegenüber die Insel Visingsö. Wieder sind die Historie und die Märchen gegenwärtig: Der Legende nach wurde das Eiland im See von dem Riesen Vist erschaffen, als er ein Grasbüschel in den Vättern warf, auf das seine Frau treten konnte, um über den See zu gehen. Auf der Insel findet man jede Menge vorgeschichtliche Überreste, unter anderem wurden Gräber aus der Steinzeit entdeckt. Außerdem befand sich hier, umgeben von schützendem Wasser, über Jahrhunderte das Machtzentrum der schwedischen Könige. Damit aber genug zur Geschichte. Unsere eigene endet in den kopfsteingepflasterten Gassen Grännas, wo wir uns mit Zuckerstangen eindecken und uns dann endlich mit einer Kaffeepause in der Sonne belohnen und einer schönen großen Karaffe Wasser. Schließlich haben wir in den letzten Tagen viel zu wenig getrunken. Ein idyllischer Abschluss einer märchenhaft schönen Wandertour durch Smålands gar nicht so wilde Wildnis.

 

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