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Natur des Nordens

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Eiskalte Helden: Weltmeisterschaft im Winterschwimmen

Einmal im Jahr hackt man in Skellefteå ein Loch ins Eis des Flusses und kürt darin die Weltmeister im Winterschwimmen. Josefin Olevik war mit dabei und erlebte, wie warmherzige Menschen die Kälte feiern.

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Wir sitzen halbnackt am Johanna-Springbrunnen im Stadtpark von Skellefteå. Es ist schon dunkel, minus zwei Grad, und die Schneeflocken fühlen sich auf der Haut an wie Eisnadeln. Über uns kreisen Flugzeuge, die wegen des heftigen Schneetreibens nicht landen können, aber davon bekommen wir nichts mit, denn die Sicht ist gleich null. Wir halten die Luft an und denken an Wärme.

Wir machen Winteryoga. Das Ziel ist, trotz aller Angriffe der Natur, die Wärme im Körper zu halten. Die Methode ist eine Kombination aus Visualisierungs- und Atemtechniken. Im Prinzip hält man die Luft an und atmet nur, wenn man unbedingt muss. Die Eiskörner schmelzen auf der Haut, das Wasser läuft mir den Rücken runter und allmählich verschwimmt die Wahrnehmung. Brennt der Schnee oder kühlt er? Würde ich den Unterschied fühlen? Wir bleiben zehn Minuten sitzen, das Schlottern der Glieder lässt nach und plötzlich ist da ein Augenblick entspannten Wohlbehagens. Es funktioniert! Lars Westerlund freut sich über den Schneesturm: »Es muss richtig hart sein. Sonst fühlt man ja nichts.«

Die kreative Kraft des Winters

Es ist ein Freitagabend im Februar und in Skellefteå findet eine Art »Melancholiade« statt. Eine Huldigung an Dunkelheit und Kälte, bei der an diesem Wochenende das Winterschwimmen im Mittelpunkt steht. Direkt im Stadtzentrum wurde in den Fluss Skellefteälven ein 25 Meter langes Eisloch gesägt. Hier sollen die skandinavische Meisterschaft und die Weltmeisterschaft auf Distanzen bis zu 200 Metern ausgetragen werden. In einer Richtung hat die Bahn Gegenströmung. Viele der Teilnehmer sind weit gereist, um in dieses Eisloch zu steigen.

Lars Westerlund, von allen »Lasse« genannt, holt sich etwas zu essen aus der kommunalen Kantine, es ist lange her, seit er etwas zu sich genommen hat. Jetzt isst er viel. Er wirkt unerschütterlich ruhig, obwohl er, unterstützt von seinen Kumpanen im Verein »Mörkrets och kylans glada vänner« (dt. fröhliche Freunde der Dunkelheit und der Kälte), so etwas wie die Spinne im Netz dieser Veranstaltung ist. »Wir wollen aus unseren langen Wintern was richtig Schönes machen. Zeigen, wie viel kreative Kraft da drinsteckt.« Lasse redet leise, aber was er hinkriegt, ist beeindruckend. Er hat sogar schon mal ein Eisschwimmen in Uganda organisiert, wo er einen Pool mit fünfzig Tonnen Eis füllte, das er in einer Eisfabrik vor Ort bestellt hatte. Später fand das Event seine Fortsetzung darin, dass der Gewinner nach Skellefteå reisen durfte, um das Schwimmen in einem richtigen Eisloch auszuprobieren.

»Ein Journalist aus Uganda wollte auch das Eisloch testen und ist beinahe ertrunken, weil er nicht schwimmen konnte. Das war bislang der einzige brenzlige Zwischenfall.« Eine bunte Besucherschar trifft in unregelmäßigen Schüben ein. Etwa 300 Menschen aus sechzehn Nationen und einem Indianerreservat wollen sich im Personalraum des Rathauses umziehen und noch immer kommen Last-minute- Anmeldungen zum Staffelschwimmen. »Wir möchten, dass das hier wie ein großes Klassentreffen abläuft. Man kommt als Gast und geht als Freund«, sagt Lasse und legt gewissenhaft zwei Kronen in die Kaffeekasse der Gemeinde, bevor er seine Tasse auffüllt. Bald zeigt sich, dass viele einander schon kennen. Christof Wandratsch ist da, amtierender Weltmeister auf diversen Winterschwimmstrecken. Ebenso die Marathonschwimmerin Jaimie Monahan aus New York, die nie ohne Lippenstift ins Wasser steigt und hier für mehr Wettkämpfe gemeldet ist als alle anderen. Dann der mehrfach behinderte Jossan Steenari aus Göteborg, der schon lange vom Eisbaden träumt. Der Amerikaner Mark Johnston, der seinen Job gekündigt hat und in das Reservat Flathead Nation umgezogen ist, um den Kindern der indigenen Bevölkerung das Schwimmen beizubringen, und jetzt unter ihrer Flagge antritt. Oder die Brasilianerin Maria Luisa Luzano Letelier, die ihr Leben lang Angst vor Wasser hatte, dann aber anfing, mit dem Winterbaden ihre Blutkrankheit zu behandeln. Inzwischen braucht sie keine Medikamente mehr. Sie ist mit ihren beiden kleinen Kindern hier. Hinzu kommen lokale Fans, der lettische Vorsitzende des Internationalen Winterschwimmverbandes und auch die 67-jährige Barbro Grufman, die 200 Meter schwimmen will.

Ein Wettkampf unter Freunden

Am Samstag ist es herrlich stürmisch und die farbenfrohen Bademäntel der Teilnehmer flattern im Nordwind. Die Erfahrenen tragen Crocs oder weite Stiefel. Die Amateure, die nach ihrer Runde im null Grad kalten Wasser versuchen, ihre Füsse in normale Schuhe zu zwängen, bekommen ziemliche Schwierigkeiten. Eine Britin schwimmt mit einem Gummihai auf dem Kopf, eine Russin erscheint im Olympiade-Look und Marita Sundh aus Skellefteå trägt Perlenkette, Pelzmütze, Nagellack und große Ohrringe. »Wenn in Skellefteå was passiert, muss man auch dabei sein. Für den Spaß habe ich mich extra feingemacht«, sagt sie. Alle gehen auffallend fröhlich und freundlich miteinander um, die Wettkampfsituation scheint keine verbissene Konkurrenz zu erzeugen. Die Gruppe ist inhomogen, schwer unter einen Hut zu bringen. Aber sie wird zusammengehalten durch eine dicke Schicht Unterhautfett und eine euphorische Begeisterung für Kälte.

Die Weltmeisterschaft, finaler Höhepunkt des Tages, wird auf 200 Metern ausgetragen. Daran nehmen nur etwa zwanzig Leute teil. Die Bahn ist tough. Acht Wenden, die Hälfte davon mit kräftiger Gegenströmung. Manche schwimmen dabei die meiste Zeit auf der Stelle und es kann viele Minuten dauern, bis sie den Wettkampf absolviert haben. Einige sehen buchstäblich erfroren aus, wenn sie die Leiter wieder hinaufklettern, als ob ihr Körper erstarrt wäre und erst mal aufgeknackt werden müsste, um zu seiner normalen Beweglichkeit zurückzufinden. Wenige brechen vorzeitig ab, und zwar nur Männer. Die Frauen halten alle durch. Diese Sportart funktioniert nicht nach den gängigen Vorstellungen von physischer Stärke, hier spielt sich sehr viel im Kopf ab. Am Hang über dem Fluss stehen den ganzen Tag Leute, die zuschauen und die Schwimmer anfeuern. Die Veranstalter glauben, dass es für den Anblick »verrückter Menschen, die in ein Eisloch hüpfen« immer genug Publikum geben wird. Nach dem Ende des Wettkampfes folgt das musikalische Unterhaltungsprogramm. Eine finnische Punkband mit gigantischer Balalaika spielt eine Coverversion von La Macarena und die Leute schwingen die Hüften im Schnee. Plötzlichreißt der Balalaikaspieler sich die Kleider vom Leib, springt ins Eisloch und schwimmt 25 Meter, bevor er weiter konzertiert. Das Publikum jubelt.

Produktiv in der Dunkelheit und Kälte

Abends wird in der Rathauskantine gefeiert. Lasse sitzt an einem Tisch mit Jarkko Enqvist und Hans Brettschneider – die drei Organisatoren sind versammelt. Die Spannung lässt allmählich nach und die drei haben schon ein paar Biere getrunken. Jedes Jahr nach dem Winterschwimmwochenende haben sie genug voneinander und von dem ganzen Spektakel, aber so etwa im Juni beschließen sie dann doch, im nächsten Jahr wieder weiterzumachen. »Wir sind ja alle selbstständig und unseren Unternehmen bekommt das hier nicht so gut«, sagt Jarkko, bevor er darüber zu reden beginnt, wie lustig es ist mit all den Besuchern in der Stadt. Wie es sich anfühlt, in Skellefteå zu leben, wo Sonnenaufgang und Sonnenuntergang jeweils drei Stunden dauern und wie man aus dieser Situation das Beste macht. Lasse erzählt von dem Dorf Kusfors, wo er wohnt, und von dem außergewöhnlichen Café, das die Gemeinde betreibt. »Wir hatten da schon vier Opernaufführungen, mit unerwartetem Erfolg. Aber auch Jazzkonzerte, Rockabilly, irische Musik, kubanische und afrikanische.« Berühmte Kulturschaffende stammten aus der Gegend: die Musikgruppen This Perfect Day und The Wannadies, die Schriftsteller Sara Lidman und Stieg Larsson. Es gibt Dinge, die nur in Dunkelheit und Kälte gedeihen, davon ist Lasse überzeugt. »Als ich eine Weile in Stockholm wohnte, habe ich massenhaft Kultur konsumiert, aber irgendwann festgestellt, dass ich selbst nichts zustande brachte. Hier hat man Zeit zum Nachdenken und muss die Initiative ergreifen, wenn was passieren soll.«

Starke Erfahrung in 0,1 Grad

Am nächsten Morgen wartet das Hotelfrühstück mit Aussicht auf den Stadtpark und den Fluss. Eine Gruppe in Badehosen und Badekappen kommt von einem Morgenbad. In den Schneewehen und in dem unermüdlich scharfen Wind bleiben sie einen Augenblick stehen und unterhalten sich, bevor sie weitergehen. Dann bin ich selbst mit dem Baden an der Reihe. Nicht im 25-Meter-Becken, sondern in einem großen Loch mit Einstiegsleiter. Hundert Meter entfernt gibt es ein Clubhaus, wo man sich umziehen kann. Von einer Sauna ist nicht die Rede. Ich steige bis zu den Knien ins Wasser, nehme all meinen Mut zusammen und tauche mit dem ganzen Körper unter. Nicht mit dem Kopf, hat man mich gewarnt, das kann den Gleichgewichtssinn beschädigen. Das Wasser hat 0,1 Grad und mir bleibt der Atem weg. Es dauert einen Moment, bis er zurückkehrt. Das hört sich an, als ob irgendwo eine Eule ruft, aber ich bin es, die atmet. Ich erkenne das Geräusch kaum wieder. Dann stoße ich mich mit den Füssen ab und lasse mich treiben. Werde schwerelos. Mache ein paar Schwimmzüge. Es brennt in den Schultern, die Füsse paddeln ohne Gefühl, aber das Herz schlägt und das Blut wird durch die Adern gepumpt.

Eine Gruppe von Leuten in Winterkleidung steht am Rand und schaut zu, aber ich sehe sie nicht mehr, ich plansche in einer Blase aus Klarheit und Konzentration. Das Ganze dauert nicht länger als eine Minute, aber es ist eine starke Erfahrung. Als ich herauskomme, legt mir jemand eine Jacke um, dabei ist mir gar nicht kalt. Ich fühle mich erleuchtet. Und ich begreife, dass all die verschiedenen Charaktere und Nationalitäten samt ihren Schicksalen, die hier angereist sind, ein außerordentliches Erlebnis miteinander teilen. »An den kältesten Orten trifft man die warmherzigsten Menschen«, sagte die Siegerin Jaimie Monahan gestern in ihren Dankesworten. Vielleicht ist es hier oben gerade deshalb so einfach, als Gast anzukommen und als Freund wieder zu gehen.

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