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Natur des Nordens

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Wildniskinder: Abenteuer in den Kolmården-Wäldern

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Vier Freundinnen verbringen ein Wochenende in den tiefen Wäldern des Kolmården, Östergötland. Und schon verwandeln sich Zelt, Wald, Gebirge und See in einen einzigen großen Abenteuerspielplatz.

Kolmården: Die meisten Schweden verbinden mit diesem Namen den großen Tierpark gleich nördlich von Norrköping. Aber eigentlich handelt es sich um einen fast fünfzig Kilometer langen, bis zu 167 Meter hohen Gebirgsrücken mit zahlreichen kleineren Bergen, Hügelkuppen, Steilhängen und vor allem dichten Wäldern. Früher einmal war der Kolmården eine gefahrvolle Passage zwischen den sicheren, landwirtschaftlich genutzten Ebenen von Östergötland und Södermanland. Es hat keinen Sinn, jemanden zu fragen: »Warst du schon mal in der Räuberhöhle auf dem Kolmården?« Denn hier kann fast jeder Berg mit seiner eigenen Räuberhöhle prunken. Außer Räubern, illegalen Kneipen und Hexen soll es hier auch große Mengen von Trollen, Waldnymphen und ähnlichen Wesen gegeben haben. Das perfekte Reiseziel für uns!

Meine älteste Tochter Milla sitzt mit ihren Freundinnen Lo und Bella auf der Rückbank. Wir sind unterwegs zum See Nedre Glottern nordwestlich von Åby. Ich war schon einmal zum Nordic Iceskating dort, das Gewässer ist Teil der klassischen Sieben-Seen-Tour. Eine sehr schöne Gegend. Der Wanderweg Östgötaleden führt in der Nähe vorbei, ein Teil der Landschaft ist Naturreservat, der See hat lauschige Buchten, kleine Inseln und Steilufer, und das Wasser ist so sauber, dass man es trinken kann.

Wir haben einen Tipp vom Norrköpinger Fotografen Fredrik Schlyter bekommen: Es gibt dort einen kleines Abenteuer-Park mit Lappenkote, Kletterfelsen, einer Seilbahn, Parcours-Routen, Kanus und anderen Dingen. Dort wollen wir zweimal übernachten. Von Anders Rylén, der die Anlage betreibt, hörten wir, dass wir dort ganz für uns sein werden. Morgen kommt einer seiner Mitarbeiter, um uns bei einigen Aktivitäten zu helfen.

Kindheit im Wald

Milla, Bella und Lo haben sich mit drei Jahren im Kindergarten im Stockholmer Stadtteil Aspudden kennengelernt. Jetzt gehen sie in verschiedene Klassen auf verschiedene Schulen, sind aber immer noch befreundet. Am Nedre Glottern wird außerdem noch Ester zu uns stoßen, die Vierte aus der alten Kindergartenclique. Sie kommt mit ihrem Vater Mats. Die Kinder sind nicht besonders naturverbunden aufgewachsen – ohne pädagogische Naturfrüherziehung, Pfadfinder und Fjällwanderungen. Ihre Zeltnächte lassen sich an einer Hand abzählen – und darin ist eine Nacht auf einem Musikfestival enthalten. Während der Autofahrt reden sie hauptsächlich über Harry-Potter-Filme, Apps, Pferde und Kindergarten-Anekdoten. Sie haben sich allerdings schon mal im Indoor-Klettern und Kanupaddeln versucht, schwimmen gern und lieben es, draußen zu sein – auch wenn es regnet. Kurzum, sie sind genau wie die meisten Stadtkinder von heute.

Als ich in dem Alter war, wohnten wir am Waldrand in Skuthamn bei Piteå, einem industriell geprägten Ort in Norrbotten. Der Wald gehörte für mich und meine Spielkameraden ganz selbstverständlich zum Alltag. Dort war das Baumhaus, es gab Elchspuren, Blaubeerbüsche, einen beleuchteten Fitnesspfad, einen Schießübungsplatz, wo wir Patronen aufsammelten, und natürlich Unmengen von Bäumen, zwischen denen man herumschleichen konnte. Ein ganz gewöhnlicher Wald also. Aber eine ganze Welt. Ich wünschte, ich könnte meinen Kindern dieses Gefühl vermitteln: sich im Wald zu bewegen mit einem Gefühl des Vertrauens – hier bin ich zu Hause. Aber das ist gar nicht leicht, wenn der einzige Wald im näheren Umkreis ein fünfzig Meter breiter Streifen neben einer Parkanlage ist. Es gibt dort Baumhäuser, zu denen wir manchmal gehen, und meinen Töchtern gefällt das, aber ich möchte gern, dass sie mehr erleben.

Zum Beispiel den Wald von Kolmården.

Als wir uns dem Nedre Glottern nähern, versuche ich die Mädchen auf das vorzubereiten, was uns erwartet, auch aus einem gewissen Selbsterhaltungstrieb heraus. Wie sollen Mats und ich es sonst schaffen, auf vier neunjährige Kinder aufzupassen, direkt neben einem Steilhang, einem See und einem Abenteuer-Park? Für die Mädchen selbst scheint das überhaupt kein Problem zu sein. Meine Tochter Milla stellt nur eine Bedingung: »Ich will nicht an einem See zelten, in dem es ein Seeungeheuer gibt, das mich im Schlaf so verhext, dass ich komische Sachen mache«, sagt sie. »Das Risiko ist minimal, aber versprechen kann ich nichts«, antworte ich wahrheitsgemäß.

Als wir das Auto geparkt haben und im Begriff sind, auf dem Östgötaleden zum Camp zu wandern, schultern die Kinder ihre vollgepackten Rucksäcke. Es folgt eine kurze Abstimmung: »Wir spielen, dass wir Stars sind!« »Au ja!« »Aber wie benehmen sich Stars?« »Wie bescheuerte Vierzehnjährige.« »Okay!« Dann stapfen sie los, in einem Affentempo und mit leichter Rückwärtskrängung.

Die Sache mit der Maus

Mitten in der Nacht wache ich davon auf, dass sich in der geräumigen Lappenkote etwas bewegt. Der Boden ist mit Holzplanken bedeckt, und in der Mitte befindet sich eine große Feuerstelle. In der Kote hätten bestimmt zwanzig Erwachsene nebeneinander Platz. Wir liegen in unseren Schlafsäcken, mit den Köpfen ziemlich nahe an der erloschenen Glut. Irgendwas läuft über meinen Schlafsack. Man hört das Geräusch kleiner Pfoten auf dem glatten Stoff. Es muss eine Waldmaus sein. Ich schüttele mich, und sie ist verschwunden. Ich schlafe wieder ein und werde kurz darauf von dem gleichen Geräusch geweckt. Im nehme ich mir vor, wachzubleiben und die Maus auf frischer Tat zu ertappen. Und richtig, nach fünf oder zehn Minuten sehe ich sie nahe an der Feuerstelle unter einer Bodenplanke hervorkriechen. Sie schleicht sich an die Schlafsäcke der Kinder heran und fängt an, zwischen ihnen umherzulaufen, auf der Suche nach Futter. Plötzlich ist sie bei Esters Schlafsack, der an der Schulter eine große Öffnung hat. Und krabbelt hinein! Nur für ein paar Sekunden, dann kommt sie wieder heraus und trippelt weiter. Aber trotzdem!

Auf einmal bin ich hellwach. Was für ein Dilemma. Soll ich die Mädchen wecken und ihnen erzählen, dass eine Waldmaus in der Kote herumrennt, und ihnen erklären, dass das nicht gefährlich ist? Mit dem Risiko, dass sie es unheimlich finden und nicht wieder einschlafen können? Oder soll ich riskieren, dass die Maus in einen Schlafsack kriecht und eines der Kinder aufweckt, das dann vielleicht eine lebenslange Waldmausphobie davonträgt? Verdammte Maus.

Bis jetzt ist alles gut gegangen. Als wir ankamen, hat es nicht lange gedauert, bis die Kinder wie Marschflugkörper über die Bucht paddelten, den unteren Teil des Abenteuer-Parks erkundeten, große Portionen Nudeln aßen und ein abendliches Bad im See nahmen. Und alles war in irgendein Spiel eingebunden. Dann haben sie am Feuer gelegen und Comics gelesen, sind rausgegangen, um den Sternenhimmel anzuschauen, und sind nach langen Gesprächen spät eingeschlafen. Ich grüble über das Mausdilemma nach, bis ich so müde bin, dass ich wieder eindöse. Ein paar Stunden später, als wir wach sind, das Feuer in Gang gebracht und gefrühstückt haben, erzähle ich von unserem nächtlichen Besuch. »Oooh, wie niedlich!« rufen die vier und fangen sofort an, überall in der Kote kleine Brotstückchen auszulegen.

Komm schon, Limo!

Der Abenteuer-Park am Nedre Glottern wird vom Unternehmen Äventyrsbolaget betrieben. Anders Rylén, der Chef, ist ein Pionier dieser schnell wachsenden Nische. Er war schon 1990 dabei, als eine der ersten dieser Anlagen in Schweden gebaut wurde. Heute fristet die Anlage am Nedre Glottern eher ein Schattendasein. Der erheblich größere Parcours, den das Unternehmen etwas weiter entfernt von hier am Sörsjön gebaut hat, zieht wesentlich mehr Besucher an.

Meistens kommen Gruppen hierher. Junggesellenabschiede, Tagungen, manchmal auch Familien und Freundeskreise. Zwischen den hohen, breiten Baumstämmen, von denen die Anlage umgeben ist, verlaufen verschiedene Routen hoch über dem Boden. Drahtseile und Taue, Trittbretter, Holzstege – es wäre zweifellos ein Abenteuer, sich dort oben herumzutreiben. Aber für Kinder ist es leider verboten, deshalb müssen wir etwas anderes finden. Gegen zehn kommt Björn Lundell, einer der saisonalen Mitarbeiter des Äventyrsbolaget, mit Kletterseilen über der Schulter. Er ist ein finnlandschwedischer Outdoor-Guide, 26 Jahre alt, und erzählt uns, dass er alles über solche Anlagen lernen möchte, um vielleicht zu Hause in Finnland später selbst einen Parcours aufzubauen. Dafür bringt er bestimmt gute Voraussetzungen mit – er strahlt eine harmonische Ruhe aus, die bewirkt, dass sich sofort alle sicher fühlen. Wir steigen auf den höchsten Berg, der den etwas eigenartigen Namen Weinkellerberg trägt, und laufen weiter zum höchsten Steilhang.

Eines nach dem anderen dürfen die Mädchen das Klettergeschirr anlegen und den Helm aufsetzen, und dann zeigt ihnen Björn, wie sie sich unter der Seilbremse am Seil festhalten und dann langsam rückwärts auf den Abhang zugehen müssen. »Das Schwierigste ist immer, über die Kante zu steigen. Dann braucht man sich nur noch abzuseilen«, sagt Björn, der von oben mit einem weiteren Seil für die Sicherung sorgt. Tatsächlich wagen sich alle vier über die Kante, aber danach sind die Beine etwas zittrig.

»Ich habe mir gedacht: Wenn ich jetzt sterbe, dann weiß ich wenigstens, dass ich Spaß gehabt habe«, sagt Lo, und die anderen stimmen ihr zu.

Die nächste Herausforderung ist, den Abhang hochzuklettern. Zum Felsklettern ist die Bergwand zu scharf, deshalb haben die Guides zwei Reihen mit Klettergriffen angeschraubt. Björn sichert von oben mit dem Seil. Auf halber Strecke schaut Ester zufällig nach unten und erstarrt. »Ich schaffe das nicht!« »Da ist es am schwersten, aber mach einfach weiter!« ruft Bella. Während des Vormittags haben die Mädchen neue Namen füreinander erfunden. Aus mir unerfindlichen Gründen heißt Ester nun »Limo«. »Komm schon, Limo!« schreien die anderen. Die Mischung aus Spiel und blutigem Ernst hilft Ester, bis ganz nach oben zu klettern. Während sie sich wieder abseilt, holen die anderen ihr Kuscheltier aus der Kote.

Frost und Wärme

Die Belohnung für das Abseilen und Klettern ist die Seilbahn, die vom Berggipfel über das Wasser bis zu einer kleinen Insel führt. Björn schickt ein Kind nach dem anderen im Klettergeschirr über das 125 Meter lange Stahlseil. Ester fährt als Erste. Björn kann mit seinem Seil das Tempo bremsen. Aber der Sinn des Ganzen ist ja, dass es schnell gehen soll, und so wird erst ganz zum Schluss gebremst. Der Nedre Glottern hallt wider von glücklichem Kindergekreisch. Dann verlässt uns Björn, nachdem er uns empfohlen hat, auf der Heimfahrt unbedingt einen Abstecher zum Sörsjön-See zu machen. »Dort ist die Seilbahn über den See 375 Meter lang!«

Die Kinder futtern ihr Mittagessen, teilen ihre Süßigkeiten miteinander, summen Lieder aus dem Disney-Film Frost und machen die Kanus startklar. Wir kreuzen auf dem See herum, legen bei einer kleinen Insel an, die Mädchen erfinden ein neues Spiel und baden, wir machen Feuer. Mats und ich versuchen, nicht mehr zu kontrollieren, wo sie hinlaufen. »Denkt daran, dass ihr morgen nicht mit der Seilbahn fahren könnt, wenn ihr euch verletzt«, sagt Mats, und das scheint zu genügen. Als Erwachsener denkt man oft, dass man den Kindern etwas beibringen muss. Und vergisst dabei vielleicht, selbst etwas von den Kindern zu lernen. Mein eigenes Outdoor-Leben ist manchmal so gesteuert und zielgerichtet: Man muss sich so geschickt und so effizient wie möglich von Punkt A nach Punkt B bewegen. Statt spielerisch voranzukommen, wie es die Kinder tun. »Vielleicht habe ich etwas versäumt«, denke ich, als ich die Kinder wieder bei einer ihrer kleinen, redseligen Entdeckungstouren beobachte.

Allmählich fühlen wir uns auf dem Kolmården immer mehr zu Hause. Als wir abends in der Kote um das prasselnde Feuer herum sitzen, spüren wir eine ganz andere Ruhe als am Abend zuvor. Gestern hat uns der Fotograf Fredrik Schlyter besucht. Er erzählte uns, der Fernseher habe das Lagerfeuer ersetzt – dass wir uns eigentlich danach sehnen, in die Glut zu starren, wenn wir uns vor dem Bildschirm versammeln. »Meinst du vielleicht Netflix oder Youtube?« wollte Lo wissen, und teilte uns mit, dass sie ihr Ipad vermissen würde.

Jetzt sitzen wir einfach da und schauen ins Feuer, Kinder und Erwachsene. Plaudern ein bisschen und essen Butterbrote. Fühlen die Wärme. Gemeinsam.

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