NORR AUSZEIT Eisiger Höhepunkt

DIASHOW STARTEN

Hoch hinaus
auf den Halti

 

 

Die Landschaft ist menschenleer.

 

 

Im nordfinnischen Wildnisgebiet Käsivarsi liegt der Halti, der höchste Punkt des Landes.
Christian Kneise hat ihn bestiegen.

 

 

Ein Abenteuer zwischen atemberaubenden Nordlichtern und sehr, sehr frischen Toiletten…

Einsamkeit erleben:

John Bauers wohl bekannteste Zeichnung ist »Ännu sitter Tuvstarr kvar och ser undrande ner i vattnet« von 1913. (© John Bauer/ abfotografiert von Jenny Thornell/ Malmö Kunstmuseum)

Der Wald muss leben

Text: Mats Ottosson Bilder: John Bauer

In Schweden ist ein Kampf um die Erhaltung der letzten Altwälder entbrannt. Es geht dabei nicht nur um die Rettung bedrohter Tier- und Pflanzenwelten. In den alten Wäldern hat die schwedische Kultur ihre Wurzeln.

Es war einmal ein Volk, das in einer magischen Welt lebte. Außerhalb des Lichtkegels von Kerzen und Petroleumlampen lag eine unbekannte Zone voller Geraune und Geraschel, voll unerklärlicher Geräusche und Vorgänge. Dort draußen, im Grenzland zwischen Fiktion und Wirklichkeit, tanzten Elfen wie Nebelschleier über den feuchten Uferwiesen. Trolle stahlen neugeborene Menschenbabys und legten dafür ihre eigenen in die Wiege, oder sie lockten Wanderer vom Wege ab und in ihre Berghöhlen hinein. In der Abenddämmerung huschten Irrlichter zwischen den Bäumen umher, von unsichtbaren Laternenmännchen getragen.

Wichtel und ihre Verwandten, die »Vittra«, wohnten unter Steinen oder in alten Bäumen, und wehe dem, der ihre Behausungen zerstörte. Und die verführerische Waldfrau erschien so manchem sexuell ausgehungerten Holzfäller in seinen halb lüsternen, halb angstvollen Träumen. Die Menschen der vorindustriellen Gesellschaft lebten in der Natur und von der Natur. Ein großer Teil ihres Daseins lag außerhalb ihrer Kontrolle. Manchmal zeigte die Natur sich milde und freigebig, dann wieder grausam und fordernd. In dieser Situation war es verlockend, um nicht zu sagen: natürlich, sich von dem, was man nicht kontrollieren konnte, ein Bild zu machen.

Die Naturgeister nahmen Gestalt an. Sie verbreiteten Furcht, aber auch eine gewisse Sicherheit. Sie gaben dem Unbekannten und Unkontrollierbaren ein Gesicht. Seitdem hat sich die äußere wie die innere Landschaft der Bewohner Schwedens völlig verändert. Die Stromschnellen, die einst dem Nöck oder Wassermann gehörten, wurden begradigt, um Elektrizität zu erzeugen; die Uferwiesen der Elfen wurden mit Fichten bepflanzt, aus dem Zauberwald wurde ein Wirtschaftsforst. Und in unserem Innern hat das Projekt der Moderne, die Trockenlegung des Aberglaubens, die magischen Dimensionen der Natur verkümmern lassen.

In einer Umwelt, in der die Menschen glauben, auch das Unkontrollierbare beherrschen zu können, sind Naturgeister überflüssig geworden. Es ist lange her, dass man die Leute mit Zwergen und Trollen erschrecken konnte. Und wie sollten übernatürliche Wesen in den Wäldern wohnen, wenn nicht einmal mehr ganz normale Tiere und Pflanzen dort leben können – jedenfalls nicht in dem Ausmaß, das wir von früher kennen? Von den gut viertausend Tier- und Pflanzenarten, die in Schweden auf der Roten Liste stehen, also vom Verschwinden bedroht sind, ist mehr als die Hälfte im Wald beheimatet. Doch in einem seelenlosen Wirtschaftsforst fühlen diese Arten sich nicht wohl. Sie sind abhängig von einer Natur, die nach ihren eigenen Gesetzen leben darf, von Bäumen, die in ihrem eigenen Rhythmus wachsen und absterben. Sie brauchen den Altwald. Sie stehen damit nicht allein, es gibt viele, die ihn verteidigen wollen.

Der Kampf für die letzten, immer noch ungeschützten Altwälder und ihre Bewohner ist im Augenblick zweifellos das heißeste Thema in der schwedischen Naturdebatte. Der Aufruf »Schützt den Wald« wurde von 170 renommierten Forschern unterzeichnet. Sie fordern, dass 20 Prozent des produktiven Waldbestands in Schweden unter Schutz gestellt werden, und dass die restlichen 80 Prozent viel abwechslungsreicher genutzt werden als bisher. (Gegenwärtig stehen nur etwa drei Prozent des Waldes offiziell unter Naturschutz.) Doch um die Wälder schützen zu können, muss man zuerst ihren Naturschutzwert dokumentieren. Zur Zeit findet so etwas wie ein Wettlauf statt, bei dem artenreiche Wälder oftmals gerade gefällt worden sind, wenn die Naturschützer mit ihren Lupen und Bestimmungsbüchern anrücken. Dann stehen da nur noch die Stümpfe mit ihren feingezeichneten Jahresringen, während der Wald längst zur Papierfabrik transportiert wurde.

Und was ist in dieser veränderten Welt mit den übernatürlichen Wesen passiert, die einst die Natur bevölkerten? Logischerweise müssten sie in unserer Vorstellungswelt schon vor langer Zeit ausgerottet worden sein, tot und begraben im Bibliotheksregal für Volks- und Aberglauben. Vielleicht aber auch nicht. In der schwedischen Literatur scheint das Interesse an der Seele des Waldes gerade jetzt größer zu sein als je zuvor. Die bekannteste Fürsprecherin des lebendigen und lebensspendenden Waldes ist die Schriftstellerin Kerstin Ekman, die einmal sagte, ihr gesamtes OEuvre sei von Waldesduft durchtränkt. In ihrem Mammutwerk »Herrarna i skogen« ( unter dem deutschen Titel »Der Wald. Eine literarische Wanderung« im Piper Verlag erschienen) erzählt sie vom waldbedeckten Europa des Mittelalters und davon, wie die Waldgebiete erforscht, besiedelt und abgeholzt wurden. Fakten und Ideengeschichte vermischen sich mit Erzählungen von den vergessenen Geistern des Waldes.

Über letztere hat Kerstin Ekmann ebenfalls einen schönen Roman geschrieben: »Urminnes tecken« (deutscher Titel: »Der Ruf des Raben«). Im Mittelpunkt stehen Skymt und Sjorhpa, zwei Wesen mit Hundeaugen und großem Hinterteil, die keine Tiere sind, aber auch keine Menschen. Von Rynkskinn, einer knarzenden Altmännerstimme im dichten Gezweig der Bustagrana, erfahren sie, dass sie im Verschonten Wald wohnen, ganz nahe am Fjäll. Die Menschenwelt rückt näher und näher, der Lebensraum der Hundeäugigen schrumpft, bald werden sie sich in Windhauch und Feuchtigkeit auflösen. Aber solange es Rynkskinn gibt, bleibt der Verschonte Wald stehen. (Bustagran ist ein altes schwedisches Wort für eine Fichte, die so groß ist, dass sie als Windoder Regenschutz dienen kann. Rynkskinn, zu deutsch Runzelhaut, ist der schwedische Name des Kammpilzes, Phlebia centrifugia, der vor allem in älteren Fichtenwäldern wächst und mit deren fortschreitender Abholzung immer seltener wird.)

Vergessen wir für einen Augenblick, dass hundeäugige Menschentiere mit großem Hinterteil im biologischen Sinne nicht existieren, ebensowenig wie Elfen und Waldfrauen. Vielleicht kann man diese Naturgeister als Indikatoren betrachten, also als eine Art, die anzeigt, dass wir ein Gebiet mit hohem Naturschutzwert vor uns haben. Ein Biologe weiß: Wenn er den Pilz Rynkskinn oder eine Flechte namens Långskägg entdeckt, dann befindet er sich in einem Wald mit großer biologischer Vielfalt und zahlreichen bedrohten Arten. Und wenn man in einen Wald kommt, von dem man hört, dass die Waldfrau oder die Hundeäugigen dort leben können, dann muss das ebenfalls eine Gegend mit hohem Naturschutzwert sein. Außer den messbaren Indikatoren für die biologische Vielfalt besitzt dieser Ort eine wissenschaftlich nicht erfassbare Qualität, die sich vielleicht am besten in symbolischer Form beschreiben lässt: Der Wald ist so sehr bei sich selbst, dass er Naturgeistern einen Lebensraum bieten kann.

»Ja, natürlich kann man das so sehen«, sagt Kerstin Ekman. Etwas Ähnliches habe sie im Kopf gehabt, als sie an dem Roman »Urminnes tecken« arbeitete. »Er handelt von einem weitgehend intakten Wald nahe am Fjäll, der damals, als ich das Buch schrieb, vom Kahlschlag bedroht war. Es kam nicht dazu – wenn es nicht doch
noch passiert ist, seit ich den Wald zum letzten Mal sah.« Und sie erklärt: »Ein solcher Wald hat so vieles zu geben, was man nicht direkt berechnen oder messen kann. Natürlich entstanden Märchen und Sagen, wenn Menschen in einen derartigen Wald kamen, denn er beflügelt die Phantasie und lässt das Leben merkwürdiger, spannender, rätselhafter, vielleicht sogar mystisch erscheinen, weil man sich nicht alles erklären kann, was dort geschieht.«

Ein anderes Buch, das hervorhebt, wie wichtig der Wald für die schwedische Kultur war – und auch heute noch sein sollte –, trägt den Titel »Skogen i vårt inre« (Der Wald in uns) und wurde von dem Kulturjournalisten Johannes Ekman verfasst (er ist nicht mit Kerstin Ekman verwandt). Der Essay beginnt damit, dass der Autor sich fragt, warum es ihn immer wieder in sein Lieblingswaldgebiet Hellasgården im Südwesten Stockholms zieht. Es ist, als ob der Wald zu ihm spräche, mit einer Stimme aus der Vergangenheit. Bei seinen Nachforschungen findet er heraus, dass in dem Wald, der heute eine Erholungszone ist, vor nicht allzu langer Zeit noch Menschen lebten und arbeiteten. In den fünfziger Jahren hatte Schweden etwa eine halbe Million Waldarbeiter, heute sind es noch rund 30 000.

In den Wäldern rund um Hellasgården, eine Stunde Fußweg vom Zentrum Stockholms entfernt, gab es Tiere, Pflanzen und Bäume, die inzwischen verschwunden sind. Eine Waldlandschaft, die über Jahrtausende selbstverständlicher Lebensraum der Menschen war, bedeckt heute nur noch wenige Prozent der Fläche Schwedens. Und Johannes Ekman stellt fest: »Der Wald ist verstummt.« Obwohl er davor warnt, die Bedeutung des Waldes nationalromantisch zu verklären, meint er doch, dass hier die Wurzeln der heutigen schwedischen Kultur liegen – und dass sie verdorren, wenn die Altwälder vollständig vom Wirtschaftswald verdrängt werden. »Bis ins 20. Jahrhundert hinein war Schweden eine abgeschiedene Fichtenwaldprovinz im ärmsten Teil Europas«, schreibt Ekman, und er erwähnt eines von vielen Beispielen dafür, wie die Schweden von dieser Vergangenheit geprägt sind: »Schlagen Sie ein Telefonbuch auf, und blättern Sie sich durch die vielen Seiten mit den Namen Granberg, Lindgren, Björkman, Almark, Ekstam und Lindkvist.«

Heutzutage haben Herr Granberg und Frau Lindkvist oft genauso wenig Erfahrung mit dem Wald wie irgendein anderer Europäer. Das ist schade, denn die alten Wälder und die Menschen brauchen einander. Wenn wir keine Wurzeln haben, geht es uns schlecht. Und den Wäldern geht es schlecht ohne Menschen, die für sie kämpfen und sie mit Leben erfüllen – sichtbar und unsichtbar.

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