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Der Traum vom Leben im Norden

Hier stellen wir euch Menschen vor, die nach Skandinavien ausgewandert sind. Elisabeth und Jan haben sich in Norwegen ein neues Leben aufgebaut. Wir stellen ihnen 10 Fragen, die uns brennend interessieren.

Was hat euch dazu gebracht, nach Norwegen zu ziehen – und warum genau dorthin?

Die Liebe zur norwegischen Natur – und dass sie so viel zugänglicher ist als anderswo. Es wird einem wirklich leicht gemacht, draußen zu sein und die Wochenenden in der Natur zu verbringen: durch kostenfreie Zeltplätze, öffentliche Hütten, Grillplätze, Gapahuks,..

Uns gefällt generell die norwegische Lebensweise: viel draußen sein, eine entspanntere Haltung im Alltag, eine bessere Work-Life-Balance. Dazu kommen die Ruhe, der Platz – und dass deutlich weniger Menschen auf engem Raum leben. Wir haben Huskys – und vor allem Jan kann hier seinem Hobby, dem Schlittenhundesport, viel besser nachgehen. Ein „richtiger“, schneereicher Winter ist für uns ideal. Wir genießen ihn draußen – sei es mit den Hunden beim Training, auf Skitouren oder einfach beim Unterwegssein in der verschneiten Natur.

Wie habt ihr euer neues Zuhause gefunden – und mit welchen Herausforderungen war das verbunden?

Wir wohnen in der Kommune Stange, nahe Hamar, am Mjøsa-See. Dass wir hier gelandet sind, hatte zunächst ganz praktische Gründe: Es gibt viele Jobmöglichkeiten, eine gute Infrastruktur, soziale Angebote – und der Flughafen Oslo-Gardermoen ist auch nicht weit entfernt. Man hat also eine gute Anbindung nach Deutschland oder generell in die Welt, wenn man das möchte. Das ist nicht selbstverständlich in Norwegen – viele Gegenden sind dünn besiedelt und die Wege weit. Wer von zuhause arbeiten kann oder gezielt die Abgeschiedenheit sucht, ist da natürlich flexibler.

Uns war von Anfang an klar, dass wir zunächst mieten wollten – um uns nicht sofort festzulegen und erst einmal in Ruhe schauen zu können, wo wir Arbeit finden und wie sich der Alltag in einer bestimmten Region anfühlt.

Da Norwegen kein klassisches Mietland ist, sondern es üblich ist, zu kaufen, kann es schwierig sein, eine schöne und bezahlbare Mietwohnung oder ein Mietshaus zu finden – besonders mit Haustieren. Wir hatten Glück und haben über finn.no (da findet man von Jobs bis Wohnungen alles) eine kleine, gemütliche Wohnung auf einem Hof mit Blick auf den Mjøsa-See gefunden.

Uns war es wichtig, zuerst beide feste Jobs zu haben, mit denen wir zufrieden sind, bevor wir etwas Eigenes kaufen. Jetzt – nach knapp drei Jahren – haben wir dieses Ziel erreicht und ein Haus mit großem Grundstück gekauft, das wir nun Schritt für Schritt nach unseren Vorstellungen gestalten: mit Gemüsegarten, Obstbäumen, viel Platz für die Hunde – und vielleicht ziehen ja auch noch ein paar Hühner ein.

Wie hat sich euer Alltag durch das Leben in Norwegen verändert?

Man ist viel mehr draußen – einfach weil das friluftsliv (das Leben in der Natur) hier so großgeschrieben wird.

Auch der Arbeitsalltag ist entspannter als in Deutschland. Wir haben beide das Glück, in der Kommune (öffentlichen Verwaltung) angestellt zu sein – da ist um 15:30 Feierabend, und selbst die Mittagspause ist bezahlt. Einziger Nachteil: Wir müssen beide pendeln. Aber das gehört in Norwegen oft dazu, vor allem, wenn man ländlich lebt.

Ein großer Unterschied sind die Jahreszeiten. Im Sommer ist es fast rund um die Uhr hell – toll, wenn man viel draußen unternehmen will, aber man vergisst schnell die Zeit und merkt Sonntagabend um Mitternacht, dass man eigentlich längst im Bett sein sollte. Im Winter dagegen sind die Tage kurz – das muss man mögen. Aber auch dann ist viel los: Aktivitäten finden einfach mit Stirnlampe oder am Lagerfeuer statt.

Was vermisst ihr aus eurer alten Heimat – und worauf möchtet ihr nie wieder verzichten?

Natürlich vermissen wir Familie und Freunde – und manchmal auch die größere und bessere Auswahl an Produkten, besonders bei Lebensmitteln. Aber verzichten möchten wir definitiv nicht mehr auf die Natur, den Winter, die Ruhe und den norwegischen Lebensstil.

Gibt es eine norwegische Gewohnheit, die ihr übernommen habt, ohne es zu merken?

Wir gehen viele Dinge heute gelassener an. Die norwegische Haltung alt kommer til å ordne seg („es wird sich schon regeln“) ist irgendwie ansteckend. Man merkt, dass man sich seltener über Kleinigkeiten aufregt – und generell entspannter durchs Leben geht.

Wie hat sich euer Verhältnis zur Natur durch das Leben in Norwegen verändert?

Unsere Liebe zur Natur war schon vorher groß – aber sie hat sich hier definitiv noch verstärkt.

Wandern, Skifahren, Angeln – was ist für euch typisch norwegisch draußen?

Eigentlich alles davon. Aber besonders Langlauf ist sehr typisch norwegisch – man sagt ja, die Norweger können früher Ski laufen als gehen. Selbst die Kleinsten werden in Pulkas über die Loipen gezogen. Auch Wandern gehört zum Alltag. Es gibt z. B. die App „UT“, auf der alle Wanderrouten und Hütten verzeichnet sind – davon gibt es unendlich viele. Und auch Lagerfeuer machen, draußen Kaffee kochen, Grillen – all das gehört für uns dazu.

Typisch norwegisch: Kvikk Lunsj (die norwegische Version von KitKat) und Apfelsinen auf Tour. Das gehört einfach mit ins Gepäck.

Wie unterscheidet sich die Outdoor-Kultur hier von der, die ihr vorher kanntet?

Das Leben spielt sich in Norwegen viel mehr draußen ab. Die Norweger sind sehr aktiv, und es ist ganz normal, das ganze Wochenende in der Natur zu verbringen – egal bei welchem Wetter. Ein wichtiger Teil dieser Kultur ist auch das allemannsretten – das Jedermannsrecht. Es erlaubt allen, sich frei in der Natur zu bewegen, auch auf privatem Grund, solange man respektvoll damit umgeht. Dadurch fühlt sich die Natur noch zugänglicher an – ob zum Wandern, Zelten oder einfach zum Draußensein.

Was würdest du sagen, macht das gesellschaftliche Miteinander in Norwegen aus?

Die Menschen sind grundsätzlich freundlich und entspannt, aber oft auch eher zurückhaltend. Man begegnet sich mit Respekt, hört einander zu – auch wenn man nicht einer Meinung ist. Insgesamt ist der Umgang sehr ruhig und gelassen, was wir als angenehm empfinden. Jeder darf einfach so sein, wie er ist. Typisch norwegisch ist auch die Dugnad-Kultur – freiwillige Gemeinschaftsarbeit, bei der alle mit anpacken. Wir waren schon bei einigen Dugnads dabei, etwa beim Anlegen von Wanderwegen, kleinen Brücken oder beim traditionellen Dachdecken. Das bringt die Leute zusammen und macht richtig Spaß.

Gibt es Dinge, die ihr in Norwegen als besonders fortschrittlich – oder rückständig – empfindet?

Norwegen ist in vielen Bereichen sehr digital – aber nicht unbedingt weniger bürokratisch als Deutschland. Behördengänge sind oft einfacher, weil vieles online läuft. Gleichzeitig ist die Gesellschaft recht traditionsbewusst, was schön sein kann, aber Entwicklungen manchmal auch etwas bremst. Was wir als sehr positiv empfinden: Gleichstellung ist hier deutlich selbstverständlicher und stärker im Alltag verankert – z. B. wenn es um Elternzeit oder Rollenbilder geht.

Was hättet ihr gerne vorher gewusst?

Eigentlich nichts – das lag aber vor allem daran, dass Jan schon vorher mehrere kürzere Arbeitsaufenthalte in Norwegen hatte. Wir haben auch gemeinsam Urlaube hier verbracht und wussten daher grob, worauf wir uns einlassen.

Welche praktischen Tipps würdet ihr anderen geben, die nach Norwegen ziehen wollen?

Unbedingt gut vorbereiten – und am besten vorher schon ein paar Mal im Land gewesen sein. Idealerweise zu verschiedenen Jahreszeiten, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was einen erwartet. Auch Sommerjobs oder Praktika sind super, wenn man sich noch nicht ganz festlegen will – so lernt man das Land im Alltag kennen.

Die Sprache ist ein ganz wichtiger Punkt: Am besten schon vor dem Umzug anfangen zu lernen und dann so viel wie möglich sprechen. Wir sprechen z. B. auch zu Hause Norwegisch – das hat enorm geholfen. In größeren Städten gibt es auch sogenannte „språkkaféer“, wo man sich mit anderen Einwanderern trifft und mit Muttersprachlern üben kann.

Unsere Erfahrung: Die Jobsuche ist vor Ort einfacher. Viele Arbeitgeber schreckt es ab, wenn jemand noch gar nicht im Land lebt – persönliche Gespräche vor Ort machen einfach einen besseren Eindruck. Ansonsten: Mutig sein, offen bleiben – und einfach machen!

War es schwer, Anschluss zu finden – und wenn ja, wie habt ihr es geschafft?

Die Norweger sind höflich und freundlich, aber oft auch zurückhaltend. Wirklichen Anschluss oder echte Freundschaften findet man am ehesten über gemeinsame Interessen. Uns hat zum Beispiel der Stange Trekkhundklubb sehr geholfen – ein Hundeverein mit verschiedenen Aktivitäten über das ganze Jahr. Viele der Menschen dort zählen wir inzwischen zu unseren engen Freunden, auf die wir uns wirklich verlassen können. Auch über unsere Jobs haben wir tolle Menschen kennengelernt – wir haben da wirklich Glück gehabt.

Welche Sprachbarrieren gab es – oder war das weniger ein Thema?

Da wir die Sprache schon vorher gelernt hatten, war das für uns eine gute Voraussetzung. Wenn man mal ein Wort nicht kennt, ist das kein Problem – die Norweger sind viel zu freundlich, um jemanden bloßzustellen. Natürlich gibt es am Anfang Tage, an denen man frustriert ist, weil man wenig versteht, aber da hilft nur Durchhalten. Es wird mit der Zeit besser.

Auch wenn man im Alltag mit Englisch gut zurechtkommt, würden wir auf jeden Fall empfehlen, Norwegisch so früh wie möglich zu lernen. Für viele Jobs ist es ohnehin Voraussetzung – und man findet einfach schneller Anschluss.

Was man vorher oft nicht auf dem Schirm hat: In Norwegen gibt es in jeder Region ganz eigene Dialekte – teils sogar von Tal zu Tal verschieden. Und die können eine echte Herausforderung sein. Das Bokmål, das man meist im Sprachkurs lernt, reicht da nicht immer aus, weil viele Menschen im Alltag ganz selbstverständlich ihren Dialekt sprechen.

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