Der Traum vom Leben im Norden
Hier stellen wir euch Menschen vor, die den Schritt nach Skandinavien gewagt haben. Unsere NORR-Kollegin Victoria hat sich in Schweden ein neues Leben aufgebaut – und erzählt, wie sich ihr Traum vom Norden anfühlt.
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Was hat dich dazu gebracht, nach Schweden zu ziehen – und warum genau dorthin?
Ich habe mich schon immer für die skandinavischen Länder interessiert und zuvor mehrere kürzere Aufenthalte dort verbracht. Schließlich kam ich für ein längeres Praktikum nach Schweden – und bin einfach geblieben.
Natürlich war es die Liebe zur nordischen Natur und zu Stockholm, die mich begeistert hat. Aber noch wichtiger war der Job, der mich im Norden gehalten hat. Ich kann wirklich sagen, dass ich damals meinen Traumjob gefunden habe und unbedingt in der Stadt bleiben wollte, um mich dort beruflich und persönlich weiterzuentwickeln. Die Möglichkeit, zu bleiben, das Land zu entdecken und gleichzeitig meine Karriere voranzubringen, war am Ende das ausschlaggebende Argument.
Wie hast du dein neues Zuhause gefunden – und mit welchen Herausforderungen war das verbunden?
Während meiner kürzeren Aufenthalte hatte ich immer etwas zur Untermiete gefunden. Da ich zunächst gar nicht geplant hatte, länger zu bleiben, habe ich auch diesmal wieder nach Zwischenlösungen geschaut und bin auf Plattformen gelandet, auf denen Wohnungen getauscht werden.
Über einen dieser Wohnungstausche habe ich Helena kennengelernt, die heute eine meiner engsten Freundinnen ist. Sie hat in Stockholm gewohnt, ich in Berlin – und wir wollten ausprobieren, wie es wäre, unsere Wohnungen zu tauschen. Mit der Vereinbarung, uns gegenseitig zu besuchen und jeweils eine Anlaufstelle für Familie und Freunde im anderen Land zu haben. Das hat sich als großartige Lösung erwiesen und funktioniert bis heute hervorragend.
Natürlich ist es in Stockholm nicht einfach, bezahlbaren Wohnraum zu finden – vor allem, wenn man nicht sofort kaufen möchte. Ein bisschen Geduld und die Bereitschaft, auch etwas außerhalb des Zentrums zu wohnen, gehören dazu. Hilfreich war für mich auch, verschiedenen Gruppen beizutreten und sich gut zu vernetzen, um seriöse Angebote zu finden.
Wie hat sich dein Alltag durch das Leben in Schweden verändert?
Vor meinem Umzug habe ich in Berlin gelebt. Hier in Stockholm habe ich eine ganz neue Balance zwischen Großstadtleben und Natur gefunden. Outdoor-Aktivitäten und „friluftsliv“ haben einen viel größeren Stellenwert – nicht nur privat, sondern auch in meinem beruflichen Alltag. Ich habe gemerkt, dass ich das brauche und dass es mir guttut. Auch im Winter verbringe ich jetzt noch mehr Zeit draußen.
Außerdem liebe ich die Kultur der „fika“: die Kaffeepausen, die hier so groß geschrieben werden. Es geht dabei nicht nur um Kaffee und Zimtschnecken (auch wenn ich inzwischen viel zu viele esse), sondern um das bewusste Innehalten. Für mich ist es ein Symbol für die schwedische Lebensweise: Pausen zu machen, Wert auf Balance zu legen und nicht nur von Termin zu Termin zu hetzen.
Was vermisst du aus deiner alten Heimat – und worauf möchtest du nie wieder verzichten?
Natürlich vermisse ich meine Familie und Freunde sehr. Aber dank der guten Verbindungen zwischen Deutschland und Schweden – und vor allem zwischen Berlin und Stockholm – sind sie immer nur eine Nachtzugfahrt entfernt.
Manchmal sehne ich mich nach dem bunten, individuellen Berlin, nach der Offenheit und Spontaneität – dieses „einfach auf der Straße mit Menschen ins Gespräch kommen“. In Schweden, besonders in der Großstadt, ist es deutlich schwieriger, neue Kontakte zu knüpfen. Und, ganz ehrlich: Manchmal fehlt mir auch einfach das Gefühl, für 2 Euro ein Bier im Späti zu kaufen und es mit Freunden am Wasser zu trinken.
Andererseits möchte ich die enge Verbindung von Stadt und Natur in Schweden nicht mehr missen. Die Möglichkeit, in kürzester Zeit in atemberaubender Natur zu sein und dort Ruhe und Kraft zu tanken, ist unbezahlbar.
Gibt es eine schwedische Gewohnheit, die du übernommen hast, ohne es zu merken?
Definitiv „lagom“. Es ist die klassische Antwort – aber sie stimmt. Früher habe ich mich schnell von Kleinigkeiten stressen lassen. Hier habe ich gelernt, vieles entspannter zu sehen und mehr Balance in meinen Alltag einzubauen. Und natürlich die Fika-Kultur – heute trinke ich wahrscheinlich viel zu viel Kaffee.
Wie hat sich dein Verhältnis zur Natur durch das Leben in Schweden verändert?
Ich habe schon immer versucht, achtsam mit der Natur umzugehen. Aber hier ist es viel stärker in den Alltag integriert. In Schweden lernen Kinder von klein auf, wie man sich in der Natur bewegt und sie respektiert. Das „Allemansrätten“ – also das Jedermannsrecht, sich frei in der Natur zu bewegen – hat mir noch einmal verdeutlicht, wie wichtig es ist, die Natur so zu hinterlassen, dass sie unversehrt bleibt. Diese Haltung hat mein Bewusstsein noch einmal sehr verstärkt.
Wandern, Skifahren, Paddeln – was ist für dich typisch schwedisch draußen?
Das alles gehört hier einfach dazu. Wandern und Langlaufen sind fest in der Kultur verankert – viele Menschen wachsen damit von klein auf auf. Dazu kommt das viele Wasser – unzählige Seen, die zu endlosen Paddeltouren einladen. Selbst in Stockholm eröffnen sich dabei beeindruckend viele Möglichkeiten, die Stadt vom Wasser aus zu erleben.
Skifahren ist hier anders als in den Alpen: weniger steile Pisten, dafür eine riesige Tradition im Langlauf und Tourenski. Man kann tagelang von Hütte zu Hütte unterwegs sein. Überall gibt es Windschutzhütten, in denen man unkompliziert übernachten kann – etwas, das ich in Deutschland so nicht kannte.
Was würdest du sagen, macht das gesellschaftliche Miteinander in Schweden aus?
Mir ist von Anfang an aufgefallen, dass die Menschen hier einander Dinge gönnen. Neid spielt eine viel geringere Rolle. Gleichzeitg wollen die meisten niemanden belasten – was manchmal kühl und distanziert wirken kann. Es dauert, bis man tiefere Verbindungen aufbaut, aber wenn man sie einmal hat, sind die Menschen unglaublich hilfsbereit und loyal.
Gibt es Dinge, die du in Schweden als besonders fortschrittlich – oder rückständig – empfindest?
Sehr fortschrittlich ist die Digitalisierung: Mit der Personnummer lässt sich fast alles unkompliziert regeln. Allerdings ist es gleichzeitig eine Hürde für Menschen, die neu ins Land kommen – ohne Personnummer ist vieles extrem schwierig.
Auch im Gesundheitssystem gibt es Herausforderungen: Es ist oft schwierig, Vorsorgeuntersuchungen oder den richtigen Arzt zu bekommen, und manchmal hat man das Gefühl, nicht die nötige Unterstützung zu erhalten.
Welche praktischen Tipps würdest du anderen geben, die nach Schweden ziehen wollen?
Sprache lernen und Geld sparen! In Stockholm kommt man mit Englisch wunderbar zurecht, aber in kleineren Orten ist Schwedisch ein klarer Vorteil. Außerdem öffnet die Sprache viele Türen im Alltag und im Berufsleben.
War es schwer, Anschluss zu finden – und wenn ja, wie hast du es geschafft?
Es braucht Geduld. Mir haben Gruppen und Hobbys sehr geholfen – ich singe zum Beispiel im Chor. Auch internationale Freundschaften waren ein guter Einstieg, über die ich wiederum viele Schweden kennengelernt habe. Heute ist mein Freundeskreis sehr gemischt – man muss allerdings damit rechnen, dass einige Menschen nur für ein paar Jahre in Stockholm bleiben.
Welche Sprachbarrieren gab es – oder war das weniger ein Thema?
Ich konnte Schwedisch schon vor meinem Umzug und habe es auch für meinen Job gebraucht. Natürlich war es anfangs eine Herausforderung, aber man kommt schnell rein. Mit der Zeit wurde es immer leichter, auch in komplexeren Situationen die richtigen Worte zu finden.