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Der Traum vom Leben im Norden

Hier stellen wir euch Menschen vor, die den Schritt nach Skandinavien gewagt haben. Marjana ist ihrem Bauchgefühl gefolgt und nach einem Au-Pair-Aufenthalt in Oulu nicht nach Deutschland zurückgekehrt, sondern in Finnland geblieben um zu studieren und zu leben.

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Warum bist du nach Finnland ausgewandert?

Nach meinem Abi habe ich in der Nähe von Oulu ein Au-Pair Jahr gemacht und mich in dieser Zeit in dieses Land verliebt. Besonders die endlose Natur, diese unglaubliche Weite und das umsichtige, respektvolle Miteinander der Menschen haben mich tief berührt. Drei Monate vor meiner geplanten Rückkehr nach Deutschland lernte ich dann meinen Freund kennen – und plötzlich stand ich vor dieser Entscheidung: zurück nach Deutschland oder dem Bauchgefühl folgen? Ich bewarb mich für ein Lehramtsstudium an der Uni Oulu und blieb. Es war eine Mischung aus Liebe zum Land, Liebe zu einem Menschen und dem Wunsch, hier wirklich anzukommen und zu studieren.

Wie hast du dein neues Zuhause gefunden – und mit welchen Herausforderungen war das verbunden?

Mein neues Zuhause habe ich – ganz frech – direkt bei meinem Freund gefunden und bin einfach eingezogen. Rückblickend hat mir das viel Arbeit und Stress erspart, gerade in einem Wohnungsmarkt, den ich überhaupt nicht kannte. Dass ich Oulu schon aus meiner Au-Pair-Zeit ins Herz geschlossen hatte, war ein riesiger Vorteil. Der Umzug fühlte sich dadurch nicht wie ein Sprung ins Unbekannte an. Ich bin mit der Einstellung hergekommen, dass das ein Versuch ist, der auch scheitern darf, und das hat viel Druck rausgenommen. Die größte Herausforderung war definitiv, neue Freundschaften aufzubauen. Meine ursprünglichen Freunde aus der Au-Pair-Zeit waren weggezogen, der Kontakt zur Gastfamilie war abgebrochen. Und dann das finnische Studiensystem, zum Beispiel die Selbstständigkeit, die erwartet wird, die andere Art der Kommunikation mit Dozenten, das war schon eine Umstellung.

Wie hat sich dein Alltag durch das Leben in Finnland verändert?

Ich lebe jetzt seit 8 Jahren hier und mein Alltag hat sich verändert – mehrmals sogar. Ich lebe heute viel intensiver mit den Jahreszeiten. Die Mittsommernächte, in denen es nie dunkel wird, die langen Winternächte, das prägt vieles: Wann ich rausgehe, was ich mache, wie ich mich fühle. Im Sommer verbringe ich jede freie Minute am Wasser oder im Mökki, einer kleinen Hütte am See, die hier zum Leben dazugehört. Ich fahre bei Wind und Wetter Fahrrad, auch bei minus 15 Grad, was ich mir in Deutschland nie hätte vorstellen können. Ich gestalte meinen Alltag auch viel kreativer als früher und fotografiere viel, diese magischen Himmel, die Natur, das Leben hier, und teile das auf Instagram. Das ist zu einem wichtigen Teil meines Lebens geworden, diese Momente festzuhalten und mich darüber auszutauschen.
Auch meine Essgewohnheiten haben sich verändert, ich esse mittlerweile fast jeden Morgen Haferbrei, Puuro, mit Beeren und finde das sehr lecker. Genauso wie regelmäßig zum Karaoke zu gehen, was in Finnland einfach dazugehört und überhaupt nicht peinlich ist. Und ich lerne immer noch Finnisch, auch nach 8 Jahren ist das ein täglicher Teil meines Lebens, weil diese Sprache einfach nie aufhört, mich verzweifeln zu lassen.

War es schwer, Anschluss zu finden – und wenn ja, wie hast du es geschafft?

Heute bin ich mir sicher, dass ich hier Freunde fürs Leben gefunden habe. Aber der Weg dahin war oft schwierig. Besonders in den ersten Jahren und dann nochmal während Covid hatte ich wirklich zu kämpfen. Es gab definitiv Zeiten, in denen ich mich sehr einsam gefühlt habe. Mein Glück war, dass wir im Studium nur 20 Leute im Programm hatten, da kommst du automatisch in Kontakt. Aber richtig tiefe Freundschaften entstanden erst über Hobbys und gemeinsame Interessen und das hat bei mir lange gedauert. Ich bin der Facebook-Gruppe ”Finnland-Deutschland-Verein Oulu” beigetreten und habe mich einfach getraut, Leute anzuschreiben oder zu Treffen zu gehen. Heute bin ich aktiv in unserem Nachbarschaftskomitee und plane Veranstaltungen, außerdem helfe ich in einer Tierschutzgruppe. Mein Tipp: Warte nicht darauf, dass andere auf dich zukommen. Du musst selbst aktiv werden, auch wenn es sich anfangs seltsam anfühlt. Such dir Gleichgesinnte über Social Media, überleg dir, wofür du brennst, und welche Menschen du in deinem Leben willst. Die Finnen sind manchmal zurückhaltend, aber sie sind die loyalsten Freunde überhaupt.

Was vermisst du aus deiner alten Heimat – und worauf möchtest du nie wieder verzichten?

Oh, sehr, sehr viel. Am meisten vermisse ich meine Familie und diese alltäglichen, selbstverständlichen Momente – bei Oma und Opa zum Tee trinken und Rommé spielen, mit meinem Hund Lumi Gassi gehen. Mir fehlen gute Brezeln, Spätzle und Maultaschen. Und Handball, den ich fast mein ganzes Leben gespielt habe. Diesen Sport gibt es so weit im Norden einfach nicht. Was mich manchmal wirklich traurig macht: Ich bin nicht immer bei den wichtigen Momenten dabei. Die Abschlussfeier meiner Schwester, die Schwangerschaft meiner besten Freundin, ich verpasse so viele Momente, die man nicht nachholen kann. Das ist der härteste Teil am Auswandern.
ABER ich könnte nicht mehr auf diese finnische Art des Lebens verzichten. Dieses Leise, Rücksichtsvolle, dieses Vertrauen in andere Menschen und hier habe ich das Gefühl, ich darf so sein wie ich bin.

Wie hat sich dein Verhältnis zur Natur durch das Leben in Finnland verändert?

Ich habe schon immer gerne Zeit in der Natur verbracht, aber hier ist es eine völlig andere Dimension. In Deutschland bin ich wandern gegangen oder habe einen Spaziergang im Wald gemacht. Ich finde hier ist die Natur nicht etwas, das du besuchst, sondern etwas, in dem du lebst. Im Sommer schwimme ich jeden Tag im See oder im Meer. Ich schlafe an manchen Wochenenden in unserer kleinen Hütte im Wald, wo nachts absolute Stille herrscht – keine Autos, keine Menschen, kein fließendes Wasser. Im Winter kann ich Nordlichter beobachten. Die Natur ist hier nicht Erholung vom Alltag, sie ist der Alltag. Das hat mein Leben entschleunigt und geerdet.

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Was würdest du sagen, macht das gesellschaftliche Miteinander in Finnland aus?

Es ist vor allem geprägt von: Ich gebe dir Raum. Die Finnen haben ein unglaubliches Gespür dafür, wann jemand Nähe braucht und wann Distanz. Was ich auch sehr schätze: die Ehrlichkeit und Direktheit. Wenig leere Worte, man weiß meistens, woran man ist. Zusammen in die Sauna gehen schafft eine Verbundenheit, die schwer zu beschreiben ist – alle sind ein bisschen verletzlicher und freier. Und dann diese tiefe Liebe zum eigenen Land und zur Natur, die alle teilen. Dazu ein grundsätzliches Vertrauen in andere Menschen. Ich habe einmal meine Tasche in einem Fastfood-Restaurant liegen lassen. Auf der Heimfahrt habe ich gemerkt, dass sie fehlt. Also zurückgefahren und gehofft, dass noch alles da ist und ein aufmerksamer Kunde hat sie vorne abgegeben. Und auch an der Uni lässt jeder seine Jacken, teilweise Schuhe und anderes Zeug an der Garderobe. Es fühlt sich sehr sicher an.

Gibt es Dinge, die du in Finnland als besonders fortschrittlich – oder rückständig – empfindest?

Fortschrittlich: Das Bildungssystem ist toll! Kostenlose Schulbücher, kostenloses Mittagessen, wenig Leistungsdruck in der Grundschule. Die öffentliche Infrastruktur funktioniert einfach: Busse kommen pünktlich, auch bei Schneesturm sind die Straßen morgens geräumt, und zwar überall, nicht nur in der Innenstadt. Was mich besonders beeindruckt, sind die kulturellen Angebote, die oft kostenlos sind. In Oulu haben wir wechselnde Ausstellungen in Valve, die Bibliotheken mit 3D-Druckern und kleinen Aufnahmestudios, die jeder nutzen kann.

Rückständig: Teile des Gesundheitssystems: Während das Prinzip wirklich toll ist und ich vieles daran mag, sind die Wartezeiten im öffentlichen System teilweise zu lang. Mehrere Monate auf einen Zahnarzttermin zu warten ist normal, für manche Behandlungen wartest du ein halbes Jahr oder länger. Wenn du privat versichert bist oder zahlen kannst, geht’s schneller, ja. Die Integration von Einwanderern ist schwieriger, als es auf den ersten Blick scheint. Es gibt definitiv Diskriminierung bei der Jobsuche und auch im Alltag. Es gibt eine Scheu vor dem ”Anderen”, die unter der Oberfläche existiert.

Welche 3-5 praktischen Tipps würdest du anderen geben, die nach Finnland ziehen wollen?

  • Mach eine Probezeit fürs Auswandern. Wenn möglich, verbringe mehrere Monate hier, und erlebe mindestens einmal den Winter.
  • Lerne ein bisschen finnisch. Komm mit Grundkenntnissen, es wird dir überall Türen öffnen.
  • Was ist mit Arbeit? Die Jobsuche ist gerade unfassbar schwer – Finnland hat aktuell Europas höchste Arbeitslosenquote. Schau dir den Arbeitsmarkt in deiner Branche vorher genau an oder bring deinen Job mit.
  • Lass dich nicht von Klischees leiten. Nicht alle Finnen sind wortkarg und distanziert, nicht jeder liebt die Sauna gleich sehr. Mach deine eigenen Erfahrungen.
  • Hab keine Angst vor dem Scheitern. Auswandern ist ein Versuch, es darf auch nicht funktionieren. Es ist keine Schande, zurückzugehen, wenn du merkst, dass es nicht passt. Das macht dich mutiger in deinen Entscheidungen.

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