Der Traum vom Leben im Norden
Als Svea Landschoof bei ihrem ersten Besuch in Stockholm aus dem Flieger steigt, weiß sie sofort, hier gehöre ich hin. Ein Jahr später lebt sie tatsächlich Stockholm. Wir möchten von ihr wissen, wie sie das gemacht hat.
Warum bist du nach Schweden ausgewandert?
Der Wunsch, im Ausland zu leben, begleitet mich tatsächlich schon seit meiner Kindheit. Ich war schon immer von anderen Ländern und Kulturen fasziniert, und so war dann auch meine erste Amtshandlung nach dem Abitur ein Auslandsjahr in Kanada. Danach bin ich erst einmal nach Berlin gezogen, um zu studieren. Leider bin ich mit Berlin nie wirklich warm geworden. Ich habe mich dort nie richtig zu Hause gefühlt – und immer irgendwie fehl am Platz. Deshalb wusste ich schon während des Studiums, dass ich nach dem Abschluss noch einmal neu anfangen möchte. Ich war offen für alles, hatte aber noch keinen konkreten Plan. Das änderte sich Ende 2018, als ich in Berlin jemanden aus Schweden kennenlernte und ihn im Februar 2019 in Stockholm besuchte. Es war mein erstes Mal in Schweden – und schon beim Aussteigen am Flughafen hatte ich dieses Gefühl, das ich kaum beschreiben kann. Es klingt total kitschig, aber irgendwie hab ich sofort gespürt, dass ich hier hin gehöre.
Die nächsten Tage in Stockholm haben dieses Gefühl nur verstärkt. Ich war so begeistert von der Stadt, dass ich noch an dem besagten Wochenende entschied, dass ich hierhin ziehen werde. In den Monaten danach habe ich alles darauf ausgerichtet – ich habe Schwedisch gelernt, gespart, so gut es als Studentin eben ging, Bücher von anderen Auswanderern gelesen, schwedisches Radio, Filme, und Serien konsumiert. Ich wollte so gut vorbereitet sein wie möglich. Ein knappes Jahr später, im März 2020, war ich dann tatsächlich hier.
Wie hast du dein neues Zuhause gefunden – und mit welchen Herausforderungen war das verbunden?
Rückblickend hatte ich tatsächlich viel Glück mit den Orten, an denen ich in Schweden gelebt habe. Ganz am Anfang bin ich mit meinem damaligen Partner zusammengezogen. Er hatte bereits eine kleine Einzimmerwohnung in Stockholm, was mir den Start enorm erleichtert hat.
Nach einem Jahr in Stockholm – mitten in der Pandemie – sind wir aus der Stadt herausgezogen und haben ein wunderschönes Haus nordöstlich von Stockholm direkt am Wasser gemietet. Diese zwei Jahre im Schärengarten waren für mich bisher die schönste Zeit in Schweden. Die Natur, das Meer, die Ruhe – das war genau das Schweden, von dem ich geträumt hatte. Irgendwann wollten wir allerdings etwas Eigenes besitzen und so haben wir uns Häuser in einem größeren Radius um Stockholm angesehen. So kamen wir nach Värmland – und das erste Haus, das wir wirklich ernsthaft besichtigt haben, wurde es dann tatsächlich auch.
Der Weg dorthin war stressig, gerade wegen des Kredits und der ganzen Bürokratie, aber am Ende hat alles geklappt. Und für zweieinhalb Jahre habe ich dort meinen Traum vom schwedischen Holzhaus mitten in der Natur gelebt.
So schön diese Zeit war, musste ich mir irgendwann eingestehen, dass sie auch eine Kehrseite hatte. Die Einsamkeit wurde mit der Zeit immer stärker. Das Dorf war klein, im näheren Umfeld gab es kaum Menschen in meinem Alter. Deshalb bin ich nach Stockholm zurückgezogen – dieses Mal allein, in eine WG. Und diese Entscheidung war die richtige. Ich habe neue Freunde gefunden, neue Hobbys begonnen und zum ersten Mal seit fast sechs Jahren das Gefühl, dass ich mir hier wirklich ein soziales Umfeld aufgebaut habe. Es war kein geradliniger Weg, aber jeder Ort hat mich etwas gelehrt. Am Ende war jeder Schritt wichtig, um dort anzukommen, wo ich jetzt bin – auch wenn das ironischerweise genau dort ist, wo meine Reise vor knapp sechs Jahren begann.
Wie hat sich dein Alltag durch das Leben in Schweden verändert?
Mein Alltag hat sich in Schweden auf eine Art verändert, die ich vorher gar nicht so erwartet hätte. Ich würde sagen, ich bin insgesamt entspannter geworden und weniger gehetzt. Ich achte mehr auf mich, mache bewusst Pausen, gehe häufiger raus und versuche achtsamer zu leben. Das fällt mir nicht immer leicht, weil ich von Natur aus ein sehr effizienter, strukturierter und eher schneller Mensch bin. Aber gerade deshalb spüre ich hier so deutlich, wie gut mir diese ruhigere Lebensweise tut. Dieses „es muss nicht alles sofort passieren“ hat meinen Alltag verändert und ich merke, wie wichtig das insbesondere für meine mentale Gesundheit ist.
War es schwer, Anschluss zu finden – und wenn ja, wie hast du es geschafft?
Ein ganz klares Ja. Natürlich ist das immer individuell, aber meine Erfahrung – und die vieler anderer, die ich kenne – ist: Schweden sind unglaublich freundlich, höflich und hilfsbereit, aber es dauert länger, bis man wirklich Teil eines Freundeskreises wird. Nähe entsteht hier langsamer, und echte Freundschaften brauchen viel Zeit.
Bei mir kamen gleich mehrere Faktoren zusammen. Ich war 26, als ich ausgewandert bin, also nicht mehr in der Uni oder in einem Umfeld, in dem man automatisch viele Menschen kennenlernt. Ich habe mich relativ schnell wieder selbstständig gemacht, hatte keine Kollegen. Heute geht es in die richtige Richtung. Mittlerweile habe ich eine kleine, aber sehr wertvolle Handvoll sogar schwedischer Freunde gefunden und darüber freue ich mich sehr. Anschluss zu finden ist in Schweden definitiv möglich. Aber es braucht Zeit, Geduld und die Bereitschaft, selbst aktiv zu werden.
Was vermisst du aus deiner alten Heimat – und worauf möchtest du nie wieder verzichten?
Diese Frage bekomme ich tatsächlich sehr oft gestellt – und meine Antwort ist jedes Mal ein bisschen klischeehaft, aber sie stimmt einfach: Ich vermisse deutsches Brot. Wenn man in einer Brotkultur aufwächst wie in Deutschland, dann fehlt einem das irgendwann überall auf der Welt. Mit schwedischem Brot bin ich bis heute nicht richtig warm geworden – aber gut, man passt sich an.
Außerdem vermisse ich die deutsche Direktheit und Effizienz. In Schweden muss man viel mehr zwischen den Zeilen lesen, und im Arbeitsalltag wird oft sehr lange diskutiert, ohne zu klaren Entscheidungen zu kommen – das frustriert mich manchmal.
Worauf ich aber absolut nicht mehr verzichten möchte, ist die Natur. Diese Weite, Stille und Vielfalt sind einzigartig: Schären, Ost- und Westküste, tiefe Wälder, Fjälllandschaften, Wasserfälle und unzählige Seen. Selbst in Stockholm ist man in wenigen Minuten im Grünen und oft für sich allein. Diese Nähe zur Natur prägt meinen Alltag und mein Wohlbefinden enorm.
Außerdem schätze ich die grundsätzlich entspanntere Art zu leben. Der Alltag fühlt sich hier ruhiger und weniger getrieben an. Menschen nehmen sich bewusst Zeit für Pausen, für Ausgleich, für ein gutes Leben. Für mich ist genau das entscheidend, denn am Ende ist es ja der Alltag, der unser Leben formt.
Was würdest du sagen, macht das gesellschaftliche Miteinander in Schweden aus?
Ich empfinde das gesellschaftliche Miteinander in Schweden als sehr angenehm. Die Menschen mischen sich weniger in das Leben anderer ein – es herrscht ein starkes Gefühl von „Leben und leben lassen“. Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass im Alltag noch viel Common Sense vorhanden ist: Man achtet mehr aufeinander, ist hilfsbereit und es gibt ein starkes Gefühl von Gemeinschaft.
Was ich außerdem als großen Unterschied zu Deutschland empfinde: Es gibt hier weniger ausgeprägtes Klassendenken. Die Gesellschaft wirkt insgesamt weniger hierarchisch. Menschen begegnen sich auf Augenhöhe, unabhängig von Beruf, Status oder Hintergrund. Das nimmt unglaublich viel Druck heraus und schafft eine Atmosphäre, in der man sich schnell sehr frei und akzeptiert fühlt.
Wie hat sich dein Verhältnis zur Natur durch das Leben in Schweden verändert?
Ich war schon immer ein Mensch, der gerne draußen ist. Auch als ich noch in Berlin gelebt habe, habe ich jede freie Minute genutzt, um aus der Stadt rauszukommen und irgendwo ins Grüne zu fahren. Seit ich in Schweden lebe, hat sich meine Naturverbundenheit noch einmal deutlich verstärkt.
Hier findet so viel mehr Leben draußen statt – das berühmte friluftsliv. Selbst in der dunklen und kalten Jahreszeit sind die Menschen viel in der Natur. Diese Selbstverständlichkeit, die Natur in den Alltag zu integrieren, hat mich in den letzten Jahren sehr geprägt.
Gleichzeitig hat sich auch mein Bewusstsein für Nachhaltigkeit verändert. Wenn man so nah und regelmäßig mit der Natur lebt, denkt man automatisch mehr darüber nach, wie man sie schützen kann – sei es beim Konsum, beim Reisen oder im Alltag. Dieses achtsame, respektvolle Verhältnis zur Umwelt gehört für mich inzwischen ganz selbstverständlich dazu.
Gibt es Dinge, die du in Schweden als besonders fortschrittlich – oder rückständig – empfindest?
Ich muss sagen: In den letzten Jahren habe ich vor allem fortschrittliche Dinge erlebt. Schweden ist ein extrem digitales Land – wahrscheinlich eines der digitalsten Länder Europas. Das merkt man im Alltag an jeder Ecke.
Was viele vielleicht als Erstes überrascht, ist, wie transparent das Leben hier ist. Ich würde Schweden als ein Land des „gläsernen Bürgers“ beschreiben. Man kann online einsehen, wo jemand wohnt, wie alt die Person ist, ob sie mit jemandem zusammenlebt, wie viel das Haus oder die Wohnung wert ist oder ob jemand ein Auto besitzt. Man kann sogar Gehälter abfragen. Als Deutsche fand ich das anfangs sehr befremdlich – es wirkt ungewohnt offen und ein wenig gruselig. Gleichzeitig habe ich aber nie erlebt, dass diese Informationen missbraucht werden. Im Alltag spielt das kaum eine Rolle, und die meisten Menschen nutzen diese Einblicke überhaupt nicht.
Was ich daran aber wirklich positiv finde: Der hohe Digitalisierungsgrad macht das Leben unglaublich unkompliziert. Die Personennummer wird hier zum Schlüssel für alles – und in Kombination mit der Bank-ID, einer digitalen Identifizierung, kann man praktisch jede Behördensache online erledigen. Daten werden automatisch vorausgefüllt, Formulare dauern Sekunden, nicht Stunden. Rezepte sind digital, das gesamte Gesundheitsjournal ist online einsehbar, inklusive aller Befunde und Laborwerte. Als Patientin finde ich es super, wirklich transparent nachvollziehen zu können, was medizinisch passiert.
Auch alltägliche Dinge laufen komplett digital und mühelos ab. Ein Auto zu kaufen fühlt sich eher an wie Shopping: Man bezahlt, gibt seine Personennummer an, und alles wird im Hintergrund geregelt. Nummernschilder sind fahrzeuggebunden – man fährt einfach los. Dazu kommt Swish, eine Bezahl-App, die in Sekunden Geld verschickt. Jeder nutzt sie, und es macht den Alltag unglaublich einfach, ob beim Teilen einer Restaurantrechnung oder beim Flohmarktkauf.
Für mich sind das alles Beispiele dafür, wie modern und pragmatisch Schweden in vielen Bereichen ist. Rückständig empfinde ich persönlich wenig – höchstens, dass manche Dinge gleichzeitig extrem digital und dennoch überraschend langsam organisiert sein können, etwa im Gesundheitswesen. Aber insgesamt überwiegt für mich ganz klar der Eindruck eines Landes, das mutig neue Wege geht und den Alltag für seine Bürger so einfach wie möglich gestalten möchte.
Welche praktischen Tipps würdest du anderen geben, die nach Schweden ziehen wollen?
1. Lernt die Sprache – wenigstens die Basics.
Auch wenn man in schwedischen Großstädten mit Englisch gut klarkommt, finde ich es wichtig, schon vor dem Umzug die Sprache zu lernen – das ist ein Zeichen von Respekt. Für mich waren Sprachkurse, Apps, schwedisches Radio und schwedische Serien und Filme eine große Hilfe. Ich habe vor dem Umzug einen VHS-Kurs gemacht und war ungefähr auf A2-Niveau, sodass ich mich im Alltag zurechtfinden konnte.
2. Informiert euch über die Kultur und Erfahrungen anderer.
Ich habe vor meinem Umzug viele Bücher von Auswanderern gelesen – das hat mir geholfen, besser zu verstehen, wie Schweden ticken und was mich erwartet. Auch Blogs, YouTube und Instagram-Accounts, die das Leben in Schweden zeigen, können extrem wertvolle Einblicke geben. Man bekommt ein Gefühl für Alltag, Mentalität, Bürokratie und Lebensstil.
3. Legt, wenn möglich, finanzielle Rücklagen an.
Ich selbst bin direkt nach dem Studium ausgewandert und hatte fast keine Rücklagen – das war machbar, aber definitiv nicht ideal. Ein finanzielles Polster gibt Sicherheit und sorgt dafür, dass man im neuen Land nicht direkt unter Druck gerät.
4. Nicht sofort ein Haus kaufen.
Viele träumen davon, sich direkt ein Häuschen im Grünen zu kaufen – was vollkommen verständlich ist. Aber ich persönlich würde das erst tun, wenn man das Land wirklich kennt. Am Anfang würde ich empfehlen, in eine Stadt zu ziehen oder zumindest dorthin, wo man leichter Leute kennenlernt, die Sprache praktiziert und beruflich Fuß fassen kann. Wenn man sich direkt irgendwo sehr ländlich niederlässt, kann es schwieriger werden, Anschluss zu finden und sich zu integrieren.
5. Recherchiert gründlich, bevor ihr euch langfristig bindet.
Wenn man später doch ein Haus kaufen möchte, lohnt es sich, vorher viel Zeit in Recherche zu stecken: Wie ist die Infrastruktur? Gibt es Schulen, Ärzte, Einkaufsmöglichkeiten? Wie sieht der öffentliche Verkehr aus? Wie sind die Winter dort? Schweden ist riesig, und Regionen unterscheiden sich stark.
6. Und vielleicht am wichtigsten: Geduld mitbringen.
Integration, Sprache, Arbeit, Freundschaften – all das braucht Zeit. Wenn man mit realistischen Erwartungen kommt und Schritt für Schritt geht, fühlt sich vieles leichter an.