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Magische Begegnung

NORR-Leserin Marie Pieper kündigt ihren Job, baut ihr Auto um und begibt sich allein auf einen Roadtrip zwischen Fjorden, Polarlichtern und Rentieren in Norwegen und Schweden.

Das Kribbeln, das Gefühl von Freiheit – und die Sehnsucht, wenn ich an diese Weite denke: an das Fjäll mit seinen Gletschern, den Wind und die Rentiere. All das wird immer lauter in mir. Ich arbeite als Physiotherapeutin – doch ich muss es einfach tun. Ich muss los in den Norden. Ich kündige und baue meinen Fiat 500 so um, dass ich darin schlafen kann. Einen genauen Plan habe ich nicht. Und auch keinen für danach.

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Da ich Mitte September auf meinen Roadtrip durch Skandinavien starte, liegen Schneeketten unter dem Beifahrersitz. Ich habe einen Klappspaten, eine perfekt ausgestattete Campingküche, Outdoorkleidung, Schneestiefel, eine Yogamatte, einen Wäscheständer, ein Heckzelt, Lichterketten und jede Menge Decken und Felle dabei. Mit der Fähre komme ich morgens in Bergen an und erledige meine letzten Besorgungen. Langsam mischt sich Vorfreude mit einem mulmigen Gefühl. Ich weiß, dass am Ende des Tages mein 60 × 165 cm langes Bett im Auto auf mich wartet. Doch es regnet ununterbrochen, nichts trocknet. Ich bin erschöpft, will nur in ein trockenes Zuhause. Enttäuschung steigt in mir auf – und gleichzeitig das Gefühl, dass hier noch mehr auf mich wartet. Ich miete mir eine Hütte und werde von den herzlichsten Norwegern mit warmem Kakao empfangen. Dann schmiede ich einen Plan: In trockenen Nächten, wenn es wärmer als acht Grad ist, werde ich im Auto schlafen, sonst in Hütten.

Durch Norwegens Idylle

Von Bergen aus geht es durch die Apfelplantagen am Hardangerfjord und weiter über Flåm zum Aurlandsfjord. Ich passiere Wasserfälle, Volksmuseen und Bauernhöfe. Bei Marianne Bakeri & Kafé mache ich Halt und esse Zimtschnecken. Dann fahre ich über den Gamle Aurlandsvegen durch schneebedeckte Berglandschaften. Nur wenige kommen hier herauf. Ich strahle über das ganze Gesicht, erfüllt von Respekt und Ehrfurcht vor dieser gigantischen Natur.

Weiter geht es Richtung Sognefjord, wo ich zwischen Ziegen und Schafen durch die Berge wandere. Reife Blaubeeren und Preiselbeeren säumen meinen Weg. Ich beschließe weiter zur Küste zu fahren und passiere alte, teils verlassene Bergbauernhöfe. Weiter nördlich erreiche ich den Hjørundfjord. Auch hier steht ein uralter Hof, der durch Kunst und lokale Spezialitäten wieder zum Leben erweckt wurde. Ich bleibe – und gehe abends mit den Bewohnern angeln, um frische Makrelen zu essen.

Der erste Frost kommt. Ich fahre durch den Nationalpark Skarvan og Roltdalen und sehe in der Ferne Rentiere. Im Wald höre ich Elche brummen. Ich habe Tränen in den Augen, stehe in dieser kargen Landschaft und bin einfach nur glücklich. Später erreiche ich Røros. Die Sonne scheint. Ich lasse die Stadt auf mich wirken, kaufe mir eine Zimtschnecke, schlendere durch die Läden und fasse den Mut, im Café zum ersten Mal Norwegisch zu sprechen. Ich kann es nicht fließend, aber es macht stolz, sich zu trauen.

Am Abend gibt es eine Chance auf Polarlichter. Ich habe eine gemütliche Hütte etwas außerhalb der Stadt gemietet und warte auf die Dunkelheit. Für genau dreißig Sekunden, zwischen den Wolken, tanzt grünes Licht über den Himmel. Ich bekomme Gänsehaut – es liegt Magie in der Luft.

Nach Schweden und zurück

Von Røros aus fahre ich über die Grenze nach Schweden. Es fühlt sich anders an – wie ein Ankommen. Ich halte an einem Supermarkt und kaufe Pfefferkuchen. Das Fjäll mit den herbstfarbenen Bäumen und den unzähligen Seen ist atemberaubend. In Idrefjäll miete ich eine Hütte mit Sauna. Ich hatte gelesen, dass es dort normal sei, dass Rentiere zum Frühstück auf der Terrasse vorbeischauen – vergeblich. Ich will sie sehen, aus der Nähe. Also fahre ich weiter ins Fjäll, Richtung Städjan. Eiskalter Wind, schroffe Landschaft, Moos und Flechten – und am Horizont erscheinen sie: erst zwei, dann zehn, schließlich eine ganze Herde. Was für ein Augenblick. Kaum Menschen, nur die Rentiere und ich.

Ich fahre weiter Richtung Sälen, in eine der bärenreichsten Regionen Schwedens. Das Gefühl, nachts allein in einer Waldhütte zu schlafen, umgeben von Bären, ist spannend und herausfordernd zugleich. Aber ich habe selten so einen klaren Sternenhimmel gesehen und so reine Luft geatmet.

Auf dem Weg zur Fähre nach Göteborg, mit der ich nach Deutschland übersetzen werde, halte ich an vielen Seen und beobachte, wie sich die Natur verändert. Ich verbringe noch ein paar Tage im Schärengarten. Es fühlt sich fast wie nach Hause kommen an. Ich habe das Stricken wieder für mich entdeckt und trage die Jacke, die in dieser Zeit entstanden ist, bis heute. Sie erinnert mich an diese Reise.

Ich liebe es, allein zu reisen. Nicht, weil ich Einzelgängerin bin. Ich schätze eine liebevolle Gemeinschaft sehr und verreise gern mit anderen, aber alleine zu reisen verändert einen. Man lernt sich neu kennen, entwickelt Vertrauen in sich, trainiert die Intuition – auf einem Level, das man im Alltag kaum braucht. Man spürt, was einem guttut – und was nicht. Man passt auf sich auf, öffnet sich aber auch leichter für andere Menschen. Zurück in Deutschland, fühlt sich vieles seltsam an. Etwas fehlt. Der Trip war eine Erfahrung, die ich nie missen möchte.

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