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Natur des Nordens

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Geocaching in Finnland: Auf Schatzsuche in der Wildnis

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Das Outdoor-Hobby Geocaching erfreut sich immer größerer Beliebtheit. In Finnland liegen bereits tausende sogenannte Geocaches an den ungewöhnlichsten Orten versteckt.

„N 60° 26.785 E 022° 17.535 morgen, zwei Uhr“. Diese überaus präzise, aber zweifelsohne etwas kryptische Anweisung habe ich am Vorabend erhalten. Die Koordinaten führen mich auf den Parkplatz vor der Sporthalle im Turkuer Stadtteil Kupitta. Hier beginnt heute ein in der Geocaching-Szene bekanntes, sogenanntes Mega-Event, ein internationales Treffen von Geocachern. Ich werde mit dem Auto von Kimppi Keiju und Maikkif abgeholt. Moment Mal – hier geht es nicht weiter, ein Zaun versperrt den Weg. Und dort? Nein, zu viele dornige Büsche. Diese, etwas nach japanischem Kampfsport klingenden Namen meiner beiden Geocaching-Guides sind ihre sogenannten Nicknames. Eigentlich heißen die beiden Kimmo Rantala und Tage Fransman. Gut zu wissen. Ich steige ein und los geht es. Die GPS-Geräte von Kimmo und Tage blinken gleichzeitig auf. Auf den ersten Blick sehen sie nach ganz gewöhnlichen GPS-Handgeräten aus, mit farbigen Karten, auf denen ein Pfeil in Form eines Autos die Richtung weist. Aber neben den gewöhnlichen Kartensymbolen finden sich auf dem Display noch andere, seltsame Zeichen.

Ob das wohl Blitzwarner sind, frage ich. „Nein. Das sind die im Gelände versteckten Geocaches. Wenn die Dose auf der Karte offen ist, heißt dass, ich habe den Cache schon gefunden, wenn sie zu ist, habe ich ihn noch nicht gefunden“, erklärt Kimmo. Ähnlich wie bei einer Schnitzeljagd geht es beim Geocaching darum versteckte Objekte – genannt Geocaches – zu finden. Diese können im Wald, in der Stadt oder im Prinzip überall versteckt worden sein. Die meisten Caches, wie sie in der Szene genannt werden, sind wasserdichte Plastikbehälter wie zum Beispiel handelsübliche Frischhaltedosen. Darin befindet sich ein Logbuch, in das sich der Finder einträgt. Die Koordinaten der Dose und eine genauere Beschreibung werden auf einer Internetseite veröffentlicht.

AUF JAGD NACH GEOCACHES

Am Fähranleger von Finnlands einziger kommunaler Flussfähre schließen sich uns auch die Frauen von Kimmo und Tage, Satu Pohjankukka und Maritta Fransman, sowie das jüngste Mitglied des Teams, Mikko Isomoisio, an. Auch Satu und Maritta benutzen die Nicknames ihrer Männer. „Hinter einem Nickname können sich mehrere Personen verbergen. Hinter Kimppi Keiju stecken Kimmo und ich“, erläutert Satu. „Wir kennen oft nur die Nicknames der anderen Geocacher. Heute habe ich zum Beispiel Dukes richtigen Namen erfahren. Er heißt Mikko.“ Kompliziert. Es hagelt neue Wörter, mit denen wir uns besser später schön der Reihe nach befassen. Auf dem Plan steht jetzt der erste Programmpunkt des Mega-Events, die Stadtrallye „Amazing Race“. Dahinter verbirgt sich ein Geocaching-Wettbewerb innerhalb der Stadt, bei dem die Schätze in ganz Turku versteckt sind.

Wir sind an der ersten Station angelangt: das Naturkundemuseum von Turku. Und nun? Plötzlich wird mir ein GPS-Gerät in die Hand gedrückt, das mir meine Begleiter schon fertig eingestellt haben. Auf dem Display sehe ich einen roten Pfeil, der den Standort des Geocaches markiert. In der oberen Ecke wird die Entfernung zum Cache Ich nehme das Gerät und gehe los. Moment mal – hier geht es nicht weiter, ein Zaun versperrt den Weg. angezeigt: 73 Meter in diese Richtung. Ganz einfach also. „Du wirst schon sehen“, sagen Tage und Kimmo fast gleichzeitig mit einem etwas geheimnisvollen Unterton in meine Richtung. Ich nehme das Gerät und gehe los. Moment Mal – hier geht es nicht weiter, ein Zaun versperrt den Weg. Und dort? Nein, zu viele dornige Büsche. Etwas später finde ich einen Umweg. Nur noch neun Meter, sagt das GPS. Doch hier gibt es nichts weiter als Bäume und Unterholz. Ich muss wohl auf allen Vieren weitersuchen. Nach einer kurzen Krabbeleinlage durch das Gebüsch finde ich endlich meinen ersten Cache. Ich grinse wie ein Honigkuchenpferd. In mir macht sich ein wohliges Gefühl breit.

Das Geocaching ist eine verhältnismäßig junge Disziplin. Als offizieller Beginn dieser Outdoor-Aktivität gilt der 1. Mai 2000. An dem Tag schaltete die US-Regierung die künstlich erzeugte Signalverfälschung des GPS-Satellitennavigationssystems ab, das ursprünglich für militärische Zwecke bestimmt war. Nur fünf Tage später wurde der erste Geocache in der Stadt Portland im Nordwesten der USA versteckt. Dieser erste Cache war der Beginn einer riesigen Welle, die nach und nach über den gesamten Globus schwappte. Weltweit sind heute bereits über 1,5 Millionen Geocaches versteckt. In Finnland gibt es tausende Geocacher, Tendenz steigend.

EINE NEUE LEIDENSCHAFT

„Wir sind schon seit sechs Jahren dabei. Meine Frau bekam von unseren Kindern ein GPS-Gerät zum Geburtstag und ging alleine los, um ihren ersten Cache zu finden“, erzählt Tage. „Anfangs hielt ich nicht viel von diesem Hobby. Trotzdem ging ich eines Tages mit, um es mal selbst auszuprobieren – und war sofort begeistert.“  Das Gleiche gilt für Kimmo. Er begab sich mit einer aus dem Internet ausgedruckten Karte in den Wald, um seinen ersten Schatz zu suchen. „Bis zu den Knien watete ich durch den Schneematsch und fand schließlich meinen ersten Cache. Gleich am nächsten Tag kaufte ich mir ein GPS-Gerät.“

Den ganzen Tag streifen wir durch Turku und suchen an den sonderbarsten Orten nach versteckten Geocaches. Einer befindet sich auf dem Schiff „Suomen Joutsen“ im Hafen, Letzte Woche waren wir mit Schwimmbrille und Schnorchel unterwegs, um nach einem Cache zu suchen.ein anderer auf einem Abenteuerpfad und der dritte im Stadtpark. Die letzte Station ist die schon erwähnte Sporthalle von Kupitta. Dort wird das ganze Wochenende ein vielfältiges Programm für Geocaching-Enthusiasten veranstaltet –  mit Workshops, Lesungen und Wettbewerben. Auf der ganzen Welt finden regelmäßig internationale Geocaching-Events wie dieses statt. Die Teilnehmer des Turkuer Events kommen u.a. aus Australien, Hawaii oder Japan. Auch Jeremy Irish, Gründer der Internetseite Geocaching.com, ist anlässlich des Treffens nach Turku gekommen. Seine Homepage ist eine der wichtigsten Anlaufstellen im Netz. Dort finden Geocacher genaue Informationen zu Verstecken auf der ganzen Welt. „Ich hatte ja keine Ahnung, dass mich das Geocaching eines Tages nach Finnland führen würde. Anfangs war es nur ein Hobby, heute beschäftigt Geocaching.com über 70 Mitarbeiter in den USA“, erklärt Jeremy mir.

Besonders beliebt ist Geocaching in Deutschland und Tschechien. In Deutschland ist es sogar schon populärer als in den USA. Das Aufspüren neuer Caches gleicht einem Wettbewerb. Wer ihn zuerst findet, hat gewonnen. Doch auch die Anzahl gefundener Schätze ist für den Status wichtig. Jeder Cache wird mit einem eigenen Schwierigkeitsgrad bewertet. Um ein Versteck mit der höchsten Stufe zu finden, sind meist diverse Hilfsmittel wie zum Beispiel ein Boot, eine Kletterausrüstung oder Tauchequipment nötig. „Letzte Woche waren wir mit Schwimmbrille und Schnorchel unterwegs, um nach einem Cache zu suchen“, berichtet Kimmo. Doch nicht immer ist die Suche von Erfolg gekrönt. Maritta erzählt, wie sie die Suche nach einem in einer engen Höhle versteckten Cache abbrechen musste, weil sie Panik bekam.

AUF KLETTERPARTIE

N 60° 27.412 E 022° 22.560. Diese Koordinaten erhielt ich für unser nächstes Treffen. Der erste Cache ist in einem Baum versteckt. Das könnte schwierig werden. Der Behälter kann so gut versteckt sein, dass auch geübte Geocacher ihn nicht finden, obwohl man laut GPS am richtigen Ort ist. Mit zwei Leitern und einem Seil machen wir uns an die Arbeit. Tage klettert zuerst herauf. Er findet die Dose, bekommt sie aber nicht zu fassen. Mikko neben mir schmunzelt. Er hat auch allen Grund dazu, denn schließlich war es, der den Cache dort versteckt hat. Als nächstes bin ich dran. Die Leitern schwanken. Bloß nicht runterschauen. Dieser Baum ist wirklich hoch! Da – ich sehe die Dose. Doch auch ich bekomme sie nicht zu fassen. Meine Hände zittern. Ich muss einen Moment tief durchatmen. Kimmo bindet sein Multifunktionswerkzeug an unsere Schnur, damit ich es hochziehen kann. Damit ziehe ich den Schatz schließlich aus dem Versteck heraus. Mit meiner umkämpften „Trophäe“ in der Hand klettere ich die Leiter hinunter. Wir haben es geschafft! In der kleinen Dose befindet sich ein Logbuch. Doch dort muss sich erst mal jemand anders verewigen. Meine Hände zittern immer noch.

VOLLER KÖRPEREINSATZ

Der zweite Cache befindet sich in einer Höhle, ein paar Kilometer entfernt. Zu Beginn müssen wir an einem felsigen Hang entlang klettern, um zum Eingang der Höhle zu gelangen. Maritta klärt uns darüber auf, dass wir uns genau in der Höhle befinden, in der sie vor einiger Zeit in Panik ausgebrochen war. Sehr aufbauend. Ich werde einen Blick ins Innere. Noch kann ich aufrecht stehen. Aber dann wird die Höhle immer enger. Und enger. Platzangst sollte man hier besser nicht haben. Doch nach ein paar weiteren Anstrengungen ist der Cache unserer. Ich verspüre wieder dieses wohlige Gefühl.

Nicht alle Caches erfordern so viel Einsatz. In Finnland liegen mittlerweile über zwanzigtausend Geocaches versteckt, aber nur die wenigsten sind mit extremen Kraftanstrengungen verbunden. Viel entscheidender für die Spannung ist nämlich, wie originell der Cache versteckt worden ist. Immerhin rennen mittlerweile tausenden Finnen regelmäßig mit ihren Navigationsgeräten im Wald herum, um nach versteckten Plastikdosen zu suchen. „Die ganze Welt ist voller Sachen, und es ist wirklich nötig, dass jemand sie findet. Und das gerade, das tun die Sachensucher“, sagte Pippi Langstrumpf einst zu ihren Freunden Thomas und Annika. Die Freude am Suchen und auch der Aufenthalt im Freien sind sicher wichtige Gründe für die Beliebtheit dieser modernen Variante des „Sachensuchens“. Viele Geocaches befinden sich tief im Wald oder auch an Wanderwegen. Auch mich erinnert das Geocaching an meine Kindheit. Damals rannten wir mit selbstgemalten und nur schwer zu deutenden Karten durch den Wald, um als erste vergessene Piratenschätze zu heben.

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