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Gegenwind in Rondane

Eine herbstliche Wanderung in Rondane war der große Wunsch von NORR-Leser Christian Rathman. Mit dem Zelt natürlich. Doch das Wetter macht ihm einen Strich durch die Rechnung.

Die Nacht war kalt in meinem Camper. Aber Sonne und blauer Himmel haben mich voller Euphorie starten lassen. Den Trekkingrucksack mit der Zeltausrüstung spüre ich kaum als Last. Ich will eine Wunsch-Idee verwirklichen: eine herbstliche Zelttour im Rondanegebirge.

HERBST IM FJÄLL

Für die Laubfärbung, die ich mir erhofft hatte, ist es noch ein bisschen früh. Aber die niedrigen Gewächse zeigen schon allerhand herbstlich bunte Farben: orange und gelb die Zwergbirken, purpurrot die Blätter vom Blaubeerkraut. Oft bleibe ich stehen, um zu schauen und zu staunen. Stunden genussvollen Fjellwanderns liegen jetzt vor mir – und wechselndes Wetter. Warme Sonne, weißgraue Wolken, heftiges Schneegraupeln und fegender Wind begleiten mich in rascher Folge vom Kvannsladalen über die Doralsflyi hinab ins Doraldalen.

EINE LANGE NACHT

Schließlich, am späten Nachmittag, stelle ich hinter einem  schützenden Hügel mein Zelt auf. Der herbstlich kalte Wind beeinträchtigt die Gemütlichkeit aber leider ein wenig. Er lässt mich Schutz suchen im Zeltinneren, treibt mich in den wärmenden Schlafsack. Der Wind heult ums Zelt, fährt unter die Nylonhülle.Er stört beim Kochen und lässt mich auch beim Essen frösteln. Nicht
einmal die geliebte Nachspeise – Haselnusscreme – will schmecken. Ich krieche so schnell wie möglich wieder in den Schlafsack, um ein klein wenig das Gefühl von Wärme, Schutz und Geborgenheit zu spüren. Der Wind heult ums Zelt, fährt unter die Nylonhülle. Das laute Flattern stört den Schlaf. Die Nacht wird lang.

HÜTTE STATT ZELT

Als der Morgen graut, weckt mich ein prasselndes Geräusch. Meine Befürchtungen werden bestätigt: Schneegraupeln! Eine dünne Eisschicht bildet sich auf dem bereitgestellten Kaffeewasser. Die wohlige Schlafsackwärme der Nacht entweicht unaufhaltsam aus dem Körper. Blaugrüne Seen mit weißen Sandstrand-buchten locken mit traumhaften Zeltplätzen.Als ich aufbreche, habe ich mich entschieden: Hütte statt Zelt! Ich ändere meinen Plan, wähle die Route nach Rondvassbu. Nachmittags, als ich auf dem steilen Anstieg zum Rondhalsen unterwegs bin und mich umschaue, leuchten die weiten Flächen des Fjells herbstbunt in der warmen Sonne, blaugrüne Seen mit weißen Sandstrandbuchten locken mit traumhaften Zeltplätzen. Aber oben, am Passübergang, mahnt kalter und dichter, grauer Nebel zur Vernunft. Als ich abends in einer gemütlich warmen Stube in Rondvassbu sitze, bin ich mit meiner Entscheidung zufrieden.

Draußen auf dem See jagt der Wind Wellen über das bleigraue Wasser und peitscht den Regen gegen die Fenster. Ich fühle mich geborgen. Das Zelt – es muss warten bis zum nächsten Sommer. ▲

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