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Natur des Nordens

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Holz, Leder & Knoblauch: Die Trapper von Vistasvaggi

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Wie zwei Trapper aus dem 19. Jahrhundert waren unser Autor Nicklas Blom und der Guide Pancho Snöfall im Vistasvaggi-Tal unterwegs. Ohne Hightech-Ausrüstung. Alles, was sie bei sich hatten, bestand aus Naturmaterialien, vom Kanu bis zum Mücken schutz.

1. MEINE PADDELSCHLÄGE HINTERLASSEN KLEINE WIRBEL im klaren Fjällwasser. Es ist ein befreiendes Gefühl, der Zivilisation den Rücken zu kehren und das Kanu in die unberührte Wildnis zu steuern. Die Neugier darauf, wie es hinter der nächsten Landzunge aussehen mag, hält unser Tempo konstant. Hinter mir sitzt Pancho Snöfall, ja, er heißt wirklich so. Pancho Snöfall. Er hat zwei Leidenschaften, das Skifahren und den Wilden Westen. Beides hat sein Denken und sein Leben tief geprägt. Er näht fast all seine Kleidungsstücke selbst aus Naturmaterialien, weil er sich möglichst nur mit authentischen, unverfälschten Dingen umgeben will. Das einzige Laster, zu dem er sich bekennt, ist seine Vorliebe für den Geruch von Schwarzpulver. Pancho ist so sehr Cowboy, wie man es im heutigen Schweden nur sein kann. Über natürliche Materialien und ihre Schönheit werde ich noch einiges von ihm lernen. Wir haben ein hölzernes Kanu dabei, Rentierfelle als Schlafdecken, ein großes, mit Öl imprägniertes Stück Segeltuch als Wind- und Regenschutz und einen gusseisernen Topf zum Kochen auf off enem Feuer. Wir planen eine mehrtägige Paddeltour im Vistasvaggi, dem vierzig Kilometer langen Tal östlich des Kebnekaise, und wir wollen mit einer klassischen Ausrüstung aus Naturstoff en durchkommen. Spezialkleidung aus verschiedenen Chemiefasern, eine Miniküche, ein grellfarbiges Leichtzelt und alle synthetischen Materialien sind selbstverständlich mit einem Bannfl uch belegt.

2. NACH EINIGEN PADDELSTUNDEN ist es Zeit für das erste Nachtlager. Das Segeltuch wird als Windschutz zwischen Bergbirken aufgespannt. Schon brodelt unsere erste Abendmahlzeit, Bohnen mit Speck, über off enem Feuer. Der solide gusseiserne Topf besitzt eindeutige Vorteile gegenüber einem kleinen Campingkocher. Auch wenn die Vorstellung, das schwere Ding auf einer längeren Wanderung mitzuschleppen, zunächst abschreckend wirkte. Unsere Vorräte bestehen im Wesentlichen aus Kartoff eln, Mohrrüben, Bohnen, Zwiebeln, Knoblauch (gegen die Mücken) und einem ordentlichen Stück Speck. Zum Frühstück stehen Getreideflocken, selbstgekochter Kaffee und Ahornsirup auf dem Speiseplan. Als wir auf unseren Rentierfellen neben der knisternden Glut liegen, satt und zufrieden, stellt sich auch bei mir das Gefühl von Echtheit und Ursprünglichkeit ein. Ich würde dieses handfeste Abendessen am off enen Feuer, in Flanellhemd und Ölzeughosen, nicht mehr eintauschen gegen gefriergetrocknetes Curryhuhn und federleichte Funktionsbekleidung. Ich lege noch ein letztes Mal Holz nach, bevor ich einschlafe. Aus Panchos Schlafsack kommen Geräusche, mit denen das deftige Bohnengericht sich in Erinnerung bringt, in schöner Harmonie mit dem Ruf der Schneehühner.

3. ALS ICH AUFWACHE, steht die Sonne schon hoch am Himmel, obwohl es noch früh am Morgen ist. »Wie man sich bettet, so liegt man«, brummt Pancho, der schlecht geschlafen hat, weil sein Rentierfell auf einer Baumwurzel lag. Wir machen Feuer, um Frühstücksbrei und Kaff ee zu kochen. Jetzt wäre ein kleiner Campingkocher doch ganz Wir hatten gehört, dass Vistasvaggi eines der schönsten Täler Schwedens sei.praktisch. Aber wir haben uns ja entschieden, auf all das neumodische Zeug zu verzichten. Beim Kaffeetrinken studieren wir die Karte und einigen uns auf eine angemessene Tagesetappe. Ein Ziel, das wir auf unserer Tour erreichen wollen, ist Lisas Hütte. Lisa Zetterström war eine Krankenschwester aus Skåne, die sich in den dreißiger Jahren in die Fjälle Lapplands verliebte. Im Jahre 1932 konnte Lisa den König von Schweden höchstselbst dazu bewegen, einen Vertrag zu unterschreiben, der ihr das Recht einräumte, dieses kleine Blockhaus zu bauen. Es sollte als Ausgangspunkt für längere Fjällwanderungen dienen. Inzwischen steht die Hütte unter samischer Verwaltung. Es mag sich übertrieben anhören, dass man die Karte studiert, wenn man in ein Tal hineinpaddelt. Aber mehr als einmal sind uns Navigationsfehler unterlaufen, trotz unseres Mottos »immer gegen den Strom paddeln«. Denn dies hier ist ein wahres Labyrinth aus urzeitlichen Bachbetten und Seen. Die Idee, eine altbewährte Ausrüstung zu testen, stammt aus den naturromantischen Abenteuerbüchern, die wir im Laufe der Jahre gelesen haben und die von schwedischen Goldgräbern und Pelzjägern um die Jahrhundertwende handelten. Der Schriftsteller Hans G. Westerlund schreibt auf Seite 171 seines Buches »Meine Hunde in Lappland«: »Nachdem ich viele Jahre mit verschiedenen Ausrüstungen für die Wildnis experimentiert hatte und dabei mehr und mehr zu der Einsicht gekommen war, dass das, was die Naturvölker benutzen, in den meisten Fällen viel besser ist als alles, was man in den Schaufenstern der Sportgeschäfte sieht, war ich sehr neugierig auf die Pelze der Eskimos.« Wir hatten gehört, dass Vistasvaggi eines der schönsten Täler Schwedens sei, und so sollte es für unsere Tour im klassischen Geist die Arena bilden.

4. PANCHO HAT SEIN HÜBSCHES HOLZKANU »Let‘s go« getauft – ein passender Name, finde ich, als wir unter einem klarblauen Himmel, von Bergen umringt, in unerforschte Gegenden aufbrechen. Die »Let‘s go« ist ein echtes Trapperkanu, von Indianern in Kanada gebaut. Die Kanu wiegt knapp 25 Kilo, und wenn die Ruder im Joch befestigt sind, kann sogar ein einzelner Mensch das Boot an Land leicht transportieren. Das glucksende Geräusch, das beim Paddeln entsteht, klingt für uns so, als würde selbst das Kanu die Fahrt genießen. Es ist so warm, dass wir beim Paddeln nur noch unsere Hüte aufhaben. Der Hut ist hier nicht nur ein stilechtes Accessoire, sondern ein guter Schutz gegen alles Mögliche, von Sturm und Regen bis zur heißen Augustsonne, wie heute. Die Gegenströmung wird stärker, und wir können froh sein, dass wir das nicht so genau sehen wie der Königsadler, der hoch über uns schwebt. Während die Strömung immer mehr zunimmt, verändert sich die Beschaff enheit des Grundes: Wo eben noch Sand war, sind jetzt faustgroße Steine. Das stiftet Unruhe bei der Besatzung, denn mit einem Holzkanu heißt es aufpassen. Flüchtig denke ich, dass ein Aluminiumboot doch keine schlechte Sache wäre. Aber es scheint mir unnötig, dem stolzen Kapitän der »Let‘s go« meine Gedanken mitzuteilen. Denn wir kommen ja trotz allem gut voran. Bald haben wir Gelegenheit, uns in der Technik des Ziehens zu üben. Sie besteht darin, dass man ein langes Tau (natürlich aus geteertem Hanf) am Bug und am Heck befestigt, das Kanu mit dem Tau flußaufwärts zieht, während man an Land mitwandert und die Strömung mit dem Boot spielt.

5. DER GEGENSTROM WIRD IMMER HEFTIGER und siegt schließlich über unseren Eigensinn. Wir gehen an Land und tragen das Gepäck über eine große Halbinsel, die voller Gestrüpp und vor allem voller Mücken ist. Jetzt finde ich es gar nicht mehr so lustig, sich nur mit Na- turmaterialien zu umgeben und dafür schwerer zu schleppen. Meine widerstreitenden Gedanken kommen zu dem Ergebnis, dass das mit der Natürlichkeit zwar seinen Reiz hat, aber auch Muskeln erfordert. Schwer bepackt und mit nacktem Oberkörper, über den der Schweiß rinnt, bin ich eine richtige Festtafel für die Mücken. Die Viecher sind die Hölle, und mitten in dieser Hölle versuche ich, dem Wildpfad zu folgen, der uns zu ruhigeren Gewässern führen soll. Ich trotte vorwärts und jammere über die Mücken, bis Pancho mich einholt. Er trägt nur seine hirschlederne Hose und das Kanu als Kopfbedeckung, und er hält mir eine kleine Büchse Teer hin, mit den Worten: »Wirkt Wunder gegen die Teufelsbrut.« Und zu meiner großen Erleichterung hilft es wirklich. An den Stellen, wo ich mich eingeschmiert habe, bin ich nun richtig schön braun, und das Mückengesurr nimmt ab, auch wenn ein paar hartnäckige Einzelkämpfer sich noch festsaugen.

6. NACH MEHR ALS ZWEI STUNDEN Schlepperei und Mückenplage sitzen wir jetzt wieder im Kanu. Je tiefer wir in die Natur eindringen, desto zahlreicher werden die Spuren wilder Tiere. Auf den Sandbänken sehen wir Abdrücke von Elchen, Rentieren, Füchsen, Nerzen und verschiedenen Vogelarten. Panchos wilde Geschichten versetzen mich zu den Goldsuchern in Alaska am Ende des 19. Jahrhunderts. Aber als ich den neongrünen Kunststoff teller von einem Skistock im Wasser entdecke, bin ich rasch wieder in der Gegenwart. Meine Nase saugt lauter verschiedene frische Düfte ein, und als ich mir ein wenig Ruhe gönne, kann ich die Natur, die mich umgibt, betrachten wie einen Film. Aber schon knurrt Pancho hinter mir: »Jetzt könntest du mal ein bisschen anfangen zu paddeln, ich habe Sehnsucht nach Lisa.« »Aye aye, Käpten«, antworte ich etwas gezwungen und führe ein paar kräftige Paddelschläge aus, bis ich ein wohlbekanntes Rauschen höre. Flussaufwärts wartet eine weitere Stromschnelle, die wir passieren müssen. Wir müssen noch viele Male unsere Packlast aus- und einräumen, bevor wir durchgefroren und hungrig auf den Rentierfellen sitzen. Neunzig Prozent des Tages haben wir entweder mit Tragen oder mit Waten verbracht, und unser Gepäck fühlt sich schwerer und schwerer an.

7. WIR ERRICHTEN ERST EINMAL DEN WINDSCHUTZ, bevor wir uns durch den Gestrüppwald auf den Weg machen. Auf einer märchenhaften Lichtung, die aussieht, als stammte sie direkt aus Tolkiens Trilogie »Der Herr der Ringe«, steht das kleine Haus. Der einzige Raum misst zwei mal dreieinhalb Meter. Wer größer als 180 Zentimeter ist, kann drinnen nicht aufrecht stehen. Das Etagenbett ist 170 Zentimeter lang, und Lisa selbst war auf Strümpfen nur knapp 1,60 Meter groß. Die Tür ist unverschlossen, und alles ist im musealen Zustand erhalten. Lisas Habseligkeiten sind zum größten Teil noch an ihrem ursprünglichen Platz. Die abgenutzten Wanderstiefel, die an einem Nagel hängen, verraten, dass diese couragierte Frau in der Fjällwildnis viele Kilometer zurückgelegt hat. Die vorbeikommenden Wanderer haben Lisa und ihrer Hütte den Respekt erwiesen, den beide verdienen. Hier ist die Zeit stehen geblieben, und alles ist unberührt.

8. AUF DEM LANDWEG lässt sich Lisas Hütte nur unter großen Mühen erreichen. Das Haus ist schwer zugänglich, denn der Wanderweg führt auf der anderen Seite der Stromschnelle vorbei, und es gibt keine Brücke. Der einzig gangbare Weg ist der, den wir uns ausgesucht haben, und eigentlich ist es eine Übertreibung, ihn gangbar zu nennen. Das Gästebuch plaudert aus, dass der letzte Besucher im März hier war und dass er sich per Schneescooter durchgemogelt hat.

9. WIR GEHEN SCHWEIGEND ZURÜCK, und meine Gedanken sind bei Lisa. Wer war diese Frau, die auf ihren Wanderungen von Abisko in Nordschweden bis zur norwegischen Atlantikküste im Westen vordrang? Auch sie benutzte eine Ausrüstung, die nur aus natürlichen Stoff en bestand, und kümmerte sich nicht um die neueste Mode für den Bergurlaub, sondern hielt sich an das, was für die Bewegung im Freien und das Wir lassen uns von der Flut langsam in die Zivilisation zurücktragen.Leben in der Natur wirklich wichtig ist. Ich glaube, für manche Leute zählt es mehr, in Umkleidekabinen herumzustehen und in der Stadt gut auszusehen, als die sogenannte Outdoor-Kleidung ihrem Zweck entsprechend zu benutzen. Als ich aus meinen Grübeleien aufschaue, habe ich Augenkontakt mit einem Elch. Der Stier hat vielleicht keine Sarek-Dimensionen, ist aber bedeutend größer als die, die ich sonst kenne. Er wirkt eher neugierig als Furcht einfl ößend, wie er da so in der Dämmerung steht und uns anglotzt, als wolle er Maß nehmen. In diesem Tal bestimme ich, scheint er uns zu sagen. Wir gehen in einem Halbkreis um den König des Tals herum, und nachdem wir abermals einige Strecken gewatet sind, erreichen wir unser Lager. Das Feuer wird angezündet, und dann verbreitet sich im Tal der Duft von Birkenröhrlingen, mit Knoblauch angebraten.

10. ERST WEIT NACH MITTERNACHT KRIECHEN wir in unsere Schlafsäcke. An diesem schätzungsweise vierzehnstündigen Arbeitstag haben wir es geschaff t, unser Lager zwei bis drei Kilometer stromaufwärts zu befördern, was nicht so großartig ist, wenn man nur die Entfernung in Betracht zieht. Und doch stellen wir vor dem Einschlafen fest, dass wir beide mit diesem Tag zufrieden sind. Das letzte, was wir hören, bevor die Müdigkeit uns überwältigt, ist ein Elch, der unbeholfen im Wasser herumplätschert.

11. »AUS DEN FEDERN, es ist schon heller Tag, der Kaff ee ist fertig, und wir haben eine lange Reise vor uns!« Mit diesen Worten und dem Versuch, ein Stück Birkenrinde als Fanfare zu benutzen, weckt mich Pancho am nächsten Morgen. Wir lassen uns von der Flut langsam in die Zivilisation zurücktragen. Nebel hängt über dem Wasser, und der jetzt träge fließende Fluss gibt keinen Laut von sich, nur ein früher Vogel singt sein Lied. Plötzlich sehen wir die Brücke, an der wir vor drei Tagen aufgebrochen sind. Zwei Autos und ein Bus fahren gerade hinüber, auf dem Wasser knattern mehrere Motorboote, und in der Luft dröhnen zwei Hubschrauber, die Wanderer in die Nähe des Kebnekaise bringen. Wir werfen uns einen erstaunten Blick zu und gehen zum letzten Mal auf dieser Reise an Land. Wir sind in den letzten Tagen ohne Kunststoffe und synthetische Materialien wunderbar zurechtgekommen.

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