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Natur des Nordens

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Hundeschlitten-Abenteuer Fjällräven Polar

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Können Menschen, die keinerlei Erfahrung mit Schnee und Kälte haben, mehrere Tage in der arktischen Wildnis unterwegs sein? 

Eine undurchdringliche Wolkendecke liegt über dem Signaldalen, gut sechzig Kilometer südöstlich von Tromsö. Knapp zwanzig Leute haben sich dort versammelt. 330 Kilometer liegen vor ihnen, die sie mit Hilfe von Vierbeinern zurücklegen wollen, die sie gerade erst kennengelernt haben. Der Weg führt über die norwegische Grenze und durch Schwedisch Lappland. Christoph Hetschl schaut sich um. So etwas wie hier
hat er noch nie gesehen. Arktische Landschaft. Weit, flach und weiß. Zu Hause, in der deutschen Kleinstadt Soest, spielt sich sein Leben zwischen Wald und Büro ab. Offenes Gelände gibt es dort nicht. »Mein Waldstück ist nicht groß, trotzdem führen drei Straßen hindurch. Deutschland besteht aus Straßen, die sind überall. Und immer sind da die Geräusche der Zivilisation – Flugzeuge, Autos, Menschen. Sogar im Wald hört man den Autoverkehr noch.« Jetzt hört man nur Gekläff. 180 Schlittenhunde sind versammelt, lärmend, erwartungsfroh und völlig furchtlos. Geschirr und Leinen werden angelegt, die Hundeführer berichten, wie die Tiere heißen und zeigen, wie man sich mit ihnen verständigt.

Schnellkurs im Signaldalen

Christoph Hetschl ist einer von gut tausend Kandidaten, die sich mit einem selbstgedrehten Film um die Teilnahme beim Fjällräven Polar beworben hatten. Ende November 2011 kam die ersehnte Nachricht – dass er und Fabian Best als Repräsentanten für Deutschland dabei sein sollten. Beide waren bis jetzt noch nie im nördlichen Skandinavien, und jetzt sollen sie aus dem Stand über dreihundert Kilometer auf Hundeschlitten zurücklegen. Christoph ist nervös. Er versucht, sich auf die Erklärungen des Hundeführers zu konzentrieren, aber es sind zu viele Eindrücke auf einmal. Die Namen der Hunde vergisst er sofort. Nur nicht stürzen, ist sein einziger Gedanke. Beide Füße auf die Bremsen. Die Willensstärke der Hunde macht sich dadurch bemerkbar, dass sie unruhig am Schlitten ziehen und zerren. Dann rennen sie los.

»Wenn ich mit dem Auto zwischen Büro und Wald unterwegs bin, habe ich hundert PS unter der Motorhaube. Aber wenn ich das Gas wegnehme, lässt die Kraft sofort nach. Die Alaska- Huskys laufen die ganze Zeit mit voller Kraft. Das ist ein großer Unterschied. Das einzige was ich tun kann, ist bremsen. Sonst rennen sie einfach weiter.
Auch wenn es bergauf geht, muss man sie bremsen. Manchmal schauen sie sich um, als ob sie mich fragen wollten, warum ich denn bremse: Wir wollen doch laufen! Wenn ich im Wald nach dem Rechten sehe, sind die Waldarbeiter dort meistens nicht alle gleich stark engagiert. Manche schieben eine ruhige Kugel, manche tun auch mal gar nichts. Aber die Hunde hier sind echte Workaholics.«

Nach ein paar Stunden auf dem Schlitten stürmt es ordentlich, aber Christoph Hetschl fühlt sich besser. Er und die Hunde bekommen allmählich ein Gespür füreinander, er kann das Gleichgewicht besser halten, und das Lenken wird einfacher. Den ganzen Tag geht es bergauf, und als Christoph und sein Begleiter den Lagerplatz erreichen, ist die Sonne längst untergegangen. Es dauert ewig, das Zelt aufzubauen und die Hunde zu versorgen. Als es endlich Zeit ist, sich etwas zu essen zu machen, funktioniert der Kocher nicht. »Warum? Das weiß niemand! Nichts läuft wie geplant, aber genauso muss es sein. Wie das Leben.« Es ist tiefe Nacht, als Christoph Hetschl und sein Begleiter erschöpft in ihre Schlafsäcke kriechen.

Morgen instojaure 

Als Joasia Bukowska und Grzegorz Linda, die beiden polnischen Teilnehmer, nebeneinander aufwachen, ist es schon hell. Sie kennen sich nicht und müssen nun rasch lernen, zusammenzuarbeiten. Mit Joasias früheren Wildnis-Erfahrungen ist das nicht zu vergleichen, denn da war sie immer mit Freunden unterwegs. Die Hunde müssen gefüttert werden, sechs in jedem Gespann. Fleischblöcke werden zerhackt und die Stücke mit kochendem Wasser vermischt. Die Zelte auf dem zugefrorenen See, der Schweden und Norwegen voneinander trennt, müssen abgebaut werden. An sich selbst darf man erst zum Schluss denken. »Einer der Hunde ist ganz wunderbar. Als wir uns zum ersten Mal trafen, hat er seine Pfoten auf meine Arme gelegt, und ich war sofort verliebt. Zu Hause habe ich keine Hunde. Ich fand große Hunde bisher immer beängstigend, aber diese hier sind echt lieb. In der Natur fühle ich mich viel wohler als unter Menschen. Ich bin am liebsten in einer ruhigen und friedlichen Einöde ohne Autos und Straßen. Auf das meiste von dem, was es in der Stadt gibt, kann man eigentlich verzichten. Natürlich braucht man andere Menschen um sich, aber nicht so viele. Wenn ich keine Kinder hätte, würde ich hier leben wollen.«

Weglose Wildnis

Oben auf dem Fjäll ist es ganz flach. Die Landschaft ist weit und offen, und bei klarem
Wetter kann die Sicht meilenweit sein. Joasia Bukowska war schon oft in den Bergen, aber Lappland ist anders als die polnischen Karpaten und die Tatar. »Der Schnee sieht aus wie gefrorene Wellen, und das Gebirge ist wie das offene Meer. Städte können auch schön sein, aber auf eine ganz andere Art. Die Natur ist sozusagen aus sich selbst heraus schön. Es sollen bloß nicht alle in die einsamen Gegenden fahren, die Wildnis soll wild bleiben. Hier will ich keine Menschen sehen.«

Die Hunde, von ihrer Fleischration gut gesättigt, verrichten ihr Geschäft, während sie laufen, und der Schnee, den die Schlittenkufen durchschneiden, ist von meterlangen, rostbraunen Spuren befleckt. Nur selten haben die Hundekarawane und ihr Gefolge einmal Gelegenheit, sich von dem scharfen Geruch zu erholen. Hinter seinem Hundegespann sehnt sich Christoph Hetschl nach Wald und Bächen. Wäre es hügelig, würde sich der Schlitten nach rechts und links neigen und vielleicht sogar auf dem Schnee hüpfen – das müsste ein ganz wunderbares Fahrgefühl sein. Christoph ist ein Waldmensch, er fühlt sich dort am wohlsten – das ganze Jahr über. Zu sehen, wie sich die Vegetation verändert und sich erneuert im Wandel der Jahreszeiten. Er denkt an die Reiher, die vielleicht gerade in diesem Moment auf ihrer langen Reise von Afrika nach Skandinavien sind. Das macht ihn glücklich.

Nacht in Kattuvuoma

Der Himmel ist klar und die Sterne leuchten über der Ebene. »Johan, bekommen wir heute das Nordlicht zu sehen?«, will jemand wissen. »Ja, vielleicht«, sagt Johan Skullman, der Survival-Experte, der die neuen Hundeführer anleitet und ihnen die wichtigsten Regeln für die Wildnis erklärt. Jetzt heißt es warten. Niemand will in den Schlafsack kriechen, aber die Zeit vergeht, und das Nordlicht zeigt sich nicht. Die Leute fangen an, sich zurückzuziehen. Enttäuschung. Kein Lichtzauber am Himmel. Christoph Hetschl geht ein paar Schritte abseits, um zu pinkeln, denn es ist die Hölle, nachts bei Minusgraden aufzuwachen, sich in der Unterwäsche aus dem Daunenschlafsack zu quälen, die Schuhe zu suchen und aus dem Zelt zu kriechen. Er hat die Hose noch nicht heruntergezogen, als ein gedämpfter Ruf ertönt: »The Northern lights!« Vor Freude beschließt er, seinem Drang nicht nachzugeben. »Man
möchte nicht von seinem ersten Nordlicht beim Pinkeln überrascht werden. Wie würde es in Wirklichkeit aussehen? Würde es sich hin und her bewegen, über den Himmel treiben oder pulsieren? Ganz plötzlich war es da und so schön. Wie Wellen und Blitze.« Irgendwo fängt ein Hund an zu heulen. Ein zweiter Hund stimmt ein. Bald sind alle Hunde zu vernehmen. Joasia Bukowska hält den Blick fest auf das Nordlicht gerichtet. Sie weiß nicht, warum die Hunde heulen. Sie glaubt, dass sie miteinander reden. Das Geheule hält einige Minuten an. Dann ist es wieder still. »Das Leben wird so einfach und verständlich in Momenten wie diesen – draußen in der Natur unter dem Nordlicht. Je größer die Müdigkeit, desto leerer fühlt sich der Kopf an, und dann wandern die Gedanken, wohin sie wollen. Wenn man allein oder mit den Hunden zusammen ist und nicht mit anderen reden muss, ändert sich die Perspektive. Was den Gedankenfluss stört, wird ausgeblendet. Die Lösungen für meine Probleme sind in meinem Kopf und nicht irgendwo da draußen zu finden.«

Ein langer Heimweg

Joasia Bukowska war schon in vielen einsamen Gegenden, fern vom Trubel ihrer Heimatstadt Krakau. Sie hofft, dass ihr Sohn eines Tags stolz darauf sein wird, wie viel Großartiges seine Mutter erlebt hat, und dass ihm das mehr bedeutet als die ganzen sinnlosen Sachen, mit denen viele Eltern ihre Sprösslinge überhäufen. Christoph Hetschl schläft in dieser Nacht vor dem Zelt. Er will keine Sekunde des Nordlichts verpassen. Er gehört zu denen, die es bei jeder Gelegenheit fast zwanghaft in die Natur hinauszieht. »Ein Freund von mir wohnt in der Stadt, aber er liebt es, Feuer zu machen. Er kommt oft zu mir in den Wald, ich gebe ihm dann etwas Holz und er macht sein Feuerchen und ist glücklich. Das ist seine Vorstellung von Glück – am Feuer zu sitzen und in die Flammen zu sehen.« Noch zwei Tage Lappland, dann wird die Gruppe in Poikkijärvi ihr Ziel erreichen. Zu Hause in Polen wartet der Sohn von Joasia Bukowska schon sehnsüchtig auf seine Mutter. Christoph Hetschl weiß, dass der Frühling auf dem Weg nach Soest ist. Schon bald werden die Bienen ausfliegen, weil die Honigsaison beginnt.

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