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Stockholms neue Kunst

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Wie überall auf der Welt schießen auch in Skandinavien private Kunst- und Ausstellungs-häuser wie Pilze aus dem Boden. Sie bringen die etablierte Museumslandschaft gehörig in Bewegung. NORR hat sich das Phänomen in Stockholm genauer angeschaut.

Gerade mal fünfzehn Monate dauerte es von der Idee zur Eröffnung im Mai 2010. Weitere eineinhalb Jahre später gilt das »Fotografiska« in Stockholm als einer der größten Sammelplätze für Fotografie in der Welt – mit 370 000 Besuchern allein im ersten Jahr.

Das Tempo lässt manche etablierte Institution alt aussehen. Das Moderna Museet reagiert bereits und setzt plötzlich verstärkt auf Fotografie. Es weht ein neuer Wind. Kultur war in Schweden immer ein bisschen mehr Staatssache als anderswo. Heute wird insbesondere die Kunstlandschaft in Stockholm durch private Akteure nachhaltig verändert.

»Im Jahr 2040 wird sich die Zahl der Kunstinstitutionen in Stockholm verdoppelt haben«, schätzt Bo Nilsson, ehemaliger Direktor des Moderna Museet. Das »Fotografiska« trägt ebenso zu diesem Trend bei wie das goldene »Denkmal«, das sich Sven-Harry Karlsson, Gründer des Bauunternehmens Folkhem, direkt am Vasapark gesetzt hat – ein fünfstöckiger Bau mit goldener Fassade. Das »Sven-Harrys« ist auf einer Etage der exakte Nachbau von Karlssons Gutshof aus dem 18. Jahrhundert und dort werden seine im Laufe des Lebens gesammelten Kunstwerke und Einrichtungsstücke gezeigt. Außerdem gibt es Wechselausstellungen.

Der Unternehmer (Baby-) Björn Jakobson, aufgewachsen auf Värmdö, verwirklicht genau dort seine Vision »Artipelag«, ein internationales Kunstzentrum in den Stockholmer Schären. Die Bonnier-Kunsthalle und die Kunsthalle des Marabouparks sind weitere Beispiele der jüngsten Vergangenheit, in denen Mäzene oder private Stiftungen mit viel Geld und nach eigener Vorstellung Orte der Kunst entstehen lassen.

Oft sind es Sammlungen, die den Bau eines eigenen Museums motivieren. »Ich will ja nicht, dass meine Kunst in irgendeinem Keller steht. Ich will, dass andere Freude daran haben«, sagt Sven-Harry.

Für Schwedens größtes Verlagshaus Bonnier wiederum trägt eine avantgardistische Kunsthalle zum innovativen, kulturkompetenten Image des Unternehmens bei. Nur beim »Fotografiska« sieht alles ein bisschen anders aus. Hier handelt es sich um ein regelrechtes »Start-up«, ein Kulturunternehmen, das quasi komplett aus dem Nichts entstanden ist.

Der weiße Hund II Karin Broos

 

 

 

 

 

 

 

 

»Der weiße Hund II« von Karin Broos
aus der Sammlung von Sven-Harry Karlsson.

 

Am Anfang waren da »nur« die Vision und der Businessplan von Jan und Per Brodman. Die Brüder, zwei Kommunikationsprofis, machten ihren Investoren klar, dass Stockholm als Hauptstadt einen »Ort für Fotokunst der Weltklasse« braucht.
Und dass es für den ökonomischen Erfolg entscheidend ist, »alle Puzzlestücke beisammen zu haben«: Ausstellungsräume, Bar, Museumsshop, ein gehobenes Restaurant, Ausbildungs- und Eventbereiche. Mit diesem ganzheitlichen Konzept trifft die Arbeit der Brüder den Nerv des modernen Kulturkonsumenten.

»Fotografie spricht den Besucher direkt an und ist leicht aufzunehmen«, sagt Jan Brodman. Keiner müsse sich hier dumm oder unkundig fühlen. Gegenwartskunst wird in im »Fotografiska« zum Teil des Mainstreams. Auf eine eigene Sammlung verzichtet man allerdings ganz. »Das könnte schnell eine Belastung werden.«

In Sachen Architektur bleibt man bei den neuen Stockholmer Privatmuseen dann doch eher auf dem skandinavischen Teppich. »Ein Bilbao kann ich nicht liefern«, hatte Artipelag-Architekt Johan Nyrén mit Blick auf das spektakuläre Guggenheim in Nordspanien gesagt, aber er könne ein Museum aus den Schären erwachsen lassen.

Nicht die Architektur soll hier die Menschen anziehen, sondern die Umgebung. Die Marabouparken-Kunsthalle in Sundbyberg liegt gar unter einem ehemaligen Kakao-Laboratorium. Die Wirkung des wunderbaren Parks und seines Skulpturengartens bleibt so erhalten.
Selbst Sven-Harrys goldener Kasten passt sich in seiner Formsprache dem umliegenden Wohnquartier an. Allenfalls Bonniers »Museums-Bügeleisen« aus Glas und Stahl ragt architektonisch heraus.

Und das »Fotografiska«? Auch da bewiesen die Brodman-Brüder ein glückliches Händchen und sicherten sich das Große Zollhaus, ein zentral gelegenes Gebäude aus Ziegel mit Industriecharme direkt am Stadsgården. Hier war zuvor der Plan gescheitert, einen anderen Tempel der Populärkultur zu errichten: Das Abba-Museum.

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