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Schären im Schnee

Wer Smögen hört, denkt vermutlich an Hochsommer, Segeln und Krebsgelage. Aber im Januar? Emil Sergel entdeckte mit dem Kajakpaddel in der Hand eine leere winterliche Schärenlandschaft.

Das Thermometer zeigt minus 19 Grad. An der Westküste. Das muss ein Kälterekord sein. Unruhe verbreitet sich am Frühstückstisch. Ist es zu kalt zum Paddeln?

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Der Fotograf Roger und ich wohnen in der Villa Bro, etwas außerhalb von Lysekil. Das Hotel wird in neuer Regie betrieben, mit dem Ziel, daraus ein Erlebniszentrum für Paddler, Kletterer und Radsportler zu machen. Bosse Säll, der an dem Projekt beteiligt ist, paddelt seit 35 Jahren und hat uns zu einer ganz besonderen Kajaktour eingeladen: bei eiskalten Temperaturen durch den von Schnee und Eis bedeckten Schärengarten.  


Insel und Ort Smögen liegen an der schwedischen Westküste und sind über eine Brücke mit dem Festland verbunden. Bekannt: Smögenbryggan, ein Holzsteg mit bunten Bootshäusern entlang mächtiger Granitklippen, und Smögentoast (Krabbenbrot). Die Villla Bro, in der Emil und Roger wohnten, liegt weiter südlich im Schärengarten nahe Lysekil.

Gemeinsam füllen wir viele Thermosflaschen, laden die Kajaks aufs Autodach und kratzen das Eis von den Scheiben, um dann eine halbe Stunde bis zum Sommerparadies Smögen zu fahren. Dort treffen wir Torbjörn Söderholm und Kathrine Olufsen, die in Lysekil unter dem Namen Nautopp zu den wenigen Veranstaltern zählen, die auf Winterpaddeln spezialisiert sind.  

Im Winter erfordert das Kajakpaddeln etwas mehr Erfahrung und auch mehr Ausrüstung als im Sommerhalbjahr. Es ist ganz klar die härtere Variante – aber Torbjörn sagt, er zieht sie dem Sommerpaddeln vor: »Die Stille und das rosa schimmernde Licht über den Schären im Winter sind magisch. Wenn dann noch Schnee auf den Klippen liegt, ist der Kontrast noch stärker. Robben und Vögel wagen sich näher heran, wenn es so ruhig ist.«


Die typische Idylle der schwedischen Westküste kennt man eigentlich eher im Sommer.

Das Kajak als Eisbrecher

Die Grundregel lautet, dass man nie zu viel Kleidung tragen kann – am unteren Teil des Körpers. Denn der befindet sich ja ganz nahe am eiskalten Wasser und bewegt sich relativ wenig. Beim Oberkörper ist es etwas anders, aber darauf kommen wir noch zurück. Ich ziehe jedenfalls doppelte Socken und doppelte Funktionsunterwäsche an, bevor ich in einen wasserdichten Trockenanzug schlüpfe. Darüber noch Stiefel, die wärmen zusätzlich.  

»Was ich anziehe, richtet sich immer danach, wie kalt das Wasser ist«, sagt Torbjörn. »Wenn ich über Bord gehe, werden zuerst die Hände kalt, was die Rettung eines Kameraden erschweren würde. Deshalb achte ich darauf, dass die Hände beim Paddeln richtig warm sind.«

Beim Oberkörper ist es, wie gesagt, schwieriger, weil er die ganze Zeit in Bewegung sein wird. Ich entscheide mich für Funktionsunterwäsche und Fleecepullover, Goretex-Handschuhe und eine warme Mütze. Und obwohl die Sonne tief steht, braucht man eine Sonnenbrille. 

So konzentriert wie möglich klettere ich ins Kajak – ich bin wirklich nicht scharf darauf, über Kopf im eisigen Wasser zu landen. Es fühlt sich schwerfälliger an als im Sommer, aber sobald ich drinsitze, schaue ich geradeaus und vergesse für den Rest des Tages jeden Gedanken an Kleidung oder an mögliche Gefahren.   

»Wir steuern Hållön an. Das ist der Leuchtturm, den du da draußen siehst«, sagt Torbjörn und zeigt die Richtung mit der Hand an, während wir gleichzeitig die Seekarte studieren. 

Wir kontrollieren die Windrichtung und versuchen, so viel wie möglich im Windschatten zu paddeln. Wir nehmen Kurs auf Långö und haben vor, die Inseln an der Ostseite zu passieren, um dem Westwind auszuweichen. Doch sehr bald zeigt sich der deutlichste Unterschied zwischen Sommer- und Winterpaddeln: Auf der nächsten Durchfahrt liegt eine dünne Eisschicht. 

Das Doppelkajak, in dem Bosse und Roger sitzen, wird sogleich in einen Eisbrecher verwandelt. Mit mörderischer Energie schwenken sie die Paddel, sodass die Eisschollen nach allen Seiten fliegen. Anfangs gleitet das Kajak leicht hindurch, aber je weiter sie in den Sund hineinfahren, desto dicker ist das Eis. Die Frequenz nimmt ab und schließlich kommen sie nicht mehr weiter. Sie verschnaufen etwas, versuchen es noch einmal und rasch gelingt es ihnen, das Kajak wieder in Bewegung zu setzen und das letzte Stück bis ins offene Wasser zurückzulegen.  

Doch Eis darf nicht unterschätzt werden. Wenn man in so einer Situation über Kopf geht, kann man gewaltige Probleme bekommen. Außerdem verändert sich das Eis unablässig, innerhalb weniger Stunden kann sich eine dicke Schicht in einer Durchfahrt bilden, die am Anfang der Tour noch eisfrei war. 

Einsam wie im Hochfjäll

Beim Winterpaddeln spielt das Sicherheitsdenken eine große Rolle. Man nimmt lieber zu viel Proviant mit, zu viele Heißgetränke und zu viele Klamotten. Wenn man noch nie im Winter gepaddelt hat, ist es eine gute Idee, einen Guide dabeizuhaben. Ein Doppelkajak ist die sicherere Alternative – es ist viel stabiler. 

Manchmal kann es so kalt sein, dass es zu mühsam wäre, an Land zu gehen. Aber das lässt sich ja vermeiden, indem man die Thermosflaschen ins Cockpit legt und zum Kaffeetrinken ganz einfach im Boot sitzen bleibt. Manche Kajaks haben spezielle Proviantluken vor dem Cockpit, die man mit Snacks, Schokolade und Nüssen vollstopfen kann. 

Viele Winterpaddler führen das Paddel etwas flacher als im Sommer, um Wasserspritzer zu vermeiden. Ein zweites Paar Handschuhe und ein trockenes Handtuch sollte man außerdem dabeihaben. Ansonsten kann man ungefähr so planen wie für eine Fjälltour: Windsack, Erste-Hilfe-Set und Extrakleidung können sinnvoll sein. 

Der Trockenanzug ist zwar wasserdicht – und absolut unentbehrlich –, aber er wärmt nicht besonders, also muss man sich darunter warm anziehen. Es empfiehlt sich, die Luft herauszulassen, weil es sonst mit dem Schwimmen schwierig werden kann, wenn man im Wasser landet. 

Emils eiskalte Packtipps

Kälteklamotten: Trockenanzug, Neoprenhandschuhe, gefütterte Stiefel, doppelte (oder dreifache) Wollunterwäsche, dicke Socken, Mützen, Daunenjacke für die Pausen.

Sicher ist sicher: Erste-Hilfe-Kit, Abschlepp-/Rettungsseil, Windsack und ordentlich Ersatzklamotten.

Paddelproviant: Thermoskanne mit Heißgetränken, viele handliche Snacks (Brote, Schokoriegel etc.), gut verpackt im Cockpit.

So viel zur Sicherheit, aber eigentlich geht es uns ja vor allem um das Erlebnis des Winterpaddelns. Was unterscheidet es von einer Kajaktour im Sommer? Kathrine findet, dass man dabei das gleiche Gefühl hat wie bei einer Wanderung oberhalb der Baumgrenze. Und ja, es ist wirklich einsam. Kein Boot ist zu sehen, nur neugierige Robben und Vögel leisten uns Gesellschaft. 

Auch die Vogelwelt ist ein wenig anders als im Sommer, zum Beispiel sehen wir die Trottellumme, die hier überwintert. Die Vögel hier sind während des Winterhalbjahres sehr aktiv, weil es jetzt im Schärengebiet kaum Bootsverkehr gibt. Wohl nie waren sie so weit weg, die Ferientouristen, die mit schäumenden Getränken auf lauten Motorbooten feiern.

Taube Füße, magischer Blick

Wir beschließen, auf den Buröarna anzulegen, um unseren Lunch zu verzehren. Es gibt nur ein kleines Problem: Die Inseln sind von einem Eisgürtel umgeben, der zu dick erscheint, um hindurchpaddeln zu können, und zu dünn, um darauf zu gehen. 

Die Lösung ist einfach: Wir schicken den Torpedo Torbjörn vor, der in hohem Tempo in das Eis hineinpaddelt und dann wie eine Robbe hinaufgleitet. Als er aus dem Kajak klettert und ein paar Schritte geht, zerbricht die Eisdecke – und zwischen den Schollen kann ich dann weiterpaddeln, bis ich schließlich von Torbjörn hinaufgezogen werde.  

Die Inseln sind einsam und schön in ihrem Winterkleid. Die Klippen, im Sommer rosafarben und sonnenwarm, sind jetzt von Schnee und Eis bedeckt. Ich taste mich vorsichtig voran, um nicht auszurutschen. Und schon muss ich mir eingestehen: Ich habe zu wenig an. Meine Füße werden taub, während wir über die Insel wandern, auf der Suche nach Sonne und Windschatten. Wir finden eine Senke und essen gierig (bei winterlichen Aktivitäten ist es besonders wichtig, viel zu essen, denn man friert mehr, wenn die Energiereserven verbraucht sind). 

Die Inseln sind einsam und schön in ihrem Winterkleid. Die Klippen, im Sommer rosafarben und sonnenwarm, sind jetzt von Schnee und Eis bedeckt.

Jetzt ist das Licht magisch. Die Sonne sinkt immer tiefer und das Wasser ist vollkommen spiegelblank. Wir halten uns östlich der Insel Rammen und paddeln in einer Schleife zurück zum Hafen, wo die Autos warten. Immer mehr Robben strecken neugierig den Kopf aus dem Wasser. Nur die Paddelschläge unterbrechen
die Stille. 

Mein Kajak ist mit einer Eisschicht bedeckt, ebenso das Paddel. Die Temperatur sinkt parallel zur Sonne und es ist höchste Zeit, das Meer zu verlassen. Als ich mit gefühllosen Fingern das kalte Kajak aufs Autodach lade, bin ich extrem froh, heute nicht im Zelt übernachten zu müssen. Wir begeben uns zur Villa Bro und genießen die heiße Dusche. Nach einer Miesmuschelsuppe, einem Eintopf aus Hochrippe und Wurzelgemüse und zwei Gläsern Wein quatsche ich so viel, dass es meinem Kollegen mit der Kamera fast etwas peinlich ist. Aber nach dem Tag in der Kälte fühle ich mich voller Energie.

Die Temperatur ist wieder unter minus 15 Grad gefallen, als ich mich zufrieden hinlege. Ich freue mich auf den nächsten Morgen und eine kalte, aber schöne Tagestour. Diesmal mit einem zusätzlichen Paar Socken.  

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