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Natur des Nordens

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Der vergessene Fluss: Mit dem Kanu durch Småland

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Der Fluss Emån in Småland war in den achtziger Jahren eines der populärsten Kanugewässer Schwedens. Als die Action-Sportarten aufkamen, blieben die Besucher weg. Das NORR-Kanuteam ist in die Vergangenheit gereist.

Die Wegbeschreibung ist typisch småländisch. Kein unnötiges Geschwafel: „Reichsstraße 32 südwärts Richtung Vetlanda. Nach acht Kilometern auf die Schotterstraße nach Prosttorp abbiegen. Ihr fahrt zwei Kilometer. Der erste Hof links, jenseits der Wiesen, ist Bocksjöstugan.“ Wir sind zu fünft. Der Fotograf Henrik und seine Freundin Kicki, die aus Småland stammt. Mein Kumpel Danne, der selbständiger Unternehmer geworden ist, damit er sich, sobald die Sonne scheint, auf eine Kanutour verdrücken kann. Dazu sein Paddelpartner Ante und ich. Wir haben drei extraschlanke Kajaks auf dem Dachgepäckträger dabei und wollen in Höglandets Kanotcenter, das in Bocksjöstugan untergebracht ist, einen Blechkanadier mieten. Unsere Idee ist, die Freiluft-Aktivitäten früherer Jahrzehnte mit denen von heute zu vergleichen. Denn in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren hat sich etwas verändert. Bis in die Achtziger war das schwedische Freiluftleben großartig und unschuldig. Es hatte etwas mit Gemeinschaft und Pfadfindergeist zu tun: In grünen Fjällräven-Jacken und Gummistiefeln hockten wir am Lagerfeuer in den Bergen oder im Wald, grillten Würstchen und tranken heiße Schokolade. Die Ausrüstung wurde in normalen Warenhäusern gekauft; sie war ebenso preiswert wie unpraktisch. Heutzutage klettern hypergesponserte Solo-Artisten ganz allein auf den Mount Everest. Was man „Extremsport“ oder „Actionsport“ nennt, wird individuell oder von schweigsamen, zielstrebigen Multisport-Teams praktiziert. In Spezialsocken, die nie nach Fußschweiß riechen, weil sie einen eingewebten Silberfaden haben, jagen wir immer neuen Kicks hinterher. Wie verträgt sich eine altmodische herbstliche Paddeltour mit dem Action-Zeitalter? Danne und Ante werden in ihren modernen Hochglanzkajaks unterwegs sein, während Kicki, Henrik und ich uns mit dem dritten Kajak und dem Kanadier abwechseln wollen.

SMÅLÄNDISCHE WEISHEITEN

Bengt Holtman, der Vermieter, ist Gymnasiallehrer in Eksjö. Ein ruhiger, grauhaariger Småländer im karierten Holzfällerhemd, schüchtern und zugleich mitteilsam. Er erzählt gern und langatmig von den vortrefflichen Kanugewässern in der Umgebung. Das gönnt man ihm von Herzen. Denn er ist einer jener Enthusiasten, die erst einmal etwas tun, bevor sie den Taschenrechner hervorholen. Zum Kanufahren wurde Bengt Holtman in den siebziger Jahren bekehrt, als die ersten Kanadier aus Amerika nach Schweden importiert wurden. Er paddelte von seinem Hof aus stromabwärts und fand, dass die ruhigen Flussarme für den Kanutourismus perfekt geeignet waren. Er richtete Rastplätze her, stellte kleine Wegweiser auf und ließ eine praktische Karte fotokopieren. Höglandets Kanotcenter hatte seine Blütezeit in den kanubegeisterten achtziger Jahren. Seitdem ist der Flusstourismus zurückgegangen, obwohl auch Dänen und Deutsche hierherkommen, erzählt Bengt. Immerhin haben die lokalen Tourismusämter mit EU-Mitteln eine Broschüre drucken lassen, die auch wir erhalten. Sie informiert uns, dass wir beispielsweise an der stillgelegten Kupfer- und Nickelgrube von Kleva vorbeikommen werden. „Paddeln auf dem Emån ist wie das Leben selbst. Du weißt nie, was hinter der nächsten Biegung wartet, aber auf die eine oder andere Art kommst du immer voran“, philosophiert Bengt. Den Kanadier, den er uns vermietet, hat er Ida getauft, nach seiner Tochter. Wir beladen ihn mit unserem Gepäck, das wir in blauen, dicht schließenden Plastikfässern verstaut haben.

PADDELN MIT SCHWUNG

Der Emån gilt als bestes Paddelrevier Südschwedens. In der Nacht vor unserer Abfahrt hatte ich geträumt, dass die Bäche und Flüsse, die den Emån bilden, bis nach Karlstadt hinaufreichten. Ganz so groß ist das Gebiet zwar nicht, aber immerhin soll es hier 800 Kilometer Wasserläufe und mehr als 900 Seen geben. Das Flusssystem beginnt im småländischen Hochland rund um Eksjö und Nässjö und endet beim Städtchen Em, wo der Emån in die Ostsee mündet. Er fließt durch Astrid-Lindgren-Dörfer wie Lönneberga und Mariannelund. Die größten Orte hier sind Vetlanda und Hultsfred, ansonsten sieht man überwiegend verschlafene Dörfchen, falurote Sommerhäuser, Ackerflächen und dunkle Wälder.
Ich beginne die Paddeltour im Kajak. Die erste Etappe ist ein schmaler Bach mit reißender Strömung. Kicki und Henrik werfen mir neidische Blicke zu. Ihr Blechkahn pflügt an jeder Biegung die lehmige Uferkante. „Yeaaah!“ rufen Danne, Ante und ich, als ein fünfzig Zentimeter hoher Wasserfall uns ordentlich Schwung gibt. Durch den Kanadier geht gerade mal ein leichtes Beben. „Das nenn ich Action!“ brummelt Henrik ironisch vor sich hin.
Die nächste Paddelstrecke ähnelt eher einem breiten Graben als einem Bach. Das Wasser ist trübe, am Ufer weiden Kühe, und es riecht nach Dung.Vorläufig scheint es, als ob das Paddeln auf dem Emån sein Haltbarkeitsdatum um ein paar Jahre überschritten hätte. Wir finden es ganz einfach langweilig. Vielleicht sind wir als Großstadtmenschen zu gehetzt, um das hier genießen zu können. Wie hyperaktive Kinder fahren wir Slalom und drängen uns gegenseitig ans Ufer, um etwas Dramatik ins Spiel zu bringen.

MIT RUHE UND RHYTHMUS

Im Windschatten am Solgensee machen wir ein Feuer, trinken einen Dreiliter-Bag Rotwein aus und erzählen uns Abenteuergeschichten vom Paddeln auf dem Amazonas, von Segeltörns auf dem Atlantik und Klettertouren in Pakistan. Als wollten wir diesen kühlen Freitagabend an einem durchschnittlichen schwedischen See dadurch aufwerten, dass wir ihn mit spannenderen Orten in fernen Ländern in Verbindung bringen. „Hoffentlich wird es morgen etwas netter“, sagt ausgerechnet Danne, der sonst nie zugeben würde, dass eine Paddeltour auch mal weniger schön sein kann. „Naja, wenigstens haben wir das Glück, in Småland zu sein“, sagt Kicki, die Lokalpatriotin.
Aber bei manchen Dingen im Leben ist es am Ende gerade die Monotonie, die einem Genuss verschafft. Ähnlich wie bei einer Gipfeltour auf Skiern: Während der ersten Stunden des Aufstiegs ist man noch unruhig und kann es nicht erwarten, oben anzukommen. Und plötzlich denkt man: „Du lieber Gott, ich stapfe hier mit Gepäck auf dem Rücken im Schnee bergan und fühle mich wohl dabei!“ Mit Ruhe und Rhythmus ist es ein ganz eigenes Ding. Fliegenfischen, John Lee Hooker oder ein verregnetes, torloses Fußballspiel im Fernsehen sind Phänomene, die in diesen Zusammenhang passen. Als wir am nächsten Tag den Solgen hinter uns gelassen und noch mehr kleine Bauernhöfe und rote Sommerhäuser passiert haben, stellt sich allmählich der innere Friede ein. Es ist nicht mehr so wichtig, wer im Kajak paddelt und wer im Kanadier. Das Paddel gleitet ins Wasser und wieder heraus, ein paar Tropfen versprühend, immer und immer wieder. Es ist schön, von den besiedelten Gegenden wegzukommen und in die småländischen Wälder einzutauchen, wo auf den Hügeln uralte Fichten wachsen und an den Seeufern hohe Birken. Für Ende Oktober ist dieses Wochenende ungewöhnlich warm. Wir können in T-Shirts paddeln und uns auf einer Landzunge in die Sonne legen.

KANU AUF RÄDERN

Der Emån ist so reguliert, wie es den Vorstellungen der Umweltschützer entspricht: Statt eines großen Kraftwerks gibt es hier mehrere kleine. Die Staustufen wirken wie Naturseen. Bei den Kraftwerken setzen wir unsere Kanus auf Räder und ziehen sie bis zu den von Bengt markierten Stellen, um sie wieder zu Wasser zu lassen. Die längste Gehstrecke beträgt etwa einen halben Kilometer, aber meistens sind es nur zehn oder fünfzehn Meter, die wir an Land zurücklegen müssen. Mitten im Urwald zeigt ein Wegweiser nach rechts zu einem kleineren Wasserlauf. Das ist der 1898 in Handarbeit gegrabene Hällarydskanal. Er ist drei Meter breit und eineinhalb Kilometer lang. Das abgeleitete Wasser ergießt sich in einen vier Meter hohen Wasserfall; der ursprüngliche Zweck jedoch war, eine Mühle und ein Kraftwerk anzutreiben. Den Zweifeln vieler Skeptiker zum Trotz war das sogar profitabel, bis eine Wand des Kanals einstürzte. Seitdem geht ein großer Teil des Wassers unterwegs verloren.
Jetzt reden wir nicht mehr von den tollen Paddelgewässern auf Vancouver Island oder vom Inkaweg in den Anden. Stattdessen unterhalten wir uns über alles mögliche. Kicki, die Verwandte in der Gegend von Hultsfred hat, fällt in ihren breiten småländischen Dialekt. Das ist einer der Vorteile, die ein stiller Fluss wie der Emån bietet: Er fördert das Gespräch, weil er weder Konzentration noch Anstrengung fordert. „Unglaublich, so ein schöner Tag!“ sagt Danne, der ewige Paddeloptimist. Wir anderen stimmen ihm zu. Mir wird klar, dass wir die stressige Zeitzone der Großstadt verlassen haben und in einer anderen, bedeutend ruhigeren gelandet sind, die noch ungefähr so aussieht wie damals, als das Inlandeis sich zurückzog. In dieser Nacht suchen wir uns einen Weg durch den alten Fichtenwald am Aspödamm, bis zu einer Lichtung, wo wir unsere Zelte aufbauen.
Wir machen Feuer und beobachten, wie der Rauch zum klaren Sternenhimmel aufsteigt. Der Wald duftet nach Herbst, und es ist ein wenig kühl. Wir wärmen uns die Hände an einer Tasse Tee und gehen gegen zehn Uhr zufrieden ins Bett. Am dritten Tag wird die Landschaft flach, und wir fahren durch Feuchtgebiete. Der Emån mäandert durch das hohe, sich gelb färbende Schilf. In dieser Gegend wachsen mehr Laubbäume, und uns wird eine reiche Palette von Herbstfarben geboten. Wir passieren kleine Ortschaften, anscheinend ohne gesehen zu werden. „Als ob wir so eine Art Spione wären, die lautlos und beinahe unsichtbar vorübergleiten“, meint Henrik.

VIEL ZEIT ZUM PHILOSOPHIEREN

Auf stille, unspektakuläre Weise ist das Herbstpaddeln auf dem Emån ein Triumph für jenen älteren Typus von Freiluftaktivitäten, bei dem man keine Spezialkleidung aus Wundermaterial brauchte, sondern mit einer kunststoffbeschichteten Regenjacke auskam. Hier gibt es wenig Sensationelles, um so größer ist die Harmonie. Im Wasserspiegel sieht man die herbstlich gelben Birken auf dem Kopf stehen. Die Vögel, die nicht nach Süden gezogen sind, singen noch vereinzelt, und ein lauer Wind aus südlicher Richtung bewegt das Schilf. Es liegt ein eigenartiger Zauber über langsam fließenden Wasserläufen. Die Wirbel sind wie kleine Mahnungen an die Ewigkeit, sie drehen sich immer weiter, was auch geschieht. Die Oberfläche ist nie ganz glatt, obwohl sie blank sein kann wie eine frisch geputzte Fensterscheibe. Das Wasser sieht aus, als würde es gleichzeitig fließen und stillstehen. Ich denke an Bengts philosophische Bemerkung über das Paddeln auf dem Emån und das Leben: Man weiß nicht, was hinter der nächsten Biegung wartet, aber man wird vorwärts geschoben, ob man will oder nicht. Manchmal ist es schön, manchmal ist es langweilig, und manchmal trifft man auf unvermutete Hindernisse. Ich bin anderer Ansicht als Bengt. Das Paddeln auf dem Emån ist viel einfacher als das Leben.

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